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Inspiration
Inspiration. Eingebung als Ursprung von religiösen Überlieferungen oder Kunstwerken, umgangsspachlich auch ein unerwarteter Einfall oder ein Ausgangspunkt …
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Grundbedeutung und künstlerische Inspiration
Inspiration bezeichnet allgemein eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität. Der Begriff beruht auf der Vorstellung, dass ein Werk oder eine religiöse Überlieferung durch einen göttlichen Einfluss entsteht. Das Göttliche muss dabei nicht notwendig als persönliche Gottheit verstanden werden.
In der Dichtung wurde Inspiration beziehungsweise Afflatus als „Einwehen“ oder „Einhauchen“ durch einen göttlichen Wind verstanden. Die Idee erscheint als mächtiger, den Dichter überwältigender Einfall, dessen Entstehung ihm meist unerklärlich bleibt. Afflatus bezeichnet dabei nicht bloß einen gewöhnlichen plötzlichen Einfall, sondern das Überwältigtwerden von einer neuen Idee in einem besonderen Moment.
Platon setzte sich bereits kritisch mit dem Anspruch von Dichtern auseinander, ihre Werke seien göttlich eingegeben. In Renaissance, Klassizismus und Genieperiode veränderte sich die Vorstellung von der Quelle der Inspiration: Teilweise galt weiterhin das Göttliche als Ursprung, teilweise wurden Dichter früherer Zeiten und ihre Werke als Auslöser der Inspiration angesehen. Aufklärung und Romantik belebten die Vorstellung einer mystischen Eingebung durch das dichterische Genie vereinzelt wieder. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde diese Inspirationsästhetik besonders in Frankreich zurückgewiesen; Künstlerisches Schaffen wurde dort auch als Ergebnis von Logik und Rechenoperationen beschrieben. Zugleich hielten einzelne Künstler wie Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke, Stefan George und Vertreter des Surrealismus an Erfahrungen von Inspiration fest. Max Ernst beschrieb den Künstler dabei als bloßen Zuschauer eines durch Träume inspirierten Werkes.
Inspiration und Bibel im Christentum
In der christlichen Theologie bedeutet Inspiration, dass die Bibel in besonderer Weise vom Geist Gottes eingegeben ist. Sie wird deshalb auch „Wort Gottes“ genannt. Die christlichen Kirchen verstehen diese Lehre jedoch unterschiedlich.
Bei der Verbalinspiration gilt der Wortlaut der Bibel selbst als von Gott inspiriert. Daraus wird häufig die Widerspruchs- und Irrtumslosigkeit der Bibel abgeleitet. Calvin hielt weitgehend an dieser Auffassung fest, während Martin Luther die Lehre von der Verbalinspiration nicht benötigte und das Wort Christi in den Mittelpunkt stellte. Die wissenschaftlich-kritische Forschung führte später zu einer stärkeren Abkehr von der Verbalinspiration. Dabei wurde unter anderem darauf hingewiesen, dass die biblischen Bücher eine komplizierte Urheberschaft besitzen und in drei Sprachen überliefert sind: Hebräisch, Aramäisch und Griechisch. Außerdem haben nicht alle Aussagen der Bibel dasselbe Gewicht.
Die Realinspiration versteht die Inspiration nicht als wörtliches Diktat. Vielmehr seien göttlich offenbarte Sachverhalte oder Geschehnisse, etwa eine Prophetie oder eine Gotteserfahrung, in menschliche Worte gefasst worden. Nach Friedrich Schleiermacher waren besonders die Apostel als ursprüngliche Nachfolger Christi Träger des von Christus ausgehenden Geistes. Ihre Gedankenbildung sei vom Heiligen Geist eingegeben gewesen; diese Auffassung wird als Personal-Inspiration bezeichnet.
Eine weitere Sicht versteht Offenbarung als Selbstoffenbarung Gottes. Die Inspiration der Bibel besteht dann darin, dass Leser oder Hörer durch sie erfahren können, dass Gott sie persönlich anspricht und religiösen Glauben weckt. Die besondere Stellung der Bibel liegt dabei in ihrer Funktion als ursprüngliches Zeugnis von Gottes Handeln am Menschen, besonders in der Person Jesu Christi.
Für heutige Vertreter einer bibeltreuen Verbalinspiration ist die Bibel die einzige vollkommene und zuverlässige Gottesoffenbarung. Andere mögliche Offenbarungen müssen an der Bibel geprüft werden. Die ursprünglichen Manuskripte gelten in dieser Sicht in jedem Wort als völlig unfehlbares Gotteswort und besitzen höchste Autorität.
Katholische Lehre: Urheberschaft und Irrtumslosigkeit
Die römisch-katholische Inspirationslehre wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil, besonders durch die Dogmatische Konstitution Dei verbum von 1965, neu gefasst. Nach Dei verbum Nr. 11 ist Gott der „Urheber“ der Heiligen Schrift. Zugleich werden die menschlichen Verfasser, die Hagiographen, als echte Verfasser anerkannt. Gott erwählte Menschen, die durch ihre eigenen Fähigkeiten und Kräfte „all das und nur das“ schriftlich überliefern sollten, was Gott in ihnen und durch sie geschrieben haben wollte.
Gottes Urheberschaft bedeutet dabei mehr als den Einfluss der allgemeinen göttlichen Vorsehung. Gott ist jedoch nicht im eigentlichen Sinn ein „literarischer Verfasser“. Die Verschiedenheiten und Begrenztheiten der menschlichen Autoren bleiben bestehen. Inspiration wird daher nicht als mirakulöse Einprägung fertiger Erkenntnisbilder verstanden, sondern als Gegenwart des Heiligen Geistes, durch die die natürliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen geprägt wird. Der Offenbarungszeuge erkennt in einem realen, empirisch erfassbaren Geschehen und in dessen Auslegung das Wort Gottes und schreibt es nieder.
Das Konzil bejaht auch die Irrtumslosigkeit, also die Inerranz, der Heiligen Schrift. Die Bücher der Schrift lehren „sicher, getreu und ohne Irrtum“ die Wahrheit, die Gott um des Heiles willen in den heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte. Diese Aussage wird jedoch auf die Heilsabsicht Gottes bezogen. Die Irrtumslosigkeit besteht nur, „soweit es der Dienst am Heilswort erfordert“. Unrichtigkeiten oder Ungenauigkeiten im Sinn profaner Wissenschaften, die lediglich eine Hilfsfunktion haben, berühren daher die behauptete Irrtumslosigkeit nicht.
Wie die Inspiration verstanden wird und wie die Bibel auszulegen ist
Das Zweite Vatikanische Konzil legt das genaue „Wie“ der Inspiration nicht fest und verzichtet auf eine psychologisierende Erklärung. Als klassische Darstellung gilt die Lehre des Thomas von Aquin in der Summa theologica II-II, q. 171–174. Danach ist Gott der auctor primarius, also der ursprüngliche Urheber, und der Hagiograph der auctor secundarius, also der mitwirkende menschliche Urheber. Die menschlichen Verfasser sind keine passiven Werkzeuge. Sie handeln ihrer Natur gemäß, in Geist und Freiheit, entsprechend ihrer persönlichen Begabung sowie ihrer geistigen und kulturellen Umwelt.
Die ältere Kontroverse zwischen Verbalinspiration und Realinspiration gilt in dieser Sicht als überholt oder verfehlt. Der Heilige Geist diktierte den Hagiographen den Text nicht. Zugleich ist Inspiration nicht bloß eine sachliche Eingebung, bei der der konkrete Wortlaut bedeutungslos wäre. Maßgeblich ist der ganze Text in seiner Bedeutungsfülle.
Zur Bibelexegese gehört daher die Ermittlung der Aussageabsicht des Hagiographen. Dabei sind die literarischen Gattungen, der mehrfach mögliche Schriftsinn sowie die Zeit- und Kulturbedingungen des Verfassers zu berücksichtigen. Dei verbum nennt außerdem drei Kriterien: die Einheit der ganzen Schrift, die lebendige Überlieferung der Gesamtkirche und die Analogie des Glaubens. Letztere meint den Zusammenhang der Glaubenswahrheiten untereinander und im Gesamtplan der Offenbarung.
Historische Entwicklung und islamisches Gegenstück
Die frühe christliche Literatur vermied zunächst den Ausdruck Inspiration, weil er auch für das göttliche Pneuma von Sehern, Wahrsagern, Orakeln und Dichtern verwendet wurde. Stattdessen sprach man bevorzugt von Prophetie. Erst seit dem 17. Jahrhundert wurde „Inspiration“ schrittweise zum Fachausdruck für das Charisma der biblischen Schriftsteller und Schriften. Thomas von Aquin behandelte das Thema noch unter der Lehre von der Prophetie.
Schon das Alte Testament beschreibt eine besondere Einwirkung des Geistes Gottes auf Menschen mit schwierigen Aufgaben, besonders auf Richter, Könige, Künstler und Propheten. Prophetische Worte werden häufig mit „So spricht Jahwe“ eingeleitet. Das Alte Testament spricht zunächst vor allem von der Inspiration der Worte; eine Lehre von der Schriftinspiration findet sich vermutlich zuerst in 4 Esra um 100 n. Chr. Im Neuen Testament wird unter anderem 2 Tim 3,16 als Beleg für eine Inspirationsauffassung angeführt.
Die Kirchenväter beschäftigten sich mit dem Zusammenwirken Gottes und des Menschen. Die Bezeichnung Gottes als auctor der Heiligen Schrift ist seit dem 4. Jahrhundert belegt, zunächst bei Ambrosius von Mailand und verstärkt bei Augustinus. Die Scholastik entwickelte die Lehre von der Prophetie systematisch weiter. Das Konzil von Trient (1545–1563) bezeichnete Gott als Autor des Alten und Neuen Testaments und die Schriften als vom Heiligen Geist „diktiert“. Diese Formulierung wurde später als problematisch angesehen. Daraus entstand die Kontroverse zwischen Verbalinspiration und Realinspiration, die spätestens seit Dei verbum als überholt gilt. Das Erste Vatikanische Konzil (1869/70) wiederholte die Lehre von Gott als Urheber der vom Heiligen Geist inspirierten Schrift. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Lehre besonders in den Bibelenzykliken Providentissimus Deus (1893) und Divino afflante Spiritu (1943) dargestellt.
Im Islam gibt es mit Ilhām ein Gegenstück zur Inspiration. Der Begriff wird gewöhnlich mit „Eingebung“ oder „Inspiration“ übersetzt und kommt im Koran nur in Sure 91:8 vor. Größere Bedeutung erhielt Ilhām in der sufischen Lehre von den Gottesfreunden. Es gilt als eine Form göttlicher Mitteilung unterhalb der prophetischen Offenbarung, der waḥy. Während sich die prophetische Offenbarung an viele oder alle Menschen richtet, wendet sich Ilhām individuell an einen einzelnen Menschen. Das dadurch vermittelte Wissen heißt ladunisches Wissen. Sufische Autoren beschrieben es als von Gott stammendes, vorbestehendes Wissen, das durch die Läuterung des Menschen wieder sichtbar werden kann.
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