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Pessimum der Völkerwanderungszeit
Der Schweizer Klimatologe Heinz Wanner nennt, unter Rückgriff auf die Terminologie des Push-Pull-Modells der Migration, als möglichen zusätzlichen Push …
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Definition und Forschungsstand
Als „Pessimum der Völkerwanderungszeit“ oder „frühmittelalterliches Pessimum“ werden klimatische Verhältnisse bezeichnet, die je nach Periodisierung etwa zwischen 250–450 n. Chr. und ungefähr 750 n. Chr. liegen. Gemeint sind vor allem die Bedingungen in Europa und im Mittelmeerraum, gelegentlich auch in Asien, im Nordatlantikraum oder in anderen Weltregionen. Der Begriff verweist darauf, dass große Teile der sogenannten Völkerwanderungszeit in diesen Zeitraum fallen. Häufig wird ein Zusammenhang zwischen wechselhaftem oder kühlem Klima und Migrationsbewegungen, Kriegszügen, dem Ende der Antike, dem Beginn des Frühmittelalters sowie dem Untergang oder der Umgestaltung des Weströmischen Reiches hergestellt.
Seit den 1960er Jahren verbanden Forscher wie Hubert Lamb und Emmanuel Le Roy Ladurie klimatische Perioden mit traditionellen historischen Epochen. Christian-Dietrich Schönwiese bezeichnete 1979 eine Epoche von 450 bis 700 n. Chr. als niederschlagsreich und kühl; damals seien auch verbreitete Gletschervorstöße aufgetreten. Er stellte Parallelen zur Völkerwanderung, zu Kriegszügen und zur Einnahme Roms im Jahr 410 her. „Pessimum“ darf dabei nicht als weltweit „schlechteres“ oder normativ schlechtes Klima verstanden werden. In Schönwieses Einteilung gingen dem Pessimum ein Optimum der Römerzeit und anschließend eine mittelalterliche Warmzeit voraus.
Hubert Lamb ordnete aufgrund verschiedener Klimaproxys, also indirekter Klimaindikatoren, die überwiegend kühlen und unsteten Bedingungen grob in die Jahre 400–900 ein. Er verwies außerdem auf mögliche Dürren in asiatischen Steppengebieten, die Wanderungen von als „Hunnen“ bezeichneten nomadischen Gruppen nach Westen begünstigt haben könnten. Während die frühe Forschung hauptsächlich historische Berichte auswertete, entstanden seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend paläoklimatologische Rekonstruktionen.
Eine Auswertung von 114 Arbeiten aus dem Jahr 2017 zeigte jedoch ein uneinheitliches Bild. Etwas mehr als die Hälfte behandelte ein kühleres Klima; andere Arbeiten meinten mit der „Dark Ages (Cold) Period“ auch feuchtere oder trockenere Bedingungen, Veränderungen der Windverhältnisse oder andere Umweltveränderungen. Die untersuchten Zeiträume reichten vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis ins 11. Jahrhundert n. Chr., mit einem Schwerpunkt zwischen etwa 400 und 800. Eine einheitliche Definition besteht daher nicht. John Haldon und andere betonten 2018, dass solche Epochenbegriffe zwar rhetorisch nützlich seien, der komplexen Quellenlage aber nicht gerecht würden. Die Forschung gibt diese starre Einteilung zunehmend auf.
Klimatische Entwicklung
Ein weltweit gleichzeitig auftretendes, mindestens mehrere Jahrzehnte anhaltendes Klimapessimum der Spätantike und des Frühmittelalters ist in globalen Temperaturrekonstruktionen nicht erkennbar. In den mittleren und hohen Breiten der Nordhalbkugel setzte vor etwa 5000 Jahren ein langfristiger Abkühlungstrend von etwas mehr als 0,1 °C pro Jahrtausend ein, der bis ins 19. Jahrhundert anhielt. Veränderungen der Erdbewegung relativ zur Sonne, der sogenannte orbitale Strahlungsantrieb beziehungsweise die Milanković-Zyklen, verringerten die Sonneneinstrahlung im Norden. Schnee- und Eisbedeckung sowie Vegetationsveränderungen verstärkten die Abkühlung durch Rückkopplungen, etwa die Eis-Albedo-Rückkopplung. Schwankungen der Sonnenaktivität, Vulkanausbrüche und die interne Variabilität des Klimasystems überlagerten diesen langfristigen Trend.
Die spärlichen globalen Rekonstruktionen weisen auf eine Störung der relativ warmen Verhältnisse vom Ende des 5. Jahrhunderts bis ungefähr 700 n. Chr. hin, aber nicht auf eine klar abgegrenzte globale Kälteperiode. Nördlich von 30°N zeigt eine Rekonstruktion eine kühlere Phase von 300–800 n. Chr.; sie war jedoch weniger kalt als die Kleine Eiszeit im 17. Jahrhundert. Das genaue Ausmaß bleibt unsicher. Das Pessimum wurde außerdem mit dem Bond-Ereignis 1 vor etwa 1400 Jahren verbunden, bei dem im Nordatlantik vermehrt Eisberge Gesteinsmaterial nach Süden transportierten, das in Meeresbodensedimenten nachweisbar ist.
Für Europa lässt sich zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert eine Tendenz zu kühleren Sommertemperaturen rekonstruieren. Nach 536 waren kalte Frühlinge und Sommer besonders deutlich. Um 800 folgten nochmals mehrere Jahrzehnte mit kühlen Frühlingen und Sommern. Insgesamt wurde das Klima feuchter, die Winter kälter; in Nord-, West- und Mitteleuropa sowie im nördlichen Mittelmeerraum waren die kalten Jahreszeiten zusätzlich feuchter. Im 5. Jahrhundert wuchsen die Gletscher, unter anderem der Untere Grindelwaldgletscher und andere Schweizer Gletscher. Die Römerstraße durch das Val de Bagnes wurde unpassierbar. Das Gletscherwachstum setzte sich bis ins 8. Jahrhundert fort.
Die regionalen Unterschiede waren groß. Für das Gebiet des heutigen Nordfrankreichs, Deutschlands und der britischen Inseln zeigen Klimaproxys zwischen 250 und 470 niedrigere Sommertemperaturen, zwischen 650 und 800 dagegen eine gegenläufige Entwicklung. Die Ergebnisse zu den Wintertemperaturen sind widersprüchlich; auch die Niederschläge zeigen keinen einheitlichen Trend. In Zentraleuropa war das 6. Jahrhundert trockener. Auf der Iberischen Halbinsel deuten unterschiedliche Rekonstruktionen teils auf steigende Temperaturen im 6. und 8. Jahrhundert, teils auf kalte Winter zwischen 500 und 900. Nach 500 wurde es im Norden Iberiens und Italiens feuchter, während der Süden der iberischen und italienischen Halbinsel, Nordgriechenland und der Balkan von feuchteren zu trockeneren Bedingungen wechselten. Auch Anatolien und die Levante zeigten regional und zeitlich unterschiedliche Entwicklungen.
Kleine Eiszeit der Spätantike und Ursachen
Ab etwa 536 lassen sich auf der Nordhalbkugel und auch global ungewöhnlich kalte Temperaturen erkennen. Der starke Kälteeinbruch endete etwa in der Mitte des 6. Jahrhunderts. Als wahrscheinlichste Ursache gelten mehrere Vulkanausbrüche, besonders um 535 und 536.
Ulf Büntgen und eine Forschergruppe identifizierten 2016 anhand von Baumringen aus dem Altai, ergänzt durch Baumringdaten aus den europäischen Alpen und weitere Indizien, eine längere kühle Epoche von 535 bis etwa 660 n. Chr. Sie nannten sie „Kleine Eiszeit der Spätantike“ (Late Antique Little Ice Age, LALIA). Der Begriff sollte das vage Konzept einer „Dark Ages Cold Period“ präzisieren und eine möglichst wertfreie Bezeichnung schaffen. Mehrere seit 2012 veröffentlichte Arbeiten vermuten, dass vulkanische Eruptionen um 540 durch Rückkopplungseffekte, darunter die Eis-Albedo-Rückkopplung, zu einer über mehrere Jahrzehnte anhaltenden starken Abkühlung beitrugen.
Möglicherweise beeinflusste auch eine zwischen 400 und 700 etwas schwächere Sonneneinstrahlung die Klimaschwankungen. Rekonstruktionen weisen auf ein ausgeprägtes Minimum der Sonnenaktivität im 7. Jahrhundert hin. Veränderungen der Nordatlantischen Oszillation (NAO), also eines großräumigen Druck- und Zirkulationsmusters, in den Jahren 164 bis 180, um 400 und zwischen 500 und 600 n. Chr. könnten Dürren an der Peripherie des Römischen Reiches begünstigt haben. Die NAO-Rekonstruktionen ergeben jedoch kein einheitliches Bild. Auch die LALIA-Forschung weist darauf hin, dass mögliche gesellschaftliche Folgen nicht schematisch oder deterministisch aus dem Klima abgeleitet werden dürfen.
Landwirtschaft, Krankheiten und Berichte
Historische Berichte schildern, dass Wein und Getreide in nördlichen Gebieten und in Höhenlagen schlechter gediehen. Missernten, Krankheitsanfälligkeit sowie die Sterblichkeit von Säuglingen, Kleinkindern und alten Menschen nahmen zu. Stürme und Überschwemmungen führten an der Nordseeküste und in Südengland zu Landverlusten; in Italien gab es im 6. Jahrhundert zahlreiche Überflutungen. Gregor von Tours berichtet für die 580er-Jahre im Frankenreich von anhaltend starken Regenfällen, Gewittern, Überschwemmungen, Hungersnöten, Missernten und späten Kälteeinbrüchen, durch die Vögel starben. In Norwegen wurden im 6. Jahrhundert 40 % der Höfe verlassen. Für die Jahre 793 bis 880 nennt Pierre Riché 13 Jahre mit Hungersnöten und Überschwemmungen sowie neun Jahre mit extrem kalten Wintern und Seuchen.
Henry Diaz und Valerie Trouet vermuten zwischen 250 und 550 n. Chr. eine starke Klimavariabilität. Baumringrekonstruktionen aus dem heutigen Deutschland, Frankreich und den österreichischen Alpen zeigen hydroklimatische Schwankungen über Zeiträume von Jahrzehnten. Weizen und Gerste, damals verbreitete Getreidearten, waren dürreempfindlich und außerdem durch den Anbau von Oliven und Wein auf weniger ertragreiche Böden verdrängt worden. Schwankungen der Regenmengen könnten daher die landwirtschaftliche Produktivität beeinträchtigt haben.
Ab 300 n. Chr. nahm in den ehemaligen römischen Provinzen Galliens und Norditaliens der Roggenanbau zu. Roggen ist kälte- und dürrebeständiger und konnte die Widerstandsfähigkeit der zunehmend auf Selbstversorgung ausgerichteten Bauern verbessern. Das Ausbreitungsmuster des Roggens passt jedoch nicht gut zu den bekannten Klimaschwankungen. Nach Paolo Squatriti waren vermutlich die einfache Handhabung, die frühere Ernte, geringere Bodenansprüche und die vielseitige Verwendung des Mehls wichtiger.
Der Wechsel zwischen trockenen und sehr feuchten Jahrzehnten könnte zusammen mit Entwaldung und der Erschließung von Sümpfen die Malariaausbreitung gefördert haben. Erkrankungen von Landarbeitern während der Erntezeit im Spätsommer und Frühherbst konnten die landwirtschaftliche Leistung weiter verringern. Die Lepra breitete sich in Mitteleuropa aus. Ein kühleres, feuchteres Klima kann zudem Tröpfcheninfektionen wie Tuberkulose, Lepra und Pocken begünstigen; ein historisch bedeutsamer Zusammenhang ist jedoch nicht gut gesichert.
Kyle Harper stellte mögliche Verbindungen zwischen Klimaschwankungen, den Antoninischen Pestepidemien von 165–180, der Cyprianischen Pest von 250–271 und besonders der Justinianischen Pest her. Beide erstgenannten Ausbrüche waren wahrscheinlich Pockenepidemien, die Justinianische Pest wahrscheinlich eine Lungenpest. Sie erreichte 541 von Nordostafrika aus Pelusium und 542 Konstantinopel, wenige Jahre nach den Vulkanausbrüchen der zweiten Hälfte der 530er Jahre. Ein kühles, feuchtes Klima könnte Ratten und Rattenflöhe, die Überträger der Pest, begünstigt haben. Die Pandemien konnten Arbeitskräfte ausfallen lassen, Wirtschaftsrückgänge verursachen und das römische Militär schwächen.
Historische Folgen und Migration
In die vorgeschlagenen Zeiträume des Pessimums fallen die Migrationsbewegungen und Kriegszüge von etwa 375/76 bis 568 n. Chr., die häufig als „Völkerwanderung“ bezeichnet werden. In derselben Zeit endete oder wandelte sich das Weströmische Reich; damit war eine demografische Krise verbunden. Im 6. Jahrhundert ging die Bevölkerung in den früher zum Weströmischen Reich gehörenden Gebieten zurück. Neben Kriegen spielten Missernten und Seuchen eine Rolle. Viele Dörfer wurden aufgegeben, landwirtschaftliche Flächen bewaldeten wieder. Pollenanalysen zeigen insgesamt einen Rückgang der Landwirtschaft. Im 7. Jahrhundert neu gegründete Siedlungen besaßen eine veränderte Siedlungsstruktur und belegen einen Kulturbruch.
Die Folgen waren regional sehr verschieden. Eine Zunahme der Körpergröße bis ins 6. Jahrhundert deutet für Nord- und Zentraleuropa auf eine bessere Proteinversorgung hin; die Phase bedeutete für die einfache Bevölkerung also nicht überall schlechtere Lebensbedingungen. In der Oderregion wurde ab der Mitte des 6. bis einschließlich des 7. Jahrhunderts eine nahezu vollständige Entsiedlung festgestellt. Sie wird mit schwer zu bearbeitenden Ackerstandorten und stark kontinentalen Klimaverhältnissen mit besonders starken Schwankungen verbunden. In ehemals römischen Grenzregionen nordöstlich des Limes, etwa am mittleren Main, ist dagegen im selben Zeitraum durch archäologische Befunde eine deutliche Bevölkerungszunahme infolge zeitweiser Immigration belegt.
Als mögliche Wege des Klimaeinflusses auf die Geschichte werden die Verwundbarkeit agrarischer Gesellschaften, die stärkere Verbreitung von Seuchen und klimainduzierte Wanderungen genannt. Wegen der geringen zeitlichen Auflösung und räumlichen Abdeckung vor allem hydrologischer Rekonstruktionen lässt sich das Klima jedoch nur schwer als allgemeine Erklärung heranziehen. Wahrscheinlich gegenläufige regionale Entwicklungen im Römischen Reich erlauben kaum Verallgemeinerungen.
Edward Gibbon sah Klimaänderungen bereits in seinem zwischen 1776 und 1789 veröffentlichten Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire als möglichen Mitauslöser von Migrationen an. Eduard Brückner vermutete aufgrund von Hinweisen auf eine Trockenperiode in Zentralasien im 3. Jahrhundert einen Zusammenhang mit Wanderungen nach Europa. Anhaltende Dürren gelten weiterhin als mögliche Ursache für Vorstöße der Hunnen: Die nomadischen Gruppen der zentralasiatischen Steppen könnten gegenüber Dürren besonders verwundbar gewesen und von westlicher gelegenen, fruchtbareren Weiden angezogen worden sein. Auch Kälteeinbrüche und Hungersnöte kommen als Faktoren infrage.
Gegen eine einfache Erklärung spricht, dass sich die Völkerwanderung über zwei Jahrhunderte erstreckte und in einer klimatisch günstigen Phase begann. Nach Heinz Wanner könnten im Sinne des Push-Pull-Modells zunächst günstige Bedingungen den Bevölkerungsdruck erhöht haben (Push-Faktor); außerdem könnten Berichte über bessere Lebens- und Klimabedingungen anderswo als Pull-Faktor gewirkt haben. Ob Klimaveränderungen für die massiven Wanderungen entscheidend waren, lässt sich nicht schlüssig beantworten.