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Weltende (Else Lasker-Schüler)
Weltende ist ein Gedicht von Else Lasker-Schüler, welches erstmals 1903 in einer Anthologie erschien. 1905 nahm die Autorin es in ihren zweiten Gedichtband …
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Kern und Einordnung
„Weltende“ ist ein Gedicht von Else Lasker-Schüler, das eine umfassende Weltuntergangsstimmung mit menschlicher Sehnsucht nach Schutz, Liebe und Geborgenheit verbindet. Es wurde erstmals 1903 in einer Anthologie veröffentlicht und 1905 in den Gedichtband „Der siebente Tag“ aufgenommen. Wegen seiner Thematik und Ästhetik wird es dem frühen Expressionismus zugeordnet. Damit erschien es bereits vor Jakob van Hoddis’ gleichnamigem Gedicht von 1911.
Das Gedicht umfasst 10 Verse in drei Strophen: einen Vierzeiler und zwei Dreizeiler. Die erste Strophe folgt dem Kreuzreim abab. Die zweite und dritte Strophe weisen jeweils einen umschließenden Reim mit einer unreimenden, dadurch hervorgehobenen Mittelzeile auf: cdc und efe. Ein durchgängiges metrisches Versmaß fehlt. Wechselnde und unregelmäßige Kadenzen lassen die sprachliche Gestaltung offen für eine gesprochene Interpretation.
Bildsprache und zentrale Deutungen
Zu Beginn beschreibt das Gedicht ein weltweites Weinen, als sei „der liebe Gott gestorben“. Ein „bleierner Schatten“ fällt herab und lastet „grabesschwer“. Die Sprecherstimme fordert anschließend dazu auf, sich näher und tiefer zu verbergen. Das Leben erscheint „in aller Herzen“ wie in Särgen. In der letzten Strophe wendet sich die Stimme mit „Du!“ an eine andere Person und verbindet Kuss und Umarmung mit einer Sehnsucht, die an die Welt pocht und an der die Menschen sterben müssen.
Nils Alexander Afrasiabi Lainer deutet den Anfang als Trauer über den Verlust der bisherigen Welt. Gott, der für Hoffnung und Erlösung stehen kann, spendet dabei keinen Trost. Den niederfallenden bleiernen Schatten versteht Lainer als Metapher für die Industrialisierung; die grabesschwere Last verweist auf ein Schuldgefühl des Menschen als deren Verursacher. Die zweite Strophe bildet durch den Gegensatz von Lebendigkeit und Todesbild einen Umbruch. In der dritten Strophe wiederholt sich dieser Kontrast: Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe steht der Untergangsstimmung gegenüber. Nach Lainer wird die Sehnsucht selbst für das Weltende verantwortlich gemacht, weil sie sich der Industrialisierung nicht anpasst und an alten Vorstellungen festhält. Das lyrische Ich resigniert angesichts einer Welt, in der die Menschheit ihren Lebenssinn verloren hat.
Ulrich Greiner stellt stärker biografische und religiöse Bezüge her. Den Gotteszweifel verbindet er mit Lasker-Schülers Wahrnehmung des Weltzustands; später habe sich dieser Zweifel angesichts des Holocaust vertieft. Der Beginn erinnere an die Posaunen des Jüngsten Gerichts. Das Motiv des Weinens ordnet Greiner in die jüdische Geschichte ein und bezieht es auf Hiob 30:31: „Meine Harfe ist eine Klage geworden und meine Flöte ein Weinen“. Der „liebe Gott“ sei nicht ironisch, sondern Ausdruck eines kindlichen Wunsches nach Schutz und Trost. Ebenso könnten die beiden Menschen, die sich liebend ineinander vergraben, wie Kinder vor einer Katastrophe Rettung suchen, deren Ursache ein Mangel an Liebe ist. Das Gedicht spannt sich damit zwischen Untergang, gestorbenem Gott, Schatten und Grab sowie Schrei nach Liebe, Umarmung und Küssen. Seine Form überbrückt diesen extremen Gegensatz.
Entstehung und Ausgaben
Im Jahr 1903, dem Jahr der Erstveröffentlichung, wurde Else Lasker-Schülers Ehe mit Berthold Lasker geschieden. Im selben Jahr heiratete sie den Schriftsteller Georg Lewin, dem sie den Künstlernamen Herwarth Walden gegeben hatte.
1905 erschien das Gedicht im zweiten Gedichtband „Der siebente Tag“, der im Verlag des Vereins für Kunst über die Amelangsche Buchhandlung in Charlottenburg veröffentlicht wurde. In dieser Ausgabe steht „Herwarth Walden“ vor dem Gedicht. 1917, fünf Jahre nach der Scheidung von Herwarth Walden, wurde „Weltende“ in „Die gesammelten Gedichte“ aufgenommen. Dort steht vor dem Gedicht der Klammerzusatz: „H. W. Wilhelm von Kevlaar zur Erinnerung an viele Jahre“.
Weitere wichtige Ausgaben sind die kritische Ausgabe „Werke und Briefe“, Band 1 von 1996, „Sämtliche Gedichte in einem Band“ von 2004, herausgegeben von Karl Jürgen Skrodzki, sowie „Die Gedichte“ von 2020, herausgegeben und kommentiert von Gabriele Sander.
Vertonungen
„Weltende“ wurde mehrfach musikalisch bearbeitet. Die früheste Vertonung entstand 1917: Paul Hindemith nahm das Gedicht als mittleren der drei Sätze in sein Jugendwerk „Drei Gesänge für Sopran und großes Orchester op. 9“ auf. Die Uraufführung fand erst 1974 im Funkhaus am Dornbusch in Frankfurt am Main statt. Es sang Brenda Roberts unter der Leitung von Hermann Michael mit dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt.
Wilhelm Rettich arbeitete von 1923 bis 1928 an seinem „Else Lasker-Schüler Zyklus op. 26A.“; darin erscheint das Gedicht als Lied Nr. 25. Der Zyklus war der Dichterin bekannt, die dem Komponisten dafür mit einer ihm gewidmeten Zeichnung dankte.
1994 komponierte Brunhilde Sonntag eine Fassung für Sopran und Klavier. Zusammen mit „Die Liebe“, „Weltflucht“ und „Mein Herz ruht müde aus“ bildet sie den Liederzyklus „Es ist ein Weinen in der Welt“. 2010 veröffentlichte die Black-Metal-Gruppe A Winter Lost eine Version mit schmerzhaft verzerrtem Sprechgesang. 2019 komponierte Hubert Hoche „Weltende“ für gemischten Chor und Akkordeon im Auftrag des Komponistenverbandes Thüringen – Neue Musik e. V. Eine Bibliographie von Karl Bellenberg verzeichnet zahlreiche weitere Vertonungen und musikalische Interpretationen, unter anderem von Markus Stockhausen und Nina Hagen.