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Die Entführung aus dem Serail
Die Entführung aus dem Serail (KV 384) ist ein Singspiel in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Libretto verfasste Johann Gottlieb Stephanie.
Inhalt5 Abschnitte
Kern des Werks
Die Entführung aus dem Serail (KV 384) ist ein Singspiel in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein Singspiel ist eine Bühnenform mit Musiknummern und gesprochenen Dialogen. Das Libretto schrieb Johann Gottlieb Stephanie nach der Vorlage Belmont und Constanze, oder Die Entführung aus dem Serail von Christoph Friedrich Bretzner. Die Originalsprache ist Deutsch. Die Uraufführung fand am 16. Juli 1782 im Burgtheater in Wien unter der Leitung Mozarts statt. Die Spieldauer beträgt etwa 2 ½ Stunden.
Die Handlung spielt an der türkischen Küste in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen Belmonte, ein spanischer Edelmann, seine Geliebte Konstanze, deren englische Zofe Blonde und Belmontes Diener Pedrillo. Konstanze, Blonde und Pedrillo wurden nach einem Seeräuberüberfall von Belmonte getrennt und auf einen Sklavenmarkt verschleppt. Bassa Selim, ein gebürtiger Spanier, früher Christ und nun Muslim, hat sie gekauft und lässt sie in seinem Palast am Meer unter vergleichsweise erträglichen Bedingungen leben. Belmonte erfährt durch einen Brief Pedrillos, wo sie sind, und reist dorthin, um die Entführten zu befreien.
Wichtige Rollen sind Bassa Selim als Sprechrolle, Konstanze als Sopran oder Koloratursopran, Blonde als Sopran, Belmonte als Tenor oder lyrischer Tenor, Pedrillo als Tenor oder Spieltenor und Osmin als Bass oder Buffo-Bass. Außerdem treten unter anderem Klaas, Wachen, ein Janitscharenchor und Statisten auf.
Handlung in drei Akten
Im ersten Akt sucht Belmonte seine Verlobte Konstanze. Im Garten trifft er auf Osmin, den Diener Selims, der Feigen pflückt und Belmonte zunächst ignoriert. Als Belmonte ihn nach Informationen bedrängt, wird Osmin ärgerlich. Danach begegnet Belmonte seinem Diener Pedrillo, und beide planen die Befreiung der Frauen. Bassa Selim erscheint mit Konstanze, begleitet von einem Janitscharenchor. Selim wirbt um Konstanze, doch sie erklärt, dass ihr Herz bereits vergeben ist. Pedrillo sorgt dafür, dass Selim Belmonte als Baumeister einstellt, aber Osmin will ihn weiterhin nicht in den Palast lassen.
Im zweiten Akt weist Blonde die groben Annäherungen Osmins zurück. Sie tröstet Konstanze, die unter ihrer Lage leidet. Bassa Selim fordert Konstanzes Liebe und droht ihr Gewalt an, doch Konstanze bleibt standhaft und ist eher zum Tod bereit, als ihre Treue zu Belmonte aufzugeben. Pedrillo erzählt Blonde, dass Belmonte in der Nähe sei und die Flucht vorbereitet werde. Um Osmin auszuschalten, lädt Pedrillo ihn zu Wein ein und macht ihn betrunken. So kann Belmonte Konstanze treffen. Am Ende finden beide Paare wieder zueinander und planen gemeinsam die Flucht.
Im dritten Akt beginnt die Befreiungsaktion. Belmonte kann zunächst mit Konstanze fliehen, aber Pedrillo und Blonde werden von Osmin gefasst. Auch Belmonte und Konstanze werden zurückgebracht. Bassa Selim erkennt in Belmonte den Sohn seines Todfeindes und könnte die Gefangenen zum Tod verurteilen. Konstanze und Belmonte nehmen Abschied vom Leben. Selim entscheidet sich jedoch anders: Er schenkt ihnen die Freiheit. Seine Begründung lautet, es sei ein weit größeres Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Lastern zu tilgen. Osmin ist darüber bestürzt, weil er eine grausame Hinrichtung erwartet hatte.
Gestaltung und Musik
Ein wichtiger Deutungspunkt ist die Figur Bassa Selim. Er verzichtet am Ende freiwillig auf seine Macht und auf seinen Anspruch auf Konstanze. Diese Entscheidung wurde im Sinne von Lessings Nathan interpretiert, also als Zeichen von Humanität und Toleranz. Der Text bezeichnet Selim jedoch auch als Renegaten: Er wurde durch Intrigen von Belmontes Vater aus seiner aufgeklärt-westlichen Existenz vertrieben und in das Exil eines fremden Kulturkreises gezwungen.
Die Orchesterbesetzung umfasst Holzbläser, Blechbläser, Pauken, Schlagzeug, Streicher sowie Hammerflügel oder Cembalo. Genannt werden zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Bassetthörner, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, Große Trommel, Becken und Triangel. Zusätzlich gibt es Bühnenmusik auf der Szene, eine Banda mit Bläsern, Militärtrommel und großer Trommel.
Mozarts sogenannte „türkische Musik“ erscheint in der Ouvertüre und in den Nummern 3, 5, 14 und 21. Gemeint ist nicht authentische türkische Musik, sondern eine im 18. Jahrhundert verbreitete Vorstellung davon. Dazu gehören Instrumente der Janitscharenmusik wie Becken, Große Trommel („Türkische Trommel“), Piccoloflöte und Triangel. Mozart schrieb am 1. August 1781 an seinen Vater: „Die Sinfonie, den Chor im ersten ackt, und den schluß Chor werde ich mit türckischer Musick machen“. Weitere Merkmale sind unisono geführte Melodien, feine Umspielungen, die an Heterophonie erinnern, Terrassendynamik und eine starke Modulationsfreude, besonders mit Dur-Moll-Wechseln. Ähnliche Elemente hatte Mozart schon früher verwendet, etwa im „Türkischen Marsch“ der Klaviersonate Nr. 11 A-Dur KV 331 und im dritten Satz des Violinkonzerts Nr. 5 A-Dur KV 219.
Entstehung und Bedeutung
Das Werk entstand im Auftrag Kaiser Josephs II. Er wollte ein deutsches Nationalsingspiel als Gegenstück zur italienisch geprägten Hofoper schaffen. Die Oper kann zugleich als politisches Propagandastück interpretiert werden, das möglicherweise die öffentliche Meinung auf einen neuen Türkenkrieg vorbereiten sollte. Ein solcher Krieg begann 1787, vor allem auf Betreiben Russlands. Trotzdem zeichnet die Oper die türkischen Figuren nicht einseitig: Dem grausamen Haremswächter Osmin steht der humanere Bassa Selim gegenüber.
Die Vorlage war das 1781 in Leipzig gedruckte Libretto Belmont und Constanze, oder Die Entführung aus dem Serail. Eine Operette von C. F. Bretzner. Componiert vom Herrn Kapellmeister Andre in Berlin. Johann Gottlieb Stephanie der Jüngere und Mozart arbeiteten diese Vorlage stark um und erweiterten sie. Bretzner protestierte gegen die Übernahme durch Mozart. Für Mozart war das Werk wichtig, weil er hier zum ersten Mal weitgehend seine Vorstellungen von einem Opernlibretto umsetzen konnte.
Inhaltlich verweist die Oper lose auf die damals noch verbreitete Praxis nordafrikanischer Barbaresken-Korsaren im westlichen Mittelmeer. Diese kaperten Schiffe christlicher Staaten, verkauften Ladung und Menschen oder forderten Lösegeld, Schutzgeld oder Tributzahlungen. Laut Artikel endete diese staatlich geduldete oder geförderte Seeräuberei erst durch Interventionen zwischen 1801 und 1830.
Obwohl das Stück zunächst als Unterhaltung angelegt ist, erreicht es in vielen Szenen emotionale Tiefe und Komplexität. Die Figuren wachsen durch Arien und Ensembles über einfache Singspiel-Stereotype hinaus. Besonders Osmin wird als komisch-finsterer Aufseher gezeigt, dessen Drohungen im Koloratur-Bass gestaltet sind. Die Oper eröffnete die Reihe von Mozarts reifen Meisterwerken und festigte seine Stellung als unabhängiger Künstler in Wien. Konstanze wurde für die Sopranistin Caterina Cavalieri geschrieben, Osmin für den Bass Ludwig Fischer.
Aufführung, Partitur und Nachwirken
Die Uraufführung am 16. Juli 1782 dirigierte Mozart selbst. Zur Premierenbesetzung gehörten Valentin Adamberger als Belmonte, Caterina Cavalieri als Konstanze, Theresia Teyber als Blonde, Johann Ernst Dauer als Pedrillo, Ludwig Fischer als Osmin und Dominik Jautz als Bassa Selim.
Das Singspiel war von Anfang an ein großer Erfolg und etablierte Mozart, der ein Jahr zuvor aus Salzburg nach Wien gekommen war. Die Entführung aus dem Serail gilt nach Ignaz Umlaufs Bergknappen (1778) und Antonio Salieris Rauchfangkehrer (1781) als erste deutsche Oper, weil frühere Arbeiten fast durchweg Nachahmungen und Übersetzungen fremdsprachiger Produktionen gewesen waren. Sie wurde auch Vorbild für spätere Komponisten wie Weber.
Das Autograph der Partitur kam in die Königliche Bibliothek Berlin, heute Staatsbibliothek zu Berlin. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Noten zusammen mit anderen Originalhandschriften nach Schlesien gebracht, um sie vor Bombenangriffen zu schützen. Nach Kriegsende wurde die Partitur Teil der Berlinka in Krakau. Eine Rückführung nach Berlin ist umstritten.
Das Werk wirkte später auf andere Kunstwerke. Der finnische Komponist Aulis Sallinen schrieb mit Der Palast eine Oper, die viele Figuren aus der Entführung aufnimmt und Mozarts Handlung als Ausgangspunkt eines phantastischen Spiels nutzt. Gioachino Rossinis L’italiana in Algeri von 1813 behandelt ebenfalls die Befreiung einer schönen Frau aus der Macht eines orientalischen Fürsten. Wilhelm Busch veröffentlichte im Münchener Bilderbogen eine Parodie der zugrunde liegenden Handlung.