Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Tengrismus

Tengrismus ist ein Sammelbegriff für eine alte Religion der Mongolen und Turkvölker in Zentralasien. Sie ist aus dem noch älteren altaischen Schamanismus …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und Weltbild
  2. 2. Tengri, Erde und heilige Natur
  3. 3. Kosmos, Geister und Seelen
  4. 4. Rituale, Ahnen und Nomadenleben
  5. 5. Der Schamane
  6. 6. Historische Entwicklung und Gegenwart

Grundzüge und Weltbild

Der Tengrismus ist ein Sammelbegriff für die alte Religion der Mongolen und Turkvölker Zentralasiens. Er ging aus dem älteren altaischen Schamanismus hervor und verbindet Animismus, klassischen Schamanismus, Ahnenverehrung und eine besondere Form des Totemismus. Animismus bedeutet hier, dass alle Teile der Natur als beseelt gelten. Im Mittelpunkt steht Tengri, der Himmelsgott beziehungsweise höchste Himmelsgeist.

Das wichtigste religiöse Ziel ist ein Leben im Einklang mit „allem, was unter dem Himmel ist“. Der Mensch befindet sich zwischen dem „ewigen blauen Himmel“, der ihn beschützt, und der „Mutter Erde“, die ihn trägt und ernährt. Durch eine ausgeglichene Lebensweise bewahrt er das Gleichgewicht zwischen Menschen, Natur, Ahnen und Geistern. Gerät es durch Katastrophen oder schädliche Geister außer Kontrolle, soll ein Schamane es wiederherstellen.

Die persönliche geistige Kraft heißt „Windpferd“, mongolisch Hiimori. Ein starkes Windpferd soll klares Denken und richtige Entscheidungen ermöglichen. Respektlosigkeit, böse Absichten und Verstöße gegen Tabus schwächen es. Ähnlich verändert sich der Buyan oder Buyanhischig eines Menschen je nach Verhalten. Gebete, Opfergetränke und die Achtung vor Natur und Ahnen sollen beide Kräfte stärken.

Die Erforschung des Tengrismus ist schwierig: Nomadische Gemeinschaften hinterließen bis zum 6. Jahrhundert kaum dauerhafte Schriftzeugnisse. Spätere alttürkische Inschriften sowie chinesische, persische und arabische Berichte sind wichtige, aber teilweise von Unverständnis oder Ablehnung geprägte Quellen. Besonders wertvoll ist Mahmūd al-Kāschgharīs türkisches Wörterbuch Divan Lügat-ü Türk aus dem 11. Jahrhundert.

Tengri, Erde und heilige Natur

Tengri wird meist als nicht personifizierte männliche Gottheit oder als großer Geist des Himmels verstanden. Er gilt als mächtigster Geist sowie als Schöpfer und Hüter des kosmischen Gleichgewichts und der natürlichen Kreisläufe. Obwohl er als Vater großer Herrscher und anderer übernatürlicher Wesen gilt, besitzt er keine menschliche Gestalt; er erscheint als zeitloser, endloser blauer Himmel. Weil „Tengri“ auch „Himmel“ bedeuten kann, kommt das Wort ebenfalls in Bezeichnungen wie Himmels-Berg, Himmels-Baum oder Himmels-Wolf vor.

Jedes Ritual begann mit der Ehrung Tengris, der Mutter-Erde Yer und der Ahnen. Vor dem Trinken eines besonderen Getränks wurde ihnen ein Anteil übergeben. Frauen verteilten Milch oder Tee dreimal in alle vier Himmelsrichtungen. Jeder Mensch durfte Tengri unmittelbar um Hilfe bitten; für den Kontakt mit mächtigen Berggeistern war dagegen ein Schamane zuständig. Blitz und Donner konnten als Zeichen von Tengris Unzufriedenheit oder als Hinweis auf einen spirituell starken Ort gelten.

Yer, auch Gazar Eej, Eje oder Itügen, ist keine menschenähnliche Göttin, sondern die fruchtbare, ernährende Erde. Große gesunde Bäume zeigen nach diesem Glauben ihre Zufriedenheit. Ihre Tochter Umay beschützt Schwangere und die ungeborenen Seelen im Weltenbaum. Eine weitere Tochter von Yer und Tengri ist Golomto, der Geist des Feuers: Licht steht für den Himmel, Wärme für die Geborgenheit der Erde.

Berge, Seen, Flüsse, Wälder, Felsen und Bäume gelten als Wohnorte von Naturgeistern, den Yer Su. Verschwendung und unnötige Schäden an der Natur sind Beleidigungen dieser Geister. An Oboo oder Oba genannten Steinanhäufungen werden Tengri, Mutter-Erde, Ahnen und Berggeister verehrt. Vorbeigehende umrunden eine solche Anlage dreimal und legen einen Stein ab.

Sonne, Mond, Venus, Polarstern, Großer Bär und Plejaden besitzen religiöse Bedeutung. Das Jahr beginnt mit dem weißen Mondfest am ersten Neumond nach dem 21. Dezember; das rote Sonnenfest findet am ersten Vollmond nach dem 21. Juni statt. Beim weißen Mondfest werden 14 Weihrauchstäbchen entzündet: sieben für den Großen Bären und sieben für die Plejaden.

Kosmos, Geister und Seelen

Die Kosmologie unterscheidet die irdische Welt, eine Oberwelt und eine Unterwelt. Der Weltenbaum bildet als Weltachse die Verbindung zwischen ihnen. Die Unterwelt besitzt bis zu neun, der Himmel bis zu 17 Ebenen. In diesen Parallelwelten leben überirdische Wesen mit eigenen Naturgeistern. Ein Schamane kann symbolisch den Weltenbaum erklimmen, fliegen oder durch den Weltenfluss zum nördlich gelegenen Eingang der Unterwelt reisen.

Die Unterwelt Tamag ähnelt der Erde, ist aber dunkler. Ihr Herrscher ist Erlik Khan, ein Sohn Tengris; er kontrolliert die Wiedergeburt der dort wartenden Seelen. Nach der religiösen Vorstellung kann ein Schamane mit ihm über die Rückkehr einer Seele verhandeln, die sich vor dem Tod eines Kranken in die Unterwelt verirrt hat. Die hellere Oberwelt ist das Reich Ülgens, ebenfalls eines Sohnes Tengris. Schamanen gelangen dorthin in Vogelgestalt, auf einem Pferd oder Hirsch, über einen Regenbogen oder durch das Erklimmen des Weltenbaums.

Geister werden vor allem in Himmelsgeister und Erd-Wassergeister eingeteilt. Zahlenangaben unterscheiden sich: Rafael Bezertinov nennt für die Türken 17 Tengris, für die Mongolen 99 Tengers und daneben 77 Erd-Wassergeister. Yer Su beherrschen bestimmte Naturorte oder Siedlungen. Tschotgors können Krankheiten und Verwirrung auslösen. Ozoors und Ongons sind meist hilfreiche Ahnenseelen. Körmös oder Utha sind Seelen verstorbener Schamanen, die lebende Schamanen führen. Sehr mächtige Burchans können nur von Schamanen mit starken Hilfsgeistern kontrolliert werden.

Menschen besitzen nach der verbreiteten Vorstellung mindestens drei Seelen: Die Özüt- oder Suld-Seele bleibt nach dem Tod in der Natur, während Ami- und Suns-Seele wiedergeboren werden. Die Ami-Seele hängt mit Atmung und Körperwärme zusammen; die Suns-Seele bewegt sich auf Wasserwegen. Die Suld-Seele ist für das Leben entscheidend: Verlässt sie den Körper, ist der Tod unvermeidlich. Tiere besitzen gewöhnlich Ami- und Suns-Seele. Eine Ausnahme bilden Überlieferungen der Samojeden, nach denen Frauen vier und Männer fünf Seelen haben.

Der Seelenkreislauf wird mit dem Wasserkreislauf verglichen. Bei einer Geburt gelangt eine Seele aus dem Weltenfluss in das Kind. Nach dem Tod schwimmt die Suns-Seele zur Unterwelt, während die Ami-Seele als Vogel zum Weltenbaum zurückkehrt. Umay wacht über die dort befindlichen Seelen.

Rituale, Ahnen und Nomadenleben

Ahnen werden gemeinsam mit Vater-Himmel und Mutter-Erde geehrt. Ihre in der Natur verbliebenen Seelen schützen die Nachkommen, solange man sich an sie erinnert und sie anruft. Später können sie zu Naturgeistern eines Baumes oder Steins werden. Bedeutende Herrscher galten als heilig und konnten nach ihrem Tod den Rang eines Gottes oder Stammespatrons erhalten. Weil das Blut eines Khans als heilig galt, durfte es selbst bei einer Hinrichtung nicht vergossen werden.

Wolf, Rothirsch, Adler, Bär und andere Tiere konnten als Ahnen, Totems oder Krafttiere gelten. Ein Totem ist ein besonders verehrtes Tier, das nicht gejagt oder gegessen werden darf; teilweise war sogar sein eigentlicher Name tabu. Vor der Jagd betete man zu Bayan Ahaa, dem Herrn der Tiere. Tiere durften nur aus Bedarf, möglichst schnell und schmerzarm getötet werden. Jäger entschuldigten sich bei der Seele der Beute, und die Beute sollte mit dem Stamm geteilt werden.

Es gab blutige und unblutige Opfer. Als Tieropfer dienten meist Pferde, Schafe, Ziegen oder Rinder. Dabei durfte nach den Vorschriften kein Blut vergossen und kein Knochen gebrochen werden; Kopf, Kehle, Lunge und Herz, der angenommene Bereich der Ami-Seele, sollten unbeschädigt bleiben. Unblutige Opfer umfassten Lebensmittel, Getränke, Waffen, Haushaltsgeräte sowie Ringkämpfe und Pferderennen. Besonders häufig wurden Kumys oder Wodka geopfert, indem man das Getränk in alle Himmelsrichtungen spritzte und Tengri, Mutter-Erde und Ahnen grüßte.

Die Jurte gilt als Mikrokosmos, also als verkleinertes Abbild der Welt. Ihre Kuppel stellt den Himmel dar, die Feuerstelle im Zentrum ist Golomtos heiliger Platz, die Rauchsäule verkörpert den Weltenbaum und die Rauchöffnung den Zugang zur Oberwelt. Der Eingang zeigt nach Süden. Der Westen war traditionell die männliche, der Osten die weibliche Seite. Bewohner bewegten sich im Uhrzeigersinn, um das Gleichgewicht nicht zu stören; im 20. Jahrhundert verlor diese feste Seitenordnung jedoch an Bedeutung.

Der Schamane

Der Schamane, auch Kam genannt, ist kein Priester und wird für die alltägliche Verehrung Tengris nicht benötigt. Er vermittelt zwischen Menschen und Geistern. Seine wichtigsten Aufgaben sind das Heilen von Krankheiten, die Wiederherstellung des Gleichgewichts, der Kontakt mit Geistern, Regen- und Blitzrituale, mehrtägige Oba-Rituale sowie Wahrsagung. Seine Fähigkeiten hängen von seinen Hilfsgeistern ab; unterschieden werden unter anderem „weiße“ und „schwarze“ Schamanen.

Als Kennzeichen trägt der Schamane das Manyak, ein mit Knochen und Federn versehenes Gewand aus bestimmten Tierfellen. Trommel, Totems, Spiegel, Stab, Fächer und gelegentlich Masken unterstützen die Rituale. Der wiederholte Trommelrhythmus, Gesang, Tanz und die Beteiligung der Gemeinschaft dienen dem Erreichen einer Trance. Außerdem werden in den Überlieferungen Alkohol, Tabak, Wacholderrauch und getrocknete Fliegenpilze als Hilfsmittel genannt. Beim symbolischen Erklimmen des neunästigen Weltenbaums erhöht der Schamane mit jedem Ast die Tonhöhe seines Obertongesangs.

Ein Mensch wird nach der Vorstellung nicht aus eigenem Entschluss Schamane, sondern durch die Seele eines verstorbenen Schamanen berufen. Der Auserwählte kann in einen mehrtägigen Zustand der Bewusstlosigkeit geraten und Visionen erleben. Darin begegnet er etwa seinem Totemtier und dem Baum für den Rahmen seiner Trommel oder wird im Himmelsreich zerlegt und mit neuen Kräften wieder zusammengesetzt. Ein erfahrener Schamane erkennt diesen Zustand als Berufung.

Historische Entwicklung und Gegenwart

Chinesische Quellen belegen die Verehrung Tengris bei den Xiongnu bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. Die Göktürken hinterließen ab dem 7. Jahrhundert alttürkische Inschriften. Darin erscheinen Himmel und Erde als Ursprung des Menschengeschlechts, und die Herrschaft des Khans wird auf Tengris Auftrag zurückgeführt. Der Tengrismus war gegenüber anderen Religionen grundsätzlich aufnahmefähig.

Unter Dschingis Khan und in der Goldenen Horde erlebte er eine weitere Blüte. In der Mongolei wurde später der Buddhismus in das bestehende Glaubenssystem integriert, ohne den Tengrismus vollständig zu verdrängen. Hunnen, Awaren, Protobulgaren, Kumanen, Magyaren und die Goldene Horde trugen tengristische Vorstellungen bis nach Europa. Mit der Sesshaftwerdung und der Annahme anderer Religionen verschwanden sie dort weitgehend; in Bulgarien wurde 864 unter Zar Boris Michael Khan das Christentum Staatsreligion.

Unter den Turkvölkern verbreiteten sich Islam, Christentum, Manichäismus und Buddhismus. Die Karachaniden traten 920 unter Saltuq Bughra Qara-Khan ’Abd al-Karim geschlossen zum Islam über. Bögü Khan erklärte 762 im Uigurenreich den Manichäismus zur Staatsreligion; später nahmen die Uiguren mehrheitlich den Buddhismus an. Ab dem 16. Jahrhundert wurden zahlreiche sibirische Turkvölker christianisiert und slawisiert. Tengrismus blieb besonders bei Mongolen und einigen nomadisch oder naturnah lebenden Turkvölkern erhalten, teils verbunden mit buddhistischen oder islamischen Gebeten.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion wuchs das Interesse am Tengrismus in Zentralasien. 1997 entstand in Bischkek eine tengristische Gesellschaft, die laut Artikel rund 500.000 Mitglieder hat. Moderne Richtungen betonen Naturverbundenheit, Ökozentrismus und ethnische Traditionen; ihre Haltung zu Islam, Christentum und Globalisierung ist uneinheitlich. Bei den Jakuten heißt eine moderne Form Ayy.

Ob der historische Tengrismus monotheistisch war, ist umstritten. Tengri steht zwar als höchster Himmelsgott an der Spitze, zugleich existieren zahlreiche Gottheiten, Ahnen- und Naturgeister. Zudem ist in alten Quellen oft unklar, ob „Tengri“ den einen Gott, einen Himmelsgeist oder allgemein den Himmel bezeichnet. Walther Heissig und andere Forscher beschreiben für die Mongolei ein hierarchisches System mit über 100 Göttern und Qormusta Tengri an der Spitze. Dies widerspricht einer einfachen Einordnung als reine monotheistische Religion, schließt regionale monotheistische Formen aber nicht aus.

Weiterlesen

Religion Geschichte konkreter Religionen · Afrikanische Religionen · Bahaitum · Buddhismus · Christentum · Daoismus · Hinduismus · Islam · Jainismus … Aserbaidschan BIP in Mrd. USD (Kaufkraftparität), 115,8, 141,4 ; BIP pro Kopf in USD (Kaufkraftparität), 12.869, 14.740 ; BIP-Wachstum (real), 5,0 %, 1,1 % ; Inflation (in … Kasachstan Auf Englisch erscheinen The Kazakhstan Monitor und The Almaty Herald, auf Deutsch erscheint die Deutsche Allgemeine Zeitung. Im Jahr 2023 nutzten 92,9 … Usbekistan Geographie. Bearbeiten. Usbekistan erstreckt sich zwischen dem 37. und 46. nördlichen Breitengrad sowie zwischen dem 56. und 73. östlichen Längengrad. Die … Glaube (Religion) Grundlage des Glaubens ist die Heilige Schrift der Bibel, die als von Gott inspiriert angesehen wird. Biblische Texte sind interpretationsbedürftig. Lamaismus Als Lamaismus bezeichnen zahlreiche westliche Autoren und Tibetologen sowie einige tibetische Autoren die vorwiegend im tibetischen, mongolischen und … Schamanismus In diesem weiten Sinne bezeichnet Schamanismus eine Reihe unscharf bestimmter Phänomene „zwischen Religion und Heilritual“. Glaubensbekenntnis Ein Glaubensbekenntnis ist in einer Religion ein öffentlicher Ausdruck des persönlichen und kollektiven Glaubens, zu dem der oder die Sprecher sich bekennen. Buddhismus → Hauptartikel: Vier Edle Wahrheiten und Edler Achtfacher Pfad. Dharma (Sanskrit) bzw. Dhamma (Pali) bezeichnet im Buddhismus im Wesentlichen zweierlei: Die … Meditation Meditation ist ein zentrales Element in verschiedenen Religionen, insbesondere dem Buddhismus, wie auch im Hinduismus, Konfuzianismus und Christentum. Seit dem … Buddha Ein Buddha hat, auch wenn er zugleich eine menschliche Existenz führt, Nirvana verwirklicht und ist damit nach buddhistischer Überzeugung nicht mehr an den … Hunnen Hunnen ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe zentralasiatischer Reitervölker mit nomadischer, später halbnomadischer Lebensweise. Ihre genaue Herkunft und …