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Vladimir Shlapentokh
Zusammen mit Wladimir Jadow und Boris Gruschin gilt er als Gründungsvater der sowjetischen empirischen Sozialforschung in den 1970er Jahren. Zuletzt war er als …
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Person und wissenschaftlicher Ansatz
Vladimir Emmanuilovich Shlapentokh (19. Oktober 1926–6. Oktober 2015) war ein US-amerikanischer Soziologe, Politikwissenschaftler und Historiker russischer Herkunft. Er untersuchte vor allem die Gesellschaft und Politik der Sowjetunion und des späteren Russlands. Zusammen mit Wladimir Jadow und Boris Gruschin gilt er als Gründungsvater der sowjetischen empirischen Sozialforschung der 1970er Jahre. Empirische Sozialforschung gewinnt Erkenntnisse durch systematisch erhobene Daten, beispielsweise durch Befragungen.
Shlapentokh widersprach der Vorstellung, die sowjetische oder russische Gesellschaft bilde eine einheitliche, von einer einzigen Ideologie bestimmte Ordnung. Er betonte ihre innere Gliederung und die Aufteilung der Politik in verschiedene Gruppen. Ideologie habe zwar eine Bedeutung gehabt, aber häufig vor allem dazu gedient, die Interessen politischer Gruppen zu rechtfertigen.
Nach Studienabschlüssen in Kiew und Moskau wurde er 1956 promoviert. Am Institut für Soziologie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR führte er die ersten landesweiten Meinungsumfragen der Sowjetunion durch. 1970 schrieb er die erste populäre Einführung in die Soziologie auf Russisch. Seine frühen Arbeiten behandelten unter anderem Stichproben, statistische Auswertungen und die Gültigkeit von Befragungen, auch bei bewusst verzerrten Antworten. 1979 emigrierte er in die USA. Dort setzte er seine wissenschaftliche Laufbahn an der Michigan State University fort und beobachtete ab 1982 für die US-Regierung Entwicklungen in kommunistischen und postkommunistischen Staaten.
Segmentierte Gesellschaft
Shlapentokhs zentrale Theorie beschreibt Gesellschaften als segmentiert, also als Zusammensetzung unterschiedlich organisierter Teilbereiche. Eine Gesellschaft könne nicht durch ein einziges Funktionsmodell erklärt werden. Verschiedene Segmente hätten zu allen Zeiten nebeneinander bestanden; ihre jeweilige Verbindung und Stärke präge die Gesamtgesellschaft.
Zu den wichtigsten Segmenten zählt Shlapentokh das feudale, das autoritäre und das marktliberal-kapitalistische Segment. Daneben können unter anderem demokratische, religiöse und kriminelle Strukturen bestehen. Diese Kategorien sind Idealtypen neo-weberianischer Prägung: vereinfachte gedankliche Modelle, mit denen Merkmale der Wirklichkeit verglichen werden. Die Segmente verkörpern unterschiedliche Realitäten und verfolgen keine einheitlichen Interessen. Um eine Gesellschaft zu verstehen, müsse man daher ihre Wechselwirkungen und ihren jeweiligen Einfluss untersuchen.
Am Klassenbegriff hielt Shlapentokh fest. Eine Klasse wird bei ihm durch zwei Merkmale bestimmt: Eigentum und Ausübung von Macht. Er lehnte es ab, diesen Begriff durch postmoderne oder diskursanalytische Ansätze stark auszuweiten oder aufzuweichen. Wissenschaftliche Debatten in der Sowjetunion und in Russland hielt er zudem für durch Propaganda verzerrt.
Feudalisierung, Eigentum und politische Macht
Für das postsowjetische Russland sah Shlapentokh feudale Strukturen nicht einfach als Überreste der Sowjetunion an. Sie seien neu entstanden, indem lokale Amtsträger ihre Macht zur Anhäufung von Reichtum nutzten. Dadurch könnten Zentralstaat und lokale Mächte nebeneinander herrschen. Der so erworbene Reichtum bleibe unsicher. Private Sicherheitsdienste, lokal begrenzte Herrschaftsbereiche, Ämterkauf, Korruption und persönliche Schutzbeziehungen erinnerten ihn an den mittelalterlichen Frühfeudalismus.
Bei der Erklärung des postkommunistischen Russlands betrachtete er das stark konzentrierte Privateigentum als entscheidenden Faktor. Es sei vielfach durch den Missbrauch öffentlicher Ämter oder privater Beziehungen entstanden. Damit wandte er sich gegen ganzheitliche Totalitarismus-Modelle, die vor allem den zentralen Repressionsapparat betonen. Putins Russland unterscheide sich von der alten Sowjetunion durch das Fehlen einer zentral herrschenden Partei und durch schwächere zentrale Institutionen. So sei der Geheimdienst zwar weiterhin groß, aber schwächer als in der Stalinzeit und zugleich mit Privatgeschäften befasst.
Trotz autoritärer Regierung und Zwangsmitteln sah Shlapentokh keine einfache historische Kontinuität zur Sowjetunion: Die autoritären Strukturen sollten nun Privateigentum schützen. Auch das westliche Feindbild sei weniger radikal als die nationalistisch geprägten Feindbilder unter Stalin, weil die russischen Eliten den Westen benötigten und die Bevölkerung das Feindbild nicht stark verinnerlicht habe. Freundschaften und andere private Beziehungen seien in einer korrupten Gesellschaft für das Überleben besonders wichtig.
Gemeinsam mit Joshua Woods übertrug Shlapentokh die Feudalisierungsthese in „Feudal America“ auf die USA. Um große Unternehmen und das „Big money“ entstünden vor allem an der Ost- und Westküste feudale Elemente. Der Einfluss großer Unternehmen und politischer Clans auf Wahlen und Gesetzgebung verhindere eine rein liberal-kapitalistische Ordnung. Die USA seien vielmehr eine hybride, segmentierte Gesellschaft.
Kennzeichen dieser Feudalisierung seien die Schwächung des Staates, Probleme bei Rechtsdurchsetzung und Legitimation, Schwächen beim Schutz der Grenzen und der Bürger sowie ihrer Eigentumsrechte, die Privatisierung von Sicherheitsorganen, mehr halb-legale oder illegale Handlungen, Konflikte zwischen großen Unternehmen und elitäre Rechtfertigungsideologien. Seit Ende der 1990er Jahre hätten solche Entwicklungen liberal-wettbewerbsorientierte und etatistisch-autoritäre Strukturen zurückgedrängt.
Entwicklung der sowjetischen Soziologie
Die sowjetische Soziologie war nach Shlapentokh eine Wissenschaft mit unscharfen Grenzen und daher besonders offen für politische Einflüsse. Für die Staatsführung entstand ein Dilemma: Soziologische Forschung konnte politische Ziele unterstützen, aber auch Missstände sichtbar machen und damit Kritikern Material liefern.
In den 1950er Jahren übernahmen Forscher zunächst westliche Methoden unter dem Deckmantel ökonomischer Studien. Gegner behaupteten, der Historische Materialismus mache eine eigene Soziologie überflüssig. Manche Wissenschaftler wechselten deshalb in weniger umstrittene Bereiche wie Anthropologie und Ethnologie oder beschäftigten sich mit Agrarsoziologie und praktischem Sozialmanagement.
Die Jahre 1965–1972 bezeichnete Shlapentokh als Goldene Jahre der sowjetischen Soziologie. Forschungszentren waren Moskau, Leningrad und Nowosibirsk. Untersucht wurden Berufswahl und Ausbildung, Arbeitskräftefluktuation, Einstellungen zur Arbeit, öffentliche Meinung, Massenmedien, Familie, Freizeit und sogar politische Institutionen. Zugleich wuchs das Interesse an der amerikanischen Soziologie, besonders am Strukturfunktionalismus. Diese Richtung betrachtet die Gesellschaft als System zusammenwirkender Teile. Die American Sociological Association lieferte Bücher und Zeitschriften und unterstützte Übersetzungen. Methoden und statistische Verfahren verbesserten sich deutlich; 1974 wurde mit „Sotsiogicheskie Issledovania“ („Soziologische Forschung“) die erste professionelle soziologische Zeitschrift gegründet.
Nach dem Prager Frühling 1968 und besonders nach 1972 nahm der politische Druck zu. Wissenschaftler wie Juri Alexandrowitsch Lewada verloren ihre Stellen. Schon in den 1970er Jahren galt Soziologie zunehmend nicht mehr als kritische Wissenschaft, sondern als Mittel zur Manipulation. In den 1980er Jahren wuchs dennoch die Zahl von Forschungseinrichtungen, besonders zu Arbeitsmotivation, Arbeitspsychologie und Management. Später berieten Industriesoziologen die neue Managergeneration der 1990er Jahre, während Meinungsforscher in die Marktforschung wechselten.
Politisch heikle Fragen wie soziale Mobilität, der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg oder internationale Vergleiche wurden erst Ende der 1980er Jahre erforscht. Während der Perestroika entfielen die bisherigen Schranken; seit 1989 gibt es ein grundständiges Soziologiestudium. Dennoch ignorierten sowohl Michail Gorbatschow als auch Boris Jelzin nach Shlapentokh häufig soziologischen Rat. Das theoretische Niveau blieb seiner Ansicht nach hinter der Fülle empirischer Erkenntnisse zurück. Zudem bestanden materialistische, nationalistische und orthodox-religiöse Richtungen nebeneinander, während sich Verbände mehrfach spalteten und in ehemaligen Unionsrepubliken neue Einrichtungen entstanden.
Werte, Angst und politische Apathie
Anders als die von Talcott Parsons geprägte US-amerikanische Soziologie erklärte Shlapentokh gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht hauptsächlich durch gemeinsame Werte. In der Tradition von Thomas Hobbes hielt er ein gewisses Maß an Angst für nötig, damit das autoritäre Segment gesellschaftliche Normen durchsetzen könne. Seine Untersuchungen ergaben für Russland im internationalen Vergleich allerdings nur ein mittelstarkes Angstniveau.
Die russische Gesellschaft sei politisch apathisch, solange die Grundbedürfnisse des Durchschnittsbürgers erfüllt würden. Dies sei in der späten Sowjetunion weitgehend der Fall gewesen. Nach Shlapentokh hätte sie trotz ihres moralischen Verfalls ohne Gorbatschows Perestroika länger bestehen können. Auch während des Niedergangs zu Beginn der 1990er Jahre habe die Verschlechterung des Lebensstandards keine massiven Proteste ausgelöst.
Geduld in der Bevölkerung und Konformität unter den Eliten erklärte er durch den Wunsch nach Ordnung, Pessimismus, Anpassungsfähigkeit und vor allem durch die realistische Erwartung, dass eine Auflehnung keine Verbesserung bringe. Zugleich beobachtete er in Russland wie in Westeuropa die Entstehung militanter rechter Gegeneliten. Russische liberale Eliten ohne Zugang zur Macht kooperierten dagegen mit internationalem Kapital sowie westlichen oder vom Westen gesteuerten Nichtregierungsorganisationen.