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Udmurtische Grammatik
Dieser Artikel befasst sich mit der Grammatik der udmurtischen Sprache. Inhaltsverzeichnis. 1 Pronomen. 1.1 Personalpronomen; 1.2 Reflexivpronomen …
Inhalt6 Abschnitte
Grundbau, Pronomen und Nominalsystem
Die udmurtische Grammatik arbeitet stark mit Suffixen, die unmittelbar an Wortstämme treten. Pronomen werden grundsätzlich wie Nomen flektiert, jedoch meist nur in grammatischen, nicht in lokativen Kasus. Personalpronomen lauten im Singular мон (mon) „ich“, тон (ton) „du“, со (so) „er/sie/es“ und im Plural ми (mi) „wir“, тӥ (ti) „ihr“, соос (soos) „sie“. Reflexivpronomen wie аслам (aslam) „mich selber“ werden ebenfalls nur in grammatischen und approximalen Kasus flektiert. Interrogativpronomen können dagegen in allen Fällen stehen: кин (kin) bedeutet „wer“, ма (ma) „was“. In den Lokalkasus besitzt „was“ den Stamm кыт-, etwa кытын „wo“, кытчы „wohin“ und кытысь „woher“.
Nomen unterscheiden kein grammatisches Geschlecht. Das Udmurtische besitzt 15 Kasus: acht grammatische und sieben lokative. Die grammatischen Fälle sind Nominativ, Genitiv, Akkusativ, Ablativ, Dativ, Instrumental, Abessiv und Adverbial. Die lokativen Fälle sind Inessiv „in“, Illativ „hinein/zu“, Elativ „aus“, Egressiv „von … ausgehend“, Terminativ „bis“, Prolativ „entlang/durch“ und Approximativ „in Richtung auf“. Lokative Formen bestimmen im Satz das Verb und werden – außer dem Approximativ – nur bei unbelebten Referenten verwendet. Typische Endungen sind -len für den Genitiv, -ly für den Dativ, -tek für den Abessiv, -yn für den Inessiv und -lan' für den Approximativ. Meist werden sie direkt angefügt; einige alte uralische Lexeme verändern vor vokalisch beginnenden Lokativsuffixen ihren Stamm, beispielsweise sin → sinmyn. Personalpronomen weisen bei der Deklination weitere unregelmäßige Formen auf.
Plural, Besitz und Adjektive
Es gibt zwei Pluraltypen: Nomen erhalten -ос/-ëс, Adjektive -эсь/-есь. Bei attributiven Adjektiven wird der Plural normalerweise nur am Nomen ausgedrückt, etwa чебер(есь) нылъëс „(die) schönen Mädchen“. Der Pluralmarker steht vor Kasus- und Possessivendungen. Ein prädikatives Adjektiv muss dagegen mit einem pluralischen Subjekt im Plural stehen: нылъëс чебересь „die Mädchen sind schön“. Nach Kardinalzahlen stehen Nomen gewöhnlich im Singular; ein prädikatives Verb kongruiert dennoch mit einem pluralischen Subjekt.
Possessive Suffixe kennzeichnen den Besitzer am Ende des Nomens. Im Nominativ lauten sie beispielsweise -е/-э „mein“, -ед/-эд „dein“, -ез/-эз „sein/ihr“, -мы „unser“, -ды/-ты „euer“ und -зы/-сы „ihr“. Einige alte Lexeme enthalten in den drei Personen des Singulars -ы-, etwa киы „meine Hand“. Im Akkusativ gelten besondere Formen wie -ме, -тэ/-дэ und -сэ/-зэ; die Wahl eines stimmhaften oder stimmlosen Konsonanten hängt vom letzten Phonem des Wortes ab. Die Stellung des Possessivsuffixes gegenüber der Kasusendung richtet sich nach dem Kasus. In Genitiv, Ablativ, Dativ, Abessiv, Adverbial und Approximativ steht es davor; in Instrumental und den meisten Lokalkasus folgt es der Kasusbildung. Dabei treten Lautveränderungen auf, etwa Inessiv und Illativ mit -а- sowie Elativ mit -ысьт-. Dieselben Grundregeln gelten für pluralische Besitzgegenstände. In der 3. Person Singular kann ein Possessivsuffix außerdem wie ein definiter Artikel wirken.
Zwischen Adjektiv und Nomen besteht in Nominalphrasen grundsätzlich keine Kongruenz, obwohl bei pluralischen Nomen ein pluralisches Adjektiv häufiger vorkommt. Ein betontes determinatives Suffix hebt ein Merkmal hervor und grenzt den Referenten von ähnlichen ab; dazu dienen im Singular -ез/-эз beziehungsweise -из und im Plural -ыз. Der Komparativ wird mit -гес gebildet; der Vergleichsgegenstand steht im Ablativ oder bei der Postposition сярысь: „Eine Kuh ist größer als ein Schaf“ kann beide Konstruktionen verwenden. Einen eigenen Superlativmarker gibt es nicht. Verwendet werden die russische Partikel самой oder die indefiniten Ausdrücke ваньмызлэсь, котькинлэсь und котьмалэсь.
Postpositionen und Verbgrundlagen
Postpositionen stehen nach ihrem Bezugswort und sind im Udmurtischen häufiger als Präpositionen. Viele haben räumliche Stämme und können Lokalkasus annehmen, meist Inessiv, Elativ oder Illativ: азьын „vor“, вылын „auf“, улын „unter“; im Illativ etwa азе „nach vorn“ oder доры „zu/neben“. Daneben existieren unflektierbare Formen wie бере „nach“, дыръя „während“, кузя „entlang“, сярысь „über“ und ӵош „zusammen“. Das zugehörige Nomen steht meistens im Nominativ, bei einigen Postpositionen jedoch im Dativ, Ablativ oder Instrumental, beispielsweise арлы быдэ „jedes Jahr“ mit Dativ und анаен ӵош „mit Mutter“ mit Instrumental.
Verben gehören zu zwei Konjugationen; beide Infinitive enden auf -ны. Konjugation I enthält im Infinitiv ы, etwa мыныны, und kann einen vollständigen Stamm мыны- sowie einen kurzen Stamm мын- besitzen. Konjugation II enthält -а-, etwa ужаны. Person und Numerus lassen sich morphologisch nicht immer trennen. Die meist tempus- und modusübergreifenden Personalsuffixe sind im Singular 1. Person -Ø, 2. Person -д, 3. Person -з und im Plural -мы, -ды, -зы.
Udmurtisch bildet Tempora synthetisch und analytisch. Zum System gehören Präsens, Futur, verschiedene Präterital- und Perfektformen sowie zwei Plusquamperfekte. Die Negation erfolgt häufig durch ein flektiertes Negationsverb vor einer besonderen Form des Hauptverbs.
Tempus, Vergangenheit und Passiv
Das Präsens bezeichnet Gegenwart und unmittelbare Zukunft. In der 3. Person Singular steht bei Konjugation I -э/-е, während Konjugation II keinen entsprechenden Marker hat; die 3. Person Plural trägt -о beziehungsweise -ло. Beispiele sind тодэ „er/sie weiß“ und кырӟало „sie singen“. Das negative Präsens verwendet das Negationsverb у- mit Personenformen wie уг, уд und ум sowie besondere Hauptverbformen: уг тоды „er/sie weiß nicht“.
Das Futur wird in Konjugation I mit -о-, in Konjugation II mit -ло- gebildet: тодоз „er/sie wird wissen“, кырӟалозы „sie werden singen“. Beim negativen Futur stehen das Negationsverb und im Singular der Stamm des Hauptverbs; im Plural erscheinen -э/-е beziehungsweise -лэ.
Das Präteritum I ähnelt dem englischen simple past. Konjugation I verwendet ӥ/и; Konjugation II besitzt außer й in der 1. Person Singular keinen eigenen Präteritalmarker: тодӥ „ich wusste“, кырӟай „ich sang“. Seine Negation kombiniert Formen wie ӧй, ӧд oder ӧз mit dem Hauptverbstamm. Das Präteritum II markiert laut Artikel direkte Evidentialität, wird zugleich aber für ein vom Sprecher nicht persönlich beobachtetes vergangenes Ereignis beschrieben. Es trägt (э)м/(е)м, beispielsweise тодэм „er/sie hat offensichtlich gewusst“. In bestimmten Personen kommen zusätzlich der Präsensmarker -(ӥ)ськ-/-(и)ськ- oder der frequentive Marker -лля- vor. Negiert wird mit der Hilfskopula ӧвӧл „nicht“ oder -мтэ-.
Vier analytische Vergangenheitsformen verbinden eine Form des Hauptverbs mit einem vergangenen „sein“. Das Plusquamperfekt I besteht aus Präteritum I und вал „war“ und bezeichnet einen vergangenen Handlungsprozess: тодӥ вал „ich hatte gewusst“. Das Plusquamperfekt II hat zwei Konstruktionen: Präteritum II plus Possessivsuffix und вал oder Präteritum II plus вылэм. Es bezeichnet das Ergebnis einer abgeschlossenen, unbeobachteten Handlung. Das durative Präteritum verbindet Präsens und вал/вылэм und beschreibt eine andauernde vergangene Handlung. Das frequentative Präteritum verbindet Futur und вал/вылэм und bezeichnet eine wiederholte vergangene Handlung.
Ein eigenes Passivaffix fehlt. Stattdessen drückt die 3. Person Plural einen unbekannten oder unbestimmten Handelnden aus: Татын удмурт сямен верасько bedeutet „Udmurtisch wird hier gesprochen“.
Modi, Modalität und infinite Verbformen
Die drei Modi sind Indikativ, Konditional und Imperativ; ein Optativ kommt nur in einigen Dialekten vor. Das Konditional bezeichnet eine irreale, erhoffte oder für möglich gehaltene Handlung und verwendet -сал mit Personalsuffixen: карысал „ich würde machen“, карысал(ыз) „er/sie würde machen“. Das negative Konditional steht mit ӧй. Im Imperativ entspricht die 2. Person Singular grundsätzlich dem Verbstamm; bei Konjugation I richtet sich die Wahl des kurzen oder vollständigen Stamms nach dessen Lautstruktur. Die 2. Person Plural erhält in Konjugation I -е(лэ)/-э(лэ), in Konjugation II -лэ. Die Negation wird mit vorangestelltem эн gebildet: эн си! „iss nicht!“.
Modale Bedeutungen entstehen durch flektierte Nomen oder Verben mit einem Hilfsausdruck. Fähigkeit wird mit луынын „sein“ in der 3. Person Singular und einem Subjekt im Genitiv ausgedrückt. Der Desiderativ, also der Wunsch nach einer Handlung, verwendet entsprechend потынын „wollen“ und ebenfalls den Genitiv. Notwendigkeit wird mit кулэ „notwendig“, einer Kopula und dem Subjekt im Dativ gebildet: Солы трос лыдӟиськыны кулэ „er/sie braucht viel zu lesen“. Erlaubnis verwendet яраны „gültig/geeignet sein“ mit Dativ und Infinitiv: Мыным кошкыны яра-а? „Darf ich gehen?“
Partizipien existieren für Präsens, Präteritum und Futur, jeweils auch in karitiven, also verneinenden beziehungsweise mangelanzeigenden Formen. Das Präsenspartizip -(ӥ)сь/-(и)сь bezeichnet eine fortlaufende Handlung; sein Karitiv lautet -(ӥ)сьтэм/-(и)сьтэм. Es kann auch Personenbezeichnungen bilden, etwa кырӟась „Sänger/in“. Das attributive Partizip Präteritum -(э)м/-(е)м bezeichnet eine vollendete Handlung, sein Karitiv -(э)мтэ/-(е)мтэ. Die prädikative Variante endet auf -(э)мын/-(е)мын. Das Futurpartizip -(о)но und sein Karitiv -(о)нтэм drücken zukünftige Handlung beziehungsweise Unmöglichkeit aus. Das modale Partizip -мон bezeichnet die Fähigkeit oder Möglichkeit einer Handlung.
Vier Gerundien bilden adverbiale Verbformen. -са, negativ -тэк, bezeichnet Art und Weise sowie Gleich- oder Vorzeitigkeit. -ку bildet Zeitangaben; -тозь bezeichnet einen zeitlichen Rahmen oder Endpunkt. Gerundien aus dem Partizip Präteritum stehen im Instrumental -(э)мен/-(е)мен oder Elativ -(э)мысь/-(е)мысь und haben die Grundbedeutung „weil“; die karitiven Formen lauten -мтэен und -мтэысь. An diese Formen können Possessivsuffixe treten.
Wortbildung und verbaler Aspekt
Das produktive deverbale Nominalsuffix -(о)н/-(ë)н tritt bei Konjugation I an den Stamm, bei Konjugation II wird -н angefügt. Die Ableitungen können eine Handlung, ihr Ergebnis, ein Werkzeug oder den Gegenstand einer Handlung bezeichnen: сылон „Stand“ zu „stehen“, вормон „Sieg“ zu „gewinnen“, портон „Übung/Bohrer“ zu „bohren“ und сиëн „Essen“ zu „essen“. Oft sind mehrere konkrete und abstrakte Lesarten möglich, etwa шудон „Spielen, Spiel, Spielzeug“. Solche Nomen können Zusammensetzungen näher bestimmen, beispielsweise юон ву „Trinkwasser“.
Denominale Adjektive auf -о/-ë bezeichnen das Vorhandensein einer Eigenschaft oder eines Besitzes, etwa шудо нылпи „glückliches Kind“. Das karitive -тэм bezeichnet deren Fehlen, etwa нылпитэм семъя „kinderlose Familie“. Die Suffixe -алэс, -мыт und -пыр(ъем) schwächen eine Eigenschaft ab und entsprechen ungefähr „-lich“, besonders bei Farben oder Aromen; -мыт ist nur im südudmurtischen Dialekt regelmäßig mit Geschmack verbunden.
Beim lexikalischen Verbalaspekt unterscheidet man momentane und frequentative Verben. Momentane Verben bezeichnen einen einmaligen Zustand oder Vorgang; einen transparenten allgemeinen Marker gibt es nicht, doch kausatives -т- kann Momentanität anzeigen. Frequentative Verben bezeichnen häufige oder kontinuierliche, aber nicht notwendig regelmäßig wiederholte Vorgänge. Ableitungsmarker sind unter anderem -л-, -лля- und -а-/-я-: лыдӟыны „lesen“ → лыдӟылыны „oft lesen“, ужаны „arbeiten“ → ужалляны „oft arbeiten“. Auch mehrere Ableitungen können nebeneinander oder nacheinander auftreten. Das Affix -иськы-/-ӥськы- ist historisch frequentativ, hat jedoch nicht immer eine frequentative Bedeutung: мон лыдӟиськыны яратӥсько bedeutet allgemein „ich mag es zu lesen“, während мон книга лыдӟисько „ich lese ein Buch“ bedeutet.