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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Es ist das 43. Bild der insgesamt 80 in der Technik der Aquatinta ausgeführten Radierungen aus Goyas 1799 veröffentlichter Sammlung Los Caprichos (Launen, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern des Werks
  2. 2. Titel und Übersetzung
  3. 3. Bildaufbau und Stellung in den Caprichos
  4. 4. Deutungen
  5. 5. Vorstudien
  6. 6. Ausstellungen

Kern des Werks

Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer, im Original El sueño de la razón produce monstruos, ist ein grafisches Werk des spanischen Künstlers Francisco de Goya (1746–1828). Es entstand um 1797–1799 als Aquatinta-Radierung und misst 21,6 × 15,2 cm. Die Platte befindet sich im Museo de Calcografía Nacional in Madrid.

Das Blatt ist Capricho Nr. 43 aus Goyas 1799 veröffentlichter Sammlung Los Caprichos, die insgesamt 80 Radierungen umfasst. Es gehört zu den bedeutendsten und meistinterpretierten grafischen Werken der Kunstgeschichte. Ursprünglich war es als Titelblatt der Sammlung geplant. Zu sehen ist Goya selbst, über einen tischähnlichen Körper gebeugt, den Kopf auf den verschränkten Armen abgelegt. Um ihn herum erscheinen unheimliche nächtliche Wesen wie Eulen, Fledermäuse und ein katzenartiges Tier.

Titel und Übersetzung

Der spanische Originaltitel El sueño de la razón produce monstruos ist mehrdeutig. El sueño kann „der Schlaf“, „der Traum von“ oder „der Traum der“ bedeuten. La razón kann mit „die Vernunft“, „der Verstand“, „das Rechthaben“, „der Grund“, „die Begründung“ oder „die Argumentation“ übersetzt werden. Produce monstruos bedeutet „produziert“ oder „erzeugt Ungeheuer/Monster“.

Diese Mehrdeutigkeit ist für die Deutung wichtig. Im Kontext der Aufklärung wird angenommen, dass Goya sie bewusst eingesetzt hat. Der Titel kann also zum Beispiel als „Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer“ oder als „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“ verstanden werden.

Bildaufbau und Stellung in den Caprichos

Das Bild zeigt den Künstler an einem kubischen, tischähnlichen Körper. Es bleibt offen, ob er schläft, träumt oder nachdenkt. Auf der Platte liegen Zeichengeräte und Papierbögen. Hinter ihm erscheinen dunkle Nachttiere: Eulen, große Fledermäuse und ein katzenartiges Wesen, möglicherweise ein Luchs. Eine größere Eule hält mit ihren Krallen eine Schreibfeder, als wolle sie sie dem Künstler reichen und ihn ansprechen.

Der Schriftzug El sueño de la razón produce monstruos steht auf der Vorderfläche des Tisches und ist damit Teil des Bildes. Das ist innerhalb der Caprichos ungewöhnlich, denn bei den anderen Blättern steht der Titel unter dem Bild. Capricho Nr. 43 nimmt deshalb eine Sonderstellung ein.

Die Caprichos waren aufklärerisch angelegt und richteten sich gegen Laster, Vorurteile und Aberglauben. Capricho 43 folgt auf Tu que no puedes („Du, der Du nicht kannst“, Cap. 42), eine satirische Darstellung zweier Bauern, die arrogante Esel tragen und als Kritik am spanischen Adel gedeutet wird. Direkt danach folgen mehrere Hexenbilder, darunter Holgan delgado („Sie spinnen fein“, Cap. 44), das auf Hebammen oder sogenannte Engelmacherinnen anspielt, die heimlich Abtreibungen vornahmen und von der Kirche als Hexen denunziert wurden.

Deutungen

Die zentrale Frage der Deutung betrifft das Wort sueño: Bedeutet es „Schlaf“ oder „Traum“? Der Kunsthistoriker Peter K. Klein versteht den Titel im Sinn der Aufklärung als „Schlaf der Vernunft“. Danach entstehen Ungeheuer, wenn Vernunft abwesend ist. Eine andere Richtung, verbunden mit Werner Hofmann, deutet sueño stärker als „Traum“ und sieht Goya mit seinen Visionen als Wegbereiter der Moderne. Dann erscheinen die nächtlichen Wesen als Traumvisionen in einer symbolischen Selbstdarstellung des Künstlers.

Der Politologe Wilhelm Hennis fragt im geschichtlich-politischen Kontext der Caprichos, ob die „Abwesenheit der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtet“, und versteht Capricho 43 als „Traum der Vernunft“. Zeitgenössische Kommentare aus Goyas Umfeld sprechen dagegen von einer Fantasie, die von der Vernunft verlassen ist. Ein Kommentar von 1811 formuliert sinngemäß: Wenn die Vernunft schläft, wird alles zu Fantasie und monströsen Visionen.

Damit wird das Bild meist nicht als Ausdruck schwarzer Magie verstanden, sondern als Warnung: Kunst und Fantasie brauchen Vernunft, sonst können sie in Irrtum, Ignoranz und Laster umschlagen. Eleanor Axson Sayre deutet das Bild so, dass der Betrachter wachsam bleiben soll, weil man die Ungeheuer der Ignoranz und des Lasters sonst weder erkennen noch bekämpfen kann.

Die dargestellten Tiere tragen zur Mehrdeutigkeit bei. Die Eule kann Weisheit symbolisieren, in der spanischen Emblem-Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts aber auch Dummheit, Ignoranz und Finsternis. Die Eule mit der Schreibfeder kann den schlafenden Künstler zum künstlerischen Tun wecken. Eine zweite Eule scheint ihn vor einem Schwarm Fledermäuse zu schützen; Fledermäuse gelten in der Bildtradition seit Albrecht Dürers Der Traum des Müßiggängers (um 1498) als Zeichen des Bedrohlichen.

Manuela B. Mena Marqués sieht Capricho 43 als „Manifest der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte“. Für sie macht die gewollte Doppeldeutigkeit des Titels das Blatt zu einem Schlüsselbild des rational-aufgeklärten Menschen der Moderne. Werner Hofmann erkennt in den Caprichos eine „Dialektik der Aufklärung“: Goya zeigt, wie Unfreiheit, Hybris und Entgrenzung der Vernunft sichtbar werden.

Vorstudien

Im Museo del Prado in Madrid befinden sich zwei Entwürfe zu Capricho 43. Es handelt sich um Federzeichnungen in Sepia von 1797/98, die als Vorstudien zur endgültigen Radierung gelten.

Eine Vorstudie trägt die Inschrift „Idioma universal. Dibujado y grabado por Francisco de Goya. Año 1797“ („Universelle Sprache. Gezeichnet und gestochen von Francisco de Goya. Jahr 1797“). Darunter steht als Erklärung: „Der träumende (schlafende) Autor. Seine einzige Absicht ist es, schädliche Gemeinplätze zu verbannen und mit diesem Werk von Launen (caprichos) das bleibende Zeugnis der Wahrheit abzulegen.“ In der linken oberen Ecke befindet sich ein weißes Kreissegment, das als Lichtquelle und Symbol der Aufklärung verstanden werden kann.

Die andere, frühere Zeichnung enthält noch keinen Schriftzug. Sie zeigt einen anderen Hintergrund mit Fledermäusen, mehreren menschlichen Gesichtern, zwei Selbstbildnissen Goyas und einem Pferd, möglicherweise einem Pegasus. Auch die Körperhaltung unterscheidet sich: Der schlafende Künstler faltet die Hände wie zum Gebet, während sie in den anderen Fassungen entspannter übereinanderliegen. Im Zentrum steht hier der Kopf, aus dem die Gesichter strahlenartig hervorzubrechen scheinen.

Ausstellungen

Das Werk und seine Wirkung wurden in mehreren Ausstellungen gezeigt oder thematisiert. Dazu gehörten 1976/77 Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: Francisco de Goya (1746–1828). Die “Caprichos” in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, 2000/01 Der Schlaf der Vernunft: Originalradierungen von Francisco de Goya in Marburg und München sowie 2005 Goya, Prophet der Moderne in der Alten Nationalgalerie Berlin.

Weitere Ausstellungen waren 2006/07 Der Schlaf der Vernunft: Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik in der Universitätsbibliothek Duisburg–Essen, 2012 Am Rande der Vernunft – Bilderzyklen der Aufklärungszeit im Kupferstichkabinett Berlin, 2012/13 Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst im Städel-Museum Frankfurt und 2013 Die Vernunft gebiert Ungeheuer im Kunstpavillon München, wo Goyas Radierung als Leitmotiv für zeitgenössische Künstler diente.

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