Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Tonkin-Zwischenfall

Als Tonkin-Zwischenfall (auch Tongking-Zwischenfall) bezeichnet man die Ereignisse am 2. und 4. August 1964 im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Hintergrund
  2. 2. Der tatsächliche Angriff
  3. 3. Der behauptete zweite Angriff
  4. 4. Politische Folgen
  5. 5. Aufklärung der Falschdarstellung

Bedeutung und Hintergrund

Der Tonkin-Zwischenfall bezeichnet die Ereignisse vom 2. und 4. August 1964 im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams. Er wurde für die Vereinigten Staaten zum entscheidenden Anlass, unmittelbar in den seit 1956 andauernden Vietnamkrieg einzugreifen. Die US-Regierung unter Präsident Lyndon B. Johnson behauptete, nordvietnamesische Schnellboote hätten zwei amerikanische Kriegsschiffe mehrfach ohne Anlass angegriffen. Tatsächlich fand nur der Angriff vom 2. August statt; der für den 4. August gemeldete zweite Angriff ereignete sich nach späteren Erkenntnissen nicht.

Dem Zwischenfall gingen verdeckte und offene Aktivitäten voraus. Die USA unterstützten Südvietnam unter anderem mit Schnellbooten, der Ausbildung ihrer Besatzungen und CIA-gestützten Sabotageaktionen, den sogenannten 34A-Operationen. Südvietnamesische Einheiten setzten die Boote für Kommandounternehmen gegen die nordvietnamesische Küste ein. Gleichzeitig führte die 7. US-Flotte im Südchinesischen Meer Aufklärungsfahrten durch.

Der tatsächliche Angriff

Am 30. Juli 1964 beschossen mit den USA verbündete südvietnamesische Einheiten die nordvietnamesischen Inseln Hòn Ngư und Hòn Mê. Am Morgen des 31. Juli fuhr der US-Zerstörer Maddox im Rahmen der Operation Desoto in den Golf von Tonkin. Er sollte offenbar Informationen über nordvietnamesische Radaranlagen und militärische Einrichtungen im Zielgebiet der südvietnamesischen Marineoperationen sammeln. Die Anwesenheit des Schiffes sollte außerdem Reaktionen der nordvietnamesischen Küstenwache auslösen, die von der National Security Agency (NSA), dem amerikanischen Nachrichtendienst für elektronische Aufklärung, aufgezeichnet werden konnten.

Nach Angaben des US-Militärs blieb die Maddox außerhalb der international anerkannten Zwölfmeilenzone; diese Darstellung ist umstritten. Weil sich zurückkehrende südvietnamesische Schnellboote der Maddox bis auf sieben Kilometer näherten, konnte bei Nordvietnam der Eindruck entstehen, der Zerstörer unterstütze die Angriffe durch Feuerschutz.

Am 2. August traf die gefechtsbereite Maddox auf drei nordvietnamesische Schnellboote. Diese versuchten erfolglos, den Zerstörer zu umkreisen und vor der Küste zu stellen. Die Maddox wich auf das offene Meer aus und forderte Luftunterstützung vom Flugzeugträger Ticonderoga an. Nach amerikanischer Darstellung wurde ein nordvietnamesisches Boot manövrierunfähig geschossen, zwei weitere wurden beschädigt. Die Maddox wich mehreren Torpedos aus und erhielt nur leichte Treffer durch Maschinengewehrfeuer. Nordvietnam hatte vier Tote und sechs Verwundete zu beklagen. Präsident Johnson lehnte zunächst eine militärische Vergeltung ab und ließ lediglich eine Protestnote übermitteln.

Der behauptete zweite Angriff

Nach dem ersten Gefecht musste die Maddox auf Weisung des US-Verteidigungsministeriums im Gebiet bleiben. Zusammen mit dem Zerstörer Turner Joy setzte sie ihre Mission fort. Obwohl die US-Führung den Zusammenhang zwischen dem Angriff und den südvietnamesischen Operationen kannte, begann ein weiteres Kommando-Unternehmen; am 3. August wurden erstmals Ziele auf dem nordvietnamesischen Festland angegriffen.

Am Abend des 4. August meldete Admiral Ulysses S. Grant Sharp, die Maddox und die Turner Joy würden weiter südlich erneut mit Torpedos angegriffen. Verteidigungsminister Robert McNamara leitete die Meldung an Johnson weiter, konnte die Angreifer jedoch nicht sicher identifizieren. Heute ist erwiesen, dass an diesem Tag kein nordvietnamesischer Angriff stattfand und beide Zerstörer auf keinen Gegner gestoßen waren. Woher Sharps Einschätzung stammte, ist weiterhin umstritten. Eine Untersuchung des NSA-Historikers Robert Hanyok aus dem Jahr 2001 bezeichnete die zugrunde liegenden NSA-Berichte als „gefälscht“: Mitarbeiter hätten gezielt einen Bericht erzeugt, der auf einen zweiten Angriff hindeutete, um frühere eigene Fehler zu verdecken.

Trotz der unsicheren Informationen befahl Johnson wenige Stunden später Vergeltungsschläge. Am 5. August griffen etwa 30 trägergestützte Flugzeuge nordvietnamesische Marinestützpunkte in Hòn Gay, Loc Tschad, Phuc Loi, Vinh und Quang Khe an. Johnson kündigte die Bombardierung im Fernsehen an und berief sich auf das Recht zur Verteidigung gegen unprovozierte Angriffe.

Spätere Aussagen und Untersuchungen zeigten zugleich, dass die amerikanischen Aufklärungsfahrten eng mit den Überfällen gegen Nordvietnam verbunden waren. Die mit Spionagetechnik ausgestattete Maddox sollte Funkverkehr und Radaraktivitäten beobachten und durfte sich bis auf 11 Meilen der Küste sowie bis auf 4 Meilen vorgelagerten Inseln nähern. Dadurch konnten die Nordvietnamesen annehmen, dass sie an den Kommandoangriffen beteiligt war.

Politische Folgen

Präsident Johnson nutzte den Zwischenfall, um die amerikanische Beteiligung am Vietnamkrieg zu legitimieren. McNamara bestritt vor dem US-Kongress den Zusammenhang zwischen den vermeintlich unprovozierten nordvietnamesischen Angriffen und den südvietnamesischen Kommandounternehmen.

Am 7. August 1964 verabschiedete der Kongress die Tonkin-Resolution. Sie bevollmächtigte die Regierung, „alle notwendigen Schritte zu unternehmen, einschließlich des Gebrauchs bewaffneter Gewalt, um jedes Mitglied […] des Südostasiatischen Kollektiven Verteidigungsvertrages […] in der Verteidigung seiner Freiheit“ zu unterstützen. Im Repräsentantenhaus lautete das Abstimmungsergebnis 416 zu 0, im Senat 88 zu zwei. Damit konnte die Regierung Truppen nach Vietnam schicken, ohne dem Land offiziell den Krieg zu erklären. Ein Mitarbeiter des State Department nannte die Resolution deshalb das „funktionale Äquivalent einer Kriegserklärung“. Sie legalisierte von 1965 bis 1973 die amerikanischen Kriegsmaßnahmen in Vietnam.

Aufklärung der Falschdarstellung

Die offizielle Darstellung war bereits in den 1960er Jahren umstritten. Seit den 1980er Jahren gilt als erwiesen, dass es den behaupteten Angriff vom 4. August nicht gab. Die später veröffentlichten Belege zeigen, dass die US-Regierung die Ereignisse bewusst falsch darstellte, um den seit 1963 geplanten direkten Kriegseintritt durchzusetzen.

1971 übergab der Pentagon-Mitarbeiter Daniel Ellsberg die von ihm mitverfassten „Pentagon-Papiere“ an amerikanische Medien. Die Dokumente deckten die amtliche Darstellung als bewusste Falschinformation auf und trugen zur Rücknahme der Tonkin-Resolution durch den Kongress bei. Sie führten außerdem zur illegalen Überwachung von Vertretern der Demokratischen Partei und in deren Folge zur Watergate-Affäre. Auch Robert McNamaras 1995 veröffentlichte Memoiren stützten die spätere Einordnung.

Am 30. November 2005 freigegebene NSA-Dokumente bestätigten erneut, dass der Johnson gemeldete Angriff vom 4. August 1964 durch eine einseitige Auswahl von Funkmeldungen suggeriert und damit gezielt vorgetäuscht worden war. Allerdings waren auch nach der Veröffentlichung von Hanyoks zuvor geheimer Untersuchung im Herbst 2005 noch nicht alle Akten über den Zwischenfall öffentlich zugänglich.

Weiterlesen

Vietnamkrieg „Vietnamkrieg gegen USA“ oder „Amerikanischer Krieg“) wurde von etwa 1955 bis 1975 in und um Vietnam geführt. Als wichtigste Kriegsparteien standen Nordvietnam … Nordvietnam Die Spaltung wurde erst überwunden, nachdem die Armee Nordvietnams im Vietnamkrieg Südvietnam 1975 erobert hatte. Dem folgte am 2. Juli 1976 die … Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Bundesregierung (Vereinigte Staaten) Durch ein System der Gewaltenteilung (Checks and Balances) hat jeder dieser Zweige die Möglichkeit und Aufgabe, eigenständig zu arbeiten und auf die anderen … Präsident der Vereinigten Staaten Der Präsident ernennt Minister (englisch secretaries), die zusammen mit ihm die Regierung bilden. Sie bedürfen der Bestätigung durch den Senat. Ähnlich verhält … Central Intelligence Agency Die Central Intelligence Agency (zu deutsch Zentrale Nachrichtendienstagentur), offizielle Abkürzung CIA, ist ein Auslandsgeheimdienst der Vereinigten … Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten (englisch United States Department of Defense, abgekürzt DoD, seit 5. September 2025 auch United States … Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 1964 Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 1964 fand am 3. November 1964 statt und war die 45. Wahl des Präsidenten der USA. Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten Im politischen System der USA ist das Repräsentantenhaus maßgeblich an der Gesetzgebung beteiligt und hat einige Kontrollfunktionen gegenüber dem Präsidenten. Senat der Vereinigten Staaten Der Senat der Vereinigten Staaten (englisch United States Senate) ist neben dem Repräsentantenhaus eine der beiden Kammern des Kongresses der Vereinigten …