Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Sprachgebrauch in der DDR

Unter Sprachgebrauch in der DDR werden sprachliche Ausdrucksformen zusammengefasst, die in Lexik und Stilistik nur oder besonders in der Deutschen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Arten DDR-typischer Sprache
  3. 3. Ideologie, Verwaltung und gesellschaftliche Wirklichkeit
  4. 4. Alltagssprache, Ironie und unterschiedliche Gebrauchsebenen
  5. 5. Losungen, Werbung und Ortsnamen

Begriff und Bedeutung

Der Sprachgebrauch in der DDR umfasst Wörter, Wortverbindungen und stilistische Ausdrucksformen, die ausschließlich oder besonders in der Deutschen Demokratischen Republik gebräuchlich waren. Dazu gehörten Alltagssprache, amtlich festgelegte Begriffe sowie Formulierungen, die staatliche Stellen und Medien verwendeten oder aufgrund subtilen Anpassungsdrucks übernahmen. Dieser Wortschatz bildet politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse der DDR ab.

Viele Ausdrücke blieben nach 1990 erhalten. Manche wurden erst danach über ihre ursprüngliche Region hinaus bekannt. Besonders seit 2000 werden einzelne Begriffe außerdem gezielt zur Vermarktung von Ostprodukten eingesetzt.

Ein Ausdruck kann auf unterschiedliche Weise DDR-typisch sein: Er konnte nur dort vorkommen, eine besondere Bedeutung besitzen, aus ungewöhnlich verbundenen bekannten Wörtern bestehen, durch russischen Einfluss geprägt sein, eine ideologisch festgelegte Bedeutung erhalten oder eine ältere, in der Bundesrepublik inzwischen verdrängte Sprachform bewahren.

Arten DDR-typischer Sprache

Manche Wörter wurden in Form und Bedeutung nur in der DDR verwendet. Beispiele sind Broiler für Brathähnchen, Plaste für Kunststoff, Kombine für eine Landmaschine mit mehreren Funktionen und Traktorist für einen ausgebildeten Führer landwirtschaftlicher Maschinen. Brigade bezeichnete im Produktionsprozess die kleinste Arbeitsgruppe, die für einen bestimmten Bereich verantwortlich war. Das Wort existierte auch außerhalb der DDR, dort aber mit anderer Bedeutung oder als Teil eines Sonderwortschatzes.

Andere Ausdrücke entstanden durch neue Zusammensetzungen bekannter Wörter, etwa Volksbuchhandlung, Jugendleben und Held der Arbeit. Häufig handelte es sich um Übersetzungen aus dem Russischen: stennaja gaseta wurde zu Wandzeitung, dom kultury zu Haus der Kultur und später Kulturhaus. Auch massenpolitische Arbeit folgte dem russischen Muster mit einem adjektivischen Zusatz, während im Deutschen politische Massenarbeit nähergelegen hätte.

DDR-typische Bildungen waren außerdem feste Verbindungen von Verben, Präpositionen und Substantiven. Ein Beispiel ist zum Hochschulstudium delegieren. Solche Kollokationen, also häufig gemeinsam auftretende Wörter, wurden vielfach zu politischen oder verwaltungssprachlichen Schlagworten.

Daneben blieben ältere Formen länger erhalten, darunter die Anrede Werte Kollegin, Werter Herr oder Werter Bürger, die Bezeichnungen Aktendulli für Heftstreifen und Anrichte sowie das Wort Plan. Einige Ausdrücke wurden später allgemein bekannt; dazu zählt Ampelmännchen als Oberbegriff für zahlreiche Varianten der ostdeutschen Fußgängerampelfigur.

Ideologie, Verwaltung und gesellschaftliche Wirklichkeit

Die Sprache des Staates und der SED gab vorhandenen Begriffen neue oder genauer festgelegte politische Bedeutungen. Fortschrittlich bedeutete, für den Sozialismus einzutreten; parteilich hieß, die Positionen des Marxismus-Leninismus beziehungsweise der sozialistischen Partei einzunehmen. Demokratie wurde im Herrschaftssystem der DDR als ein allein im Sozialismus zu verwirklichendes Prinzip der Volksherrschaft verstanden. Sozialistische Demokratie bezeichnete die Herrschaft der Werktätigen unter Führung der Arbeiterklasse. Auch Bodenreform wurde mit Formulierungen wie demokratische Umgestaltung auf dem Lande und der Entstehung Volkseigener Güter ideologisch eingeordnet.

Viele Wörter bezeichneten zentrale Einrichtungen und Lebensbereiche. Ein Volkseigener Betrieb, kurz VEB, war die häufigste Rechtsform der Industrie- und Dienstleistungsbetriebe. Ein Kombinat war ein mit einem Konzern vergleichbarer Zusammenschluss solcher Betriebe. Die Polytechnische Oberschule war eine zehnklassige Einheitsschule; die Erweiterte Oberschule, kurz EOS, eine höhere vierjährige Gemeinschaftsschule, vergleichbar mit der Oberstufe eines Gymnasiums beziehungsweise der Kollegstufe. Polikliniken waren ambulante Behandlungszentren mit angestellten Fachärzten verschiedener Fachrichtungen.

Auch Versorgung und Sozialpolitik prägten den Wortschatz. Kaufhalle bedeutete Supermarkt, Bedarfsunterdeckung oder Bedarfslücke bezeichneten offiziell Versorgungslücken. Bückware waren begehrte Artikel, die Verkäufer verborgen unter dem Ladentisch aufbewahrten. Ein Ehekredit war ein zinsloses Darlehen von bis zu 5000, später 7000 Mark für frisch verheiratete Paare. Ab 1972 konnte die Restschuld durch Kinder vermindert werden: beim ersten Kind um 1000 Mark, beim zweiten um weitere 1500 Mark; mit dem dritten Kind galt sie als getilgt. Umgangssprachlich hieß dies abkindern. Das Babyjahr bot einer Mutter nach der Geburt eines Kindes ein Jahr bezahlte Freistellung.

Begriffe aus Überwachung, Grenze und Militär zeigen die politische Lage. Republikflucht bezeichnete zunächst offiziell, später auch umgangssprachlich die Flucht aus der DDR. Ausreiseantrag war der Antrag auf dauerhaftes legales Verlassen des Landes. Inoffizieller Mitarbeiter, kurz IM, war seit etwa 1970 die MfS-interne Bezeichnung für jemanden, der gezwungenermaßen oder freiwillig verdeckt Informationen lieferte. Antifaschistischer Schutzwall war die staatliche Bezeichnung für die Berliner Mauer; Ochsenkopfantenne bezeichnete dagegen umgangssprachlich eine Antenne zum Empfang des Westfernsehens.

Alltagssprache, Ironie und unterschiedliche Gebrauchsebenen

Die alphabetische Begriffssammlung umfasst mehrere sprachliche Ebenen. Neutrale Bezeichnungen benannten Sachverhalte ohne erkennbare Auf- oder Abwertung, etwa Broiler, Kaufhalle, Wandzeitung, Babyjahr, Ehekredit und sozialpolitische Maßnahmen. Andere Wörter signalisierten Linientreue oder entstanden in einer kommunikativen Zwangssituation. Dazu gehörten Genosse, Klassenfeind und das betonte unser in Wendungen wie unsere Deutsche Demokratische Republik, das Volkseigentum und gesellschaftliche Gemeinsamkeit hervorheben sollte.

Daneben entwickelte sich eine breite ironische und systemkritische Umgangssprache. Horch und Guck oder Firma bezeichneten das Ministerium für Staatssicherheit. Arbeiterschließfach war eine abwertende Bezeichnung für eine Plattenbauwohnung, Ballast der Republik eine scherzhafte Umdeutung von Palast der Republik und Erichs Lampenladen ein Name für dieses Gebäude wegen seiner auffälligen Innenbeleuchtung. Tal der Ahnungslosen meinte den Raum Dresden, in dem Westfernsehen wegen Tallage und Entfernung überwiegend nicht empfangen werden konnte. Trabi oder Trabbi, Rennpappe, Duroplastbomber und Sachsenporsche waren verschiedene Namen für den Trabant.

Russische und sowjetische Einflüsse zeigten sich unter anderem in Datsche, Kosmonaut, Subbotnik und rabotten. Ein Subbotnik war ein nicht immer ganz freiwilliger, unbezahlter Arbeitseinsatz nach sowjetischem Vorbild, gewöhnlich am Sonnabend. Zugleich entstanden besondere Bezeichnungen für westliche Waren und Kontakte: Westgeld stand für DM beziehungsweise frei konvertierbare Währung, Intershop für Geschäfte mit Importwaren und Erzeugnissen der Gestattungsproduktion gegen Devisen oder Forumschecks, Westpaket für ein Geschenkpaket aus der Bundesrepublik.

Bedeutung und Wirkung eines Wortes konnten sich nach Zeit, Ort und Situation unterscheiden. Manche amtlichen Begriffe wurden durch Übertreibung ironisch verwendet. Nicht alle später als DDR-Sprache dargestellten Wörter gehörten tatsächlich dazu. Solche Projektionsworte westlicher Medien waren etwa Njet und Apparat. Ossi war als ironische Selbstbezeichnung für DDR-Bürger bis 1989 unbekannt und entstand erst in der Wendezeit als Gegenstück zu Wessi. Bei Apparatnik oder Apparatschik ist die Einordnung als bloßes Projektionswort umstritten, weil der Ausdruck in der russischen Umgangssprache verwendet wird.

Losungen, Werbung und Ortsnamen

Politische Losungen wurden für den Ersten Mai, Parteitage, Programme zur Planerfüllung, Transparente, Gebäude und Wandzeitungen vorgegeben. Zeitungen veröffentlichten offizielle Listen zur Auswahl. Typische Formeln waren Alles zum Wohle des Volkes!, Für Frieden und Völkerfreundschaft, Unsere ganze Kraft für die Erfüllung des 5-Jahrplanes und Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Arbeite mit, plane mit, regiere mit! stammte aus Art. 21 der Verfassung der DDR von 1974. Überholen ohne einzuholen bezeichnete ein von Walter Ulbricht 1957 verkündetes wirtschafts- und sozialpolitisches Ziel gegenüber dem Westen.

Viele Losungen wurden spöttisch verändert. Aus Der Sozialismus siegt wurde Der Sozialismus siecht; Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen wurde entsprechend zu siechen lernen umgeformt. Ulbrichts Satz Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen bezog sich auf höhere Arbeitsproduktivität, wurde aber umgangssprachlich auf den Diebstahl von Material und Werkzeugen wegen der schlechten Versorgungslage bezogen.

Während der friedlichen Revolution 1989 schufen Demonstrierende eigene Losungen. Wir sind das Volk! und Keine Gewalt begleiteten die Proteste. Hinzu kamen Stasi in die Produktion! und, zeitlich nach Wir sind das Volk!, Ende 1989 beziehungsweise Anfang 1990 Wir sind ein Volk!.

Werbesprache war trotz der staatlich gelenkten Wirtschaft verbreitet. Bekannte Beispiele waren Plaste und Elaste aus Schkopau, MITROPA macht das Reisen schöner., NARVA – taghell und Wartburg: Formschön und zuverlässig. Auch Ortsnamen wurden politisch geprägt: Berlin trug den Zusatz Hauptstadt der DDR; Chemnitz wurde Karl-Marx-Stadt, Neuhardenberg Marxwalde. Stalinstadt und Fürstenberg (Oder) wurden ab 1961 zu Eisenhüttenstadt zusammengeführt beziehungsweise entsprechend benannt. Weitere offizielle Zusätze waren Wilhelm-Pieck-Stadt Guben und Thomas-Müntzer-Stadt Mühlhausen.

Weiterlesen

Wortschatz Als Wortschatz (Mehrzahl Wortschätze), auch Vokabular, Lexikon oder Lexik genannt, bezeichnet man die Gesamtheit aller Wörter. Damit kann gemeint sein:. Deutsche Demokratische Republik Tauschgeschäfte mit Parallelen zum klassischen Kolonialhandel, so von Waffen und Lkw aus der DDR gegen Rohkaffee und Energierohstoffe aus ausgewählten … Lexem Das Lexem repräsentiert das sprachliche Wissen, das mit einem Wort insgesamt verbunden ist, also das Wissen darüber, welche syntaktischen Eigenschaften und … Kollokation Als Kollokation (von lateinisch collocatio „Stellung, Anordnung“, als Fachbegriff jedoch von engl. collocation) bezeichnet man in der Linguistik das … Verb Die Trennung zwischen Verb und Substantiv wird als die fundamentalste Unterscheidung im Bereich der Wortarten angesehen, da hierin die Aufteilung elementarer … Präposition Bedeutungseigenschaften · abzüglich, auf, aus, ausschließlich, außer, bei, bis, an, bis auf, bis zu, einschließlich, entgegen, exklusive, für, gegen, gegenüber, … Substantiv Das Substantiv, deutsch auch Hauptwort, Nennwort, Namenwort, Dingwort oder Gegenstandwort, ist eine Wortart. · Das Substantiv bildet zusammen mit dem Verb die … Sozialistische Einheitspartei Deutschlands Die SED war eine „Partei neuen Typs“ ohne innerparteiliche Demokratie. Sie wurde vom Politbüro geführt. Dieses war im Sinne des sogenannten demokratischen … Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht … Berliner Mauer Die Berliner Mauer wurde am Abend des 9. November 1989 im Zuge der politischen Wende geöffnet. Dies geschah unter dem wachsenden Druck der mehr Freiheit … Nationale Volksarmee Die Nationale Volksarmee (NVA) umfasste von 1956 bis 1990 als Streitkräfte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die dem Ministerium für Nationale … Polytechnische Oberschule Die polytechnische Oberschule (Abkürzung POS) war die allgemeine Schulform im Schulsystem der DDR und umfasste zehn Klassen. Sie entstand 1959 aus einer …