Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Willkommen bei den Sch’tis
Bienvenue chez les Ch'tis. Produktionsland, Frankreich. Originalsprache, Französisch. Erscheinungsjahr, 2008 · Länge, 106 Minuten. Altersfreigabe · FSK 0; JMK 0.
Inhalt6 Abschnitte
Film und Bedeutung
„Willkommen bei den Sch’tis“ („Bienvenue chez les Ch’tis“) ist eine französische Filmkomödie aus dem Jahr 2008. Der 106 Minuten lange Film wurde von Dany Boon inszeniert, der zusammen mit Alexandre Charlot und Franck Magnier auch das Drehbuch schrieb und eine Hauptrolle übernahm. Die zweite Hauptrolle spielt Kad Merad. Der Film ist ab 0 Jahren freigegeben.
Im Mittelpunkt steht ein südfranzösischer Postfilialleiter, der strafweise nach Nord-Pas-de-Calais versetzt wird. Dort erkennt er, dass seine Vorurteile über den angeblich kalten, rückständigen und unfreundlichen Norden falsch sind. Dany Boon, der selbst aus der Region stammt, wollte mit der Komödie deren negatives Bild korrigieren und besonders die Gastfreundschaft, Großzügigkeit und Gemeinschaft der Bewohner zeigen.
Die titelgebenden Ch’tis sind Menschen, die Ch’ti sprechen. Ch’ti ist ein Dialekt der nordfranzösischen picardischen Sprache. Mit mehr als 20 Millionen Kinobesuchern wurde der Film zum bis dahin erfolgreichsten französischen Film auf dem französischen Markt. Außerhalb Frankreichs war Deutschland mit 2,3 Millionen Besuchern der erfolgreichste Kinomarkt.
Handlung
Philippe Abrams leitet eine Postfiliale in Salon-de-Provence im Hinterland von Marseille. Er lebt mit seiner Frau Julie und seinem Sohn Raphaël zusammen. Die Familie möchte an die Côte d’Azur ziehen, doch Philippes Bewerbungen um eine entsprechende Stelle bleiben erfolglos. Um seine Chancen zu erhöhen, täuscht er eine Körperbehinderung vor. Der Betrug wird entdeckt, woraufhin er für zwei Jahre nach Bergues im äußersten Norden Frankreichs versetzt wird. Julie bleibt zunächst mit dem Sohn im Süden.
Philippe erwartet aufgrund verbreiteter Vorurteile eine lebensfeindliche Gegend mit schlechtem Wetter, unverständlicher Sprache und unkultivierten Bewohnern. Seine Ankunft scheint diese Befürchtungen zunächst zu bestätigen: Es regnet stark, er versteht die Einwohner kaum und seine Dienstwohnung ist unmöbliert. Bald helfen ihm seine neuen Kollegen jedoch mit gebrauchten Möbeln. Er verbringt Zeit mit ihnen, bewundert das von seinem Mitarbeiter Antoine gespielte Carillon, ein Turmglockenspiel, und lernt Ch’ti. Besonders mit Antoine freundet er sich an. Die Bewohner erlebt er als herzlich und gastfreundlich.
Als Philippe Julie von seinen positiven Erfahrungen erzählt, glaubt sie ihm nicht. Deshalb bestätigt er schließlich ihre Vorurteile und beschreibt die Menschen im Norden als kulturlose und ständig betrunkene Barbaren. Julie empfindet nun Mitleid mit ihm, wodurch sich ihre Ehe wieder verbessert.
Als Julie überraschend mit in den Norden kommen will, bittet Philippe seine Kollegen, seine erfundene Darstellung zu bestätigen. Sie holen Julie in einem alten Posttransporter ab, veranstalten eine vorgetäuschte Sauftour und präsentieren ihr eine verfallene Bergarbeitersiedlung als Bergues. Der Schwindel fliegt am nächsten Morgen auf, und Julie reist verärgert ab.
Philippe hilft anschließend Antoine, sich von seiner bevormundenden Mutter zu lösen. Antoine macht seiner Kollegin Annabelle einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Danach versöhnt sich Philippe mit Julie. Die Familie zieht gemeinsam in den Norden und lebt dort glücklich. Drei Jahre später wird Philippe an die Côte d’Azur nach Porquerolles versetzt. Der Abschied fällt ihm schwer und bestätigt das mehrfach zitierte Sprichwort: „Wenn ein Südländer in den Norden zieht, weint er zweimal: einmal bei der Ankunft und einmal, wenn er wieder abfährt“.
Region, Sprache und Wirklichkeit
Der Film greift gegenseitige Vorurteile zwischen Nord- und Südfranzosen auf. Eine ungefähre Kulturgrenze verläuft entlang der Linie Bordeaux–Paris–Metz. Manche Nordfranzosen betrachten Menschen aus dem Süden als flatterhaft und unzuverlässig. Im Süden bestehen umgekehrt Vorstellungen von einem eisigen Norden mit rückständigen, bedauernswerten und unverständlich sprechenden Bewohnern.
Nord-Pas-de-Calais erstreckt sich vom Ärmelkanal entlang der belgischen Grenze ins Landesinnere. Vom Beginn der Industrialisierung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts prägte der Steinkohlenbergbau die Region. Strukturwandel und Ende des Bergbaus führten zu hoher Arbeitslosigkeit. Émile Zolas Roman „Germinal“ von 1885 beeinflusste mit seiner Darstellung von Armut, Hunger, Alkoholismus, Streiks, Arbeitslosigkeit und Grubenunglücken ebenfalls das Bild der Region. In französischen Filmen dient der Süden häufig als Schauplatz von Komödien, der Norden dagegen oft als Kulisse für Sozialdramen.
Einige ungünstige Vorstellungen hatten einen realen Hintergrund: Nord-Pas-de-Calais gehörte zu den kältesten und niederschlagsreichsten Regionen Frankreichs, obwohl andere Gegenden noch schlechteres Wetter haben. Zur Zeit des Films war die alkoholbedingte Sterblichkeit bei Männern doppelt und bei Frauen dreimal so hoch wie im Landesdurchschnitt. Unter den 22 europäischen Regionen Frankreichs hatte Nord-Pas-de-Calais das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen; es lag 16 % unter dem nationalen Durchschnitt.
Etwa zwei Millionen Menschen verstehen Ch’ti, doch nur wenige Tausend sprechen es. Der Dialekt ist nicht einheitlich, sondern unterscheidet sich von Ort zu Ort. Anders als im Film wird in Bergues kein Ch’ti gesprochen; der Ort gehört zum flämischen Sprachgebiet.
Entstehung und Produktion
Dany Boon wurde als Daniel Hamidou in Armentières geboren. Er ist der Sohn eines Einwanderers aus der Kabylei und einer Ch’ti und widmete den Film seiner Mutter. Bis ungefähr zum Alter von zwölf Jahren sprach er Ch’ti. Ausgangspunkt des Projekts war für ihn das negative Bild, das viele Menschen ohne eigene Kenntnis von Nord-Pas-de-Calais hätten. Die Handlung sollte deshalb zeigen, wie ein Außenstehender die Kultur, Gastfreundschaft und Großzügigkeit der Ch’tis entdeckt.
Produzent Claude Berri hatte Boon bei einer Theateraufführung entdeckt und bereits dessen Film „La maison du bonheur“ von 2006 unterstützt. Nach dessen Erfolg mit einer Million Besuchern finanzierten Berri und Jérôme Seydoux auch „Willkommen bei den Sch’tis“. Die Produktion kostete 11 Millionen Euro. Boon erhielt für seine Arbeit als Autor, Regisseur und Schauspieler 990.000 Euro. Ab dem zweimillionsten Kinobesucher bekam er zusätzlich 0,30 Euro pro Eintritt sowie nach der Amortisation des Films 9 % der Nettoeinnahmen.
Daniel Auteuil war zunächst für die Rolle des Südfranzosen vorgesehen, konnte sie aber nicht übernehmen. Kad Merad wurde erst einen Monat vor Drehbeginn verpflichtet. Für Nebenrollen bevorzugte Boon Darsteller aus der Region. Line Renaud, die Antoines Mutter spielt, musste das früher abgelegte Ch’ti für den Film neu lernen.
Die Dreharbeiten dauerten 53 Tage und fanden im Frühsommer 2007 statt. Wichtige Drehorte waren Bergues, Bruay-la-Buissière, Malo-les-Bains und Lille im Norden sowie Salon-de-Provence im Süden. Mehr als 1.000 Menschen bewarben sich als Statisten; zahlreiche Bewohner beobachteten die Dreharbeiten.
Erfolg, Kritik und Kontroversen
Der Film entwickelte sich unmittelbar zum Publikumserfolg. Vor dem landesweiten Start erreichte er bei Sondervorführungen in Nord-Pas-de-Calais und im Département Somme rund 555.000 Eintritte. Zum französischen Kinostart am 27. Februar 2008 setzte Pathé 788 Kopien ein. Im März 2008 war die Komödie der weltweit meistbesuchte Film, obwohl sie damals nur im französischsprachigen Europa ausgewertet wurde.
Bis Ende 2009 wurden in Frankreich mehr als 20,48 Millionen Kinobesucher gezählt. Damit übertraf der Film den französischen Rekord von „Die große Sause“, der seit 1966 bei 17 Millionen Eintritten gelegen hatte. Insgesamt blieb er knapp hinter „Titanic“, das 1998 auf 20,64 Millionen Eintritte gekommen war. Die Veröffentlichung auf DVD, Blu-ray und VHS begann am 29. Oktober 2008. In den ersten beiden Tagen wurden eine Million Exemplare verkauft, nach drei Monaten 2,9 Millionen DVDs. Die Fernsehpremiere auf TF1 erreichte am 28. November 2010 14,4 Millionen Zuschauer und 51 % Marktanteil.
Die Filmkritik fiel gemischt aus. Gelobt wurden häufig die sympathischen Hauptdarsteller, die Komik, der Charme und die liebevolle Darstellung einfacher Menschen. Beanstandet wurden ein wenig anspruchsvolles und dramaturgisch ungleichmäßiges Drehbuch, vorhersehbare Entwicklungen sowie ein teilweise wenig subtiler Humor. Mehrere Kritiker warfen dem Film außerdem vor, die Arbeitslosigkeit, Armut und anderen sozialen Probleme Nordfrankreichs auszublenden.
Umstritten war, ob der Film Vorurteile wirklich abbaut. Manche Kritiker meinten, die negative Karikatur des Nordens werde lediglich durch eine positive Karikatur ersetzt. Der Schriftsteller Michel Quint und der Soziologe Philippe Marlière sahen das verbreitete Bild ungebildeter, alkoholisierter und rückständiger Nordfranzosen teilweise bestätigt. Auch der Einsatz des Ch’ti sei übertrieben und erzeuge fälschlich den Eindruck eines einheitlichen, weit verbreiteten Dialekts. Andere Deutungen betonten, dass die scheinbare Fremdheit rasch verschwinde: Philippes Erfahrung von Migration und Integration bleibe innerhalb einer vertrauten, weitgehend abgeschlossenen nationalen Gemeinschaft. Die dargestellte Gesellschaft sei stark idealisiert, nahezu frei von Globalisierung und sichtbaren Minderheiten und behandle Konflikte hauptsächlich als persönliche oder romantische Probleme.
Bei den Césars wurde der Film für das beste Originaldrehbuch nominiert. Außerdem erhielt er eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis 2008.
Übertragungen und weitere Filme
Für die deutsche Synchronfassung wollte Synchronregisseurin und Dialogbuchautorin Beate Klöckner keinen vorhandenen deutschen Dialekt einsetzen. Sie erfand stattdessen einen verständlichen Kunst-Dialekt, der sich an den Lautmerkmalen des Ch’ti orientiert. Sein wichtigstes Merkmal ist die konsequente Vertauschung von „s“ und „sch“. Aus dem häufigen Ch’ti-Ausdruck „biloute“, der sowohl „Kumpel“ als auch „Schwanz“ bedeuten kann, wurde „Tschipfel“. Christoph Maria Herbst sprach Antoine, Michael Lott sprach Philippe. Die Synchronfassung wurde unterschiedlich bewertet: Einige Kritiker lobten die Übertragung des Sprachwitzes, andere hielten sie für angestrengt oder sahen das Lokalkolorit verloren. Sie erhielt den Liliput-Preis 2009; Beate Klöckner gewann 2010 den Deutschen Preis für Synchron in der Kategorie „Herausragendes Dialogbuch“.
Am 1. Oktober 2010 startete die italienische Neuverfilmung „Willkommen im Süden“ („Benvenuti al Sud“) unter der Regie von Luca Miniero. Darin wird ein norditalienischer Postbeamter nach Castellabate im Cilento südlich von Neapel versetzt und überwindet seine Vorurteile gegenüber den „Terroni“. Handlungsablauf und Figurenkonstellation blieben weitgehend unverändert, zahlreiche Pointen wurden angepasst. Dany Boon übernahm einen kleinen Gastauftritt. Der Film erreichte 2010 in Italien mehr als 4,9 Millionen Kinobesuche.
Am 22. März 2018 kam „Die Sch’tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen“ in die deutschen Kinos. Obwohl der Film zehn Jahre nach „Willkommen bei den Sch’tis“ erschien, bezeichnete Dany Boon ihn nicht als Fortsetzung.