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Stimmfach
Gebräuchliche Stimmfächer · Sopran · Mezzosopran und Alt · Tenor · Bariton · Bass.
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Begriff und Bedeutung
Ein Stimmfach bezeichnet in der Oper eine bestimmte Art und einen bestimmten Charakter einer Stimme. Es unterteilt die allgemeinen Stimmgattungen Sopran, Alt, Tenor und Bass genauer. Entscheidend sind vor allem der Tonumfang, also die erreichbaren tiefsten und höchsten Töne, die Klangfärbung und das Volumen der Stimme.
Fachsysteme dienen als Hilfsmittel bei der Besetzung von Opernrollen. Sie berücksichtigen, dass Sänger trotz gleicher Stimmgattung unterschiedliche Partien verschieden gut bewältigen können. Zusätze wie „Held“, „dramatisch“, „Spiel“, „Charakter“ und „seriös“ stammen teilweise aus dem historischen Fachsystem des Schauspieltheaters. Im deutschen Sprachraum ist das Fachsystem nach Rudolf Kloiber am weitesten verbreitet; in den Vereinigten Staaten wird häufig das darauf beruhende System von Richard Boldrey verwendet.
An deutschen Opernhäusern kann das Stimmfach bei einem Festengagement im Vertrag festgehalten werden. Ein Sänger kann dann fachfremde Partien ablehnen und diesen Anspruch bei Streitigkeiten vor dem Bühnenschiedsgericht einklagen. Als maßgeblich gilt das Handbuch der Oper von Rudolf Kloiber und Wulf Konold, das Robert Maschka um Fächer der Operette erweiterte.
Hohe Frauen- und Kinderstimmen
Beim Sopran werden mehrere Fächer mit unterschiedlichen stimmlichen Anforderungen unterschieden:
• Dramatischer Sopran (g–c’’’): eine kraftvolle Stimme für besonders anspruchsvolle Partien, etwa die Titelrolle in Strauss’ Elektra oder Brünnhilde in Wagners Die Walküre.
• Dramatischer Koloratursopran (c’–f’’’, selten auch tiefer): verbindet dramatische Ausdruckskraft mit Koloratur, also beweglichen, verzierten Tonfolgen. Beispiele sind die Königin der Nacht in Mozarts Die Zauberflöte und die Titelpartie in Verdis La traviata.
• Charaktersopran (h–c’’’): beispielsweise Mélisande in Debussys Pelléas et Mélisande.
• Jugendlich-dramatischer Sopran beziehungsweise Spinto-Sopran (c’–c’’’): verbindet lyrische Eigenschaften mit dramatischer Steigerungsfähigkeit. Dazu gehören Elsa in Wagners Lohengrin, Leonora in Verdis Il trovatore und Agathe in Webers Der Freischütz.
• Lyrischer Sopran (c’–c’’’): etwa Marzelline in Beethovens Fidelio oder Susanna in Mozarts Le nozze di Figaro.
• Lyrischer Koloratursopran (c’–f’’’): beispielsweise Norina in Donizettis Don Pasquale oder Zerbinetta in Strauss’ Ariadne auf Naxos.
• Soubrette (c’–c’’’): ein leichtes Sopranfach, etwa Despina in Mozarts Così fan tutte oder Gretchen in Lortzings Der Wildschütz.
• Knabensopran: eine hohe Kinderstimme, beispielsweise für den Ersten und Zweiten Knaben in Mozarts Die Zauberflöte oder den Hirtenknaben in Wagners Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg.
Mittlere und tiefe Frauenstimmen
Mezzosopran und Alt umfassen sowohl lyrische und bewegliche als auch schwere und tiefe Stimmen:
• Dramatischer Mezzosopran (g–b’’): etwa Eboli in Verdis Don Carlos oder Brangäne in Wagners Tristan und Isolde.
• Koloratur-Mezzosopran (g–b’’): ein bewegliches Mezzosopranfach, beispielsweise Rosina in Rossinis Il barbiere di Siviglia.
• Lyrischer Mezzosopran (g–b’’): beispielsweise Cherubino in Mozarts Le nozze di Figaro oder Oktavian in Strauss’ Der Rosenkavalier.
• Dramatischer Alt (g–b’’): etwa Ježibaba in Dvořáks Rusalka.
• Koloraturalt: verbindet die tiefe Lage mit Koloraturfähigkeit; ein Beispiel ist Angelina in Rossinis La Cenerentola.
• Spielalt (g–b’’): beispielsweise Irmentraut in Lortzings Der Waffenschmied.
• Tiefer Alt (f–a’’): Beispiele sind Geneviève in Debussys Pelléas et Mélisande, Gaea in Strauss’ Daphne, Annina in Strauss’ Der Rosenkavalier und eine Kranke in Schönbergs Moses und Aron. Bei Gaea ist es besonders tief: Ihr tiefster Ton ist es.
• Countertenor beziehungsweise Altus (f–f’’): eine hohe Männerstimme; ein Beispiel ist Oberon in Brittens A Midsummer Night’s Dream.
Männerstimmen
Die Tenorfächer reichen vom leichten Spieltenor bis zum schweren Heldentenor:
• Heldentenor (c–c’’): etwa Tristan in Wagners Tristan und Isolde oder die Titelpartie in Verdis Otello. • Jugendlicher Heldentenor (c–c’’): beispielsweise Radames in Verdis Aida oder Max in Webers Der Freischütz. • Charaktertenor (A–b’): etwa Mime in Wagners Siegfried. • Lyrischer Tenor (c–d’’): beispielsweise Don Ottavio in Mozarts Don Giovanni oder Nemorino in Donizettis L’elisir d’amore. • Tenorbuffo beziehungsweise Spieltenor (c–h’): etwa Pedrillo in Mozarts Die Entführung aus dem Serail oder Beppo in Leoncavallos Pagliacci. • Haute-Contre: beispielsweise Hippolyte in Rameaus Hippolyte et Aricie.
Beim Bariton werden folgende Fächer unterschieden:
• Heldenbariton (G–g’): etwa die Titelpartien in Wagners Der fliegende Holländer und Verdis Rigoletto sowie Jochanaan in Strauss’ Salome. • Charakterbariton (A–as’): beispielsweise die Titelpartie in Bergs Wozzeck oder Tonio, auch im Prolog, in Leoncavallos Pagliacci. • Kavalierbariton (A–as’): etwa die Titelpartien in Mozarts Don Giovanni und Tschaikowskis Eugen Onegin. Don Giovanni wird auch von einem basso cantante gesungen. • Lyrischer Bariton (B–a’): beispielsweise die Titelpartie in Rossinis Il barbiere di Siviglia oder Valentin in Gounods Faust.
Die Bassfächer sind:
• Seriöser Bass (E–f’): etwa Sarastro in Mozarts Die Zauberflöte oder Zaccaria in Verdis Nabucco. • Charakterbass beziehungsweise Bassbariton (F (Gis)–fis’ (gis’)): beispielsweise die Titelpartie in Mozarts Le nozze di Figaro oder Alberich in Wagners Götterdämmerung. • Bassbuffo beziehungsweise Spielbass (F–fis’): etwa Baculus in Lortzings Der Wildschütz, Bartolo in Rossinis Il barbiere di Siviglia oder der Doktor in Bergs Wozzeck.
Italienische Bezeichnungen und heutige Praxis
Die klassischen italienischen Fachbezeichnungen stimmen nicht vollständig mit den deutschen überein, werden im deutschsprachigen Raum aber für italienische Opern verwendet. Da Mezzosopran und Bariton erst im 19. Jahrhundert entstanden, bezog sich das ältere System auf die klassischen Stimmlagen. Die Bezeichnung soprano wurde in Italien bis Rossini auch für Mezzopartien verwendet.
Beim Sopran entspricht soprano drammatico dem Dramatischen Sopran. Soprano lirico spinto bezeichnet einen lyrischen Sopran mit der Fähigkeit zu dramatischen Höhepunkten. Soprano lirico entspricht ungefähr dem Jugendlich-dramatischen und dem schwereren Lyrischen Sopran. Soprano leggero umfasst den leichten Lyrischen Sopran, den Lyrischen Koloratursopran und die Soubrette; daneben kommen soprano di coloratura und soprano d’agilità für den Koloratursopran vor. Beim Alt heißen die klassischen Fächer contralto assoluto und mezzocontralto.
Bei den Tenören entspricht tenore di forza (spinto) dem Heldentenor und tenore lirico spinto dem Jugendlichen Heldentenor. Tenore lirico bezeichnet einen schweren Lyrischen oder leichten Jugendlichen Heldentenor. Tenore lirico leggero beziehungsweise tenore di grazia ist ein eher leichter Lyrischer Tenor; tenore leggero beziehungsweise tenore buffo entspricht dem italienischen Spieltenor. Hinzu kommt tenore grave beziehungsweise baritenore.
Bei den Bässen entspricht basso profondo dem Seriösen Bass und basso buffo dem Spielbass. Basso cantante bezeichnet einen hohen Bass. Aus diesem Fach entstand der Bariton; ein basso cantante singt auch manche Heldenbaritonpartien, etwa Scarpia oder die Bösewichte in Hoffmanns Erzählungen. Heute unterscheidet man außerdem mezzosoprano grave, centrale und acuto für schweren, mittleren und hohen Mezzosopran sowie baritono drammatico und baritono cantabile, ungefähr für dramatischen und lyrischen Bariton.
Die Anwendung des Fachsystems ist umstritten beziehungsweise hat sich verändert. Eine Untersuchung der deutschen Theaterpraxis von 2008 zeigte Abweichungen von Kloibers Definitionen aus den 1940er-Jahren. Auf Betreiben der Arbeitgeber enthalten viele Arbeitsverträge keine konkreten Stimmfächer mehr, sondern nur noch Stimmgattungen wie Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bariton und Bass. Die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger empfiehlt Sängern zum eigenen Schutz weiterhin, ihr genaues Stimmfach vertraglich festzuhalten, und verweist dabei auf die Tarifrechte des Normalvertrags Bühne für Solisten.