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Grünes Wachstum
Grünes Wachstum verfolgt das Ziel, wirtschaftspolitische Wachstumsziele nachhaltig zu erfüllen. Dafür soll eine Entkopplung von Wirtschaftsleistung und …
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Grundidee und Abgrenzung
Grünes Wachstum ist eine Theorie der Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Sie geht davon aus, dass Wirtschaftswachstum und deutlich erkennbarer Umweltschutz miteinander verbunden werden können. Das Ziel ist, wirtschaftspolitische Wachstumsziele nachhaltig zu erfüllen, indem Wirtschaftsleistung und Umweltverschmutzung beziehungsweise Umweltschäden voneinander entkoppelt werden. Solange quantitatives Wirtschaftswachstum ein wichtiges politisches Ziel bleibt, wäre aus dieser Sicht eine ökologische Verringerung der Umweltbelastung nur durch grünes Wachstum erreichbar.
Grünes Wachstum unterscheidet sich von wachstumskritischen Positionen. Diese fordern statt weiteren Wachstums oft eine stationäre Wirtschaft oder eine Verringerung der Wirtschaftsleistung, um eine nachhaltige Gesellschaft zu erreichen. Ob grünes Wachstum wirklich umsetzbar ist und welche politischen Wege dorthin führen, ist in Wissenschaft und Öffentlichkeit umstritten.
Der Begriff wird teilweise mit qualitativem Wachstum gleichgesetzt. Das ist jedoch ungenau: Qualitatives Wachstum meint eine Verbesserung der Lebensqualität, die nicht auf mehr Konsum beruht und mit üblichen wirtschaftlichen Kennzahlen schwer messbar ist. Grünes Wachstum beruht dagegen auf der Idee, weiterhin quantitatives Wirtschaftswachstum zu erzeugen und gleichzeitig ökologische Belastungen zu senken.
Entkopplung als Schlüsselbegriff
Die zentrale Annahme grünen Wachstums ist, dass Wirtschaftswachstum möglich bleibt, während ökologische Auswirkungen merklich reduziert werden. Diese Annahme der Entkopplung gilt als starke ökonomische Behauptung.
Relative Entkopplung bedeutet: Das Bruttoinlandsprodukt wächst schneller als Umweltindikatoren wie ökologischer Fußabdruck, Einsatz natürlicher Ressourcen oder Emissionen. Dann steigt die Ressourcen- oder Energieeffizienz, aber die gesamte ökologische Belastung kann trotzdem weiter wachsen.
Absolute Entkopplung bedeutet: Die ökologische Belastung sinkt, während die Wirtschaft gleichzeitig wächst. Ein Beispiel aus dem Artikel: Wenn die Wirtschaftsleistung um 3 % wächst und der Energieverbrauch nur um 2 % steigt, liegt relative Entkopplung vor. Wenn zugleich Treibhausgasemissionen um 1 % jährlich sinken, liegt bei den Emissionen absolute Entkopplung vor. Trotzdem wäre diese Entkopplung nicht ausreichend, falls die Emissionen eigentlich um 3 % jährlich sinken müssten.
Wichtig ist außerdem, welche Umweltindikatoren gemessen werden. Man unterscheidet etwa Materialaufwand, Primärenergieverbrauch, Treibhausgasemissionen und ökologischen Fußabdruck. Ebenso wichtig ist, ob nur inländische Produktion betrachtet wird oder auch globale Handelsbeziehungen und Wertschöpfungsketten. Deshalb kann ein Land im Inland weniger Rohstoffe fördern oder weniger Emissionen verursachen, aber durch Importe weiterhin hohe Umweltbelastungen in anderen Ländern auslösen.
Entwicklung der Debatte
Seit den 1970er-Jahren wird diskutiert, ob Rohstoff-, Energie- und Naturverbrauch fast proportional mit der Wirtschaftsleistung steigen. Nicholas Georgescu-Roegen, Herman Daly und der Club-of-Rome-Bericht Die Grenzen des Wachstums vertraten die These, dass eine Entkopplung nicht zu erwarten sei. John Holdren und Paul Ehrlich entwickelten die IPAT-Gleichung: I = P · A · T. Dabei steht I für Umweltwirkung, P für Bevölkerung, A für Wohlstand und T für Technologie. Wenn sich die Weltbevölkerung verdoppelt und der Pro-Kopf-Konsum vervierfacht, müsste sich die Technologie um den Faktor acht verbessern, damit die Umweltbelastung nicht weiter steigt.
Andere Ökonomen wie Joseph E. Stiglitz oder Robert Solow vertraten dagegen die Ansicht, Naturressourcen könnten durch technische Entwicklung oder Kapitalakkumulation ersetzt werden. Daraus folge, dass die Begrenztheit der Natur dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts keine festen Grenzen setzen müsse.
Eine wichtige ältere Idee ist die Umwelt-Kuznets-Kurve. Sie besagt, dass Umweltbelastung bei Industrialisierung zunächst steigt, später aber durch Tertiärisierung, also den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, wieder sinkt. In den 1990er-Jahren stützten einige empirische Studien diese Vorstellung für bestimmte Umweltprobleme. Kritisiert wurde jedoch, dass ökologische Entlastung nicht garantiert dauerhaft sei, möglicherweise zu spät komme und nur für bestimmte, leicht lösbare Umweltprobleme gelte.
In den 2000er-Jahren verschob sich die Debatte stärker zu politischen Maßnahmen. Der Stern-Report und William D. Nordhaus argumentierten auf Basis volkswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Analysen, dass die Kosten zur Vermeidung von Umweltschäden gering genug seien, damit Wachstum möglich bleibe, und dass Nichtstun später größere Wachstumseinbußen verursachen könne. Politisch schwierig bleibt, dass heutige Kosten langfristigem Nutzen gegenüberstehen.
Der Begriff „grünes Wachstum“ wurde besonders seit 2005 im asiatisch-pazifischen Raum und nach der Weltwirtschaftskrise ab 2007 wichtig. 2009 unterzeichneten Minister von 34 Staaten die Green Growth Declaration und unterstützten ein OECD-Mandat für eine Green Growth Strategy. Die OECD-Strategie von 2011 sollte zeigen, dass „grün“ und „Wachstum“ zusammengehen können. Organisationen wie OECD und Weltbank sehen grünes Wachstum als Mittel, Innovation und Investitionen zu fördern und nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Kritiker wie Tim Jackson, Niko Paech, Reiner Klingholz und Ulrich Brand bezweifeln dagegen, dass grünes Wachstum schnell genug ökologische Entlastung bringt; teils wird es als „Mythos“, „Widerspruch in sich“ oder „Oxymoron“ bezeichnet.
Empirische Befunde zur Entkopplung
Die Forschung zur Entkopplung untersucht, ob Wirtschaftswachstum von Rohstoffverbrauch oder Umweltbelastung getrennt werden kann. Dabei wird zwischen Resource decoupling, also Entkopplung vom Rohstoffverbrauch, und impact decoupling, also Entkopplung von Umweltbelastungen, unterschieden. Betrachtete Indikatoren sind unter anderem Abfall, Fischerei, Wasser, Biodiversität, Luftverschmutzung, Klimawandel, Holzeinschlag, fossile Energieträger, natürliche Ressourcen und der ökologische Fußabdruck.
Entscheidend ist nicht nur, ob irgendeine Entkopplung auftritt. Wichtig ist, ob sie absolut, global, dauerhaft und ausreichend schnell ist, um ökologische Ziele einzuhalten, etwa planetare Grenzen oder das 1,5-Grad-Ziel. Darum wird auch zwischen partieller und allgemeiner sowie zwischen temporärer und permanenter Entkopplung unterschieden.
Beispiele zeigen, wie stark die Ergebnisse von der Messweise abhängen. In der Schweiz sanken die CO2-Emissionen pro Kopf von 1990 bis 2018 bezogen auf die inländische Produktion um 35 %, was eine absolute Entkopplung bedeutet. Bezogen auf den Konsum stiegen sie jedoch um gut 20 % und damit etwas schneller als die Wirtschaftsleistung; bei Einrechnung des Handels gab es also nicht einmal relative Entkopplung. In Deutschland sanken die CO2-Emissionen pro Kopf von 1990 bis 2017 um gut 25 %, während das Bruttoinlandsprodukt um über 40 % stieg. Dort lag in Bezug auf CO2 eine absolute Entkopplung vor, unabhängig davon, ob Handelsbeziehungen einberechnet werden.
Eine Metastudie von 2020 um Dominik Wiedenhofer und Helmut Haberl wertete 835 Studien zu Wirtschaftswachstum, Treibhausgasemissionen sowie Material- und Energieverbrauch aus. Sie fand meist keine überzeugenden Beweise für absolute Entkopplung im nötigen Umfang oder kam zu unschlüssigen Ergebnissen. Relative Entkopplung komme bei Materialverbrauch sowie Treibhausgas- und CO2-Emissionen häufig vor, nicht aber bei nutzbarer Exergie. Die Autoren folgerten, dass Entkopplung bisher nicht schnell genug sei, um die Sustainable Development Goals oder das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
Eine finnische Metastudie von 2020 untersuchte 179 Artikel aus den Jahren 1990 bis 2019. Sie fand deutliche Evidenz für eine Entkopplung von Kohlendioxid-Emissionen und Wirtschaftsleistung, aber keine Studie berücksichtigte ausreichend mögliche Verlagerungen in andere Länder. Für Rohstoffverbrauch sei keine Entkopplung feststellbar, und für eine ökologisch ausreichend schnelle Entkopplung fehle Evidenz. Das Europäische Umweltbüro kam 2019 zu einem ähnlichen Ergebnis und forderte, grünes Wachstum durch weitere Strategien wie Suffizienz zu ergänzen. Laut International Resource Panel wächst der globale Rohstoffverbrauch seit etwa der Jahrtausendwende wieder schneller als die Wirtschaftsleistung; dies wird als „recoupling“ statt „decoupling“ beschrieben.
Wachstumstheorie und politische Möglichkeiten
In der Wachstumstheorie ist umstritten, ob grünes Wachstum möglich ist. Der zentrale Streitpunkt lautet, ob der Produktionsfaktor Umwelt durch Technologie, Kapital oder Humankapital ersetzt werden kann. Neoklassische Modelle verwenden oft Cobb-Douglas- oder CES-Produktionsfunktionen, in denen Natur, Energie oder Rohstoffe ersetzbar sind. Daher sind sie eher optimistisch, dass Entkopplung mit passenden politischen Maßnahmen gelingen kann.
Anders bewerten manche Ansätze der ökologischen Ökonomik die Lage. Wenn technologische Grenzen der Ersetzbarkeit angenommen werden, wird der Beitrag von Natur zum Wirtschaftswachstum deutlich wichtiger, und grünes Wachstum erscheint schwerer erreichbar. Einige Modelle verwenden Leontief-Produktionsfunktionen und gehen davon aus, dass keine Substitution möglich ist.
Für zukünftige Entkopplung werden viele Bereiche genannt: Recycling, Kreislaufwirtschaft, höhere Ressourceneffizienz, Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien, umweltärmere Produktionsverfahren, langlebigere Produkte und mehr Reparaturdienstleistungen. Der Strukturwandel kann Chancen und Risiken für den Arbeitsmarkt bringen. Die Internationale Arbeitsorganisation schätzt, dass der Ausbau einer grünen Wirtschaft bis 2030 weltweit 24 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Ohne nachhaltige Entwicklung drohe dagegen der Verlust von Millionen Arbeitsplätzen durch veränderte Umweltbedingungen.
Politisch wird eine Mischung aus marktgestützten, regulatorischen und informationsbasierten Maßnahmen gefordert. Ziel ist, Rohstoffeffizienz zu erhöhen, Umweltbelastung zu senken und Marktversagen bei öffentlichen Gütern zu beheben. Bei globalen Umweltproblemen ist internationale Koordination hilfreich, etwa durch Umweltabkommen. Viele Ansätze betonen, dass ökologische Kosten in Preise einbezogen werden müssen. Instrumente dafür sind Pigou-Steuern, Emissionsrechtehandel, der Abbau umweltschädlicher Subventionen und möglicherweise Zertifikatehandel für Materialextraktion oder Flächenversiegelung. Umstritten ist, welche weitere Rolle der Staat spielen soll, etwa durch grüne expansive Fiskalpolitik, einen Green New Deal, Innovationspolitik, Industriepolitik oder gezielte Subventionen für grüne Technologien.
Rebound-Effekt als Hindernis
Ein wichtiges Hindernis für grünes Wachstum ist der Rebound-Effekt. Er bedeutet, dass technische Effizienzgewinne nicht vollständig zu weniger Ressourcenverbrauch oder weniger Emissionen führen. Eine neue Technik kann sparsamer sein, aber gerade dadurch billiger oder attraktiver werden. Dann wird sie häufiger genutzt, und ein Teil der Einsparungen wird wieder aufgehoben oder sogar übertroffen.
Das Artikelbeispiel sind effizientere Automotoren. Wenn Motoren weniger Kraftstoff pro Kilometer verbrauchen, sinken die Kosten der Autonutzung. Dadurch können Menschen häufiger Auto fahren, und mehr Menschen können sich ein Auto leisten. Die Nachfrage nach Autos und ihre Produktion können steigen. Dann werden Emissionen, die durch effizientere Motoren eingespart wurden, durch mehr Nutzung und Produktion teilweise oder vollständig wieder verursacht.
Der Rebound-Effekt stellt grünes Wachstum nicht automatisch unmöglich, zeigt aber eine Grenze rein technischer Lösungen. Er muss berücksichtigt werden, weil Effizienzsteigerungen allein nicht garantieren, dass Umweltbelastungen im nötigen Umfang sinken.