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Vier edle Wahrheiten
Sie sind der Kern von Siddhartha Gautamas erster Lehrrede (Sutta) in Sarnath, die als „Rede vom Ingangsetzen des Rads der Lehre“ überliefert ist. Die vier edlen …
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Kern der Lehre
Die vier edlen Wahrheiten bilden die Grundlage der buddhistischen Lehre. Sie gelten als Kern von Siddhartha Gautamas erster Lehrrede in Sarnath, der „Rede vom Ingangsetzen des Rads der Lehre“, und werden an vielen Stellen der buddhistischen kanonischen Schriften erwähnt.
Die vier Wahrheiten beschreiben in geordneter Form: Es gibt Leiden beziehungsweise Unbefriedigendheit; dieses Leiden hat Ursachen; es kann beendet werden; und es gibt einen Weg der Übung, der zu dieser Beendigung führt. In DN16 wird betont, dass der lange „Kurs von Geburt und Tod“ dadurch weitergeht, dass diese Wahrheiten nicht verwirklicht und nicht durchdrungen werden. Werden sie verwirklicht, wird das „Verlangen nach Existenz“ abgeschnitten, und es entsteht „kein frisches Werden mehr“.
Leiden und Ursprung
Die erste edle Wahrheit heißt dukkha. Sie wird meist mit „Leiden“ übersetzt, meint aber mehr als nur Schmerz oder Kummer. Der Artikel nennt auch Bedeutungen wie „unbefriedigend“, „unvollkommen“ und „ungenügend“. Dukkha bezeichnet die leidvolle Grundstruktur des Lebens im Daseinskreislauf: Geburt, Altern, Krankheit und Tod sind Leiden; ebenso Kummer, Lamentieren, Schmerz und Verzweiflung. Auch die Gesellschaft mit dem Ungeliebten und das Nichtbekommen des Gewünschten gehören dazu. Kurz gesagt: „die fünf Anhaftungen“ sind Leiden.
Mit dukkha ist außerdem die Unbeständigkeit, Unzulänglichkeit und Nicht-Selbsthaftigkeit aller zusammengesetzten Phänomene verbunden. Solche zusammengesetzten Phänomene heißen sankhara.
Die zweite edle Wahrheit untersucht den Ursprung von dukkha. Als unmittelbare Ursache nennt sie tanha, auf Sanskrit trishna, also „Durst“ oder „Verlangen“. In Samyutta Nikaya 56.11 wird es als Verlangen beschrieben, „welches zu weiterem Werden treibt“, begleitet von Begierde und Erfreuen. Es erscheint in drei Grundformen: kama-tanha, das Verlangen nach Sinneserfahrungen durch die fünf körperlichen Sinne und den Geist als sechsten Sinn; bhava-tanha, das Verlangen nach Existenz und Werden; und vibhava-tanha, das Verlangen nach Nicht-Existenz. Tanha umfasst auch feineres Anhaften an Konzepten und Glaubensvorstellungen, genannt dhamma-tanha.
Nichtwissen als tiefere Ursache
Im Zusammenhang des Bedingten Entstehens, paticca-samuppada, wird avijja, auf Sanskrit avidya, als grundlegende Ursache genannt. Avijja bedeutet Nichtwissen über die wahre Natur der Wirklichkeit. Nach Majjhima Nikaya 9 heißt Unwissenheit: nicht über dukkha wissen, nicht über den Ursprung von dukkha wissen, nicht über die Beendigung von dukkha wissen und nicht über den Weg wissen, der zur Beendigung von dukkha führt.
Dieses Nichtwissen zeigt sich dreifach. Erstens besteht es in der Unkenntnis der vier edlen Wahrheiten. Zweitens besteht es in der Nichtwahrnehmung der drei Daseinsmerkmale, tilakkhana: anicca, die grundlegende Unbeständigkeit aller bedingten Phänomene; dukkha, die daraus folgende grundlegende Unbefriedigendheit; und anatta, die Abwesenheit eines unveränderlichen Selbst. Drittens zeigt es sich in der falschen Identifikation mit den fünf Daseinsgruppen, den Skandhas: rupa, materielle Form und Körperlichkeit; vedana, Gefühlsempfindungen wie angenehm oder unangenehm; sanna, Wahrnehmung und Wiedererkennung; sankhara, Geistesformationen und Willensregungen; und vinnana, unterscheidendes Bewusstsein.
Die zweite edle Wahrheit ist daher keine bloß theoretische Erklärung, sondern eine praktische Diagnose. Sie zeigt, dass durch Weisheit, pañña, das Nichtwissen durchschaut werden kann. Entscheidend ist die Einsicht, dass die Identifikation eines vermeintlich dauerhaften Selbst mit den vergänglichen khandhas eine grundlegende Täuschung ist.
Beendigung des Leidens
Die dritte edle Wahrheit heißt nirodha und beschreibt die Aufhebung des Leidens. Sie besagt: Wenn die Ursachen erlöschen, erlischt auch das Leiden. In SN 56.11 wird dies als „restloses Vergehen bzw. Enden, Abkehren, Abtreten, Aufgeben und Loslassen“ genau dieses Verlangens, also tanha, beschrieben.
Damit stellt die dritte Wahrheit die bedingte Kette in umgekehrter Richtung dar: Nicht durch weiteres Anhaften, sondern durch das Ende der Ursachen führt der Weg zur Befreiung. Diese Befreiung wird mit Nirvana verbunden.
Weg der Übung
Die vierte edle Wahrheit heißt magga und beschreibt den Weg der Ausübung, der zur Beendigung von Leiden führt. Nach SN 56.11 ist dies der edle achtfache Pfad: rechte Ansicht, rechte Entschlossenheit, rechte Sprache, rechte Handlung, rechtes Leben, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Meditation.
Diese acht Glieder werden meist unter drei Bereichen zusammengefasst: sila, Tugend; samadhi, Konzentration; und paññā, Weisheit. Sie bilden Abschnitte der buddhistischen Praxis. Während die ersten drei Wahrheiten als stets in dieser Welt vorhandene Wahrheiten beschrieben werden, hängt die vierte Wahrheit, also die genaue Darlegung des Weges, von einem Buddha ab. Gemeint ist ein sammā sambuddha, ein „wahrlich Selbsterwachter“: ein Mensch, der Befreiung nicht nur selbst verwirklicht hat, sondern den Weg auch anderen erklären kann.
Bedeutung und Auslegung
Die Hauptströmungen des heutigen Buddhismus bewerten die vier edlen Wahrheiten unterschiedlich. Im Theravada, der sich auf den frühen Buddhismus bezieht, gelten sie als wesentliche Zusammenfassung von Buddhas Lehre. Im Mahayana, der „Zweiten Drehung des Rads der Lehre“, treten andere Aspekte stärker hervor, etwa Leere, auf Sanskrit Śūnyatā, Buddha-Natur und Bodhicitta. Im Vajrayana, der „dritten Drehung des Rads der Lehre“, verschiebt sich der Schwerpunkt zu Nur-Geist, auf Sanskrit cittamatra, und zu erweiterten Bewusstseinslehren, vijñānavāda.
Die Deutsche Buddhistische Union fasste die vier edlen Wahrheiten 2015 so zusammen: Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll; Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung; erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden; zum Erlöschen des Leidens führt der edle achtfache Pfad.
Der Religionswissenschaftler Michael von Brück vergleicht buddhistische und christliche Glaubensvorstellungen. Nach seiner Deutung ist im Buddhismus nicht „das Dasein als solches“, sondern „die verfehlte Haltung des Menschen zum Dasein“ dukkha. Dukkha meint demnach nicht einfach Leiden, sondern „die Frustration daran, dass die eigenen begrifflichen Projektionen nicht stimmen“.
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