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Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben

Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben.) ist ein 1874 erschienenes Werk Friedrich Nietzsches und die zweite seiner vier …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk, Fragestellung und Grundbegriffe
  2. 2. Drei Arten der Historie
  3. 3. Kritik an Wissenschaft, Bildung und Gegenwart
  4. 4. Heilmittel und kulturelles Ziel
  5. 5. Entstehung und Stellung im Gesamtwerk
  6. 6. Einflüsse und Wirkung

Werk, Fragestellung und Grundbegriffe

Friedrich Nietzsches Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben erschien 1874 als zweite der vier Unzeitgemäßen Betrachtungen. Die frühe kulturkritische Abhandlung untersucht, wann Geschichte dem menschlichen Leben und einer Kultur nützt und wann sie diese schwächt. Nietzsche kritisiert besonders die Geschichtswissenschaft und Bildung seiner Zeit, vor allem in Deutschland. Dabei berührt er Geschichtsphilosophie, Wissenschaftstheorie und Fragen nach dem Menschen und seiner Kultur. Die üblichen Sigel des Werks sind HL und UB II.

Nietzsches Ausdruck „Historie“ ist mehrdeutig: Er kann das tatsächlich Geschehene, dessen Darstellung in der Geschichtsschreibung oder die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte bezeichnen. Für die Argumentation ist diese Mehrdeutigkeit wichtig.

Ausgangspunkt ist der Gegensatz zwischen Erinnern und Vergessen. Das Tier lebt an den gegenwärtigen Augenblick gebunden und damit „unhistorisch“. Der Mensch kann sich dagegen erinnern. Dadurch kann er Erfahrungen sammeln, Identität entwickeln und Kultur schaffen; zugleich können Erinnerungen und historische Aufzeichnungen zu einer belastenden Masse werden. Historie ist deshalb sowohl notwendig als auch gefährlich.

Wie viel Vergangenheit ein Mensch oder ein Volk bewältigen kann, hängt nach Nietzsche von seiner „plastischen Kraft“ ab: der Fähigkeit, „Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben“. Eine starke Kultur verarbeitet die Vergangenheit und macht sie für die Gegenwart fruchtbar. Wird die historische Last zu groß, verliert sie den Bezug zum Leben und ihre Fähigkeit, Neues hervorzubringen. Nietzsche fordert daher keinen Verzicht auf Historie, sondern ein Gleichgewicht: Historie soll dem Leben dienen und darf nicht zum Selbstzweck werden.

Drei Arten der Historie

Nietzsche unterscheidet drei berechtigte Formen des Umgangs mit Vergangenheit. Jede erfüllt eine notwendige Lebensfunktion, kann bei einem Übermaß aber krankhaft werden. Monumentalische, antiquarische und kritische Historie müssen deshalb in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Die monumentalische Historie gehört zum „Tätigen und Strebenden“. Sie hebt große Taten und Menschen der Vergangenheit hervor und zeigt dem gegenwärtig Handelnden, dass Großes schon einmal möglich war und daher wieder möglich sein kann. Sie stärkt Mut und schöpferischen Willen. Dafür vereinfacht sie historische Abläufe, betont Wirkungen statt Ursachen und stellt Analogien zwischen verschiedenen Zeiten her. Ihre Gefahr besteht darin, Vergangenheit in Mythos oder Fiktion zu verwandeln, den Mutigen zur Verwegenheit und den Begeisterten zum Fanatismus zu treiben. Schwache Menschen können sie außerdem gegen gegenwärtige Neuerer einsetzen: Wenn alles Große angeblich schon geschaffen wurde, sollen „die Toten die Lebendigen begraben“.

Die antiquarische Historie gehört zum „Bewahrenden und Verehrenden“. Sie verbindet Menschen, Städte, Völker und Geschlechter mit ihrer Herkunft und schafft ein Gefühl geschichtlicher Kontinuität. Der Einzelne erlebt seine Existenz dadurch nicht als bloß zufällig. Im Übermaß erklärt diese Betrachtungsweise jedoch alles Vergangene allein deshalb für wertvoll, weil es einmal vorhanden war. Besonderes geht in der Masse unter; aus Bewahrung wird „blinde Sammelwuth“. Neues wird gehemmt, weil die Kultur nur noch bewahren, aber nicht mehr „zeugen“ kann.

Die kritische Historie gehört zum „Leidenden und der Befreiung Bedürftigen“. Sie prüft, welche Überlieferungen die Entwicklung einer Gemeinschaft belasten, und verwirft sie nötigenfalls. Damit korrigiert sie die blinde Wirkungssuche der monumentalischen und die übermäßige Vergangenheitsbindung der antiquarischen Historie. Auch sie bleibt gefährlich: Menschen sind Ergebnisse früherer Generationen einschließlich deren Irrtümern, Leidenschaften und Verbrechen. Wer „mit dem Messer an seine Wurzeln“ geht, kann seine eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Daher muss es „eine Grenze im Verneinen“ geben.

Von diesen drei lebensbezogenen Formen trennt Nietzsche die moderne Forderung, Historie müsse Wissenschaft sein. Historisches Wissen ist für ihn nicht schon „wahre Bildung“. Ohne Verbindung zum Handeln erzeugt es lediglich „Gebildetheit“: eine Ansammlung von Kenntnissen, die nicht in eine lebendige Persönlichkeit und Kultur verwandelt werden.

Kritik an Wissenschaft, Bildung und Gegenwart

In den Kapiteln 4 bis 9 beschreibt Nietzsche eine „historische Krankheit“. Er nennt fünf Folgen eines falschen Gebrauchs der Historie: eine gestörte Identität der Deutschen, fehlenden Sinn für Gerechtigkeit, mangelnde Reife, das Selbstverständnis als Epigonen einer größeren Vergangenheit und krankhaften Zynismus.

Die moderne Wissenschaft sammle unablässig fremdes und zusammenhangloses Wissen, ohne es wirklich zu verarbeiten. Dadurch entstünden fachlich eingeengte Spezialisten und „wandelnde Encyclopädien“. Nietzsche beschreibt dies als Gegensatz von Form und Inhalt: Das innere Wissen finde keine äußere Gestalt im Leben und Handeln. Eine solche Bildung bleibe „Wissen um die Bildung“, ohne einen „Bildungs-Entschluss“ hervorzubringen. Die Menschen könnten kritisieren, aber keine eigene Kultur schaffen. Die antiken Griechen dienen ihm als Gegenbild, weil sie Wissen, Leben und Kunst in ein Gleichgewicht gebracht hätten. Nietzsche fordert jedoch keine Nachahmung griechischer Formen, sondern eine eigenständige Kultur.

Auch die behauptete Objektivität der Geschichtswissenschaft weist Nietzsche zurück. Objektivität als völlige Loslösung von persönlichen Interessen hält er für eine Illusion. Der Historiker darf sich nicht schon deshalb zum Richter über die Vergangenheit erklären, weil er später lebt. Wahre Gerechtigkeit verlangt, die Vergangenheit zu verstehen und auf dieser Grundlage eine eigene Zukunft zu schaffen. Geschichte soll keine angeblich allgemeinen Gesetze suchen, sondern benötigt künstlerische Fähigkeit: Der Historiker soll auch in einem gewöhnlichen Thema Bedeutung, Macht und Schönheit sichtbar machen.

Nietzsche bekämpft außerdem die Vorstellung eines zwingenden „Weltprozesses“, die er mit Hegel und dessen Nachfolgern verbindet. Wer sich als bloßen Spätling am Endpunkt der Geschichte versteht, verliert den Willen, Zukunft zu gestalten. Die vermeintliche Schwäche wird dann zynisch als Vollendung ausgegeben. Kapitel 9 richtet sich besonders gegen Eduard von Hartmanns Philosophie des Unbewussten, die Nietzsche als Ausdruck dieser passiven Zeitstimmung behandelt.

Das moderne Bildungswesen setze junge Menschen zu früh einer scheinbar vollständigen historischen Erkenntnis aus. Dadurch verlören sie die Fähigkeit, sich zu begeistern, zu staunen und Neues zu schaffen. Wissenschaftliche Arbeitsteilung forme keine harmonischen, reifen Persönlichkeiten, sondern Spezialisten für den akademischen Arbeitsmarkt. Ihre „Nutzbarmachung“ und „Popularisierung“ führe nach Nietzsche zu „gediegener Mittelmäßigkeit“ und schade damit dem Leben und letztlich auch der Wissenschaft.

Heilmittel und kulturelles Ziel

Nietzsches Gegenmittel bestehen erstens in einem neuen Gleichgewicht der drei historischen Formen und zweitens in einer künstlerischen Umgestaltung der Geschichtsschreibung. Historie soll sich mit Kunst verbinden, beispielsweise im Geschichtsdrama, und Menschen zum eigenen Handeln befähigen.

Dazu unterscheidet Nietzsche zwei heilende Kräfte. Das „Unhistorische“ ist die Kunst und Kraft, vergessen zu können und sich in einen begrenzten Horizont einzuschließen. Das „Überhistorische“ bezeichnet Mächte, die den Blick vom ständigen Werden auf das vermeintlich Ewige und Gleichbedeutende richten; Nietzsche nennt Kunst und Religion. Beide sollen eine bloß wissenschaftliche „Gebildetheit“ überwinden und „wahre Bildung“ ermöglichen.

Seine Hoffnung richtet Nietzsche auf die Jugend. Sie soll nicht mit möglichst viel historischem Stoff überladen werden, sondern eigene Lebenserfahrungen machen, von gegenwärtig Schaffenden lernen und sich durch ausgewählte große Menschen der Vergangenheit anregen lassen. Große Individuen wie Goethe und Raffael erscheinen als Vorbilder, weil sie sich nicht der angeblichen „Macht der Geschichte“ unterwerfen, sondern einem „So soll es sein“ folgen und eine neue Zukunft formen.

Das Ziel ist eine eigenständige Kultur. Die politische Reichseinigung von 1871 hat für Nietzsche nur oberflächliche Bedeutung. Kultur bestimmt er als „Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäusserungen eines Volkes“. Eine originäre Kunst und Bildung sollen den Deutschen eine solche kulturelle Einheit geben. Dafür müsse die Historie auch sich selbst historisch untersuchen: „die Historie muss das Problem der Historie selbst auflösen, das Wissen muss seinen Stachel gegen sich selbst kehren“.

Entstehung und Stellung im Gesamtwerk

Nietzsche plante nach der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung von 1873 zunächst eine Schrift mit dem Titel Die Philosophie in Bedrängnis. Im Herbst 1873 rückten jedoch das Gelehrtenwesen und die Geschichtswissenschaft in den Mittelpunkt. Vorarbeiten finden sich in seinen Nachlassheften; Gedanken aus früheren Texten und aus den 1872 gehaltenen Vorträgen Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten flossen ebenfalls ein. Seit Dezember 1873 diktierte der augenkranke Nietzsche einen großen Teil des Manuskripts Carl von Gersdorff. Das Buch erschien um den 20. Februar 1874.

Während der Abfassung veränderte Nietzsche sein System. Zunächst arbeitete er mit den Gegensätzen historisch–unhistorisch und klassisch–antiquarisch. Später trennte er das Überhistorische vom Unhistorischen, ersetzte „klassisch“ durch „monumentalisch“ und fügte kurz vor dem Druck die kritische Historie hinzu. Zugleich sonderte er die moderne Geschichtswissenschaft von den drei grundsätzlich lebensdienlichen Arten der Historie ab.

Das Buch verkaufte sich zunächst schlecht: Bis Oktober 1874 wurden etwa 220 Exemplare, bis 1886 etwa 650 verkauft. Nietzsche gab es 1886/87 nicht neu heraus. Ein erhaltenes Handexemplar enthält fast ausschließlich stilistische Umarbeitungen, die auf 1886 datiert werden.

Die Schrift nimmt spätere Themen vorweg: die Kritik an angeblich objektiver Wissenschaft, das Verhältnis von Kunst und Erkenntnis, die Verbindung von moralischen Urteilen mit Stärke und Schwäche sowie die Vorstellung einer neuen, stärkeren Menschheit. Zugleich scheint Nietzsche später einzelnen Thesen zu widersprechen. In Menschliches, Allzumenschliches erklärte er 1878 den „Mangel an historischem Sinn“ zum „Erbfehler aller Philosophen“ und forderte historisches Philosophieren. 1886 beschrieb er sich jedoch als jemanden, der von der „historischen Krankheit“ genesen sei, ohne deshalb auf Historie verzichten zu wollen. Das bestätigt den Grundgedanken der frühen Schrift: Nicht Historie an sich, sondern ihr Übermaß und ihre Ablösung vom Leben sind das Problem.

Einflüsse und Wirkung

Wichtige Anregungen kamen von Arthur Schopenhauer und Jacob Burckhardt. Schopenhauer hielt Geschichte für Wissen, aber nicht für Wissenschaft, weil sie einzelne, zufällige Erscheinungen beschreibe und kein geschlossenes System bilde. Wie Schopenhauer lehnt Nietzsche eine teleologische Geschichtsauffassung ab, also die Annahme eines vorbestimmten Ziels der Geschichte. Nietzsches lebensbejahender Begriff der „plastischen Kraft“ entfernt sich jedoch von Schopenhauers Pessimismus. Burckhardts Kulturgeschichte und seine Kritik an der politischen Gegenwart beeinflussten Nietzsche ebenfalls; Nietzsche unterschied allerdings innerhalb der gebildeten Elite noch einmal zwischen wenigen schöpferischen Menschen und den „verbildeten“ Massen des akademischen Apparats. Franz Overbecks Gedanken wirkten auf die Behandlung des Christentums, während Hartmann vor allem als Angriffsziel diente.

Die Abhandlung wurde zur wirkmächtigsten der vier Unzeitgemäßen Betrachtungen. Besonders die Dreiteilung in monumentalische, antiquarische und kritische Historie, die Kritik wissenschaftlicher Objektivität und die Frage nach der Aktualität der Gegenwartskritik wurden weiterdiskutiert. Martin Heidegger hielt die Schrift für eines der wichtigsten Werke Nietzsches und deutete die drei historischen Arten als zusammengehörige Formen einer „eigentlichen Historie“. Hayden White übertrug sie auf sprachliche Formen der Geschichtsschreibung und bestritt ebenfalls einen völlig neutralen Standpunkt. Gianni Vattimo hob Nietzsches Kritik am Epigonentum und an einer unverbundenen Wissensfülle hervor, hielt die vorgeschlagenen „überhistorischen“ Heilmittel jedoch für wenig ausgearbeitet.

Kritiker wenden ein, Nietzsches Forderung nach einem einheitlichen kulturellen Stil unterschätze den Wert kultureller Vielfalt. Außerdem begründe er den behaupteten Gegensatz zwischen Wissenschaft und Leben nicht ausreichend. Auch der Rückgriff auf Kunst und Religion als „überhistorische“ Kräfte gilt als problematisch. Ob die Schrift weiterhin aktuelle Antworten bietet, bleibt daher umstritten; ihre Fragen nach Erinnerung, Vergessen, Bildung, Wissenschaft und Zukunftsgestaltung prägen jedoch bis heute Debatten in Philosophie, Geschichtswissenschaft und Kulturwissenschaft.

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