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Tod in Venedig (Film)

Tod in Venedig (Originaltitel: Morte a Venezia), auch Der Tod in Venedig, ist der Titel eines Films von Luchino Visconti aus dem Jahre 1971.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Handlung
  2. 2. Entstehung und Mitwirkende
  3. 3. Musik und filmische Gestaltung
  4. 4. Verhältnis von Film und Vorlage
  5. 5. Künstlerproblematik und mythologische Bezüge
  6. 6. Rezeption, Kontroversen und Auszeichnungen

Gegenstand und Handlung

Tod in Venedig (Originaltitel: Morte a Venezia), auch Der Tod in Venedig, ist ein 1971 entstandener, 130 Minuten langer italienischer Film von Luchino Visconti. Der in englischer Sprache gedrehte Film beruht auf Thomas Manns gleichnamiger Novelle. Im Mittelpunkt steht Gustav von Aschenbach, dargestellt von Dirk Bogarde. Anders als in der Vorlage ist er kein berühmter Schriftsteller, sondern ein gescheiterter und kränkelnder Komponist.

Aschenbach reist zur Erholung nach Venedig und wohnt im Grand Hotel des Bains auf dem Lido. Dort sieht er den schönen polnischen Knaben Tadzio, gespielt von Björn Andrésen, und verfällt ihm zunehmend. Er beobachtet Tadzio heimlich beim Spielen und Baden, verfolgt ihn durch Venedigs Gassen und Plätze und wagt nie, mit ihm zu sprechen. Seine zunächst als ästhetische Bewunderung verstandene Leidenschaft wird immer stärker. Schließlich bekennt er sich allein im Dunkeln mit den Worten „Ich liebe dich!“ zu seinen Gefühlen.

Währenddessen breitet sich in Venedig die indische Cholera aus. Hotelangestellte und andere Personen verharmlosen die Gefahr zunächst; ein Reisebüroangestellter warnt Aschenbach schließlich ausdrücklich. Trotzdem verlässt er die Stadt nicht, weil er Tadzio weiter beobachten möchte. Er lässt sich von einem Friseur die ergrauten Haare und den Schnurrbart schwarz färben, das Gesicht schminken und die Wangen mit Rouge betonen. Dadurch ähnelt er dem aufdringlichen, geschminkten Greis, der ihn bei seiner Ankunft belästigt hatte.

Als die polnische Familie abreisen will, geht Aschenbach ein letztes Mal zum Strand. Geschwächt und mit verlaufender Schminke beobachtet er Tadzio beim Spiel mit Jaschu. Tadzio geht anschließend ins Meer und deutet in die Ferne. Aschenbach versucht, sich zu erheben, sinkt jedoch tot in seinem Liegestuhl zusammen. Sein Tod verbindet die unerfüllte Leidenschaft mit körperlichem Verfall und der Seuche.

Entstehung und Mitwirkende

Visconti drehte viele Szenen im Grand Hotel des Bains, in dem Thomas Mann 1911 Urlaub gemacht hatte. Rückblenden entstanden in Österreich und Norditalien. Die Filmrechte waren zunächst an José Ferrer und Joseph Besch vergeben. Nach langen Verhandlungen verkaufte Ferrer seine Rechte im März 1970 für 72.000 US-Dollar an Visconti. Das Produktionsbudget betrug insgesamt rund zwei Millionen US-Dollar.

Die Hauptrolle war zuvor unter anderem von John Gielgud, Burt Lancaster und Alec Guinness abgelehnt worden. Dirk Bogarde erhielt 120.000 US-Dollar Gage. Die Dreharbeiten in Venedig dauerten etwa neun Wochen; die Todesszene nahm drei Tage in Anspruch. Mark Burns spielte Alfried, Aschenbachs Gegenspieler und Freund, der nach Viscontis Anweisung „wie ein Teufel“ auftreten sollte.

Björn Andrésen wurde nach einer monatelangen Suche in Stockholm entdeckt. Während der Dreharbeiten war er fünfzehn Jahre alt und erhielt für die zentrale Rolle des Tadzio 5.000 US-Dollar. Der frühe Ruhm machte ihn besonders in Japan zu einer Ikone der Schönheit, belastete ihn nach eigener späterer Aussage jedoch nachhaltig. Der Dokumentarfilm The Most Beautiful Boy in the World schildert diese Probleme.

Weitere wichtige Rollen übernahmen Silvana Mangano als Tadzios Mutter, Romolo Valli als Hoteldirektor, Marisa Berenson als Frau von Aschenbach und Franco Fabrizi als Friseur. Die deutsche Synchronfassung entstand zur deutschen Kinopremiere; Gustav von Aschenbach wurde von Holger Hagen gesprochen.

Musik und filmische Gestaltung

Visconti verwendet keine eigens komponierte Filmmusik. Neben Gustav Mahler setzt er Werke von Modest Mussorgski, Ludwig van Beethoven und Franz Lehár ein. Besonders wichtig ist das Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie. Es erklingt von der Eröffnungs- bis zur Sterbeszene viermal in längeren Ausschnitten und einmal als Klavierfassung. Das Stück begleitet Aschenbachs Sehnsucht, Melancholie, Weltabgewandtheit und Sterben.

Das Misterioso aus der 3. Sinfonie Mahlers mit Friedrich Nietzsches „Oh Mensch! Gib Acht!“ begleitet Tadzio. Die Verse „Weh spricht: Vergeh! / Doch alle Lust will Ewigkeit“ verbinden Schönheit, Liebe und den Wunsch nach Dauer über den Tod hinaus. Mussorgskis Wiegenlied Ninna Nanna kündigt Aschenbachs baldigen Tod an. Lehárs Operette Die lustige Witwe und die spöttischen Lieder der Straßenmusiker bilden dazu einen ironischen Kontrapunkt. Das Lied „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen / Hab’ mich lieb!“ kommentiert Aschenbachs Gefühle, die er nur sich selbst gegenüber ausspricht.

Die Musik ersetzt zunehmend die Sprache. Für den über zwei Stunden langen Film gibt es knapp zwanzig Seiten Dialoge; nur etwa ein Viertel des Films wird von Dialogen bestimmt. Viele Gäste sprechen unterschiedliche Fremdsprachen, die für Aschenbach unverständlich bleiben. Dadurch rücken Bilder, Blicke, Gesten und Musik in den Vordergrund. Die Kamera übernimmt häufig die beobachtende Perspektive Aschenbachs. Die erste Begegnung mit Tadzio im Hotelsalon dauert ungefähr acht Minuten und umfasst 19 Einstellungen; die letzte Verfolgung durch Venedig besteht aus 17 Einstellungen und dauert etwa sieben Minuten.

Die Farbsymbolik der Novelle wird übernommen und erweitert. Weiß steht häufig in Verbindung mit Verführung und Tod, Schwarz mit gesellschaftlicher Ordnung und Abendgarderobe. Rot erscheint unter anderem in Haaren, Krawatte und Getränken. Die detaillierte Darstellung des Hotels, der verfallenden Stadt, der Feuer, Bettler und Kranken erzeugt eine Atmosphäre von Dekadenz und Untergang.

Verhältnis von Film und Vorlage

Visconti bewahrt die Rahmengeschichte und die Chronologie der Novelle: Der Film beginnt mit Aschenbachs Ankunft in Venedig und endet mit seinem Tod am Strand. Die inneren Vorgänge, die Thomas Mann durch Träume, Tagträume und Selbstgespräche vermittelt, werden jedoch vor allem in sieben Rückblenden dargestellt.

Der Film verändert den Protagonisten grundlegend. Aus dem erfolgreichen Schriftsteller wird ein gescheiterter Komponist, dessen Konzert in München ausgebuht wird. Seine Reise hat zunächst gesundheitliche Gründe; die Schaffenskrise wird später eingeführt. Die Figuren Alfried und Esmeralda kommen in der Novelle nicht vor. Esmeralda verweist auf Thomas Manns Roman Doktor Faustus und verbindet Aschenbach mit dem Komponisten Adrian Leverkühn.

Die Cholera wird im Film früher und bedrohlicher sichtbar. Tadzio ist aktiver als in der Novelle und erwidert Aschenbachs Blicke teilweise kokett oder herausfordernd. Der wollüstige Albtraum der Novelle, in dem sich die Teilnehmer um den „fremden Gott“ versammeln, wurde nicht verfilmt. Stattdessen zeigt Visconti einen Albtraum von Aschenbachs gescheitertem Konzert.

Gleichzeitig übernimmt der Film zahlreiche Einzelheiten der Vorlage, darunter Kleidung, Schmuck, Gesten, Dialogbestandteile und die Figur des geschminkten Greises. Die Beziehung zwischen Film und Novelle wurde unterschiedlich bewertet: Für einige Kritiker ist die freie Bearbeitung eine legitime filmische Übersetzung; andere sahen darin eine Vergröberung und eine zu starke Konzentration auf die homoerotische Dimension. Visconti wollte die Vorlage nicht werkgetreu nachstellen, sondern mit Bildern, Musik und Gesten neu gestalten.

Künstlerproblematik und mythologische Bezüge

Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen künstlerischer Disziplin und sinnlicher Leidenschaft. Alfried vertritt in Rückblenden die These, Schönheit entstehe natürlich und sei der Kunst überlegen. Musik sei „die Mehrdeutigkeit selbst“ beziehungsweise „Zweideutigkeit als System“. Aschenbachs Glaube an eine platonische, beherrschte Kunst wird durch seine wachsende Leidenschaft für Tadzio erschüttert.

Der Film verbindet diese Problematik mit Elementen aus Doktor Faustus sowie mit Friedrich Nietzsches Gegensatz von Apollinischem und Dionysischem. Das Apollinische steht für Besonnenheit, Ordnung und Disziplin, das Dionysische für trunkene Sinnlichkeit und die „Nachtseite des Griechentums“. Aschenbachs Entwicklung führt von der apollinischen Selbstbeherrschung in eine dionysische, selbstzerstörerische Leidenschaft.

Tadzio erscheint zugleich als idealisierte Schönheit, als Eros-Figur und als mythologischer Todesbote. In der Schlusssequenz erinnert seine Geste an Hermes Psychopompos, der dem Sterbenden den Weg ins Jenseits weist. Die mythologischen Bezüge sind im Film gegenüber der Novelle reduziert, werden aber besonders durch die wiederkehrende Hermes-Pose und die Darstellung Tadzios als überirdisch schönen Jüngling angedeutet.

Visconti verbindet Verfall, Krankheit, Altern und Tod mit autobiographischen Bezügen. Aschenbach trägt Züge Thomas Manns, Gustav Mahlers und teilweise Viscontis selbst. Die Zuordnung zu Mahler war umstritten: Eine von Dirk Bogarde wiedergegebene Begegnung Thomas Manns mit dem verliebten Mahler im Zug ist frei erfunden. Thomas Mann hatte jedoch 1921 selbst erklärt, Mahlers Tod und äußere Erscheinung seien in die Konzeption der Novelle eingegangen.

Rezeption, Kontroversen und Auszeichnungen

Tod in Venedig gilt als eine der bekanntesten Thomas-Mann-Verfilmungen und als Wendepunkt der Rezeptionsgeschichte der Novelle. Der Film popularisierte besonders Mahlers Adagietto und beeinflusste spätere Literaturverfilmungen musikalisch und visuell. Die Novelle verkaufte sich nach dem Filmstart etwa zehnmal häufiger als zuvor. Auch Tonaufnahmen und Hörbücher griffen die Verbindung von Text und Mahler-Musik auf.

Die Reaktionen waren überwiegend anerkennend, aber nicht einheitlich. Gelobt wurden die Verbindung von Bild und Musik, die Kameraarbeit, die Kostüme, die Darstellung Dirk Bogardes und die atmosphärische Gestaltung Venedigs. Kritiker wie Joachim Kaiser, Hans Rudolf Vaget und andere beanstandeten dagegen die Rückblenden, Alfried, Esmeralda, den Wegfall der Ironie des Erzählers und die ihrer Ansicht nach zu erotische Darstellung Tadzios. Einige Musikwissenschaftler kritisierten außerdem die häufige Wiederholung des Adagiettos; andere hielten dessen Einsatz wegen seiner Bezüge zu Mahlers Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen für künstlerisch begründet.

Nach der Veröffentlichung protestierten Katia Manns Schwager Klaus Pringsheim sowie Dirigenten und Vertreter der Internationalen Gustav-Mahler-Gesellschaft gegen eine vermeintliche Gleichsetzung Aschenbachs mit Mahler. Michael Mann verteidigte später Viscontis künstlerisches Wagnis. Auch die Frage, ob Tadzios Verhalten eine erwiderte erotische Beziehung andeute, wurde unterschiedlich beantwortet; im Film kommt es jedoch zu keiner Berührung und keiner verbalen Liebeserklärung zwischen den beiden.

Die Weltpremiere fand am 1. März 1971 in London statt, die westdeutsche Kinopremiere am 4. Juni 1971. In der DDR wurde der Film 1974 erstmals gezeigt, die Fernsehpremiere erfolgte am 14. März 1993 im ZDF. Zu den Auszeichnungen gehören der Sonderpreis zum 25-jährigen Jubiläum der Filmfestspiele von Cannes 1971, der David di Donatello für die beste Regie, der Bodil für den besten europäischen Film sowie mehrere British-Academy-Auszeichnungen. Piero Tosi wurde 1972 für einen Oscar nominiert.

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