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Vittorio Hösle

Hösle ist Verfasser zahlreicher Bücher, unter anderem zum deutschen Idealismus, zur Philosophiegeschichte, zur Diskursethik und zur Praktischen Philosophie. In …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und akademischer Werdegang
  2. 2. Objektiver Idealismus und Kritik der Gegenwartsphilosophie
  3. 3. Transzendentalpragmatik und materiale Ethik
  4. 4. Natur, ökologische Krise und ihre metaphysische Deutung
  5. 5. Politische Folgerungen, Philosophiegeschichte und Kritik

Person und akademischer Werdegang

Vittorio Hösle (* 25. Juni 1960 in Mailand) ist ein deutscher Philosoph. Seit 1999 lehrt er an der University of Notre Dame in Indiana (USA). Er arbeitet unter anderem zur Philosophie des deutschen Idealismus, zur Philosophiegeschichte, zur Diskursethik und zur Praktischen Philosophie. Außerdem übersetzte er Werke von Raimundus Lullus und Giambattista Vico und verfasste dazu Einführungen.

Hösle wuchs bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Mailand auf und kam 1966 nach Deutschland. 1978 legte er im Alter von 17 Jahren am Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasium das Abitur ab, nachdem er zwei Klassen übersprungen und ein Jahr an einer deutschen Auslandsschule in Barcelona verbracht hatte. Er studierte Philosophie, Allgemeine Wissenschaftsgeschichte, Klassische Philologie und Indologie in Regensburg, Tübingen, Bochum und Freiburg. 1982 promovierte er in Tübingen summa cum laude mit einer Arbeit über Wahrheit und Geschichte sowie die Entwicklung von Parmenides bis Platon. 1986 habilitierte er sich dort mit einer Untersuchung zu Subjektivität und Intersubjektivität in Hegels System.

Danach war Hösle unter anderem Privatdozent in Tübingen, Professor an der New School for Social Research in New York, Gastprofessor in Ulm und an der ETH Zürich sowie Professor an der Universität-Gesamthochschule Essen. Von 1997 bis 1999 leitete er das Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover. Neben seiner akademischen Tätigkeit engagierte er sich in politischen, wirtschaftlichen und ethischen Fragen. Er war unter anderem Beiratsmitglied des „Komitees für eine Demokratische UNO“, aus dem 2017 Democracy Without Borders hervorging, und wurde 2013 in die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften berufen.

Objektiver Idealismus und Kritik der Gegenwartsphilosophie

Hösle vertritt einen „objektiven Idealismus“. Damit bezeichnet er eine Philosophie in der Nachfolge Platons und Hegels, nach der es objektive, nicht bloß vom einzelnen Menschen erzeugte ideale Strukturen und Werte gibt. Zugleich ersetzt Hösle Hegels Begriff des absoluten Geistes durch die Kategorie der Intersubjektivität, also die auf Verständigung zwischen Personen beruhende gemeinsame Vernunft. Auf diese Weise versucht er, den traditionellen Idealismus mit Karl-Otto Apels Transzendentalpragmatik zu verbinden.

Die Philosophiegeschichte deutet Hösle als zyklische Entwicklung. Auf Realismus folgen Empirismus, Skeptizismus und eine endliche Transzendentalphilosophie; als höchste Stufe erscheint der objektive Idealismus. Diese Entwicklung ist nicht nur linear, sondern dialektisch und daher als Spiralbewegung zu verstehen.

Hösle kritisiert die Gegenwartsphilosophie, weil sie seiner Ansicht nach auf eine Letztbegründung und auf eine umfassende Orientierung verzichtet. Eine Letztbegründung ist der Versuch, Aussagen auf letzte, nicht weiter begründungsbedürftige Voraussetzungen zurückzuführen. Nach Hösle trägt der Verzicht darauf zum Verlust moralischer Werte und zur Vorherrschaft rein ökonomischer Rationalität bei.

Er nennt vier zentrale Mängel:

  • Es fehle an einer großen Synthese, die das Wissen der Einzelwissenschaften zusammenführt.
  • Die zunehmende Spezialisierung fördere „sektorielles Denken“, bei dem ein begrenzter Standpunkt unzulässig verallgemeinert werde.
  • Die Philosophie schweige zunehmend zu den drängendsten Fragen der Zeit, weil systematische Philosophie und Philosophiegeschichte voneinander getrennt seien.
  • Sie trage zur Zerstörung des Glaubens an Vernunft, moralische Werte und Pflichten bei.

Hösle fordert deshalb eine Philosophie, die historische Kenntnisse, systematische Erkenntnis, Metaphysik und praktische Orientierung miteinander verbindet. Für ihn besitzt ethische Rationalität Vorrang vor einer bloß technischen oder wirtschaftlichen Betrachtung.

Transzendentalpragmatik und materiale Ethik

Hösle übernimmt von Karl-Otto Apel die transzendentalpragmatische Idee der Letztbegründung. Transzendentalpragmatisch bedeutet hier, dass die Voraussetzungen des Argumentierens selbst untersucht werden. Wer argumentiert, setzt nach Apel bereits voraus, dass Wahrheit möglich ist und dass der Gesprächspartner grundsätzlich zur Wahrheitserkenntnis fähig ist. Damit wird der Gesprächspartner als Person anerkannt. Der Versuch, sich mit einem Wahrheitsanspruch vollständig aus dieser Argumentationssituation herauszureflektieren, ist daher widersprüchlich.

Ein Satz p ist nach der von Hösle übernommenen Struktur dann letztbegründet, wenn er

  • (a) nicht ohne pragmatischen Widerspruch bestritten werden kann und
  • (b) nicht bewiesen werden kann, ohne dass seine Geltung bereits vorausgesetzt wird.

Bedingung (a) soll den unendlichen Begründungsregress vermeiden. Bedingung (b) beschreibt die andere Seite desselben Zusammenhangs und ist nach Hösle keine bloße petitio principii, also kein unzulässiger Zirkelschluss.

Hösle hält den formalen Ansatz Apels jedoch für unzureichend und will ihn um materiale Inhalte erweitern. Sein metaethischer Standpunkt ist ein moralischer Realismus. Danach sind grundlegende ethische Sätze kategorische Imperative, also unbedingt geltende Pflichten, die unabhängig von menschlichen Neigungen und geschichtlichen Entwicklungen a priori erkennbar sind. „A priori“ bedeutet, dass ihre Geltung nicht erst aus Erfahrung gewonnen wird. Jeder normative oder wertende Satz ist für Hösle synthetisch a priori, auch wenn nicht jeder synthetisch-apriorische Satz normativ oder wertend ist. Die Leugnung solcher Sätze führe zur „Vernichtung der Ethik“.

Sein Ziel ist eine materiale Ethik, die nicht nur die Form moralischer Begründung, sondern auch konkrete moralische Gehalte angibt. Sein und Sollen sind für Hösle zwar nicht identisch, aber auch keine völlig getrennten Sphären: Das Sollen bildet zumindest teilweise eine Grundlage des Seins. Die Intersubjektivität bewertet er als höhere Kategorie gegenüber der bloßen Subjektivität, hält ihren Vorrang aber für spekulativ und nicht allein transzendental beweisbar. An der Transzendentalpragmatik kritisiert er außerdem, dass Naturphilosophie, Mathematikphilosophie, Ästhetik, Religionsphilosophie sowie die Unterscheidung zwischen naturrechtlichen und moralischen Normen kaum berücksichtigt würden.

Natur, ökologische Krise und ihre metaphysische Deutung

Für Hösle ist die Natur die Grundlage aller endlichen Subjektivität und Intersubjektivität. Sie geht dem menschlichen Geist voraus, ist aber zugleich keine geistfremde Gegenwelt, weil sie durch eine ideale Sphäre konstituiert ist. Natur ist eine „Schöpfung des Absoluten“ und etwas, das allem menschlichen Machen vorausgeht. Sie ist kein Selbstzweck, besitzt aber als reale Welt einen eigenen Wert. In ihr verwirklichen sich stufenweise höhere Formen der Reflexivität: von mechanischer Selbsterhaltung über das Lebendige und empfindende Tier bis zum sich selbst erfassenden philosophischen Geist.

Freiheit besteht für Hösle nicht in der bloßen Möglichkeit, beliebige Wünsche zu erfüllen, sondern im „richtigen Wollen“. Wer nur blinde angeborene oder gesellschaftlich erzeugte Triebe befriedigt, ist insofern unfrei, als seine Bedürfnisse nicht aus dem Wesenskern seiner Persönlichkeit stammen. Das Sittengesetz gehört einer idealen Welt an und „prinzipiiert“ die empirische Welt. Deshalb ist auch die Natur werthaft. Ihre Zerstörung kann nur dann moralisch gerechtfertigt sein, wenn dadurch etwa menschliches Leben bewahrt wird.

Die ökologische Krise ist für Hösle existenzgefährdend und betrifft erstmals das Ganze des Menschseins. Durch die Ausbeutung der Natur und die Ausrottung von Arten werden zahlreiche in Tieren und Pflanzen verwirklichte Werte vernichtet. Eine Umweltethik kann nicht allein von der autonomen Person ausgehen, sondern muss den Zusammenhang von Geist, Natur und Gesellschaft berücksichtigen.

Der metaphysische Grund der Krise liegt in der besonderen Stellung des Geistes: Er ist weder der Natur völlig entgegengesetzt noch bloß ein Teil von ihr. Weil der Mensch auf Natur beruht und sich zugleich gegen sie wenden kann, ist er fähig, seine eigene Grundlage zu zerstören. Die neuzeitliche Subjektivität verdrängte nach Hösle das Absolute und die Gewissensautonomie als letzte ethische Instanzen. Zusammen mit der Abkopplung von Wissenschaft und Technik von einer ganzheitlichen Metaphysik und Ethik führte dies zum „Absolutismus“ des Machbaren. Die Frage „Was soll ich tun?“ werde durch „Was ist machbar?“ verdrängt.

Eine Lösung verlangt für Hösle die Annahme einer eigenen Sphäre des idealen Seins. Diese ideale und logische Welt „prinzipiiert“ Natur und Geist. Der Geist bleibt Teil der Natur, geht aber nicht in ihr auf; er ist zugleich Natur und deren Negation. Die ökologische Krise entsteht dort, wo diese Negation als reale Vernichtung der Natur hervortritt. Notwendig ist daher eine Philosophie, die Leben als kollektive Grundlage des Geistes und den Geist als Wahrheit des Lebens versteht.

Politische Folgerungen, Philosophiegeschichte und Kritik

Politisch fordert Hösle einen effizienten Umgang mit knappen Ressourcen und Rahmenbedingungen, unter denen Eigennutz zugleich dem Gemeinwohl dient. Eine ökologische Steuerreform soll ermöglichen, dass „Eigennutz und Moral wieder koinzidieren“. Außerdem verlangt er eine neue Werttheorie für die Verwendung der Natur in wirtschaftlichen Prozessen und institutionelle Maßnahmen zum Schutz künftiger Generationen.

Eigentum an lebenswichtigen regenerierbaren Ressourcen wie dem Meer oder tropischen Regenwäldern soll nicht als uneingeschränktes Besitzrecht verstanden werden. Entscheidend sei der Gebrauch: Eigentümer dürfen die Früchte nutzen, aber das „natürliche Kapital“ nicht vernichten. Dies erfordere nicht zwingend die Umwandlung in öffentliches Eigentum. Auch das Recht müsse das „Reich des Organischen“, insbesondere die Würde empfindender Tiere, angemessen berücksichtigen. Wegen der globalen ökologischen Folgen hält Hösle die uneingeschränkte Souveränität einzelner Staaten für fragwürdig und fordert Verfahren, die die Interessen aller Betroffenen berücksichtigen. Er spricht sich zudem für stärkeren Einfluss der Vereinten Nationen, der Wirtschaft und der Religionen aus.

Sein Modell der Philosophiegeschichte verbindet Hegels Epochengliederung mit einem Zyklus aus These, Antithese und Synthese. In der griechischen Klassik, im Hellenismus, im Mittelalter und in der Neuzeit folgen auf den Realismus als These der Empirismus als Übergang, der Skeptizismus als Antithese, eine endliche Transzendentalphilosophie als Übergang und der objektive Idealismus als Synthese. Hösle verbindet damit linearen Fortschritt und dialektische Entwicklung. Kritisiert wird, dass sein Modell nicht reflexiv begründet sei, die Spätantike und Renaissance vernachlässige und gleichzeitige Gegenpositionen kaum berücksichtige.

Aus Sicht des kritischen Rationalismus und des Postmodernismus erscheinen Hösles Letztbegründung, seine rationale Metaphysik und die Möglichkeit einer systematischen Einheit des Wissens angreifbar. Kritiker berufen sich unter anderem auf das Münchhausen-Trilemma. Außerdem seien seine Metaphysik beziehungsweise Prinzipientheorie und eine umfassend begründete Wertethik bislang nicht vollständig ausgearbeitet. Als Gegenauffassung gilt, dass Hösles Auseinandersetzungen mit Platon und Hegel die Grundzüge einer solchen Theorie zumindest andeuten.

Zu seinen zentralen Veröffentlichungen zählen Wahrheit und Geschichte (1984), Hegels System (1987), Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie (1990), Philosophie der ökologischen Krise (1991), Moral und Politik (1997), Philosophiegeschichte und objektiver Idealismus (1996), Die Philosophie und die Wissenschaften (1999), Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie (2013) und Gott als Vernunft (2021).

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