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Glaube vs. Spiritualität: Was hilft uns in der Klimakrise? | Sternstunde Religion | SRF Kultur
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 458 Zeilen
- Hallo zusammen. Habt ihr noch Hoffnung, dass alles gut wird? Dass wir unsere planetare Krise überstehen werden?
- Können wir die globale Katastrophe abwenden? Kann nur ein Gott uns helfen, mehr Glaube, mehr Religion?
- Keineswegs. Alles sei Verblendung und toxische Formen der Trägheit, sagt mein heutiger Gast, der renommierte Philosoph
- und Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger. Mit Untertiteln von SWISS TXT
- Was bedeutet für Sie Hoffnung? Genau betrachtet ist Hoffnung etwas sehr Gefährliches.
- Denn wir sollten in der Gegenwart leben und nicht in der Zukunft. Durch Hoffnung kann man sich sehr täuschen.
- Der berühmte indische Philosoph Jiddu Krishnamurti sagte einmal: "Hoffnung ist ihre eigene Hölle."
- D.h., man verfängt sich in einem Konflikt mit der Gegenwart. Trotzdem braucht man praktische Zuversicht
- und man darf sich nicht aufgeben. Ein Leben muss auch gelebt werden.
- Hoffnung kann man auch daraus schöpfen, dass unsere Welt bekanntlich unvorhersagbar und komplex ist.
- Es gibt bestimmte Beziehungen, in denen die Zukunft noch offen ist, z.B. was unsere eigene geistige Entwicklung angeht.
- Sie haben mit der Kritik der Hoffnung begonnen, was ich gut verstehen kann.
- Und Sie sind ein bekennender Pessimist. Nein, das würde ich nicht sagen.
- Ich glaube, wir brauchen in der historischen Epoche, die jetzt begonnen hat, etwas, das über Optimismus
- und Pessimismus hinaus geht. Es gibt den Zweckoptimismus, bei dem viele Leute sich einreden,
- die Dinge stünden besser als sie in Wirklichkeit stehen. Dass wir z.B. durch neue grüne Technologien
- das Wachstumsmodell weiterentwickeln können, dass es "grünes" Wachstum gibt.
- Es gibt auch Zweckpessimisten, das bin ich auch nicht. Alarmisten, die Angst für ihre Zwecke benutzen,
- um Aufmerksamkeit zu bekommen. Was wir brauchen, ist eine neue Form von Realismus,
- vielleicht sogar eine spirituelle Form von Realismus. Interessanterweise würden Optimist:innen und Pessimist:innen
- ihre Position immer als realistisch bezeichnen. Ja, genau. Und darum muss man
- mit vernünftigen Argumenten und evidenzbasiert klären, welchen Fall wir wahrscheinlich zu erwarten haben.
- Es ist ein Fakt, wie Sie angedeutet haben, dass wir uns gerade in einer multiplen Krise befinden.
- Ja. - Doch die planetare Krise, die Sie interessiert, scheint uns grundlegend und unbedingt anzugehen.
- Könnten Sie kurz die Qualität und das Ausmass dieser Krise skizzieren? Kurz nicht, dafür bräuchten wir mehrere Sendungen.
- Ich helfe Ihnen. - Es greifen viele Sachen ineinander. Derzeit denken z.B. alle an die plötzlich
- wahrnehmbar gewordene Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Es gibt aber auch z.B. das Problem des Artensterbens,
- des Bevölkerungswachstums usw. Oder auch das Anthropozän, die grosse Beschleunigung.
- Und natürlich das dauernd laufende Generalthema: die Klimakatastrophe.
- Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann müssen wir sagen, dass es aus verschiedenen Gründen sehr schlecht aussieht.
- Da gibt es einen Zweckoptimismus wie in der Politik. In grossen Teilen der Klimabewegung ist man nicht ganz redlich,
- nicht ganz ehrlich sich selbst gegenüber. Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ist das etwas,
- das uns noch viele Jahrzehnte und Jahrhunderte begleiten wird. Auch wenn wir nun die CO2-Emission auf Null senken würden,
- sagt uns die Wissenschaft, dass "dieser Zug rollt". Wie ein Auto, bei dem der Gang raus ist,
- das noch lange auf der Autobahn weiterrollt. Ein Aspekt dieser Krise, die keine ist,
- weil Krisen einen Anfang und ein Ende haben, ist, dass sie jetzt bei uns bleibt.
- Und es ist auch ziemlich deutlich, dass wir die Kontrolle verlieren. Das mag vielen Leuten als alarmistisch erscheinen ...
- Mein erstes Argument dafür, dass dies wirklich der Fall ist, also dass es jetzt schon nur noch um Schadensbegrenzung
- und eine intelligente Form von Katastrophenmanagement geht. Darum geht es auch im Buch "Bewusstseinskultur".
- Ich glaube, dass eine neue Bewusstseinskultur zu einer intelligenten Form von Katastrophenmanagement gehört.
- Darauf können wir später noch zurückkommen. - Ja, das machen wir. Es scheint auch, dass diese Krise eine existenzielle Bedrohung ist.
- Wie würden Sie die existenzielle Seite beschreiben? Ich glaube nicht, dass wir alle sterben werden
- oder die Menschheit untergeht. Im Gegenteil: Meine Aufgabe als Philosoph ist es,
- etwas länger vorauszudenken, auch über Jahrzehnte. Und es wird mehr Menschen geben: Wir werden 2050 etwa 9,6 Mrd. sein.
- Das nimmt dann bei 10 bis 11 Mrd. wieder ab, es werden also nicht alle sterben.
- Aber andere Dinge werden kommen, die mit der existenziellen Dimension zu tun haben, die Sie ansprachen:
- Unser Bild von uns selbst wird sich ändern. D.h., wir werden uns zunehmend als scheiternde Spezies erleben.
- Ich habe das 2014 bereits zum ersten Mal gesagt: Das Bild des Menschen verändert sich schrittweise -
- das Bild eines Wesens, das angesichts von Fakten sein Verhalten in der Masse nur schwer ändern kann.
- Und das nicht die Einsicht und Flexibilität im Verhalten hat, die wir jetzt bräuchten.
- Wir bräuchten grosses Tempo, wir wussten das 40 Jahre lang, seit 30 Jahren weiss es sogar jedes Kind.
- Jetzt wird es langsam offenbar, dass wir sehr wenig Zeit haben. Und das wird natürlich unser Selbstverständnis tangieren.
- Ja, und die Frage ist: Hatten wir je ein konstantes Selbstverständnis? Der Mensch ist schon immer evolutiv angelegt. - Ja.
- Und wir sind immer mit Herausforderungen konfrontiert. Sie sind sicher, dass es zur Klimakatastrophe kommt?
- Im Historischen Museum in Bern gab es vor Kurzem eine Ausstellung zum Thema Weltuntergang.
- Welche Facetten ein Weltuntergang hat und aus welcher Perspektive man ihn betrachten kann,
- erklärt uns kurz Christian Kropf. Biologisch gesehen gab es bisher keinen Weltuntergang,
- da zwar immer sehr viele Arten verschwunden sind, aber so auch Platz für Neues geschaffen wurde.
- Und nach jedem Aussterbeereignis hat sich das Leben recht schnell erholt und geblüht, und neue Lebensformen sind entstanden.
- Im Moment schätzen wir, dass wir täglich 100-400 Tierarten verlieren. Das ist eine Aussterberate,
- die mit grossen Massensterben verglichen werden kann. Das ist ein ganz wichtiger Punkt:
- Wenn man aus der Philosophie der Biologie eine abstrakte Perspektive einnimmt, dann ist überhaupt nicht klar,
- dass kognitive Komplexität - also unser grosses Gehirn und die Grossgesellschaften, die wir gebildet haben -
- eine stabile Strategie ist, die sich erhalten wird. Vielleicht gibt es andere, viel robustere biologische Pfade.
- Einzeller und Insekten z.B. sind schon viel länger da als wir. Es wurde eine zweite wichtige Frage im Video angesprochen:
- Wenn man eine hohe philosophische Perspektive einnimmt, hat diese Spezies einen intrinsischen Wert,
- denn wir möchten nicht verschwinden. Aber aus der Perspektive des Universums, des Planeten,
- sub specie aeternitatis gesehen: Wäre es denn ein grosser Verlust, wenn wir verschwinden würden?
- Ich glaube schon. Man soll das nicht so leichtfertig sagen,
- weil es mit sehr viel Leiden verbunden wäre, wenn es eintritt, einer grossen Menge an bewusst erlebtem menschlichen Leiden.
- Und weil auch Potenzial verloren ginge, das im menschlichen Geist noch nicht erweckt ist,
- wenn die Menschheit wirklich als Ganzes scheitern würde. Ich glaube nicht, dass das passiert.
- Die Menschheit wird nicht verschwinden, aber die Lebensbedingungen werden sich verschlechtern.
- Was für ein Problem wäre das, wenn wir verschwinden würden? Was hat der Mensch denn hervorgebracht, das so wichtig wäre,
- dass wir auf den Menschen setzen? Denn wenn wir von Einzellern reden, die länger bleiben,
- dann ist meine Frage: Ist es unsere Aufgabe, so lange wie möglich auszuhalten?
- Es geht auch um die Lebensqualität. Und ich würde nicht mit einem Einzeller tauschen wollen,
- auch wenn das Milliarden von Jahren mehr bedeuteten. Ja, aber diese Frage können nur Menschen stellen.
- Und diese Art von Fragen würde dann niemand mehr stellen. Einzeller stellen keine Fragen.
- Was bringt das, wenn man diese Frage stellt? Ausser, dass man sich besser fühlt, weil man intelligent ist.
- Man könnte jetzt poetisch werden und sagen, dass in uns, in unserer hohen kognitiven Komplexität, in unseren Theorien,
- das Universum auf eine neue Weise bewusst wird. Dass sich das Ganze spiegelt
- und in der biologischen Evolution anders als bisher dargestellt wird. Ob das mit einem Wert verbunden ist, ist eine sehr tiefgehende Frage.
- Man kann dafür argumentieren - und das wollte ich nicht ansprechen -, dass wir anti-entropische Systeme sind,
- die mehr Leiden als Freude im Leben erfahren. Das sagen auch viele Religionen.
- D.h., wir leisten Widerstand gegen den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, wir bäumen uns vorübergehend auf,
- was alle biologischen Systeme machen. Und das brachte uns immer mehr Leiden
- als Freude ins physikalische Universum. Manche Leute sagen auch,
- dass der Wert in diesem Jammertal negativ ist. Ich verstehe etwas nicht: Sie haben gesagt,
- dass die Menschheit nicht aussterben solle, weil das Leid hervorruft. Und jetzt sagen Sie, Leid ist das, was uns Menschen ausmacht. - Ja.
- Wenn uns das Leid prägt: Warum dann nicht schneller und wir sind weg? Sehr schön. Dann wäre die Frage für eine moderne Bewusstseinskultur:
- Gibt es Bewusstseinszustände, die frei von psychologischem Leid sind? D.h. positive Zustände?
- Dass wir verkörperte leibliche Wesen und sterblich sind, können wir nicht ändern.
- Aber vielleicht ist noch Luft auf psychologischer Ebene. Das Potenzial für diese Entwicklung sollte man nicht einfach verspielen.
- Das hat auch etwas damit zu tun, was altmodische Philosophen Würde und Selbstachtung genannt haben.
- Es ist auch eine Frage der Selbstachtung, nicht die Biosphäre zu zerstören.
- Was wir mit unserem ganzen gegenwärtigen Verhalten tun, hat politisch gesehen auch mit Anerkennungsbeziehungen zu tun.
- Wir setzen Zukunftswerte herab: D.h., die Lebensqualität und die Handlungsoptionen
- von zukünftigen empfindungsfähigen Wesen sind uns egal. Das ist im Grunde eine direkte Verachtung der Zukunft.
- Es ist so, als ob wir den noch nicht Geborenen auf diesem Planeten vorsätzlich die Anerkennung verweigern.
- Es gab bis jetzt etwa 106 Mrd. Menschen auf der Erde. 8 Mrd. davon leben im Moment gerade, aber es gibt eine grosse Menge,
- die in der Zukunft noch leben kann. Unser Verhalten den Ungeborenen gegenüber ist zutiefst würdelos.
- Ich verstehe. Sie prophezeien in dem Zusammenhang auch einen Panikpunkt,
- der kommen und uns erhellen wird, was wir getan haben, wo wir stehen, in was für einer katastrophalen Lage wir sind.
- Wie stellen Sie sich diesen Panikpunkt vor? Ich werde gleich auf die Kritik dazu eingehen.
- Dieses Buch hat schon viele hitzige Diskussionen ausgelöst. Man kann ehrlicherweise nicht sagen, wann der Panikpunkt sein wird.
- Vielleicht wird er 2045 sein, wo die einfachen Leute auf der Welt, d.h., keine Leute wie Sie und ich, die Bücher schreiben und lesen,
- sondern Leute mit einem anständigen Beruf wie Bäcker, LKW-Fahrer und Krankenpfleger, auf einmal etwas verstehen.
- Sie verstehen nicht kognitiv, sondern auf Bauchebene zwei Sachen: Was die Grünen, die Alternativen und die Wissenschaft
- uns seit 40 Jahren über die Klimakatastrophe sagen, stimmt tatsächlich alles.
- Das Zweite, was sie auf Bauchebene verstehen: Es ist jetzt zu spät. Und das könnte noch zu anderen Arten von Kipppunkten führen,
- sozialer und psychologischer Art. Ich möchte eine interessante Kritik aus der Diskussion kurz wiedergeben:
- Es gibt kluge Leute, die den Panikpunkt abstreiten. Denn die Bevölkerung sei so stumpf,
- dass sie - wie ein Frosch, der in einem Topf mit immer heisserem Wasser sitzt - nur zuschauen und verdrängen werden,
- wie sich die Krise zuspitzt. Und erst wenn sie völlig eskaliert, sehen sie im Rückblick,
- dass alles falsch war, ohne je in Panik geraten zu sein. Das ist eine Kritik, die ich bekomme.
- Ich glaube aber, dass es dank des Internets ein globales Bewusstsein geben wird, dass etwas Schlimmes passiert
- und wir kaum noch Handlungsmöglichkeiten haben. Ja. Die Kritik ist immer sehr elitär,
- wenn man von stumpfer Bevölkerung spricht, die nichts mitbekommt. Bei dieser Analyse bin ich etwas skeptisch.
- Aber das mag Ihnen ... Ja, genau das ist ja die Kritik an mir.
- Wir erleben auch unser heutiges Leben in vielerlei Hinsicht als fortschrittlich.
- Mhm. - Also politisch, wirtschaftlich, technologisch. Die Frage ist: Was ist eigentlich schiefgelaufen,
- bei all dem, was wir hervorgebracht haben, kulturell, intellektuell und zivilisatorisch,
- dass wir uns in so eine katastrophale Krise begeben haben? Das kann man konkret, aber auch philosophisch beantworten.
- Konkret wäre z.B.: Die globale Finanzindustrie ist unserer Kontrolle entglitten.
- Keine einzelne nationale Regierung kann sie mehr bändigen, sie treiben den Klimawandel z.B. durch ihre Investitionstätigkeit an.
- So könnte man konkrete Schuldige benennen. Es gibt aber ein anderes Problem,
- um das es bei dem Begriff der Bewusstseinskultur auch geht: Wir haben uns nicht genug mit der Tiefenstruktur
- unseres Geistes beschäftigt, mit der funktionalen Architektur unseres Gehirns,
- die aus der Evolution stammt. Denn nicht die neue Technologie schafft die Probleme.
- Und auch nicht die Künstliche Intelligenz, die fossile Technologie und alles, was wir entwickelt haben.
- Die Probleme schafft die Kopplung unseres steinzeitlichen Gehirns an die fast gottgleichen Handlungsmöglichkeiten,
- die sich jetzt ergeben. Die Kopplung ist das Problem, sie erschafft die Risiken.
- Und ich weiss nicht, wie ich das sagen soll: Man kann das Richtige sagen und dabei oberflächlich sein.
- Z.B. kann man den Kapitalismus kritisieren und das Wachstumsmodell, die Externalisierung von Kosten und die Ausbeutung.
- Aber das sind meiner Meinung nach Oberflächenphänomene. Das wahre Problem ist unser eigener Geist.
- Der hat das alles hervorgebracht. Das ist der äussere Ausdruck,
- diese Gier getriebene Konsumgesellschaft, die wir sehen. Wir müssten etwas tiefer nach den Ursachen forschen.
- D.h., wir müssen mit geistigem Wachstum auf diese Krise reagieren. Mhm. Fünf vor Zwölf ist längst vorbei,
- und wie schlimm es wirklich steht, können wir uns kurz anschauen. Das Meer steigt unaufhaltsam.
- Es ist der Anfang einer Entwicklung, die grosse Teile unserer Welt dramatisch verändern wird.
- Es könnten zehn Meter werden. Der stete Anstieg des Meeresspiegels beschäftigt die Wissenschaft.
- Wie hoch wird das Wasser steigen? Was bedeutet das für uns Menschen? Es wird Gebiete geben, die wir so nicht mehr halten können.
- Jetzt hat die Forschung neue Erkenntnisse. So entsteht ein Teufelskreis, denn je mehr das Eis schmilzt,
- desto niedriger wird der Eisschild und desto mehr schmilzt das Eis. Wie viel Zeit bleibt uns noch, um Lösungen zu finden?
- Die Küsten sind die am dichtesten besiedelten Regionen unserer Erde. Es gibt 136 grosse Küstenstädte, die über 1 Mio. Einwohner haben.
- Zusammen sind das über 400 Mio. Menschen, von denen etwa 10 % jetzt schon in Gebieten leben,
- die regelmässig überflutet werden. Die Zahl hoher Wasserstände nimmt weltweit zu.
- Wellen und Sturmfluten sind dabei die Vorboten dessen, was den Küstengebieten blüht, wenn der Meeresspiegel steigt.
- Bereits bei einem Anstieg von wenigen Dezimetern sind Überflutungen dann keine Jahrhundertereignisse mehr,
- sondern werden zur Normalität. In flachliegenden Küstenstädten wie New York
- liegt die kritische Grenze für ständige Überflutungen bei etwa 1 m Meeresspiegel-Anstieg.
- Metropolen unter Wasser: Ist das Science-Fiction, wie in diesen Bildern dargestellt?
- Oder die Zukunft? Ob es zum Kollaps der Eisschilder
- auf Grönland und der Antarktis kommt, hängt von uns ab. Laut aktuellem Bericht des Weltklimarates
- ist es möglich, dass bis Ende dieses Jahrhunderts der Meeresspiegel um 2 m steigen könnte,
- wenn die Treibhausgas-Emissionen nicht reduziert werden. Wir haben es in der Hand, wie schnell es kommt.
- Herr Metzinger ... -Erst mal eine Kritik zum Beitrag. 10 m - das ist unseriös. Das ist ein Beispiel für Alarmismus
- und Zweckpessimismus, den wir nicht gebrauchen können. 2 m im schlimmsten Fall bis Ende des Jahrhunderts ist realistischer.
- Aber das Wichtigste dabei ist für mich: Wir können noch, wir haben noch Kontrolle, und jetzt geht es darum,
- was wir überhaupt noch beeinflussen können. Dieser Bereich schrumpft gerade,
- unsere Handlungsoptionen überhaupt noch etwas aufrechtzuerhalten. Insofern fand ich den Anfang des Beitrages nicht hilfreich.
- 10 m - das ist Alarmismus. Mhm. Das ist eine wissenschaftlich geprägte Berichtserstattung,
- es gibt sicher auch andere Theorien dazu. Aber unabhängig davon würde mich
- Ihre eigene persönliche Wahrnehmung interessieren, als jemand, der sich schon lange mit Bewusstseinskultur
- und Bewusstheit beschäftigt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie damit konfrontiert werden?
- Was macht das mit Ihnen? Es geht hoch und runter.
- Ich meditiere auch schon seit Langem, ich beobachte in mir, was es bei mir auslöst.
- Ich versuche, mich an gute alte griechische Philosophie zu erinnern und zwischen den Dingen zu unterscheiden,
- die ich beeinflussen kann und denen, die ich nicht beeinflusse. Und mich durch diese Dinge nicht in Unruhe versetzen zu lassen,
- aber das gelingt mir nur schwer. Ich höre dann andere Leute sagen:
- Es geht darum, die Trauer an sich heran zu lassen. Oder darum - und das ist weit weg von dem, was die meisten denken -,
- das Scheitern der Menschheit und den historischen Übergang zu spüren. Ganz so ist es bei mir noch nicht. - Okay.
- Was für ein Menschenbild haben Sie, wenn ich das so salopp sagen darf? Oder einfacher: Denken Sie, dass wir Menschen zu dumm sind
- für unseren Planeten? Das ist ein wenig zu salopp formuliert, aber ich glaube,
- man kann die Klimakatastrophe als geistige Herausforderung sehen. Das müssen wir auch, und sie könnte die erste Katastrophe
- der Menschheit sein, die unseren Geist überfordert. Denn sie hat eine Reihe von Eigenschaften, die neu sind.
- Erstens ist es eine Katastrophe, die in Zeitlupe verläuft. Das ist für Wesen wie uns nicht gut.
- Zweitens ist sie am Anfang unsichtbar, man kann sie kaum riechen oder schmecken.
- Manche Leute merken schon etwas: heisse Sommer, Gletscher schmelzen. Aber es ist leicht, das zu ignorieren.
- Dann könnten viele kausale Faktoren zu einem exponentiellen Anstieg auch in anderen Bereichen führen, z.B. biologisch gesehen.
- Der menschliche Geist ist schlecht darin, Exponentialentwicklungen zu verstehen.
- Es geht auch darum, Solidarität und Mitgefühl mit Wesen zu haben, die weiter weg von uns sind als unsere Enkel.
- Das ist auch schlecht aus evolutionärer Perspektive. Der genetische Koeffizient lässt dann nach,
- deshalb ist uns auch die Zukunft so egal. Ich möchte noch ein letztes Merkmal nennen:
- Andere Katastrophen, die wir hatten, waren immer lokal. Aber die heutige ist global.
- D.h., was Herr Putin macht, oder wenn 44 % der Amerikaner gar nicht glauben, dass es ein ernstes Problem ist,
- dann beeinflusst das alle anderen auf dem Planeten. Es gibt auch eine Beziehung zwischen Tätern und Opfern:
- den Menschen, die am meisten darunter leiden werden und die die Information nicht rechtzeitig hatten,
- um das alles zu verstehen, was mit ihnen geschieht. In welche Richtung würde dann Ihr Menschenbild verlaufen?
- Aus dem Gespräch und der Lektüre des Buches entnehme ich, dass es nicht positiv ist, was Sie vom Menschen denken.
- Man muss zwischen einem deskriptiven Menschenbild unterscheiden und einem normativen: Wie ist der Mensch und wie soll er sein?
- Mir geht es um das deskriptive. Ja, es sieht im Moment nicht gut aus.
- Wenn wir konkret nach Deutschland sehen: Das Scheitern der Wärmepumpendebatte,
- die Liberalpopulisten in Berlin, bestimmte Medien, die der Bevölkerung Angst machen.
- Unsere Unfähigkeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen: dass es sehr teuer werden wird.
- Nehmen wir ein kleines, unwichtiges Land wie Deutschland, das nur 2 % zu den Emissionen beiträgt:
- Wie schwer es ist, unter so guten Bedingungen die Transformation herbeizuführen, spricht nicht gerade für uns.
- D.h. nicht, dass es nicht ... Man muss darauf hinweisen, dass es in so komplexen Systemen
- plötzliche Phasenübergänge geben kann. Es könnte sein, dass sich plötzlich
- eine globale Solidarität mit der Zukunft ausbreitet. Aber bis jetzt sieht es nicht gut aus.
- Zu den "Beschleunigern" der Krise, wie Sie es nennen würden, gehören für Sie auch organisierte Religionen.
- Deren Einfluss beschreiben Sie als toxisch, als ignorant und gewissermassen als realitätsfremd.
- Sie würden zu unserer geistigen Trägheit beitragen und Blockaden hervorrufen.
- Sie würden das systematische Denken der Krise selbst verstärken. Wie kommen Sie darauf?
- Ich habe in dem Buch drei Arten von Trägheit unterschieden. Die erste, die viele Menschen gerade erst verstehen,
- ist die Trägheit physikalischer Systeme. Die Tatsache: Wenn wir morgen aufhören würden,
- läuft noch Jahrhunderte weiter, was wir der Atmosphäre angetan haben. Das ist physikalische Trägheit, die für uns schwer zu verstehen ist.
- Jetzt entdecken wir aber erstens die Trägheit unseres Geistes. Viele Leute wollen nicht mehr fliegen, tun es aber trotzdem.
- Viele wollen aufhören, Fleisch zu essen und anders leben, aber irgendwie geht es doch nicht.
- Das ist Trägheit: das Nicht-Beeinflussen des eigenen Verhaltens durch Einsicht. Das erleben viele.
- Das andere ist die Trägheit unserer politischen Institutionen. Alle Informationen sind seit vier Jahrzehnten da,
- und wir sehen alle, dass es sehr langsam vorangeht. Das habe ich auch in Brüssel mit der KI erlebt:
- Die Wirtschaftslobby untergräbt jeden Regulierungsversuch und sabotiert alles.
- Wir sind in der Situation, dass wir das Gefühl haben, wir können uns nicht mehr bewegen.
- Denken Sie mal an den Einfluss, den die Orthodoxe Kirche jetzt gerade im Ukrainekrieg
- auf die russische Bevölkerung hat. So etwas meine ich.
- Gehe ich davon aus, dass es sowieso ein Leben nach dem Tod gibt und dass das hier nicht mein einziges Leben ist,
- dann ist natürlich die Motivation in Reaktion auf so eine Krise auch eine andere.
- Da hake ich mal nach. - Ja, genau. Das ist sozusagen der Grund, warum Sie hier sind. - Aha.
- Ich freue mich darauf, weil es natürlich bedeutend ist. Über 40-mal kommt das Wort Religion in Ihrem Buch vor.
- Es bedeutet Ihnen was. Sie erwähnen die Unredlichkeit der Theologie usw. An dieser Stelle möchte ich nachfragen.
- Wie kommen Sie auf die Idee, dass überhaupt der Gedanke oder der Glaube an so etwas wie ein jenseitiges Leben
- diese Konsequenzen nach sich ziehen würde? Das scheint mir nicht belegbar zu sein.
- Weil es eine Antwort ist ... Menschen haben ganz tief sitzende emotionale Bedürfnisse.
- Die haben wir alle, ich auch. Eines von denen ist die Verleugnung der eigenen Sterblichkeit.
- Dazu könnte ich viel erzählen, auch aus wissenschaftlicher Perspektive. Das können wir uns vielleicht schenken.
- Wir suchen ein Narrativ, das uns sagt: Das ist nicht wahr. Wir haben ein Riesenproblem. Kein Tier hat das Problem.
- Dass wir Überlebensmaschinen sind, über Millionen Jahre optimiert. Eins darf nicht passieren: dass wir sterben oder unsere Kinder.
- Jetzt haben wir dieses kognitive Selbst evolviert und wir haben das explizite Wissen
- der Vergeblichkeit und des Scheiterns. In unserer kulturellen Evolution entstand eine ganze Industrie,
- eine grosse, robuste, stabile Industrie, die Beihilfe zur Sterblichkeitsverleugnung leistet.
- Das ist ein Problem. Ein anderes ist: Ich nenne das Absurditätsmanagement.
- Dass man versucht, mit der offensichtlichen Vergeblichkeit so umzugehen - wieder so ein Wort von mir -,
- dass man eine narrative Selbsttäuschung entwickelt, d.h., eine Lebensgeschichte.
- Ich bin auf einer Fahrt zur Vervollkommnung oder auf dem Weg in ein Leben nach dem Tod,
- ich verfolge bestimmte Regeln. Dadurch gewinne ich thematische Kohärenz,
- einen Zusammenhalt über mein Leben. Das sollte man nicht lächerlich machen oder verhöhnen.
- Das ist ein Grundbedürfnis, das wir alle haben, mehr als essen oder trinken.
- Und wenn dieses Grundbedürfnis auf eine Weise befriedigt wird, dass man von Anfang an lernt:
- Ich kann die Realität umbiegen. Ich kann mir ein persönliches Warnsystem bauen,
- ein Glaubenssystem, dann ist sozusagen die Korruption in den eigenen Geist eingebaut.
- Man wird dadurch korrupt. Und ... - Herr Metzinger, ich verstehe Sie.
- Ich glaube, was Sie beschreiben und deskriptiv darlegen, wäre nichts, was irgendeine seriöse theologische Position der Gegenwart
- in Abrede stellen würde. Mir ist keine Position bekannt. In den letzten 100 Jahren zumindest nicht,
- dass irgendjemand sagen würde: "Es geht nur darum, dass wir unsere Realität jetzt leugnen."
- "Das macht die Religion aus." Vielmehr scheinen Religionen und das Versprechen des Jenseits
- eher dadurch begründet zu sein, dass wir gerade um unsere Sterblichkeit ringen.
- Das Wissen, dass dieses Leben das ist, was das jenseitige Leben formt. D.h., für alles, was wir tun oder hinterlassen,
- so scheinen es die Weltreligionen zumindest zu propagieren, werden wir zur Rechenschaft gezogen.
- Das ist einfach nicht: "Egal, wir werden sowieso noch mal leben." Genau dieses Versprechen ist eigentlich nirgends zu finden.
- Nehmen wir die alte philosophische platonische Idee, dass Philosophie darin besteht, das Sterben zu lernen,
- ist das ein Gedanke, der ja in allen Religionen zu Hause ist. Religionen sind Praktiken,
- in denen die Erfahrung der eigenen Sterblichkeit zentral gedacht wird. Daher bin etwas irritiert.
- Und die andere Perspektive, da wird Ihnen jeder recht geben, dass es natürlich toxische religiöse Formungen gibt,
- sektiererische Bewegungen, die genau das sagen, was Sie kritisieren. Aber das kritisieren die heutigen Religionen auch.
- Na ja, das ist ein weites Feld, aber wir müssen unterscheiden zwischen Theologien,
- so, wie Sie sagen, dass sie sind, und konkreter organisierter Religion.
- Und konkrete organisierte Religion wie der Katholizismus ist eigentlich in Ihrem Sinne nur sektenhaft
- und intellektuell unredlich. Das ist eine machterhaltende Struktur.
- Im Vatikan geht es ganz bestimmt nicht um Sterben lernen oder so. Darum geht es vielleicht manchen Theologen.
- Wie Sie wissen, bin ich eher Asien-Freund, war viel in Indien, Südostasien.
- Wenn Sie sich konkreten Hinduismus und konkreten Buddhismus anschauen, wie er wirklich gelebt wird, hat das
- mit solchen fortschrittlichen Vorstellungen nichts zu tun. Aber wo Sie jetzt fragen: Ich erzähle Ihnen mal was.
- Ich bekomme ja interessante Kritik. Eine Kritik, die ich schon zwei- bis dreimal erhielt:
- Interessanterweise interessieren sich evangelische Theologen für das Buch und sagen: "Na gut, Junge, vielleicht hast du ja recht
- und wir haben ein Warnsystem kultiviert." "Aber eins sagen wir dir: Wir haben die Infrastruktur."
- "Und wenn es dir ernst ist, damit menschliches Verhalten im grossen Massstab zu ändern:
- Die Kirchen haben die Infrastruktur dazu." "Und der säkulare Humanismus ..."
- Ich bin auch in der Giordano-Bruno-Stiftung. "... den du mit vertrittst, der hat diese Infrastruktur nicht,
- um menschliches Verhalten zu ändern." D.h., wenn es in dieser Klimakatastrophe
- irgendwie vielleicht doch noch darum geht, Schadensbegrenzung effektiv zu machen, sagt man mir:
- "Dann könnten die von dir so kritisch beäugten organisierten Religionen vielleicht am Ende
- die einzigen Werkzeuge sein, die wir noch haben." Das sind so Sachen, die ich nicht erwartet habe.
- Genau. In die Richtung könnte man auch denken, aber das scheint auch etwas schadensbegrenzend zu sein.
- Aber ich gehe auch nicht ganz einher mit Ihrer Kritik gegen die gesamte katholische Religion
- und die Katholische Kirche. Das so einfach auf einen Punkt zu diskreditieren ... - Nein.
- Das scheint mir doch etwas pauschal zu sein. - Natürlich. Natürlich haben Sie recht: Es gibt Missstände.
- Sei es bei der Griechisch-orthodoxe Kirche, bei den islamischen oder jüdischen Organisationen,
- aber ich wäre, gerade philosophisch, vorsichtiger und demütiger. Ich kenne Sie sonst in Ihren Arbeiten
- als unglaublich feinsinnigen und präzisen Philosophen, der nur über Dinge redet,
- wovon er auch explizit differenziert Rechenschaft ablegen kann. Hier war mir diese Kritik, die in gewisser Weise zieht ...
- Ich verstehe den Horizont, den Sie sehr schön beschrieben haben. Aber insgesamt wirft es Fragen auf.
- Allein die Frage nach Gott. Sie haben ein eigenes Kapitel dazu geschrieben: Existiert Gott?
- Und Sie meinen tatsächlich, es gäbe überhaupt kein einziges Argument,
- das im Geringsten Sinn ergeben würde, für die Existenz Gottes.
- Also gut. Ich ziehe mir diesen Schuh an. Ich bin da ganz offen. - (Lachend) Schön.
- Aber mit der Pauschalisierung fingen Sie an. Sie sagten: "Die Weltreligionen". - Dafür bin ich da.
- Sie sprachen von den Weltreligionen - da bräuchten wir 50 Sendungen, um das nur etwas zu differenzieren.
- Das ist eben auch ein absichtlich populär gehaltenes Buch, indem ich versuche, Sachen verständlich zu machen.
- Ich behaupte natürlich nicht, dass wir die Geschichte der Gottesbeweise oder so,
- dass man darüber nicht auch sehr lang reden kann. Ich bin analytischer Philosoph.
- Ich glaube nicht, dass irgendwelche Gottesbeweise funktionieren ... "Glaube nie so eine Sache", nicht? - (Lachend) Ja.
- Sehr schön. Das habe ich jetzt verdient. Ja. Verstehe.
- Also, ich glaube, darauf sollten wir nicht hoffen, in der gegenwärtigen Situation.
- Ja. Und ... - Ja. Dass jetzt ein alle Kulturen
- und alle Menschen überzeugender Gottesbeweis formuliert wird ... Und ich wage, zu behaupten:
- Wenn es den gäbe, wüssten wir das. Wir wüssten das schon. Kritische Anmerkung zu dem, was Sie sagen:
- Wer hat überhaupt jemals einen Gottesbeweis angeführt? Oder? Also auch, wenn ... - Mhm.
- Also, wenn Sie an mittelalterliche Denker denken wie Anselm von Canterbury,
- der berühmt für seinen ontologischen Gottesbeweis ist. Von einem Beweis sprach er nicht.
- Gut, gut. - Die kritische Haltung dagegen. Er sprach von einem Argumentum.
- Das ist es. Mag es uns überzeugen oder nicht. Eher nicht, würde ich heute sagen.
- Aber es hat was. Es hat einen bestimmten Zug. Es geht mir nicht darum,
- dass Sie sich gegenüber organisierten Religionen oder den Gottesglauben nicht kritisch verhalten können -
- sehr wohl und zu Recht. Die Frage ist nur, ob wir ihnen gerecht werden
- in einer kritischen Grenzsituation, in der wir sind und in der diese Überzeugungen, diese Haltungen,
- sehr wohl etwas dazu beitragen können, einen Wandel in unserem Bewusstsein hervorzurufen.
- Denn darum geht es Ihnen ja eigentlich. Ja, das ist eben eine wichtige Frage.
- Ich glaube das nicht. Ich glaube, die eigentliche Frage, die historisch im Raum steht ...
- Ich sage ja, auch wieder bewusst, plakativ: Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft,
- sondern Spiritualität. Die Frage ist, ob es eine Form von Spiritualität geben könnte,
- die auf einer epistemischen Praxis beruht, wo es nicht darum geht, sich mit schönen Gefühlen zu bedudeln
- oder irgendwelchen Esoterikquatsch zu machen, sondern wo es wirklich um direkte Erkenntnis und Einsicht geht.
- Und ob die noch säkular sein könnte, also nicht im Widerspruch zum wissenschaftlichen Weltbild,
- offen für empirische Evidenzen und rationale Argumente. Vielleicht geht das gar nicht und ist kein kohärenter Gedanke,
- aber ob es so eine säkulare Spiritualität geben könnte für ein postmetaphysisches Zeitalter.
- Ich bin mir natürlich vollständig bewusst, dass es da einen Unterschied gibt zwischen Deutschland und der Welt.
- In Deutschland war es letztes Jahr so, dass die Zahl der Konfessionsfreien das erste Mal grösser war
- als die Zahl der Protestanten und Katholiken zusammen. Wenn man aber die Zahlen vom Pew-Institut nimmt,
- wird global die Zahl der religiösen Menschen bis 2050 deutlich zunehmen,
- die Zahl der Konfessionsfreien wird leicht sinken, und den grössten Zuwachs werden wir in den islamischen Kulturen haben.
- D.h., diese Welt wird ... Ich glaube übrigens auch, dass diese Krise neue religiöse Bewegungen hervorbringen wird,
- wenn sie sich zuspitzt. Wir wissen nicht, wie die aussehen werden.
- Es gibt z.B. schon diesen kalifornischen Transhumanismus. Da gibt es alles Mögliche.
- Ich glaube, dass uns das nicht helfen kann, weil es diesen Realismus, den wir jetzt so dringend benötigen,
- nicht liefern kann. Weil es immer eine metaphysische Tabuzone von Wahrheiten gibt,
- die einfach nicht angezweifelt werden dürfen. Aber hinter Ihrer Frage steckt noch etwas anderes.
- Wenn wir diesen Planeten ... Der Markt hat versagt, ja, wenn wir ihn nicht retten können,
- durch Bottom-up-Eingriffe, wie wir sie nun von der Politik bräuchten, weil die in der Demokratie nicht durchsetzbar sind.
- Wenn Bottom-up, wie ich das formuliere, keine säkulare Spiritualität entsteht,
- könnte man dann in dieser Krise nicht alle organisierten Religionen zusammen mobilisieren?
- Könnte man den Planeten nicht durch die Kultivierung von Warnsystemen retten?
- Ich sag das jetzt wieder bewusst provokativ aus meiner Perspektive. Ich halte es für sehr gefährlich. Aber die Frage kann man stellen.
- Ja, deswegen habe ich sie gestellt. Und wenn wir über Ihre Idee einer säkularen Spiritualität sprechen.
- Es wäre wichtig, darüber zu reden, weil das ein spannender Gedanke ist. Mögen Sie das noch einmal konkretisieren,
- was Sie genau unter Spiritualität verstehen? Tja, wir müssen einen Schritt ... - Darauf waren Sie vorbereitet?
- Nein, nein, es war mir nie klar, was das ist. Ich rede nur davon, also einen Schritt zurück.
- Die Idee einer Bewusstseinskultur bedeutet einfach, dass man eine ethische Einstellung
- zu den eigenen geistigen Zuständen einnimmt. Dass man wie in der Ethik fragt: Was ist eine gute Handlung?
- Und auch fragt: Was sind eigentlich gute Bewusstseinszustände? Die zweite Ebene ist, dass man, wenn man eine Antwort darauf hat,
- diese Bewusstseinszustände kultiviert. Also, ich selbst, das ist nur meine persönliche Meinung,
- halte z.B. Bewusstseinszustände, die durch eine regelmässige Meditationspraxis entstehen,
- wahrscheinlich für die wertvollsten und halte es deswegen für sinnvoll, die systematisch zu kultivieren.
- Und die dritte Ebene wäre dann: Wie entkulturiert man eine solche Praxis?
- Wie betet man sie ins gesellschaftliche Leben und in die Kultur ein?
- Diese Idee einer Bewusstseinskultur, die ganz einfach und konkret ist, hat mit Fragen zu tun wie:
- Welche Zustände wollen wir unseren Kindern zeigen? In welchen wollen wir sterben? Welche dürfen wir Tieren aufzwingen?
- Die habe ich in zwei Richtungen kontextualisiert. Die eine ist diese historisch neue Situation, die globale Krise.
- Die andere ist ... Jetzt spiele ich mal einen christlichen Theologen. Ein christlicher Theologe würde sagen:
- "Es gibt horizontale Bewusstseinskultur, Drogenpolitik, Tierethik, künstliche Intelligenz usw."
- "Gibt es denn auch eine vertikale Bewusstseinskultur?" Und ich glaube, wenn sich diese Krise
- über die nächsten Jahrzehnte weiter zuspitzt, und davon bin ich überzeugt -
- das, was zumindest Einzelne, vielleicht nicht alle, tragen können,
- ist diese spirituelle Dimension, was immer die im Einzelnen ist, also die vertikale Bewusstseinskultur.
- Wenn die Dinge sich zuspitzen und hier das Chaos zunimmt, dann ist es das, was es zumindest in einem einzelnen Menschenleben
- irgendwie noch möglich macht, das Gute zu tun, einfach weil es das Gute ist.
- Sich also so zu verhalten, dass man sagen kann: Ich möchte Teil der Lösung gewesen sein,
- wenn es eine gegeben hätte. Wenigsten. Also an mir soll es nicht gelegen haben,
- die Aktivität aufrechtzuerhalten, ohne emotional auszubrennen. Und gleichzeitig aber irgendwie
- eine Tiefendimension im eigenen Leben zu haben, in der man sozusagen scheitern kann,
- in einer Form von Bewusstheit. Das wäre die Idee.
- Was es wirklich ist ... Ich predige ja auch nichts, verkünde hier nichts.
- Ich lade einfach nur zur Diskussion und zur Debatte darüber ein. Vielleicht haben andere Leute ganz andere Antworten darauf,
- was die richtige Bewusstseinskultur wäre. D.h., wenn ich Sie richtig verstanden habe,
- ist die Deutung einer säkularen, nicht religionsfundierten Spiritualität
- gerade die Bewusstseinskultur, die Sie so nennen? Spiritualität ist also für Sie eine Bewusstseinskultur?
- Ja, natürlich. Bevor ich Sie frage, wie man konkret dahinkommt,
- vielleicht der Hinweis, weil Sie auf das Wort säkular hinweisen: Es gibt keine einzige - zumindest ist mir keine bekannt -
- religiöse Spiritualitätstradition, die gerade nicht epistemisch wäre. Mhm. - Weder jüdisch noch christlich.
- Denken Sie an Meister Eckhart, an Hildegard von Bingen oder Rumi. Die sind nicht einfach nur spirituelle, tanzende Geister,
- sondern Wissenschaftler:innen. Rumi war Professor für islamische Wissenschaften.
- Er kennt Platon. Wir reden schon von Menschen, die philosophisch gut geschult sind.
- Daher geht es ihnen natürlich um diese Bewusstseinszustände. Und da wären wir wieder bei der letzten Frage. - Ja.
- Wie können wir sozusagen einen Dialog eröffnen? Vielleicht ist es das, was auch im Kern Ihrer These steckt.
- Ein Dialog der Spiritualität. Ja, ja. Genau, wenn das möglich ist.
- Ich habe im Zug hierher das neue Reclam-Büchlein über den Seelengrund bei Meister Eckhart gelesen.
- Dieses Jahr kommen zwei Bücher raus. Das ist das kleine Buch. Im November kommt ein sehr grosses, das sich genau damit befasst.
- Das heisst "Der Elefant und die Blinden". Darin sind 500 Berichte über die Erfahrungen des reinen Bewusstseins
- von Meditierenden aus 57 Ländern. Da stellt sich immer die Frage, die Sie gestellt haben:
- Wie halten wir es denn mit den Erkenntnisansprüchen, die da drin sind?
- Es gibt ja, glaube ich, einen Typ von Erkenntnis, der hat nichts mit Worten, Begriffen und Theorien zu tun,
- überhaupt nichts mit Sprache, der findet in der Stille statt.
- Ich glaube sogar, dass es nichtegoische Formen von Selbsterkenntnis gibt.
- Dass man sich auf eine Weise seiner Selbst gewahr sein kann, die absolut nichts mehr mit einem selbst zu tun hat.
- Dass man ... Man braucht nicht mehr die spirituellen Traditionen. Ich versuche, das wissenschaftlich zu zeigen. Es gibt Studien dazu.
- Jetzt haben wir ja die Situation, dass sich solche Meditationspraxen über den ganzen Planeten verteilt haben.
- Auf einmal machen das Millionen von Leuten in allen Ländern. Deswegen habe ich angefangen, ein Forschungsnetzwerk zu gründen.
- Was interessant ist: Bei manchen Berichten sieht man, dass die ganz klar gefärbt sind vom theoretischen Hintergrund.
- Das ist ein tibetischer Buddhist. Aber die sagen dann auch auf einmal Sachen,
- die Ihnen bekannt vorkommen werden, wie: Du kannst das nicht erkennen,
- da es dir näher ist als deine eigene Halsschlagader. Das sagen dann Leute aus Tibet.
- Ja. Und es gibt dann schon eine Konvergenz. Und das tiefe philosophische Problem ist natürlich:
- Wie gehen wir mit dieser Qualität der Epistemizität - wie ich das nenne - um?
- Manche veränderte Bewusstseinszustände, die in einer spirituellen Praxis auftreten,
- haben ganz deutlich eine Qualität von Einsicht. Auch von tiefer Einsicht, die nicht verbalisiert werden kann.
- Einsicht von einem existenziellen Erkenntnisfortschritt. Auf der anderen Seite wissen wir aber:
- Dieses Gefühl der Einsicht kann man verursachen bei Epilepsie-Patienten mit Elektroden im Gehirn.
- Das tritt unter Drogeneinfluss auf und das kann bei psychiatrischen Erkrankungen
- auch vollständig halluziniert sein. Diese Gewissheit.
- Werden wir lieber nicht so abstrakt. Ich verstehe Sie sehr gut, folge Ihnen auch.
- Aber wie können wir konkret eine geistige Gesundheit erreichen? Durch Meditation? Wäre das etwas?
- Ja, das ist natürlich eine normative Frage. Die Psychiater haben es gar nicht so einfach.
- Die können sehr flache Definitionen von geistiger Gesundheit hervorbringen.
- Dass man in seinem Lebensvollzug nicht gestört ist und der eigene Leidensdruck einen nicht daran hindert,
- zu funktionieren und Steuern zu zahlen. Aber das ist ja nicht das, was Sie mit "Heile-sein",
- vielleicht auch mit "Heilig-Sein" und "Geheilt-Sein" meinen. Und das wäre natürlich eine tiefe philosophische Frage.
- Kann man sowas definieren? Auf dem einen Ende des Spektrums die Hirngesundheit
- und auf dem anderen Ende des Spektrums der optimale geistige Zustand.
- Das ist aber genau die Frage von Bewusstseinskultur. Was sind die besten Bewusstseinszustände?
- Ich selbst glaube, dass wir letztlich darauf keine endgültige Antwort geben können.
- Aber Sie meditieren. Und plädieren für die Meditation, oder? Da haben Sie ja auch selbst in Ihrer eigenen personalen Erfahrungswelt
- positive Eindrücke. Oder nicht? Ich habe mich für solche Dinge interessiert
- und sehr viele Dinge in meinem Leben probiert. Das ist das Beste, das ich in diesem Leben entdeckt habe,
- aber vielleicht ist das falsch und nur einer, der diese Idee hat. Aber ich habe eine ganz starke Intuition dazu,
- was uns wirklich helfen könnte, z.B. auf Ebene des Bildungssystems: für Kinder und Jugendliche eine säkulare Meditationspraxis.
- Könnten Sie ganz konkret, vielleicht etwas kürzer, antworten: Was bringt mir das? Angenommen ich meditiere.
- Mhm. Sie können das Sterben lernen.
- Sie können den Vorgang der Ich-Auflösung möglicherweise friedlich und undramatisch "einüben",
- bevor Sie körperlich sterben. Sie können aber auch lernen,
- dass es Formen der Selbsterkenntnis gibt, Formen über die eigene innere Struktur, die eigenen Gefühle,
- über die man einfach nicht sprechen kann, die so subtil sind, nichtbegrifflich, so fein,
- dass es ein Universum möglicher Erkenntnisse und Selbsterkenntnisse gibt,
- die sich nicht in Worte transportieren lassen, die aber nicht nur das Leben einfach so bereichern,
- sondern eine klare existentielle Tiefendimension haben. Die grosse Frage ist natürlich ...
- Der amerikanische Philosoph Robert Nozick sagte: "Es könnte doch so sein, als macht man bei einem alten Grammofon
- die Lautsprecher, den Plattenteller und die Platte weg und dann hört man nur noch das Brummen des Verstärkers."
- "Das, was ihr das reine Bewusstsein nennt, ist das Brummen des Verstärkers im Gehirn."
- Die grosse Frage, auf die wohl auch Sie hinaus wollten: Gibt es eine epistemische Rechtfertigung
- für solche Einsichtsprozesse, die der modernen Erkenntnistheorie und Philosophie standhalten?
- Haben wir dafür die Instrumente? Im Grunde genommen ...
- ... ob gewollt oder ungewollt, verwenden Sie eine zutiefst religiöse Sprache,
- die auch in Religionskulturen, wenn man sie so nennen will, in religiösen Zivilisationskulturen gang und gäbe ist.
- Darüber, einen Zugang zu finden zu einer bestimmten nonverbalen Stille, Frieden finden.
- In einem Bewusstsein der Ichlosigkeit. Sie plädieren auch für eine Art hedonistische Bewusstseinskultur.
- Sie fordern intelligentere Formen von Spass und Vergnügen. Nein, ich fordere das nicht, ich habe das
- als möglichen Gegenentwurf in einem Satz skizziert. Andere Leute könnten sagen: "Dieser Metzinger spinnt doch."
- "Meditation, um der Klimakrise und der Katastrophe zu begegnen?" "Um Verzicht und ein einfaches Leben attraktiver zu machen,
- brauchen wir intelligente Formen von Hedonismus, Spass, Drogen, Computerspiele, keinen Quatsch wie Meditieren."
- Das könnte eine ganz andere Theorie sein. Das hört sich auf jeden Fall spassfrei an.
- Aber ja, Ihr Argument ist, glaube ich, konkret. Wir sind dem Ende nahe, von unserem Gespräch.
- Ist es nicht so? * Sie lachen. * Meine letzte Frage vielleicht. Ich frage mich:
- Steckt nicht gerade in Ihrem Plädoyer für Mitgefühl, für Redlichkeit, für Selbstachtung,
- für Frieden finden mit sich selbst, für Frieden finden mit der eigenen Endlichkeit und Sterblichkeit,
- angesichts einer unausweichlichen globalen Katastrophe ein letzter Rest an Optimismus?
- Eine fragile ... sagen wir mal, eine schwache Hoffnung. Na ja, ich habe am Ende vier Kriterien dafür formuliert,
- was eine gute Bewusstseinskultur wäre. Und ich glaube es nicht mehr, aber wenn sie gut wäre,
- müsste sie uns den Ausstieg aus dem Wachstumsmodell ermöglichen, ein grünes Schrumpfen der reichen Gesellschaften,
- indem sie uns etwas zeigt, das noch attraktiver ist als der aktuelle Konsumkapitalismus.
- Machen Sie es persönlich. Steckt da nicht etwas ... Moment, ich will sagen: Es muss auch nach unten skalierbar sein.
- Wenn es einfach nicht funktioniert, dann brauchen wir etwas, das wenigstens für die wenigen noch funktioniert.
- Das wäre auch etwas Gutes für die wenigen, die so eine Bewusstseinskultur erleben können.
- Es wäre zwar eine grosse Enttäuschung, aber das Potenzial ganz aufgeben will ich eben nicht.
- Ich glaube, das meinten Sie. Wir sollten etwas formulieren, von dem wir das Gefühl haben:
- Im Prinzip ginge das noch. Vielen Dank für das klärende
- und zum Glück nicht ganz hoffnungslose Gespräch. Ich danke Ihnen.
- Was meint ihr? Was brauchen wir, um aus dieser Krise herauszukommen? Und welche Rolle spielen dabei Religion und Glaube?
- Schreibt es in die Kommentare. Und weitere Gedankenanstösse findet ihr in diesen Sendungen.
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Spiritualität„Plastikwörter“ seien, so Poensgen, dadurch gekennzeichnet, dass „sich die Konnotationen bei weitem gegenüber der Denotation durchsetzen“.