Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Tonikalisierung
tonicization (AE), französisch tonicisation) spricht man in der Musiktheorie, wenn vorübergehend eine andere als die I. Stufe einer herrschenden Tonart als …
Inhalt4 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Tonikalisierung bezeichnet in der Musiktheorie einen Vorgang, bei dem vorübergehend eine andere Stufe als die I. Stufe einer herrschenden Tonart wie eine Tonika (Grundton und klangliches Zentrum) wirkt. Das übergeordnete Bezugssystem, also die ursprüngliche Tonart, wird dabei nicht aufgegeben. Eine Tonikalisierung ist daher keine dauerhafte Modulation in eine neue Tonart.
Heinrich Schenker prägte den Begriff. Nach ihm strebt jede Stufe danach, den Wert der Tonika als stärkster Stufe zu erhalten. Gibt man diesem Drang innerhalb der Diatonie, also des zur Tonart gehörenden Tonvorrats, nach, nennt Schenker den Prozess Tonikalisierung; die damit verbundene Erscheinung bezeichnet er als Chromatik. Schenker unterscheidet unmittelbare und mittelbare Tonikalisierung.
Unmittelbare Tonikalisierung
Bei der unmittelbaren Tonikalisierung erhält eine Stufe nur durch einzelne Töne kurz eine Tonika-Färbung. Solche Töne können zum Beispiel Wechselnoten oder Durchgangsnoten sein. Es entsteht also keine ausgearbeitete Akkordfolge, die auf die betreffende Stufe hinführt.
Ein Beispiel findet sich in Johann Sebastian Bachs Italienischem Konzert, BWV 971, T. 30–34. Die herrschende Tonart ist F-Dur. Das es im zweiten Takt ist dort leiterfremd, gehört aber zu B-Dur. Deshalb wird die IV. Stufe von F-Dur, also B-Dur, unmittelbar tonikalisiert.
Mittelbare Tonikalisierung und Zwischendominanten
Die mittelbare Tonikalisierung kommt nach Schenker weitaus häufiger vor. Die zu tonikalisierende Stufe wird nicht bloß durch einzelne Töne hervorgehoben, sondern durch eine oder mehrere vorhergehende Stufen vorbereitet. Diese werden chromatisch verändert, sodass eine Harmoniefolge nach dem Schema V–I oder VII–I entsteht. In der Funktionstheorie geschieht dies durch Zwischendominanten: Eine Dominante wird vorübergehend nicht auf die eigentliche Tonika, sondern auf eine andere Stufe bezogen.
In Franz Schuberts Sinfonie in h-Moll, 1. Satz, T. 44–53, wird die II. Stufe der herrschenden Tonart G-Dur tonikalisiert. In T. 49 wird über dem Basston e die leitereigene Terz g zum gis erhöht. Dadurch dient die VI. Stufe als lokale Dominante und führt zur II. Stufe.
Miniaturtonikalisierung
Eine Miniaturtonikalisierung betrifft nicht ganze Stufen oder Akkordfolgen, sondern nur einzelne Töne. Ein vorausgehender Ton kann einem folgenden Ton kurzzeitig tonikale Färbung geben.
Im Instrumentalvorspiel zur Arie „The people that walked in darkness“ aus Georg Friedrich Händels Messiah wird der Ton fis beziehungsweise e jeweils so hervorgehoben: Dem fis geht eis voraus, dem e dis. Diese vorausgehenden Töne verleihen den folgenden Tönen jeweils kurzzeitig eine tonikale Färbung.