Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Vier edle Wahrheiten

Sie sind der Kern von Siddhartha Gautamas erster Lehrrede (Sutta) in Sarnath, die als „Rede vom Ingangsetzen des Rads der Lehre“ überliefert ist. Die vier edlen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern der Lehre
  2. 2. Leiden und Ursprung
  3. 3. Nichtwissen als tiefere Ursache
  4. 4. Beendigung des Leidens
  5. 5. Weg der Übung
  6. 6. Bedeutung und Auslegung

Kern der Lehre

Die vier edlen Wahrheiten bilden die Grundlage der buddhistischen Lehre. Sie gelten als Kern von Siddhartha Gautamas erster Lehrrede in Sarnath, der „Rede vom Ingangsetzen des Rads der Lehre“, und werden an vielen Stellen der buddhistischen kanonischen Schriften erwähnt.

Die vier Wahrheiten beschreiben in geordneter Form: Es gibt Leiden beziehungsweise Unbefriedigendheit; dieses Leiden hat Ursachen; es kann beendet werden; und es gibt einen Weg der Übung, der zu dieser Beendigung führt. In DN16 wird betont, dass der lange „Kurs von Geburt und Tod“ dadurch weitergeht, dass diese Wahrheiten nicht verwirklicht und nicht durchdrungen werden. Werden sie verwirklicht, wird das „Verlangen nach Existenz“ abgeschnitten, und es entsteht „kein frisches Werden mehr“.

Leiden und Ursprung

Die erste edle Wahrheit heißt dukkha. Sie wird meist mit „Leiden“ übersetzt, meint aber mehr als nur Schmerz oder Kummer. Der Artikel nennt auch Bedeutungen wie „unbefriedigend“, „unvollkommen“ und „ungenügend“. Dukkha bezeichnet die leidvolle Grundstruktur des Lebens im Daseinskreislauf: Geburt, Altern, Krankheit und Tod sind Leiden; ebenso Kummer, Lamentieren, Schmerz und Verzweiflung. Auch die Gesellschaft mit dem Ungeliebten und das Nichtbekommen des Gewünschten gehören dazu. Kurz gesagt: „die fünf Anhaftungen“ sind Leiden.

Mit dukkha ist außerdem die Unbeständigkeit, Unzulänglichkeit und Nicht-Selbsthaftigkeit aller zusammengesetzten Phänomene verbunden. Solche zusammengesetzten Phänomene heißen sankhara.

Die zweite edle Wahrheit untersucht den Ursprung von dukkha. Als unmittelbare Ursache nennt sie tanha, auf Sanskrit trishna, also „Durst“ oder „Verlangen“. In Samyutta Nikaya 56.11 wird es als Verlangen beschrieben, „welches zu weiterem Werden treibt“, begleitet von Begierde und Erfreuen. Es erscheint in drei Grundformen: kama-tanha, das Verlangen nach Sinneserfahrungen durch die fünf körperlichen Sinne und den Geist als sechsten Sinn; bhava-tanha, das Verlangen nach Existenz und Werden; und vibhava-tanha, das Verlangen nach Nicht-Existenz. Tanha umfasst auch feineres Anhaften an Konzepten und Glaubensvorstellungen, genannt dhamma-tanha.

Nichtwissen als tiefere Ursache

Im Zusammenhang des Bedingten Entstehens, paticca-samuppada, wird avijja, auf Sanskrit avidya, als grundlegende Ursache genannt. Avijja bedeutet Nichtwissen über die wahre Natur der Wirklichkeit. Nach Majjhima Nikaya 9 heißt Unwissenheit: nicht über dukkha wissen, nicht über den Ursprung von dukkha wissen, nicht über die Beendigung von dukkha wissen und nicht über den Weg wissen, der zur Beendigung von dukkha führt.

Dieses Nichtwissen zeigt sich dreifach. Erstens besteht es in der Unkenntnis der vier edlen Wahrheiten. Zweitens besteht es in der Nichtwahrnehmung der drei Daseinsmerkmale, tilakkhana: anicca, die grundlegende Unbeständigkeit aller bedingten Phänomene; dukkha, die daraus folgende grundlegende Unbefriedigendheit; und anatta, die Abwesenheit eines unveränderlichen Selbst. Drittens zeigt es sich in der falschen Identifikation mit den fünf Daseinsgruppen, den Skandhas: rupa, materielle Form und Körperlichkeit; vedana, Gefühlsempfindungen wie angenehm oder unangenehm; sanna, Wahrnehmung und Wiedererkennung; sankhara, Geistesformationen und Willensregungen; und vinnana, unterscheidendes Bewusstsein.

Die zweite edle Wahrheit ist daher keine bloß theoretische Erklärung, sondern eine praktische Diagnose. Sie zeigt, dass durch Weisheit, pañña, das Nichtwissen durchschaut werden kann. Entscheidend ist die Einsicht, dass die Identifikation eines vermeintlich dauerhaften Selbst mit den vergänglichen khandhas eine grundlegende Täuschung ist.

Beendigung des Leidens

Die dritte edle Wahrheit heißt nirodha und beschreibt die Aufhebung des Leidens. Sie besagt: Wenn die Ursachen erlöschen, erlischt auch das Leiden. In SN 56.11 wird dies als „restloses Vergehen bzw. Enden, Abkehren, Abtreten, Aufgeben und Loslassen“ genau dieses Verlangens, also tanha, beschrieben.

Damit stellt die dritte Wahrheit die bedingte Kette in umgekehrter Richtung dar: Nicht durch weiteres Anhaften, sondern durch das Ende der Ursachen führt der Weg zur Befreiung. Diese Befreiung wird mit Nirvana verbunden.

Weg der Übung

Die vierte edle Wahrheit heißt magga und beschreibt den Weg der Ausübung, der zur Beendigung von Leiden führt. Nach SN 56.11 ist dies der edle achtfache Pfad: rechte Ansicht, rechte Entschlossenheit, rechte Sprache, rechte Handlung, rechtes Leben, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Meditation.

Diese acht Glieder werden meist unter drei Bereichen zusammengefasst: sila, Tugend; samadhi, Konzentration; und paññā, Weisheit. Sie bilden Abschnitte der buddhistischen Praxis. Während die ersten drei Wahrheiten als stets in dieser Welt vorhandene Wahrheiten beschrieben werden, hängt die vierte Wahrheit, also die genaue Darlegung des Weges, von einem Buddha ab. Gemeint ist ein sammā sambuddha, ein „wahrlich Selbsterwachter“: ein Mensch, der Befreiung nicht nur selbst verwirklicht hat, sondern den Weg auch anderen erklären kann.

Bedeutung und Auslegung

Die Hauptströmungen des heutigen Buddhismus bewerten die vier edlen Wahrheiten unterschiedlich. Im Theravada, der sich auf den frühen Buddhismus bezieht, gelten sie als wesentliche Zusammenfassung von Buddhas Lehre. Im Mahayana, der „Zweiten Drehung des Rads der Lehre“, treten andere Aspekte stärker hervor, etwa Leere, auf Sanskrit Śūnyatā, Buddha-Natur und Bodhicitta. Im Vajrayana, der „dritten Drehung des Rads der Lehre“, verschiebt sich der Schwerpunkt zu Nur-Geist, auf Sanskrit cittamatra, und zu erweiterten Bewusstseinslehren, vijñānavāda.

Die Deutsche Buddhistische Union fasste die vier edlen Wahrheiten 2015 so zusammen: Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll; Ursachen des Leidens sind Gier, Hass und Verblendung; erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden; zum Erlöschen des Leidens führt der edle achtfache Pfad.

Der Religionswissenschaftler Michael von Brück vergleicht buddhistische und christliche Glaubensvorstellungen. Nach seiner Deutung ist im Buddhismus nicht „das Dasein als solches“, sondern „die verfehlte Haltung des Menschen zum Dasein“ dukkha. Dukkha meint demnach nicht einfach Leiden, sondern „die Frustration daran, dass die eigenen begrifflichen Projektionen nicht stimmen“.

Lernvideos zu Vier edle Wahrheiten

Weiterlesen

Buddhismus → Hauptartikel: Vier Edle Wahrheiten und Edler Achtfacher Pfad. Dharma (Sanskrit) bzw. Dhamma (Pali) bezeichnet im Buddhismus im Wesentlichen zweierlei: Die … Siddhartha Gautama ALTERNATIVNAMEN, Buddha ; KURZBESCHREIBUNG, Religionsstifter ; GEBURTSDATUM, um 563 v. Chr. ; GEBURTSORT, Lumbini, im heutigen Nepal. Dharmachakra ... Buddhismus das Symbol der von Buddha verkündeten Lehre. Die Speichen symbolisieren den achtfachen Pfad. Dharma-Rad Buddha mit Handgestus der … Buddhistischer Kanon Der Pali-Kanon ist der einzige vollständig in einer indischen Sprache erhaltene Kanon. ... Tipitaka, der Pali-Kanon des Theravāda-Buddhismus in deutscher Sprache … Samsara Dieser Kreislauf wird in einigen indischen Religionen als leidvoll (siehe Dukkha/Leiden) gewertet. Der Ausbruch aus diesem unheilvollen Kreislauf geschieht … Dukkha Dukkha (Pali दुक्ख; Sanskrit दुःख duḥkha, „schwer zu ertragen“) ist ein Schlüsselbegriff im Buddhismus, der meist als „Leiden“ übersetzt wird. Nirwana Das Wort bedeutet „Erlöschen“ (wörtlich „verwehen“), von einigen Buddhisten auch aufgefasst als „erfassen“ im Sinne von verstehen im Sinne des Endes aller mit … Skandha Skandha (Sanskrit: स्कन्ध; Pāli: खन्ध, khandha; Deutsch: Anhäufung, Ansammlung, Aggregat) ist ein Schlüsselbegriff der buddhistischen Lehre. Anatta Mit der Anatta-Lehre positionierte sich Buddha gegen die Ātman-Lehre hinduistischer Prägung oder zumindest gewisse Interpretationen davon. In der buddhistischen … Fünf Silas Tugend stellt die Basis der buddhistischen Praxis in allen Traditionen als Teil des Achtfachen Pfades dar und ist für einen erfolgreichen und ernsthaften Weg … Samadhi In der Bhagavad Gita wird er zu Beginn des zweiten Kapitels genannt. Samadhi ist das 8. Glied (anga) des Raja Yoga (bzw. Ashtanga Yoga oder Kriya Yoga) … Buddha Ein Buddha hat, auch wenn er zugleich eine menschliche Existenz führt, Nirvana verwirklicht und ist damit nach buddhistischer Überzeugung nicht mehr an den …