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Verbraucherforschung
Die Verbraucherforschung bzw. Verbraucherwissenschaften ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld aus Sozial-, Politik-, und Rechtswissenschaften, …
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Gegenstand und Bedeutung
Verbraucherforschung beziehungsweise Verbraucherwissenschaften ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Beteiligt sind Sozial-, Politik- und Rechtswissenschaften, Verhaltensforschung sowie Natur- und Technikwissenschaften. Im Mittelpunkt stehen Verbraucher, ihre Interessen und Bedürfnisse sowie ihr Konsumverhalten.
Untersucht werden außerdem die Gesundheit, Nachhaltigkeit und ethische Verantwortbarkeit von Konsumprodukten. Die Verbraucherforschung ist eng mit Verbraucherbewegung und Verbraucherschutz verbunden. Als eigenständiges Forschungsfeld trägt sie zur Professionalisierung der Verbraucherarbeit bei. Gesellschaftliche Veränderungen und neue Herausforderungen führten wiederholt dazu, weitere wissenschaftliche Disziplinen einzubeziehen.
Entwicklung in vier Phasen
Die Entwicklung der Verbraucherforschung lässt sich eng anhand der Entwicklung des Verbraucherschutzes nachzeichnen. Eine Ausnahme bildet die frühe Phase der industriellen Entwicklung: Gewerkschaften und Genossenschaften entstanden, um gemeinsam gegen die kapitalistische Ausbeutung der Lohnarbeiterschaft vorzugehen, ohne dass sich gleichzeitig eine entsprechende Verbraucherforschung entwickelte.
In der ersten Entwicklungsphase der 1950er und 1960er Jahre proklamierte John F. Kennedy grundlegende Verbraucherrechte: das Recht auf Sicherheit, Information, Wahlfreiheit und rechtliches Gehör. Diese Rechte sollten in einem globalen rechtlichen Rahmen verankert werden. In mehreren Ländern gründeten sich Verbraucherforschungsinstitute, die unabhängige Informationen für Privatverbraucher bereitstellten. In Deutschland übernahm zunächst die Stiftung Warentest mit ihrer Produkttest-Zeitschrift diese Aufgabe. Die notwendige Prüfung von Produkten bezog unter anderem Material-, Gesundheits- und Lebensmittelwissenschaften ein.
Die zweite Entwicklungsphase begann in Deutschland Ende der 1960er Jahre mit den Studentenprotesten. Diese forderten mehr Freiheit, Authentizität und Autonomie und kritisierten die kulturindustrielle Standardisierung des Massenkonsums. Zugleich verlangten sie internationale Solidarität und die bedingungslose Gleichheit aller Menschen. Alternative Milieus erprobten unter anderem Konsumverzicht, Dritte-Welt-Läden und Fair-Trade-Waren. Die damalige Regierung führte daraufhin verstärkt verbraucherschützende Maßnahmen ein, darunter Verbraucherrechte, institutionelle Reformen und einen Verbraucherbeirat zur Vermittlung zwischen Verbraucherverbänden und Regierung. Die wachsende rechtliche Einbindung machte Politik- und Rechtswissenschaften besonders wichtig. Sie entwickelten Modelle für die Beteiligung von Verbrauchern an politischen Prozessen. Als modernes Beispiel gilt die Untersuchung „verletzlicher Verbraucher“ im Zusammenhang mit Energiearmut, einschließlich Merkmalen der Betroffenen, Interventionsstrategien und Handlungsempfehlungen.
In der dritten Entwicklungsphase der 1990er Jahre rückten die Folgen von Globalisierung, Kapitalismus und Konsumgesellschaft in den Mittelpunkt zivilgesellschaftlicher Proteste. Kritisiert wurden unter anderem Ausbeutung, Kinderarbeit und die Zerstörung der Erde durch Rohstoffabbau. Angestrebt wurde ein ethisch vertretbarer Konsum. Um 2000 verstärkte die BSE-Krise nach der Verfütterung von Tiermehl an wiederkäuende Pflanzenfresser die Kritik an der industriellen Massenproduktion. 2001 wurde die Verbraucherpolitik institutionell gefestigt: Das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) unter Leitung von Renate Künast löste das damalige Landwirtschaftsministerium ab. Ziele waren ein gerechter, ökologisch zukunftsfähiger und ökonomisch vernünftiger Konsum, der heute unter Nachhaltigkeit verstanden werden kann. Sozial-, Wirtschafts- und Agrarwissenschaften sowie Naturwissenschaften unterstützten die Forschung. Die Soziologie untersucht beispielsweise Partizipationsmöglichkeiten, Privatheit im Internet und die Einbindung des Verbraucherschutzes in die Datenökonomie.
Die vierte Entwicklungsphase betrifft Gegenwart und digitalen Wandel. Versandhandel, Preisvergleichsplattformen und vielfältige Informationsmöglichkeiten schaffen Chancen, zugleich entstehen besondere Risiken für Daten- und Verbraucherschutz im „Web 2.0“. Daten werden zum „alles entscheidenden Kapital“, während Verbraucher zu Datenlieferanten werden, besonders im Bereich der Werbeproduktion. Weil sich soziale Bereiche teilweise stark ins Internet verlagern, arbeiten auch Experten aus der (Sozio-)Informatik in der Verbraucherforschung mit. Dazu gehören Nutzerforschung und Usability-Forschung.
Abgrenzung zu verwandten Feldern
Die Marktforschung verfolgt ein anderes Ziel als die Verbraucherforschung. Während die Verbraucherforschung die Bedürfnisse der Verbraucher untersucht, soll die Marktforschung entscheidungsrelevante Informationen rechtzeitig für Entscheidungsträger bereitstellen. Dabei berücksichtigt sie finanzielle, personelle, zeitliche und rechtliche Restriktionen. Zu ihren Teilaufgaben gehören die Identifikation von Chancen, Trends und Risiken, die Willensbildung und Strategieentwicklung in Unternehmen sowie die Bereitstellung relevanter Informationen für Entscheidungsträger.
Die Technikfolgeabschätzung (TA) wird seit den 1970er Jahren praktiziert. Sie untersucht Bedingungen und Auswirkungen neuer Technologien, um politische Entscheidungsträger im Willensbildungs- und Entscheidungsfindungsprozess zu unterstützen und Lösungen für Kontroversen über Risiken und Nebenfolgen von Wissenschaft und Technik zu entwickeln. Weil die TA als wissenschaftliche Politikberatung dafür kritisiert wurde, die Öffentlichkeit nicht ausreichend einzubeziehen, entstand die partizipative Technikfolgeabschätzung (PTA). Sie beteiligt unter anderem Stakeholder und Verbraucher am Forschungsprozess. Die Beteiligung von Nichtwissenschaftlern kann die analytische Durchdringung vertiefen und schwer zugängliches Wissen einbeziehen. Bora und van den Daele definieren PTA als Verfahren, „in dem Experten und Laien, Entscheidungsträger und Betroffene, Gegner und Befürworter versuchen, gemeinsam zu einem begründeten Urteil darüber zu kommen, ob eine umstrittene neue Technik eingeführt werden soll oder nicht und wie sie gegebenenfalls reguliert werden müsste“.
Usability-Forschung untersucht und verbessert die Nutzerfreundlichkeit technisch basierter Funktionsformen. Sie berücksichtigt das Zusammentreffen sozialer Gruppen auf Absender- und Nutzerseite mit unterschiedlichen Einstellungen, Erwartungen, Bedarfen und Wünschen. Gegenstände sind beispielsweise Webseiten, Apps, Content-Management-Systeme von Extra- und Intranets sowie nicht-kommerzielle Angebote wie E-Government-Portale. Usability-Forschung kann die Inklusivität und Nutzbarkeit von Konsumprodukten erhöhen und damit dem Verbraucherschutz dienen. Sie stärkt jedoch nicht zwangsläufig die Position oder die kritischen Kompetenzen der Verbraucher; vielmehr können Machtverhältnisse verschleiert werden.
Fachorganisationen und Einrichtungen
Die Etablierung der Verbraucherforschung als eigenes Feld ist mit eigenen Fachorganisationen, Netzwerken und fachwissenschaftlichen Konferenzen verbunden. Im deutschsprachigen Raum werden insbesondere das Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW und das Netzwerk Verbraucherforschung auf bundesdeutscher Ebene genannt. Die Auflistung des Artikels erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Genannte Institutionen sind:
- Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
- Bundesnetzagentur
- Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz
- FiBL Deutschland e.V.
- Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. als Dachorganisation der Landes-Verbraucherzentralen
- Wissenschaftliches Zentrum für Informations-Technikgestaltung der Universität Kassel
Zu den genannten Zeitschriften und Magazinen gehören „Der Lebensmittelkontrolleur“, das „Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“, das „Öko-Test Magazin“, „test“ der Stiftung Warentest sowie „Verbraucher und Recht – Zeitschrift für Wirtschafts- und Verbraucherrecht“. Als Konsortien werden das Kompetenzzentrum Verbraucherforschung NRW und das Netzwerk Verbraucherforschung aufgeführt.