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Tiergeschichte

Um das auszugleichen, greift die Tiergeschichte auf andere Quellenarten zurück. Zu nennen sind hierbei beispielsweise normative Quellen (Gesetze …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Entwicklung
  2. 2. Zentrale Themen
  3. 3. Quellen und ihre Grenzen
  4. 4. Theoretische Grundlagen
  5. 5. Methoden der Forschung
  6. 6. Forschungsfeld heute

Grundidee und Entwicklung

Tiergeschichte ist ein Forschungsbereich der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht Mensch-Tier-Beziehungen in der Geschichte, die Geschichtlichkeit von Tieren und, in Anlehnung an die Human-Animal Studies, die Geschichtsmächtigkeit von Tieren. Damit ist gemeint, dass Tiere nicht nur als Hintergrund oder Besitz des Menschen betrachtet werden, sondern als Wesen, deren Anwesenheit, Verhalten und Beziehungen historische Prozesse mitprägen können.

Die Beschäftigung mit Tieren ist nicht neu: Agrargeschichte, Naturgeschichte und Symbolgeschichte untersuchten Tiere schon früher. Dabei standen aber meist ihr Nutzen für Menschen oder ihre symbolische Bedeutung im Vordergrund. Seit den 1990er Jahren wurde vor allem im anglo-amerikanischen Raum stärker gefordert, das historische Tier selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Perspektivwechsel wird mit dem „Animal turn“ verbunden, den die amerikanische Umwelthistorikerin Harriet Ritvo ausrief. Er schloss an andere kulturwissenschaftliche „turns“ an und sollte zeigen, dass Tiere für historische Forschung anschlussfähig und relevant sind.

Anfangs gab es Skepsis, weil Tiere keine eigenen schriftlichen Selbstzeugnisse hinterlassen. Deshalb entwickelte die Tiergeschichte einen interdisziplinären Zugang, der Quellen neu liest und Hinweise auf Tiere, ihr Handeln und ihre Beziehungen zu Menschen sichtbar machen soll. Der „Animal turn“ spiegelte zugleich gesellschaftliche Neubewertungen des Mensch-Tier-Verhältnisses wider. Auch andere historische Teilgebiete wie Wissenschaftsgeschichte, Transfergeschichte und Kolonialgeschichte wurden dadurch neu angeregt; besonders wichtig sind Raumgeschichte, Stadtgeschichte und Körpergeschichte.

Zentrale Themen

Die Tiergeschichte fragt nach Tieren in historischen Prozessen, nach der geschichtlichen Aushandlung von Mensch-Tier-Beziehungen und nach dem konkreten Handeln von Tieren. Wichtige historische Meta-Ereignisse sind Domestizierung, Urbanisierung, Industrialisierung und Kolonisation. Die Forschung geht davon aus, dass Tiere in allen Epochen in unterschiedlichen und wandelbaren Beziehungen zu Menschen standen: als Nutztiere, Haustiere oder Statussymbole, als Gefährten oder Konkurrenten.

Ein wichtiger Untersuchungsgegenstand ist, wie Menschen Gleichheit und Andersartigkeit von Tieren verstanden und dargestellt haben. Solche Vorstellungen lassen sich zum Beispiel über Abbildungen und Sichtbarkeiten erschließen. Als Analyserahmen dient häufig der Raum: etwa die Verlagerung von Tieren aus dem öffentlichen in den privaten Raum oder die Verbindung von Staatlichkeit und privatem Raum durch Gesetze, zum Beispiel Tierschutzgesetzgebung und Steuergesetze.

Konkrete Forschungsfelder sind Nutztierhaltung, Haustiere, Zoologische Gärten, Jagd, Tierzucht, Tiere im Sport und Tiere im militärischen Kontext. Der militärische Bereich spielt innerhalb der Tiergeschichte nur eine untergeordnete Rolle. Ein besonderer Zugang ist die Biographie einzelner Tiere, bei der versucht wird, die Geschichte eines bestimmten Tieres zu rekonstruieren.

Quellen und ihre Grenzen

Das Grundproblem der Tiergeschichte ist das Nichtvorhandensein tierischer Selbstzeugnisse. Tiere haben keine eigenen Tagebücher, Briefe oder Berichte im menschlichen Sinn hinterlassen. Deshalb arbeitet die Tiergeschichte mit anderen Quellengruppen und versucht, darin Spuren von Tieren und Mensch-Tier-Beziehungen zu erkennen.

Genutzt werden normative Quellen wie Gesetze, Stadtordnungen und Steuerordnungen. Dazu kommen dokumentarische Quellen wie Verwaltungsakten, Tagebücher und Briefe. Außerdem werden archäologische Quellen genannt, im Artikel etwa Veduten und Porträts. Auch ethologische Beobachtungen, also Beobachtungen des Verhaltens von Tieren, werden herangezogen.

Wichtig ist die Relektüre bereits bekannter Quellen. Das bedeutet: Quellen, die früher unter anderen Fragestellungen gelesen wurden, werden gezielt auf tiergeschichtliche Hinweise untersucht. Die Tiergeschichte geht insgesamt davon aus, dass historische Quellen neu gelesen und Leerstellen gefüllt werden müssen.

Theoretische Grundlagen

Die Tiergeschichte nutzt verschiedene theoretische Modelle, um Quellen zu interpretieren. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob Tiere eher als einzelne Individuen oder als Kollektive betrachtet werden. Ein wichtiger Ansatz ist, Tieren agency zuzuschreiben. Agency bedeutet Handlungs- oder Wirkungsmächtigkeit: Tiere werden also als Wesen verstanden, die historische Situationen beeinflussen können.

Eine zentrale Rolle spielt die Akteur-Netzwerk-Theorie. Sie spricht Tieren als „nichtmenschlichen Wesen“ Akteursstatus zu. Mit Bezug auf Bruno Latour wird angenommen, dass im Sinne einer symmetrischen Anthropologie der Gegensatz von Kultur und Natur aufgehoben werden muss. So sollen Tiere als geschichtlich Handelnde sichtbar werden. Zugleich wird die soziale Ebene zwischen Mensch und Tier untersucht: Mensch und Tier werden relational verstanden, also in ihren Beziehungen zueinander.

Ein weiterer Bezugspunkt ist Donna Haraways Modell einer „co-constitutive relationship“. Damit ist gemeint, dass Mensch und Tier sich in ihren gemeinsamen Lebenswelten gegenseitig mit hervorbringen. Haraway beschreibt dies besonders am Beispiel enger Beziehungen zwischen „companion species“. Außerdem nutzt die Tiergeschichte praxeologische Ansätze. Praxeologie richtet den Blick auf Praktiken, also auf konkretes soziales Handeln. Für die Tiergeschichte bedeutet das, nicht nur Diskurse, also sprachliche Deutungen, zu untersuchen, sondern auch nichtdiskursive Praktiken, materielle Dinge und Bedeutungen zusammenzudenken.

Methoden der Forschung

Methodisch greift die Tiergeschichte auf den breiten Werkzeugkasten der Geschichtswissenschaft zurück. Sie nutzt unter anderem Zugänge aus Naturgeschichte, Zivilisationsgeschichte, Mentalitätsgeschichte sowie neuer Sozial- und Kulturgeschichte und interpretiert sie neu.

Am häufigsten steht die Untersuchung der Tier-Mensch-Beziehung im Mittelpunkt. Solche Beziehungskonstellationen können als „entangled history“ verstanden werden. Damit ist eine verflochtene Geschichte gemeint, in der verschiedene Akteure eines Netzwerkes zueinander in Beziehung gesetzt und als miteinander verbunden betrachtet werden.

Weitere Methoden sind der biographisch-subjektivistische Ansatz, der handlungsorientierte Ansatz mit Fokus auf Akteure und der praxeologisch-performative Ansatz. Auch die Untersuchung von Tiersymboliken gehört dazu, obwohl sie oft vor allem menschliche Geschichte verhandelt. Als Raumgeschichte untersucht Tiergeschichte gemeinsam genutzte Räume von Menschen und Tieren. Diskursgeschichtliche Methoden analysieren animalische Zuschreibungen an Menschen und menschliche Zuschreibungen an Tiere. Wegen der schwierigen Quellenlage kann ein ethologischer Zugriff helfen. Gemeinsam ist diesen Methoden, dass Quellen „gegen den Strich gebürstet“ und im Sinne der symmetrischen Anthropologie neu gelesen werden.

Forschungsfeld heute

Zum Forschungsfeld gehören zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter. Im angloamerikanischen Raum nennt der Artikel unter anderem Harriet Ritvo, Hilda Kean, Erica Fudge, Susan McHugh, Susan Pearson, Nigel Rothfels, Brett Walker, Brett Mizelle und Kathleen Kete. Für die deutsche Forschung werden Gesine Krüger, Aline Steinbrecher, Clemens Wischermann, Mitchell Ash, Maren Möhring, Rainer Pöppinghege, Pascal Eitler, Anna-Katharina Wöbse, Mieke Roscher und Dorothee Brantz genannt.

In der Theoriebildung bezieht sich die Tiergeschichte unter anderem auf Giorgio Agamben, Donna Haraway, Bruno Latour, Jacques Derrida, Gilles Deleuze/Félix Guattari, Elias Canetti, Walter Benjamin, Michel Foucault und Claude Lévi-Strauss.

In Deutschland hat sich die Tiergeschichte seit 2011 um das Forschungsnetzwerk „Animals and History – Tiere und Geschichte“ gruppiert, das sich einmal jährlich zu einer Konferenz trifft. Außerdem besteht an der Universität Kassel eine Professur für Mensch-Tier-Geschichte. Seit 2012 erscheint die interdisziplinär ausgerichtete und stark historisch interessierte Fachzeitschrift „Tierstudien“.

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