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Theorie der muslimischen Entdeckung Amerikas
Die Theorie der muslimischen Entdeckung Amerikas ist eine Hypothese, die davon ausgeht, dass die Entdeckung Amerikas bereits vor Kolumbus durch muslimische …
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Kern der Hypothese
Die Theorie der muslimischen Entdeckung Amerikas ist eine nicht allgemein anerkannte Hypothese. Nach ihr erreichten muslimische Seefahrer Amerika bereits vor Christoph Kolumbus und kartierten Teile des Kontinents. Europäische Entdecker seien daher nicht nur zufällig auf unbekannte Landmassen gestoßen, sondern hätten ältere Karten und nautisches Wissen aus dem arabisch-islamischen Kulturraum verwendet. Wichtigster wissenschaftlicher Vertreter ist der türkische Wissenschaftshistoriker Fuat Sezgin. Er entwickelte seine Argumentation im 13. Band seiner 2007 erschienenen Geschichte des arabischen Schrifttums.
Sezgin grenzt seine Erklärung von Gavin Menzies’ Hypothese ab, nach der eine Flotte des chinesischen Admirals Zheng He Amerika zwischen 1421 und 1423 entdeckt habe. Menzies berief sich unter anderem auf die Karte des Zuane Pizzigano von 1424 und die koreanische Kangnidokarte von 1402. Sezgin hält eine solche Reise für unvereinbar mit den überlieferten Angaben zu Zheng Hes Fahrten und eine Umsegelung Grönlands im 15. Jahrhundert für unmöglich. Einige von Menzies untersuchte Karten deutet er jedoch als Hinweise auf arabische statt chinesische Entdeckungsfahrten.
Als geistige Voraussetzung für gezielte Atlantikreisen betrachtet Sezgin ein verändertes Weltbild. Die Weltkarte, die arabische Geographen im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts für den Kalifen al-Ma'mūn anfertigten, zeigte die bewohnte Welt als Insel zwischen Ozeanen. Der Gelehrte al-Bīrūnī (gestorben 1048) vermutete später, zwischen dem östlichen und westlichen Ende der bekannten Welt könne ein weiteres Festland oder eine bewohnte Insel liegen. Für gezielte Reisen waren außerdem geeignete Schiffe, Navigationstechnik, die Vorstellung von der kugelförmigen Erde und Kenntnisse ihres Umfangs notwendig.
Berichte über frühe Atlantikfahrten
Sezgin führt mittelalterliche arabische Texte als Belege dafür an, dass seit der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wiederholt Atlantikfahrten von al-Andalus, der muslimisch beherrschten Iberischen Halbinsel, und von Westafrika aus unternommen wurden. Die Berichte schildern solche Expeditionen, beweisen für sich genommen jedoch nicht eindeutig, dass Amerika erreicht wurde.
Al-Masʿūdī (gestorben 956) berichtet von Chaschchāsch aus Córdoba und seinen Begleitern. Sie seien mit Schiffen auf den Ozean gefahren und nach längerer Zeit mit reicher Beute zurückgekehrt. Nach al-Masʿūdī war ihre Geschichte in al-Andalus bekannt. Der Geograph al-Idrīsī (gestorben 1166) erzählt von acht miteinander verwandten Abenteurern aus Lissabon. Sie bauten ein Schiff, versorgten sich für mehrere Monate und segelten in den Atlantik. In der Nähe des Hafens von Lissabon soll der „Weg der Abenteurer“ nach ihnen benannt worden sein.
Für Westafrika beruft sich Sezgin auf Ibn Fadlallāh al-ʿUmarī (gestorben 1349). Mansa Musa, Herrscher des Malireichs, soll während seiner Pilgerfahrt nach Mekka berichtet haben, sein Vorgänger Abubakari II. habe eine Flotte ausgeschickt, die das andere Ufer des Ozeans erreichen sollte. Nur ein Schiff sei zurückgekehrt. Daraufhin sei Abū Bakr selbst mit einer zweiten Flotte aufgebrochen; weder er noch seine Begleiter seien zurückgekehrt.
Karten als Hauptargument
Sezgins wichtigstes Argument betrifft Karten, die nach seiner Auffassung Kenntnisse aus Reisen vor Kolumbus bewahren. Bartolomé de Las Casas (1484–1566) berichtete, Kolumbus habe bereits eine Karte besessen, auf der die Küste des Landes verzeichnet gewesen sei, das er für Indien hielt. Im Logbuch der Santa Maria steht unter dem 25. September 1492 außerdem, Kolumbus habe Martín Alonso Pinzón drei Tage zuvor eine Karte mit Inseln geschickt. Der Kartographiehistoriker Paul Kahle schloss daraus, dass Kolumbus eine graduierte Atlantikkarte mit mesoamerikanischen Inseln besaß. Sezgin folgert weitergehend, dieser Karte müsse mindestens eine erfolgreiche präkolumbische Erkundungsreise vorausgegangen sein.
Besonders wichtig ist die Atlantikkarte des osmanischen Admirals Pīrī Re'īs von 1513. Sezgin hielt ihren nördlichen Teil zunächst für eine Überlieferung der verlorenen Kolumbuskarte und den südlichen Teil für die Kopie einer portugiesischen Vorlage. Später verwarf er die zweite Annahme: Die Küste Südamerikas sei genauer dargestellt als auf den ältesten portugiesischen Karten bis etwa 1502. Auch die Mündung des Río de la Plata ist eingezeichnet, obwohl ihre Entdeckung gewöhnlich auf 1515 datiert wird. Eine im Süden nach Osten reichende Landmasse deutete Sezgin vorsichtig als mögliches Zeugnis muslimischer Kenntnis der Antarktis.
Die gradnetzlose Weltkarte des Alberto Cantino von 1502 zeigt Brasilien sowie Kuba, Haiti, Jamaika, Puerto Rico und die Antillen. Sezgin bezweifelt, dass die kurzen europäischen Erkundungen bis dahin für eine solche Darstellung ausreichten. Die Karte des Juan de la Cosa, die im Kolophon auf 1500 datiert ist, gibt die Entfernung zwischen Westafrika und Nordostbrasilien nach Sezgin wirklichkeitsnah wieder. Bei Kuba, Haiti, Jamaika und Puerto Rico nennt der Artikel Abweichungen von etwa 5°, beim Golf von Mexiko und der südöstlichen Küste Nordamerikas zwischen 5° und 10°. Zugleich erscheinen Gebiete, deren europäische Entdeckung erst zwischen 1503 und 1508 erfolgt sein soll. Dieses Argument hängt allerdings davon ab, dass die Datierung auf 1500 zutrifft.
Nach Sezgin sind die Karten von Pīrī Re'īs, Cantino und de la Cosa miteinander verwandt, ohne unmittelbar voneinander kopiert zu sein. Er nimmt eine gemeinsame graduierte Vorlage an. Weil seiner Ansicht nach damals allein arabisch-islamische Fachleute Längengrade hinreichend genau bestimmen konnten, schreibt er diese Vorlage diesem Kulturraum zu. Als Gegenbeispiel führt er Kolumbus an, dessen Bestimmungen auf der zweiten Reise um bis zu 38°45 von der Realität abgewichen seien.
Weitere Indizien und europäische Nutzung
Als zusätzlichen Beleg verwendet Sezgin die portugiesische Kopie eines 26-teiligen javanischen Atlasses, der 1511 bei der Eroberung Malakkas durch Afonso de Albuquerque in portugiesische Hände gelangte. Der Atlas stellt Madagaskar sehr genau dar und enthält eine Karte der Ostküste Südamerikas. Sezgin glaubte zunächst an eine Übernahme von portugiesischen Karten, deutete die abweichende Darstellung später aber als Kopie einer Karte, die arabisch-islamische Nautiker im 9./15. Jahrhundert angefertigt haben müssten.
Auf der Weltkarte Fra Mauros von 1459 wird eine Fahrt aus dem Jahr 1420 erwähnt: Eine Dschunke sei aus dem Indischen Ozean um das „Kap Diab“, über die „Grünen Inseln“ im „Meer der Finsternis“ zu den „Inseln der Männer und Frauen“ gefahren. Sezgin deutet die Grünen Inseln als Kapverden, das Meer der Finsternis als Atlantik und die Inseln der Männer und Frauen möglicherweise als Virgin Islands. Für ihn belegt die Aufschrift eine bekannte arabische Route bis in die Karibik; Menzies deutete sie dagegen als Hinweis auf eine chinesische Flotte.
Antonio Pigafetta, Begleiter Ferdinand Magellans auf der ersten Weltumsegelung, berichtet, Magellan habe die später nach ihm benannte Meeresstraße schon auf einer Karte Martin Behaims gesehen. Sezgin hält die Karte für Behaims Kopie einer älteren Vorlage. Nach einem Bericht António Galvãos brachte der portugiesische Kronprinz Dom Pedro 1428 aus dem Orient eine Weltkarte mit, auf der die Magellanstraße und das Kap der Guten Hoffnung bereits als „Drachenschwanz“ und „Stirn Afrikas“ eingetragen gewesen seien. Die gesüdete, also mit Süden oben ausgerichtete Darstellung Südamerikas bei Pigafetta deutet Sezgin als „arabische Art“.
Grundsätzlich meint Sezgin, arabische Seefahrer hätten seit dem 9. Jahrhundert genaue Längendifferenzen bestimmen und große Strecken über offene Meere zurücklegen können, während Europa genaue Längenpositionen erst im 18. Jahrhundert zuverlässig ermittelte. Karten, Lotsen, der Jakobsstab und hochentwickelte Schiffskompasse aus dem arabisch-islamischen Kulturraum hätten die portugiesische Erkundung des Indischen Ozeans ermöglicht. Entsprechend seien auch ältere arabische Karten für Europas Fahrten nach Amerika genutzt worden. Die 1474 von Paolo dal Pozzo Toscanelli an Fernam Martins gesandte Karte, von der Kolumbus eine Abschrift besaß, hält Sezgin für die Bearbeitung eines arabischen Originals. Dass nur wenige arabische Karten erhalten sind, erklärt er mit ihrer Überlieferung auf leicht verlorenen Einzelblättern.
Bewertung und Verbreitung
In der Geschichtswissenschaft hat Sezgins Hypothese kaum Zustimmung gefunden. Michael Kempe, Leiter der Leibniz-Forschungsstelle der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, würdigte 2015 Sezgins Forschungsarbeit und Kartenanalysen, kritisierte jedoch, dass er sich hauptsächlich auf Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stütze und die aktuelle Fachdiskussion nicht berücksichtige. Susanne Billig stellte die Theorie 2017 populärwissenschaftlich in „Die Karte des Pīrī Reʾis“ dar und hielt eine präkolumbische Ankunft arabischer Seefahrer aufgrund der Karten für „so gut wie sicher“.
Weitere Anhänger stützen sich auf zusätzliche, ebenfalls umstrittene Indizien. Der Imam Abdullah Hakim Quick nennt neben arabischen Reiseberichten und der Pīrī-Re'īs-Karte auch eine Karte Hacı Ahmeds von 1559, Münzen, Ortsnamen, Inschriften, Artefakte, sprachliche Hinweise und das Logbuch des Kolumbus. Er versucht besonders eine präkolumbische Anwesenheit der Mandinka in Amerika zu belegen. Youssef Mroueh von der As-Sunnah Foundation of America datierte die Ankunft von Muslimen auf 996 und deutete Kolumbus’ Logbucheintrag vom 29. Oktober 1492 so, als habe dieser an Kubas Nordostküste eine Moschee gesehen.
Recep Tayyip Erdoğan griff Mrouehs Deutung im November 2014 auf und behauptete, muslimische Seefahrer hätten Amerika 1178, drei Jahrhunderte vor Kolumbus, entdeckt. Sein angekündigtes Moscheebauprojekt in Kuba wurde bis Oktober 2022 nicht umgesetzt; unabhängig davon wurde 2015 in Havanna eine Moschee für die etwa 10.000 Muslime Kubas eingerichtet.
Unter manchen lateinamerikanischen Muslimen besitzt die Theorie identitätsstiftende Bedeutung. Sie verstehen ihren Übertritt zum Islam als Rückkehr zu den eigenen Ursprüngen und sprechen deshalb von „Reversion“ statt von Konversion. Diese gesellschaftliche Bedeutung ändert jedoch nichts daran, dass die behauptete muslimische Entdeckung und Kartierung Amerikas vor Kolumbus eine umstrittene, von der professionellen Geschichtswissenschaft nicht bestätigte Hypothese bleibt.