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Bruno Latour

Bruno Paul Louis Latour (* 22. Juni 1947 in Beaune; † 9. Oktober 2022 in Paris) war ein französischer Soziologe und Philosoph.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Leben und akademischer Weg
  3. 3. Akteur-Netzwerk-Theorie und Wissenschaftsforschung
  4. 4. Kritik, Klimadebatte und Technikbeispiele
  5. 5. Werke, Ausstellungen und Auszeichnungen

Person und Bedeutung

Bruno Paul Louis Latour (* 22. Juni 1947 in Beaune; † 9. Oktober 2022 in Paris) war ein französischer Soziologe und Philosoph. Seine wichtigsten Arbeitsgebiete waren die Wissenschafts- und Techniksoziologie, also die Untersuchung, wie Wissenschaft und Technik in der Gesellschaft entstehen, funktionieren und wirken. Er gilt als einer der Begründer der Akteur-Netzwerk-Theorie.

Latour wurde besonders wichtig, weil er wissenschaftliche Tatsachen nicht nur als fertige Ergebnisse betrachtete, sondern fragte, wie sie in Laboren, Texten, Geräten, Institutionen und sozialen Beziehungen hergestellt und stabilisiert werden. Dabei ging es ihm nicht darum, Wissenschaft einfach abzuwerten. Später betonte er ausdrücklich, dass Tatsachen zugleich real und konstruiert sein können: Sie sind wirklich, aber ihre Anerkennung entsteht durch konkrete wissenschaftliche Praktiken.

Leben und akademischer Weg

Latour stammte aus einer Weinhändlerfamilie. Er studierte Philosophie, Anthropologie und Bibelexegese und wurde 1975 an der Universität Tours promoviert. Während seines Militärdienstes in Afrika entwickelte er ein Interesse an den Sozialwissenschaften und schrieb eine ethnographische Studie über französische Methoden der Industrieerziehung in Abidjan. Ethnographie bedeutet hier: genaue Beobachtung und Beschreibung sozialer Praktiken in einem bestimmten Umfeld.

1979 veröffentlichte er zusammen mit dem britischen Soziologen Steve Woolgar Laboratory Life. Das Buch beruhte auf Feldstudien im Labor des späteren Nobelpreisträgers Roger Guillemin. Darin untersuchte Latour, welche Rolle rhetorische Strategien, technische Geräte und materielle Artefakte bei der „Konstruktion wissenschaftlicher Tatsachen“ spielen. 1987 weitete er diese Perspektive mit Science in Action auf Technik aus.

1982 wurde Latour Professor für Soziologie an der École Nationale Supérieure des Mines in Paris. 1987 habilitierte er sich an der École des Hautes Études en Sciences Sociales. In den Science Wars der 1990er Jahre wurde er unter anderem von Alan Sokal stark kritisiert. Mit Die Hoffnung der Pandora reagierte Latour auf diese Kritik.

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit arbeitete Latour auch an Ausstellungen und theatralen Formen. Zusammen mit Peter Weibel kuratierte er am ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe mehrere Ausstellungen. Im Projekt Gaia Global Circus schrieb er mit Chloé Latour und Frédérique Ait-Touatti Latour das Theaterstück Cosmocolosse, das 2013 vom Bayerischen Rundfunk als Kosmokoloss. Eine Tragikomödie über das Klima und den Erdball adaptiert wurde. 2016 folgte eine französische Radioadaption durch France Culture. Latour starb im Oktober 2022 im Alter von 75 Jahren an den Folgen einer Erkrankung mit Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Akteur-Netzwerk-Theorie und Wissenschaftsforschung

Latours erste große Bekanntheit entstand durch Laboratory Life: The Construction of Scientific Facts von 1979, das er mit Steve Woolgar veröffentlichte. Die Untersuchung beruhte auf einer 1975 begonnenen teilnehmenden Beobachtung im kalifornischen Salk Institute. Teilnehmende Beobachtung bedeutet, dass Forschende eine soziale Situation direkt beobachten und dabei möglichst nah am Alltag der Beteiligten bleiben.

Latour und Woolgar beschrieben wissenschaftliche Arbeit als besonderen „Kapitalzyklus“ oder „Cycle of Credibility“. Damit meinten sie einen Kreislauf, in dem Wissenschaftler Glaubwürdigkeit aufbauen und Anerkennung sammeln. Gelder, Daten, Prestige, Problemfelder, Argumente und Publikationen werden in diesem Kreislauf miteinander verbunden und ineinander übersetzt. Ein entdecktes Problemfeld kann zum Beispiel Argumente liefern; diese können zu Veröffentlichungen führen; Veröffentlichungen können Prestige schaffen; Prestige kann helfen, Drittmittel einzuwerben; mit diesen Mitteln können neue Daten erhoben werden.

Gemeinsam mit Michel Callon und John Law entwickelte Latour später die Akteur-Netzwerk-Theorie, auf Englisch actor network theory. Sie wurde zu einer eigenen Denkschule in der Soziologie. Ihr Grundgedanke ist, dass Handeln nicht nur Menschen zugeschrieben wird. Auch Dinge, technische Artefakte, Naturgegebenheiten und Institutionen können in Netzwerken eine Rolle spielen. Anders als ein einfacher Sozialkonstruktivismus behauptet diese Theorie nicht nur, Technik und Wirklichkeit seien sozial konstruiert. Sie beschreibt vielmehr, wie Technik, Natur und Soziales sich in Netzwerken gegenseitig Eigenschaften und Handlungsmöglichkeiten zuschreiben.

Auf dieser Grundlage entwickelte Latour in Werken wie Wir sind nie modern gewesen und Das Parlament der Dinge eine Kritik der „modernen“ Gesellschaft. In Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie geht er davon aus, dass Menschengruppen einander jeweils als anders erscheinen. In diesem Sinn bestehe eine Symmetrie, auch wenn eine Zivilisation einer anderen technisch überlegen sei.

Kritik, Klimadebatte und Technikbeispiele

Latour setzte sich auch kritisch mit den Folgen sozialkonstruktivistischer Kritik auseinander. In dem Aufsatz Why has Critique run out of Steam? von 2004 fragte er, ob die größere Gefahr heute nicht mehr von ideologischen Argumenten ausgehe, die als Tatsachen verkleidet seien, sondern umgekehrt von einem „exzessiven Misstrauen“ gegenüber Tatsachen, die zu Unrecht als ideologische Argumente behandelt würden. Am Beispiel der „künstlich am Laufen gehaltenen“ Kontroverse um die globale Erwärmung kritisierte er den Missbrauch sozialkonstruktivistischer Argumente durch Klimawandelleugner. Er schrieb, „dangerous extremists are using the very same argument of social construction to destroy hard-won evidence that could save our lives.“

Ein wichtiges Beispiel für Latours Technikforschung ist Aramis oder die Liebe zur Technik, erschienen 1993 auf Französisch, 1996 auf Englisch und 2018 vollständig auf Deutsch. Darin untersuchte er das gescheiterte Verkehrsprojekt „Aramis“, das privaten und öffentlichen Verkehr durch ein computergesteuertes PRT-System verbinden sollte. PRT steht für ein Personal-Rapid-Transit-System, also ein automatisiertes Verkehrssystem mit kleinen Einheiten für individuelle Fahrten. Latour zeigte anhand von Interviews und Forschungsnotizen, wie widersprüchliche Interessen, Hoffnungen und sogar emotionale Bindungen an Technik den Aufstieg und Fall von Innovationen beeinflussen.

Kritik an Latours Wissenschaftsverständnis kam unter anderem vom Physiker Alan Sokal, der seine Position im Zusammenhang mit der Sokal-Affäre als irrational bezeichnete. Auch der Philosoph Markus Gabriel nannte Latours Wissenschaftstheorie „postmodernen Unsinn“. Latour widersprach solchen Vorwürfen. Für ihn hatte die Wissenschaftsforschung gezeigt, dass Tatsachen zugleich real und konstruiert sind. Er sah in der Wissenschaftsforschung keinen Angriff auf Wissenschaft, sondern einen Versuch, besser zu verstehen, wie Wissenschaft praktisch arbeitet. Wissenschaftsfeindliches Denken und sogenannte „alternative Fakten“ kritisierte er deutlich. Mit Blick auf Attacken gegen Klimawissenschaften und andere Disziplinen sprach er von einem tatsächlichen Krieg gegen die Wissenschaften, der eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wissenschaftsforschung verlange.

Werke, Ausstellungen und Auszeichnungen

Zu Latours wichtigen Monografien gehören Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts (1979, mit Steve Woolgar), Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society (1987), Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie (französisch 1991, deutsch 1995), Aramis oder Die Liebe zur Technik (französisch 1993, deutsch vollständig 2018), Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie (französisch 1999, deutsch 2001), Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft (deutsch 2000) und Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie (deutsch 2007). Spätere Arbeiten beschäftigten sich unter anderem mit Ökologie, Klima und Politik, etwa Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime (deutsch 2017), Das terrestrische Manifest (deutsch 2018), Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown (deutsch 2021) und Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum (2022, mit Nikolaj Schultz).

Am ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe war Latour an mehreren Ausstellungen beteiligt: Iconoclash. Jenseits der Bilderkriege in Wissenschaft, Religion und Kunst (2002), Making Things Public. Atmosphären der Demokratie (2005), Reset Modernity (2016) und Critical Zones: Horizonte einer neuen Erdpolitik (2020).

Latour erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Am 28. September 2008 wurde er in Frankfurt am Main mit dem Siegfried-Unseld-Preis ausgezeichnet; die Jury bezeichnete ihn als „großen Erneuerer der Sozialwissenschaften“. Im selben Jahr wurde er in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. 2010 erhielt er den Kulturpreis der Münchener Universitätsgesellschaft und den Nam June Paik Art Center Award. Für 2013 wurde ihm der Holberg-Preis zugesprochen, dotiert mit 4,5 Millionen norwegischen Kronen, zum Verleihungszeitpunkt etwa 610.000 Euro. 2014 wurde er Mitglied der Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique, 2015 hatte er die Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln inne, 2018 wurde er in die British Academy gewählt, und 2021 erhielt er den Kyoto-Preis.

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