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Geschichte der Kartografie
Die Geschichte der Kartografie oder Kartografiegeschichte befasst sich mit den Methoden, Verfahren und Ergebnissen der Kartografie in historischer Hinsicht.
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Abgrenzung
Die Geschichte der Kartografie oder Kartografiegeschichte untersucht die Methoden, Verfahren und Ergebnisse der Kartografie in historischer Hinsicht. Dazu gehören die Entwicklung der Kartenherstellung und -reproduktion, der kartografischen Zeichensprache, der Kartengestaltung, der Kartenprojektionen und der Kartennutzung. Sie befasst sich außerdem mit Kartografen, kartografischen Schulen und Ausbildungstraditionen, Institutionen, Organisationen, Kartensammlungen und Fachliteratur.
Das Fach ist stark interdisziplinär. Es berührt unter anderem Wissenschafts-, Kultur-, Kunst-, Buch- und Entdeckungsgeschichte sowie Verlags-, Bibliotheks- und Archivwesen, Globenkunde und Vermessungswesen. Es gilt heute nicht als Teil der praktischen Kartografie, sondern als eigenes Fachgebiet der historischen Grundwissenschaften.
Davon wird die Kartengeschichte unterschieden. Sie untersucht die Entstehung, Entwicklung und das Schicksal einzelner Karten und Kartenwerke sowie verwandter Darstellungen wie Globen und Panoramen. Beide Gebiete werden im Alltag und in der Fachpraxis jedoch oft nicht scharf getrennt und sind aufeinander angewiesen.
Die Historische Geographie gehört nicht zur Kartografiegeschichte. Sie nutzt kartografische Quellen, um vergangene Weltbilder zu erschließen. Zuvor müssen alte Karten jedoch durch die Kartengeschichte möglichst genau datiert und kritisch auf ihre Quellen geprüft werden.
Von den frühesten Darstellungen bis zur Antike
Karten dürften schon früh entstanden sein, etwa als Zeichnungen im Sand oder als mündlich überlieferte, formalisierte Beschreibungen räumlicher Verhältnisse. Solche vergänglichen Formen sind nicht erhalten. Eine Gravierung auf Mammut-Elfenbein aus Meschyritsch in der Ukraine, datiert auf etwa 13.000 v. Chr., könnte Hütten eines Wohnplatzes zeigen und wäre dann die älteste bekannte Landkarte. Eine Wandmalerei aus Çatalhöyük stellt möglicherweise die Siedlung um 6200 v. Chr. mit Häusern und dem Doppelgipfel des Vulkans Hasan Dağı dar. Um 1500 v. Chr. entstand bei Capo di Ponte im Val Camonica auf 4,16 × 2,30 m der Plan eines Ortes mit Tieren und Menschen.
Aus Mesopotamien sind mehrere kartografische Zeugnisse erhalten. Eine 7 × 7 cm große Tontafel aus Nuzi, datiert zwischen 2340 und 2200 v. Chr., zeigt Berge, Flüsse und Städte; die Erde erscheint als runde Scheibe im Weltmeer. Ein babylonischer Stadtplan von Nippur entstand um ca. 1500 v. Chr. Die babylonische Weltkarte stammt aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Der 1900 entdeckte und 2014 wiedergefundene Stein von Saint-Bélec wurde 2021 als Karte eines etwa 21 × 30 km großen Gebiets in der Bretagne interpretiert. Seine Datierung ist nicht einheitlich angegeben: 2200 bis 800 oder 1900–1650 v. Chr. Aus Ägypten ist eine Papyruskarte der nubischen Goldminenfelder von ca. 1300 v. Chr. erhalten.
Im griechischen Kulturkreis entstanden wissenschaftlich geprägte Erdbilder. Anaximander soll um 541 v. Chr. eine nicht erhaltene Weltkarte gezeichnet haben. Hekataios von Milet nutzte sie um 500 v. Chr.; Herodot beschrieb zur gleichen Zeit, wie eine Weltkarte zu zeichnen sei. Kurz vor 200 v. Chr. berechnete Eratosthenes von Kyrene den Erdumfang anhand des Sonneneinstrahlwinkels und unter der Annahme einer kugelförmigen Erde. Claudius Ptolemäus übernahm um 150 n. Chr. die Kugelgestalt, setzte die Erde aber in den Mittelpunkt des Weltalls und nahm einen wesentlich zu kleinen Erdumfang an. Seine Geographike Hyphegesis war vor allem ein Verzeichnis von rund 8000 Ortspositionen mit Breite und Länge.
Aus dem Römischen Reich sind unter anderem die Forma Urbis Romae, Katasterpläne von Orange und spätere Überlieferungen einer 13 v. Chr. angebrachten Weltkarte des Marcus Vipsanius Agrippa bekannt. Die Tabula Peutingeriana ist eine stark in West-Ost-Richtung verzerrte Straßenkarte mit Militärstationen und Meilenangaben. Das Original ist verloren; eine um 400 entstandene Kopie zeigt Verhältnisse um 50 n. Chr. Die zwischen 230 und 235 entstandene Routenkarte von Dura Europos gilt als älteste im Original erhaltene Straßenkarte Europas.
Kartentraditionen des Mittelalters
Im Mittelalter bestanden drei weitgehend unabhängige Traditionen: Mappae mundi, Portolankarten und Ptolemäus-Karten.
Mappae mundi waren vor allem religiös geprägte Weltbilder und keine naturwissenschaftlich genaue Kartierung. Die ältesten erhaltenen Exemplare stammen aus dem 8. Jahrhundert; bis ins 15. Jahrhundert wurden sie meist von Mönchen als Illustrationen theologischer oder allgemeinbildender Werke angefertigt. Besonders verbreitet waren runde T-O-Karten: Jerusalem lag im Zentrum, Asien nahm gewöhnlich die obere Hälfte ein, Europa das linke und Afrika das rechte untere Viertel. Das Grundgerüst ähnelte einem T in einem O. Gewöhnlich betrug ihr Durchmesser etwa 10 bis 15 cm; Riesenkarten wie die Ebstorfer Weltkarte von ca. 1235 oder die Hereford-Karte von ca. 1270 erreichten bis zu 3,5 m. Weitere Formen waren die ovalen Beatus-Karten und eigenständige Werke wie die Weltkarten von Andreas Walsperger (1448/49) und Fra Mauro (1459). Al-Idrisi schuf um 1150 auf Sizilien die Tabula Rogeriana.
Portolankarten waren genaue Seekarten. Sie zeigten vor allem Küstenumrisse und Hafenorte, besaßen häufig grafische Maßstäbe und waren von Liniennetzen überzogen, die sich in Kompassrosen kreuzten. Als Zeichenträger diente meist Schafs- oder Rinderhaut. Besonders häufig wurde das Mittelmeer dargestellt. Beispiele sind die Pisaner Karte aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts und der Katalanische Weltatlas von 1375. Mit den Entdeckungsreisen entstanden später Weltkarten im Portolankartenstil, darunter die Karte von Piri Reis von 1513 und Diego Riberos große Portolankarte von 1529.
Im 14. Jahrhundert gelangte ein griechisches Manuskript der Geographie des Ptolemäus nach Italien und wurde ins Lateinische übersetzt. Seine Tabellen und Anleitungen ermöglichten die Herstellung von Welt- und Detailkarten. Nach 1450 verbreitete der Buchdruck solche Ptolemäus-Atlanten stark. Obwohl viele Koordinaten fehlerhaft waren, galten die Karten gegenüber den Mappae mundi als bedeutender Fortschritt. Um 1500 ergänzten Kartografen sie zunehmend durch neue Karten, die Tabulae novae. Martin Behaims Globus von 1492 bildet den Abschluss dieser Epoche; Amerika und Australien fehlen darauf noch.
Frühe Neuzeit und genaue Landesaufnahmen
Seit dem 16. Jahrhundert löste sich die Kartografie allmählich von Ptolemäus. Neue Entdeckungen ersetzten fabelhafte oder hypothetische Darstellungen, und bestimmte Kartenprojektionen wurden übernommen. Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann veröffentlichten 1507 einen Globus, eine Weltkarte und eine Einführung in die Kosmographie. Auf der Karte erschien erstmals der Kontinentname Amerika, abgeleitet vom Vornamen Amerigo Vespuccis. Ob Ringmann oder Waldseemüller die Benennung veranlasste, wird in den Quellen unterschiedlich angegeben.
Gerhard Mercators Weltkarte von 1569 war die erste winkeltreue Weltkarte. Bei einer winkeltreuen Projektion bleiben örtliche Winkel erhalten, was für die Navigation wichtig ist. Seekarten werden bis heute in der nach Mercator benannten Mercator-Projektion veröffentlicht.
Der Buchdruck, wachsende geografische Kenntnisse und ein wohlhabendes Bildungsbürgertum förderten Atlanten mit einheitlich bearbeiteten Karten. Abraham Ortelius veröffentlichte 1570 mit dem Theatrum Orbis Terrarum den ersten Erdatlas. Mercator verwendete erstmals den Begriff „Atlas“ für ein Kartenbuch; sein Atlas sive cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura erschien 1595. Niederländische Kartografen und Verleger prägten danach die Atlasproduktion. Joan Blaeus elfbändiger Atlas Maior von 1662 gehörte zu den aufwendigsten und teuersten europäischen Atlanten. Wiederholt unverändert verwendete Kupferplatten führten jedoch zu veralteten Karten; im 18. Jahrhundert übernahmen französische und deutsche Anbieter den Markt.
Neben Weltkarten und Atlanten entstanden Reisekarten, Meilenscheiben als frühe Entfernungstabellen, Stadtpläne, Vogelschaupläne und Augenscheinkarten für Gerichtsverfahren. Die 1528 gedruckte Tabula Hungarie wurde für ein umkämpftes Gebiet angefertigt und später in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.
Im 18. Jahrhundert zeigte sich, dass Privatkartografen die einheitliche topografische Erfassung ganzer Staaten nicht bewältigen konnten. Staaten finanzierten deshalb Landesaufnahmen und beschäftigten ab dem Ende des Jahrhunderts Kartografen als Beamte. Jacques und César François Cassini de Thury vollendeten von 1750 bis 1793 die große Triangulation Frankreichs und das darauf beruhende Kartenwerk. Triangulation bestimmt Positionen durch ein Netz vermessener Dreiecke. Peter Anich und Blasius Hueber verbesserten im Atlas Tyrolensis von 1760–1774 besonders die Darstellung des Hochgebirges. Sie nutzten nahe Berggipfel zur Triangulation, tragbare Messtische und Visiere und stellten erstmals auch Gletscher- und Almregionen präzise dar.
Industrialisierung, Standardisierung und digitale Wende
Das 19. Jahrhundert war von großen amtlichen Landesaufnahmen geprägt. Beispiele sind die Preußische Neuaufnahme, die Franzisco-Josephinische Landesaufnahme in Österreich und die Schweizer Dufourkarte. Letztere wurde wegen ihrer anschaulichen Schattenschraffen mit einer angenommenen Beleuchtung aus Nordwest zum Vorbild. Zunächst dominierte der Kupferstich. Ab der Mitte des Jahrhunderts erlaubte die 1798 erfundene Lithografie den mehrfarbigen Druck, der besonders geologische Karten anschaulicher und günstiger machte.
Private geografische Institute produzierten zugleich Atlanten und aktuelle Karten. Deutschland wurde im 19. Jahrhundert führend in der Atlaskartografie. Zu den wichtigen Werken gehörten Stielers Handatlas, Andrees Allgemeiner Handatlas, Meyers großer Handatlas und die Schulatlanten von Westermann. Ein Hauptproblem blieb die Geländedarstellung. Höhenlinien waren genau, aber wenig anschaulich; in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden deshalb verschiedene Formen der Schräglichtschummerung. Auf Weltkarten wurden die zuvor oft leeren Meeresflächen zunehmend mit Strömungen, Eisdrift, Walgründen, Seegrasfeldern sowie Schiffs- und Telegraphenverbindungen gefüllt. Dadurch erschienen die Meere stärker als verbindende Teile eines globalen Systems.
Für die 1913 spezifizierte Internationale Weltkarte im Maßstab 1:1 Mio. arbeiteten Institutionen zahlreicher Staaten zusammen. Die UNO übernahm das Projekt 1953. Es wurde nie vollständig fertiggestellt und später eingestellt, deckte aber alle wesentlichen Landflächen ab und war ein bedeutender Versuch weltweiter Standardisierung.
Die Weltkriege beschleunigten technische Neuerungen. Ab den 1920er-Jahren wurden Luftbilder stereofotogrammetrisch ausgewertet, also mithilfe überlappender Aufnahmen räumlich vermessen. Im Zweiten Weltkrieg ersetzten transparente Folien teilweise Kupferstich und Lithografie; besonders das 1938 erfundene Astralon aus Polyvinylchlorid setzte sich durch. Die 1912 in Indonesien erfundene Schichtgravur auf Glas wurde 1953 bei der Produktion der Landeskarte der Schweiz erstmals breit eingesetzt und bis in die 1980er-Jahre weltweit in Lizenz vertrieben.
Computer kamen ab den 1960er-Jahren zunächst vorsichtig zum Einsatz und verdrängten spätestens in den 1990er-Jahren nahezu alle konventionellen Techniken. Satellitenbilder ermöglichten häufigere Aktualisierungen, besonders für schwer zugängliche oder umkämpfte Gebiete und Katastrophenregionen. Seit den 1990er-Jahren verbreiteten sich Geographische Informationssysteme, die Fernerkundungsdaten mit kartografisch bearbeiteten Daten verbinden. Im 21. Jahrhundert etablierten sich Routenplaner auf CD-ROM und im Internet sowie GPS-Navigationssysteme. Täglich entstehen online mehr interaktive Karten, als in allen früheren Jahrhunderten zusammen gedruckt wurden. Weitere Arbeitsfelder sind mobile Geräte, virtuelle und erweiterte Realität sowie 3D-Darstellungen; Google Earth gilt als Maßstab für die 3D-Kartendarstellung auf Standard-PCs.
Kartografiegeschichte als Forschungsfach
Die systematische Erforschung einzelner Karten und Kartenwerke begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Lithografie erleichterte die Herstellung von Reproduktionen alter Karten. Manoel Francisco de Santarém veröffentlichte 1839 entsprechende Arbeiten; Adolf Erik Nordenskiöld folgte mit Facsimile-atlas to the early history of cartography von 1889 und Periplus von 1897.
Max Eckert-Greifendorffs Die Kartenwissenschaft von 1921–1925 leitete die Entwicklung der Kartografie zur akademischen Disziplin ein. Eduard Imhof gründete 1925 an der ETH Zürich das weltweit erste Institut für Kartografie. Er war 1959 außerdem Mitbegründer und erster Präsident der Internationalen Kartographischen Vereinigung.
Leo Bagrow begründete 1935 die jährlich erscheinende englischsprachige Fachzeitschrift Imago Mundi und leitete sie bis zu seinem Tod 1957. Im deutschsprachigen Raum erschien Cartographica Helvetica von 1990 bis 2021 halbjährlich. Die erste Internationale Konferenz zur Geschichte der Kartographie fand 1964 in London statt; seit 1967 wird sie in ungeraden Jahren veranstaltet. Seit 1982 findet in den geraden Jahren das Kartographiehistorische Colloquium statt.
Grundlegende Nachschlagewerke sind das 1986 von Ingrid Kretschmer, Johannes Dörflinger und Franz Wawrik herausgegebene Lexikon zur Geschichte der Kartographie und das 1987 von John Brian Harley und David Woodward begründete, noch nicht abgeschlossene Werk The history of cartography. Seit den 1990er-Jahren nahm neben der umfangreichen Fachliteratur auch die Zahl populärwissenschaftlicher Bücher deutlich zu.