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Wilhelm Levison

Wilhelm Levison (* 27. Mai 1876 in Düsseldorf; † 17. Januar 1947 in Durham) war ein deutscher Historiker. Wilhelm Levison, um 1900.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und wissenschaftliche Bedeutung
  2. 2. Ausbildung, MGH und Lehrtätigkeit in Bonn
  3. 3. Ausgrenzung, Zwangspensionierung und Exil
  4. 4. Editionen und zentrale Forschungsfelder
  5. 5. Nachlass und wissenschaftliche Nachwirkung

Person und wissenschaftliche Bedeutung

Wilhelm Levison (* 27. Mai 1876 in Düsseldorf; † 17. Januar 1947 in Durham) war ein deutscher Historiker und Professor für Geschichte an der Universität Bonn. Er gilt als einer der besten Kenner des Frühmittelalters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonders wichtig waren seine Forschungen zur Merowingerzeit, zu mittelalterlichen Heiligenleben, zur Quellenkritik, zur rheinischen Geschichte sowie zu den Beziehungen zwischen England und dem fränkischen Reich.

Levisons wissenschaftliche Arbeitsweise beruhte auf der sorgfältigen Prüfung von Handschriften und Quellen. Er untersuchte, ob ein Text echt oder gefälscht, zuverlässig oder von späteren Vorstellungen geprägt war, und fragte nach seinem Informationsgehalt und seiner tatsächlichen Verwendbarkeit. Seine Editionen, also wissenschaftlich geprüfte und kommentierte Ausgaben historischer Texte, waren für die Mediävistik von großer Bedeutung. Ab 1899 arbeitete er für die Monumenta Germaniae Historica (MGH), seit 1925 gehörte er ihrer Zentraldirektion an. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er 1935 aus der wissenschaftlichen Tätigkeit gedrängt und zwangspensioniert. Im Frühjahr 1939 emigrierte er nach England und forschte dort an der Universität Durham weiter.

Ausbildung, MGH und Lehrtätigkeit in Bonn

Levison wuchs in Düsseldorf in einer seit 1681 in Siegburg nachweisbaren jüdischen Familie auf. Sein Vater starb, als Wilhelm zehn Jahre alt war. Auf dem Städtischen Gymnasium lernte er Latein, Griechisch, Französisch und Englisch. Zusätzlich erhielt er vom 8. bis zum 14. Lebensjahr Unterricht in hebräischer Sprachlehre, Bibellektüre, Übersetzung und Gebetserklärung. 1894 legte er das Abitur ab; außer im Turnen, wo er die Note „gut“ erhielt, wurden seine Leistungen mit „sehr gut“ bewertet.

Mit einem Stipendium begann Levison 1894 in Bonn Geschichte und Klassische Philologie zu studieren. Zunächst überwogen althistorische und philologische Veranstaltungen. Besonders prägend war 1896 eine Übung bei Moriz Ritter über die Geschichtsquellen des 6. bis 9. Jahrhunderts, in der Levison die „Erziehung zur gewissenhaften Arbeit im großen und kleinen“ hervorhob. Eine Veranstaltung zur Diplomatik, der Lehre von Urkunden, besuchte er nicht; auf diesem Gebiet war er vermutlich Autodidakt. Nach acht Semestern promovierte er mit der Arbeit Die Beurkundung des Civilstandes im Altertum bei Heinrich Nissen am 19. Januar 1898 summa cum laude zum Dr. phil. Im selben Jahr bestand er zusätzlich das Staatsexamen für das Höhere Lehramt.

Sein erster Aufsatz „Zur Geschichte des Frankenkönigs Chlodwig“ erschien 1898. Er behandelte darin die Datierung von Chlodwigs Taufe, deren politische und religiöse Hintergründe sowie die Glaubwürdigkeit der Quellen. Bruno Krusch wurde dadurch auf ihn aufmerksam und holte ihn zur MGH. Am 1. Januar 1899 begann Levison dort als Gehilfe. Er arbeitete zunächst in Hannover, ab 1901 in Breslau und kehrte 1903 nach Bonn zurück. Sein MGH-Jahresgehalt stieg von zunächst 1500 Mark auf 3000 Mark im Jahr 1908; reich war er dennoch nicht. Bis 1920 bezog er sein Einkommen hauptsächlich von der MGH.

1903 habilitierte sich Levison in Bonn mit Bischof Germanus von Auxerre und die Quellen zu seiner Geschichte für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften. Er wurde Privatdozent, 1909 Professor und 1912 außerordentlicher Professor. 1920 erhielt er eine ordentliche Professur. Er lehrte unter anderem Paläographie, Urkundenlehre, Quellenkunde, Merowingerzeit, rheinische Geschichte, englische Verfassungsgeschichte und die Verfassungsentwicklung der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert. Bis 1933 betreute er 44 Dissertationen, darunter 11 von Frauen. Zu seinen Schülern gehörten Theodor Schieffer, Eugen Ewig und Paul Egon Hübinger.

Ausgrenzung, Zwangspensionierung und Exil

Während des Ersten Weltkriegs war Levison wegen Kurzsichtigkeit vom Heeresdienst befreit; einen Einsatz in einer Sanitätskolonne musste er 1915 wegen eines Armbruchs beenden. 1917 heiratete er Elsa Freund. In der Weimarer Republik gehörte er der nationalliberalen DVP an, ohne als Parteifunktionär hervorzutreten. Die Jahre zwischen der Rheinlandbesetzung und der nationalsozialistischen Machtergreifung waren der Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Für die 6. und 7. Auflage des Gebhardt-Handbuches der Deutschen Geschichte übernahm er die Verfassungs- und Sozialgeschichte der Karolingerzeit. 1931 verlieh ihm die Universität Durham ein Ehrendoktorat; 1932 lehnte er einen Ruf nach Berlin ab.

Nach 1933 konnte Levison seine Lehrtätigkeit zunächst fortsetzen. Sein Seminar hatte im Sommersemester 1933 besonders viele Teilnehmer. Ab 1935 verschärften sich jedoch die Diskriminierungen. Publikationen wurden verhindert, seine Beteiligung an MGH-Editionen verschwiegen, und er wurde aus der Zentraldirektion der MGH sowie aus dem Vorstand der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde gedrängt. Die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 ließen ihm keine Möglichkeit mehr, als Lehrer und Beamter tätig zu sein. Sein Antrag auf Emeritierung wurde nicht bewilligt; stattdessen versetzte ihn das Berliner Ministerium zum Jahresende 1935 zwangsweise in den Ruhestand. Damit verlor er auch seine Lehr- und Prüfungsrechte und musste finanzielle Einbußen hinnehmen. Insgesamt verloren zwölf deutsche Historiker ihren Lehrstuhl aus rassenideologischen Gründen.

Nach dem Novemberpogrom 1938 entschied sich Levison zur Emigration. Ausschlaggebend waren auch das Verbot, öffentliche Bibliotheken zu benutzen, der Gestapo-Terror und die Hetzplakate. Im April 1939 gelangte er mit Unterstützung seines in London lebenden Bruders nach England. Die Arbeit am Liber Pontificalis und an der Lex Salica musste er aufgeben, seine Privatbibliothek und Materialien zur Familiengeschichte konnte er mitnehmen. Vom 25. Juni bis zum 2. September 1940 wurde er auf der Isle of Man als „Enemy Alien“ interniert. Danach forschte er an der Universität Durham weiter, nun vor allem zu angelsächsischen Themen. 1942 wurde er an der Universität Oxford zum „Ford’s Lecturer in English History“ gewählt.

1946 veröffentlichte Levison in Oxford England and the Continent in the Eighth Century. Eine Rückkehr nach Bonn oder Gastvorlesungen dort waren wegen seines Gesundheitszustands nicht mehr möglich. Nach einem Herzinfarkt im Sommer 1946 starb er am 17. Januar 1947 in Durham. Die Ehe mit Elsa blieb kinderlos; sie starb 1966 und wurde neben ihm beigesetzt.

Editionen und zentrale Forschungsfelder

Levisons wichtigste Leistungen lagen in der Edition frühmittelalterlicher Quellen und in der quellenkritischen Erforschung ihrer Überlieferung. Für die MGH bearbeitete er vor allem Quellen aus der Merowingerzeit. Zusammen mit Bruno Krusch gab er drei Quartbände mit merowingischen Heiligenleben heraus (1910, 1913 und 1920). Sein selbständig erarbeiteter Anteil entsprach „gut zwei Quartbände“. Allein gab er 1905 die Bonifatius-Viten (Vitae Sancti Bonifatii) heraus, die als philologisch und historisch herausragend gelten. Der abschließende 7. Band von 1920 enthielt auf 200 Seiten einen Katalog hagiographischer Handschriften. Anders als Krusch bewertete Levison mittelalterliche Wunderberichte vorsichtiger und verstand sie auch als Zeugnisse des mittelalterlichen Denkens. Seine Studie Konstantinische Schenkung und Sylvesterlegende von 1924 gilt weiterhin als wegweisend. 1932 edierte er das Testament des Diakons Adalgisel Grimo von 634. Von 1901 bis 1935 redigierte er außerdem die bibliographischen Berichte im Neuen Archiv.

Zur rheinischen Geschichte untersuchte Levison unter anderem die Legenden über Severin von Köln, Bischof Agilolf, Bischof Evergisel und die heilige Ursula. 1927 erschien seine bedeutendste Untersuchung zur Ursulalegende. Seine wichtigste Arbeit zur rheinischen Diplomatik war die 1932 veröffentlichte Edition der Bonner Urkunden des frühen Mittelalters aus dem Kopialbuch des Cassius-Stiftes. Für eine geplante Geschichte des Rheinlandes bearbeitete er die Zeit vom Ende der Römerherrschaft bis zum Interregnum, also den Zeitraum 450 bis 1250. 1925 hielt er in Köln den Festvortrag Der Sinn der rheinischen Jahrtausendfeier 925–1925.

Ein weiterer Schwerpunkt war der angelsächsische Bereich. Levison erforschte die irische und angelsächsische Mission sowie deren Einfluss auf die Christianisierung des Frankenreiches. Seit 1907 hielt er sechs Vorlesungen zur englischen Verfassungsgeschichte. Außerdem beschäftigte er sich mit Beda Venerabilis und nahm erstmals dessen didaktische Absichten ernst. England and the Continent in the Eighth Century von 1946 gilt als Meilenstein, weil es die Beziehungen Englands zum Festland in der Zeit von Willibrord, Bonifatius und Alkuin umfassend behandelt; etwa zwei Drittel des Buches widmen sich der angelsächsischen Mission Frieslands und des Frankenreichs.

Die Neubearbeitung von Wattenbachs Quellenkunde, die Levison 1908 übernommen hatte, wurde nach seinem Tod von Heinz Löwe abgeschlossen und 1952/53 als Wattenbach-Levison(-Löwe) herausgegeben. Wichtige Veröffentlichungen erschienen ebenfalls postum, darunter Aus rheinischer und fränkischer Frühzeit (1948), Die mittelalterliche Lehre von den beiden Schwertern (1952) und die Familiengeschichte Die Siegburger Familie Levison und verwandte Familien (1952).

Nachlass und wissenschaftliche Nachwirkung

In seinem Testament vom 20. September 1946 vermachte Levison seine Handbibliothek der Bibliothek des Historischen Seminars in Bonn. Bücher, die in Bonn durch den Weltkrieg verloren gegangen waren, sollten dorthin gelangen; die übrigen sollten in Durham bleiben. Die Schenkung bildete den Grundstock für den Wiederaufbau der weitgehend zerstörten Bonner Seminarbibliothek. Walther Holtzmann übernahm Levisons wissenschaftlichen Nachlass und führte mehrere seiner Arbeiten weiter, darunter die Neuausgabe Gregors von Tours und die Neubearbeitung von Wattenbachs Geschichtsquellen. Ein Teilnachlass befindet sich im Bonner Universitätsarchiv; private Dokumente sowie Unterlagen aus der NS-Zeit und dem Exil fehlen weitgehend.

Levisons Schüler wirkten noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Universitäten und Archiven. Theodor Schieffer und Eugen Ewig führten seine Forschungen zur angelsächsischen Mission, zur Merowingerzeit und zur rheinisch-fränkischen Geschichte fort. Ewig übernahm 1964 den früheren Bonner Lehrstuhl Levisons und lehrte dort bis 1980. Durch Ewig und Theo Kölzer entwickelte sich Bonn in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Zentrum quellenkritischer Merowingerforschung. Auch Rudolf Schieffer und Matthias Becher, spätere Bonner Lehrstuhlinhaber, standen in dieser Wirkungsgeschichte.

Zum 100. Geburtstag fand 1976 in Bonn eine Gedenkfeier statt. Seit 1978 trägt eine Straße in der Bonner Südstadt Levisons Namen. 2007 wurde in Bonn eine Tagung zu seinem 60. Todestag veranstaltet; der daraus entstandene Sammelband erschien 2010. Seit 2008 organisiert die Universität Manchester das Wilhelm Levison Network, das die Bedeutung von Büchern als Träger kultureller Traditionen erforscht. Levisons Grab in Durham wurde 2008 durch internationale Spenden erneuert.

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