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Themistios

Diese Paraphrasen erzielten – auch in mittelalterlichen arabischen und lateinischen Übersetzungen – eine starke Nachwirkung. Die Epoche, in der Themistios lebte …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und historischer Rahmen
  2. 2. Leben und politische Laufbahn
  3. 3. Werke und Reden
  4. 4. Philosophische Lehre
  5. 5. Nachwirkung

Bedeutung und historischer Rahmen

Themistios (altgriechisch Θεμίστιος; geboren um 317, gestorben nach 388) war ein spätantiker Rhetor, Philosoph und Politiker. Er war kein Christ, stand aber trotzdem in der Gunst mehrerer christlicher römischer Kaiser und übernahm wichtige politische und repräsentative Aufgaben. Seine Reden sind wichtige Quellen für die Politik und Geistesgeschichte des 4. Jahrhunderts.

Seine Zeit war von starken religiösen Konflikten geprägt: Christen und Nichtchristen standen einander gegenüber, außerdem bekämpften sich verschiedene christliche Richtungen. Gleichzeitig wurde das Römische Reich durch die beginnende Völkerwanderung herausgefordert. Themistios verstand sich als Philosoph und Redner, der auf die politischen Entscheidungsträger einwirken sollte. Er trat innen- und außenpolitisch für Interessenausgleich ein. Besonders bekannt ist sein Konzept religiöser Toleranz. Gegenüber fremden Völkerschaften hielt er es für möglich und wünschenswert, sie zu romanisieren und in das Reich zu integrieren, statt sich nur auf militärische Abwehr zu beschränken.

Leben und politische Laufbahn

Themistios wurde wahrscheinlich auf einem Landgut seines Vaters in Paphlagonien geboren. Er stammte aus einer wohlhabenden Philosophenfamilie. Sein Vater Eugenios war Neuplatoniker und Philosophielehrer; er legte Aristoteles aus und sah den Aristotelismus als gute Einführung in den Platonismus. Themistios erhielt eine umfassende philosophische, grammatische und rhetorische Ausbildung in griechischer Sprache. Latein beherrschte er nicht auf vergleichbarem Niveau.

In den 340er Jahren begann Themistios in Konstantinopel Philosophie zu unterrichten. Er übernahm das Bildungskonzept seines Vaters und wurde früh als Lehrer und Aristoteles-Erklärer bekannt. Um 340 heiratete er seine erste Frau, die Tochter eines Philosophen. Einer seiner Söhne hieß ebenfalls Themistios und starb bereits 357.

Seine politische Karriere begann unter Kaiser Constantius II. Mit seiner ersten Staatsrede 350 oder 351 trat er öffentlich hervor. 355 wurde er in den Senat von Konstantinopel berufen. 357 reiste er als Gesandter des Senats nach Rom, lobte den Kaiser in einer Rede und konnte erreichen, dass eine Kürzung der Lebensmittelversorgung Konstantinopels rückgängig gemacht wurde. Constantius beauftragte ihn auch damit, die Zahl der Senatoren in Konstantinopel zu vergrößern. Themistios wurde dadurch zu einer besonders einflussreichen Persönlichkeit im Senat, war aber zugleich heftiger Kritik ausgesetzt: Gegner warfen ihm Ruhmsucht, Streben nach Applaus und ein unwürdiges Verhalten für einen Philosophen vor.

Unter Julian spielte Themistios keine herausragende Rolle, obwohl beide Anhänger der alten Religion waren. Unter Jovian hielt er 364 eine Rede, in der er religiöse Toleranz pries. Unter Valens wuchs sein Einfluss erneut. Er hielt mehrere Reden, etwa zur Herrschaftsteilung zwischen Valens und Valentinian I., zur Milde nach der Rebellion des Procopius und zum Frieden mit den Goten. Auch gegenüber dem christlichen Kaiser Valens, der Arianer war, trat er für mehr religiöse Duldsamkeit gegenüber den Anhängern des Konzils von Nicäa ein.

Auch mit Theodosius I. hatte Themistios ein gutes Verhältnis. 383 lobte er den Vertrag mit den Donaugoten als kluge Politik und versuchte, skeptische Senatoren davon zu überzeugen. Er wurde Erzieher des Kaisersohnes Arcadius und 383 oder 384 Stadtpräfekt von Konstantinopel. Dieses hohe Amt brachte ihm erneut Angriffe ein; er legte es nach wenigen Monaten nieder. Aus einem Brief des Libanios geht hervor, dass Themistios 388 noch lebte; vermutlich starb er bald danach.

Werke und Reden

Themistios wollte philosophische Lehren in sprachlich schöner und verständlicher Form darstellen. Er verstand sich zugleich als Philosoph und Redner, lehnte aber die Bezeichnung Sophist ab, weil sie für ihn mit bloßem Gewinnstreben und oberflächlicher Bildung verbunden war.

Besonders wichtig sind seine Aristoteles-Paraphrasen. Eine Paraphrase ist eine erklärende Inhaltswiedergabe: Themistios schrieb keine Kommentare im engen Sinn, sondern fasste Aristoteles zusammen, straffte schwierige Gedankengänge, erklärte unklare Stellen und fügte teilweise eigene Erläuterungen ein. Im griechischen Original erhalten sind Paraphrasen der Analytica posteriora, der Physik und von De anima. Andere Texte sind nur in hebräischer, arabischer oder fragmentarischer Überlieferung erhalten; manche unter seinem Namen überlieferte Schriften gelten als unecht.

Von seinen Reden sind 33 im griechischen Original erhalten. Die Reden 1–11 und 13–19 gelten als Staatsreden. In ihnen lobt Themistios meist den jeweiligen Kaiser und erklärt zugleich dessen politische Maßnahmen. Dadurch spiegeln sie stark die Regierungspolitik, enthalten aber auch seine eigenen Anliegen. Die Reden 20–34 werden als private Reden bezeichnet, obwohl auch sie oft öffentlich gemeint waren und politische Themen berühren. Zu ihnen gehören etwa die Grabrede auf seinen Vater und Reden zur Verteidigung gegen persönliche Kritik.

Daneben werden weitere Werke genannt, darunter „Über die Tugend“, nur in einer syrischen Fassung aus dem 6. Jahrhundert erhalten, sowie „Über die Seele“, das bis auf umstrittene Fragmente verloren ist. Eine Abhandlung über die Syllogistik ist nur arabisch überliefert. Ein Werk „Über die Regierung des Staates“, ebenfalls arabisch erhalten, wird Themistios zugeschrieben und war wahrscheinlich für Theodosius I. bestimmt.

Philosophische Lehre

Themistios verbindet in seiner Philosophie aristotelische und platonische Elemente. Er ging vom Einklang dieser Richtungen aus. Wie stark er als Neuplatoniker oder eher als Aristoteliker zu verstehen ist, ist in der Forschung umstritten.

In der politischen Philosophie ist für ihn entscheidend, dass Philosophie praktisch wirksam wird. Der Philosoph soll nicht nur nach Erkenntnis streben, sondern den Herrscher beraten und auf die Politik Einfluss nehmen. Der Herrscher ist für Themistios ein Vertreter der Gottheit. Seine Aufgabe besteht darin, sich Gott so weit wie möglich anzugleichen. Die wichtigste Herrschertugend ist für Themistios die Philanthropie, also Menschenfreundlichkeit. Sie zeigt sich besonders in Milde gegenüber Straftätern und besiegten Feinden und soll nicht nur den eigenen Untertanen, sondern der ganzen Menschheit gelten.

Daraus folgt auch seine Haltung gegenüber fremden Völkern. Der Kaiser soll sich nicht nur als Vater der Römer, sondern auch der „Skythen“ verstehen; mit diesem Begriff meint Themistios allgemein aus römischer Sicht barbarische oder feindliche Völker. Er vertraute darauf, dass die römische Zivilisation solche Völker integrieren und aus Barbaren Römer machen könne. Dies bezog er besonders auf die Goten als Foederaten, also als vertraglich eingebundene Verbündete im Reich.

Ein weiteres Kennzeichen seines Denkens ist religiöse Toleranz. Themistios argumentiert, man könne Glauben nicht durch staatliche Anordnungen erzwingen; dadurch entstehe nur Opportunismus. Es gebe verschiedene Wege zu Gott, und Gott selbst lasse den Menschen die Freiheit, ihren religiösen Weg zu wählen. Deshalb solle der Staat religiöse Vielfalt respektieren. Das galt für das Verhältnis zwischen Christen und Nichtchristen ebenso wie für innerchristliche Konflikte, etwa zwischen Arianern und Anhängern des Konzils von Nicäa.

In der Erkenntnistheorie befasste sich Themistios besonders mit Aristoteles’ Lehre vom Intellekt in De anima. Er unterschied eine tätige Vernunft, eine mögliche Vernunft und eine passive Vernunft. Die tätige Vernunft sei göttlich geprägt, aber nicht mit dem aristotelischen Gott identisch. Die passive Vernunft sei mit dem Körper verbunden und vergänglich; sie betreffe Gedächtnis, Gefühle und diskursives Denken. Diese Deutung steht unter neuplatonischem Einfluss und gibt Aristoteles nicht ganz wörtlich wieder.

In der Logik verteidigte Themistios die traditionelle aristotelische Syllogistik. Ein Syllogismus ist ein logisch gültiger Schluss aus Voraussetzungen. Gegen Maximos von Ephesos hielt Themistios daran fest, dass die zweite und dritte Schlussfigur aus der ersten Figur hergeleitet seien und dass die erste Figur eine grundlegende Rolle für den Gültigkeitsbeweis habe.

Nachwirkung

Schon in der Spätantike wurde Themistios hoch geschätzt. Libanios nannte ihn einen hervorragenden Redner und „den besten der Philosophen“. Auch Kaiser Julian ließ sich als Redner von ihm anregen. Zwei Statuen auf kaiserliche Anweisung und mehrere Gesandtschaften im Auftrag des Senats zeigen sein hohes Ansehen. Auch Christen schätzten ihn: Gregor von Nazianz bezeichnete ihn als Freund, „großen Themistios“ und „König der Worte“. Zugleich war seine Ausgleichspolitik umstritten, besonders gegenüber den Goten.

Stark wirkte vor allem seine Aristoteles-Auslegung weiter. Seine Paraphrasen wurden in der Spätantike von Aristoteles-Kommentatoren benutzt. Im Mittelalter wurden mehrere Paraphrasen ins Arabische übersetzt. Avicenna und Averroes setzten sich mit seinen Auffassungen auseinander; besonders Averroes nutzte die Paraphrase zu De anima intensiv. Über arabische, hebräische und lateinische Übersetzungen gelangten seine Gedanken auch in die lateinische Scholastik. Thomas von Aquin zitierte die lateinische Übersetzung von Wilhelm von Moerbeke und nutzte sie in der Auseinandersetzung mit Averroes.

In der Neuzeit wurden seine Texte durch humanistische Übersetzungen und Drucke weiter verbreitet. Ermolao Barbaros lateinische Übersetzung der Paraphrasen erschien erstmals 1481 und war sehr erfolgreich. 1534 erschien in Venedig die erste griechische Ausgabe seiner Werke. In der Renaissance spielten die Paraphrasen eine wichtige Rolle in Debatten über die Unsterblichkeit der Seele und die Einheit des Intellekts. Spätere Urteile fielen unterschiedlich aus: Manche sahen in Themistios vor allem einen opportunistischen Lobredner, andere betonen seine Rolle als geschickter Vermittler, Konsensbauer und Vertreter eines ernst gemeinten Toleranzideals.

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