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Soldatenhandel unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel
Soldatenhandel unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel. Überlassung von Soldaten aus Hessen-Kassel an Großbritannien. Artikel · Diskussion.
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Kern des Soldatenhandels
Als Soldatenhandel unter Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel bezeichnet man die Subsidienverträge, mit denen Hessen-Kassel im 18. Jahrhundert Soldaten an Großbritannien überließ. Subsidienverträge waren Verträge, bei denen ein Staat einem anderen gegen Geld militärische Unterstützung stellte. Der konkrete Anlass war der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg.
Am 15. Januar 1776 unterzeichnete Landgraf Friedrich II. mit König Georg III. von Großbritannien entsprechende Verträge. Georg III. war der Sohn seines Schwagers. Hessen-Kassel verpflichtete sich, Großbritannien dauerhaft ein Kontingent von etwa 12.000 Soldaten mietweise zu überlassen. Insgesamt wurden während des Krieges etwa 19.000 Soldaten von Hessen-Kassel an Großbritannien vermietet. Die hessischen Truppen stellten in Nordamerika während des Krieges meist zwischen 10.000 und 12.000 Mann und machten damit ungefähr ein Drittel des gesamten britischen Truppenkontingents in den nordamerikanischen Kolonien aus.
Bewertung und Kritik
Der Soldatenhandel wurde schon von Zeitgenossen kritisiert, unter anderem von Friedrich Schiller 1784 und von Johann Gottfried Seume in seiner 1813 posthum erschienenen Autobiographie Mein Leben. Die Kritik richtete sich nicht allgemein gegen Krieg, Söldnerdienste oder das Ausleihen von Soldaten zwischen souveränen Staaten. Sie richtete sich vor allem gegen die tatsächliche Freiheitsberaubung bei der Rekrutierung, gegen Menschenhandel und gegen die Verwendung der dadurch erzielten Einnahmen.
Gleichzeitig war Friedrichs Vorgehen nach der Darstellung des Artikels nicht völlig außergewöhnlich. Hessen-Kassel lag geostrategisch so, dass es eine starke Streitmacht unterhalten musste. Durch frühere Kriegshandlungen fremder Mächte auf hessischem Gebiet war der Staat wirtschaftlich stark geschwächt. Die Vermietung von Truppen war damals ein übliches Verfahren und nicht nur in feudalen Staaten verbreitet; auch später war sie zum Beispiel in der Schweiz üblich.
Problematisch war besonders die zumindest teilweise Zwangsrekrutierung. Sie führte dazu, dass von einem „Verkauf“ von Landeskindern oder bei Durchreisenden von „Menschenhandel“ gesprochen wurde. Seume schilderte, wie er trotz Protesten von Werbern des Landgrafen festgehalten und weitertransportiert wurde. Schiller verarbeitete das Thema in Kabale und Liebe und stellte die Truppenvermietung dort als moralisch fragwürdigen Handel dar. Nach einigen Quellen soll Friedrich II. allerdings zumindest offiziell auf Presskommandos oder Werbertrupps verzichtet haben, die willkürlich Menschen zum Dienst zwangen.
Der Militärdienst konnte für manche Männer auch eine wirtschaftliche Chance sein. Die Verträge mit Großbritannien enthielten Versorgungsregelungen für Soldaten und im Todesfall für ihre Hinterbliebenen. Da es damals keine Sozialversicherung gab und viele alte oder invalide Kriegsveteranen verarmten, konnte dies ein Anreiz zur freiwilligen Meldung sein. Die letzten Mittel aus der Subsidienverpflichtung Großbritanniens wurden erst durch die Inflation der 1920er Jahre aufgezehrt.
Kantonsystem und Rekrutierung
Hessen-Kassel hatte damals bereits das Kantonsystem eingeführt. Das war eine Art allgemeine Wehrpflicht: Jeder waffenfähige Untertan im Alter von 16 bis 30 Jahren war zum Dienst in der Armee verpflichtet. Das Land wurde in Kantone eingeteilt, und jedes Regiment erhielt einen Kanton, aus dem es seine Soldaten rekrutieren sollte. Das System ersetzte die frühere Zwangsrekrutierung der gesamten Truppe.
Wegen der politischen und sozialen Ordnung stammten die Rekruten überwiegend aus den unteren Ständen. Die Motive waren unterschiedlich: Einige arbeitslose Veteranen wollten wieder in Dienst treten, andere erwarteten Abenteuer in Amerika, wieder andere mussten nur wegen ihrer Dienstpflicht einrücken. Deshalb gilt für die hessischen Landeskinder: Viele traten freiwillig ein, aber die Rekrutierung beruhte letztlich auf dem Kantonsystem.
Friedrich II. hatte angewiesen, die eigene Bevölkerung möglichst zu schonen, weil der Verlust von Menschen auch einen Verlust an Arbeitskräften bedeutete. Nach dem ersten Kontingent sollten Verluste daher vor allem durch die Anwerbung von Fremden ersetzt werden. Anfangs wurden offenbar eher Freiwillige gesucht, denen Reichtum, Gold, Land oder regelmäßige Verpflegung versprochen wurden. Gegen Ende des Krieges häuften sich jedoch Berichte, dass solche „Freiwilligen“ ähnlich wie früher durch Presskommandos zur Truppe gebracht wurden.
Juristisch galt die Einziehung aufgrund des Kantonsystems nicht als Zwangsrekrutierung, konnte für die Betroffenen aber faktisch ebenso wirken. Familien wurden auseinandergerissen, Eltern verloren Söhne, junge Ehen wurden getrennt, und in Hessen-Kassel entstand ein spürbarer Arbeitskräftemangel. Aus Angst vor der Dienstpflicht kam es auch zu Landflucht. Besonders hart war die Regel bei Desertion: Desertierte ein Soldat, konnte ein Blutsverwandter zwangsweise eingezogen werden; gab es keinen waffenfähigen Verwandten, traf es ersatzweise jemanden aus demselben Dorf. Außerdem konnte den Angehörigen des Deserteurs der Besitz genommen werden. Diese Maßnahmen verringerten die Zahl der Desertionen, wirkten auf die Bevölkerung aber drakonisch. Der Spruch „Ab nach Kassel“ soll aus dieser Zeit stammen, ist aber nicht endgültig belegt.
Truppen und Kriegsverlauf
Das hessische Kontingent bestand nach regionalen geschichtlichen Quellen aus 15 Infanterie-Regimentern, 4 Grenadier-Bataillonen, 2 Kompanien Feldjägern und dem Artilleriecorps. Später kamen drei Kompanien Feldjäger zu Fuß und eine zu Pferde hinzu.
Das Ursprungskontingent brach bereits im März 1776 nach Nordamerika auf. Es bestand überwiegend aus Landeskindern, also aus Männern aus Hessen-Kassel, und nach den genannten Quellen auch überwiegend aus Freiwilligen. Während des Krieges mussten Verluste durch Gefangenschaft, Krankheit, Tod oder Desertion ständig ersetzt werden. Bis zum Ende des Krieges 1783 wurden dafür nur noch teilweise Rekruten aus Hessen-Kassel ausgehoben; ein deutlich größerer Anteil der Nachrückenden waren angeworbene Männer aus verschiedenen Ländern.
Nach dem Ende der Kriegshandlungen in Amerika wurden die Regimenter an ihre Standorte in Hessen zurückverlegt. Die Mannschaften wurden anschließend auf Friedensstärke reduziert.
Hessische Jäger und Beispiele
Besonders bekannt wurden die hessischen Jäger. Jäger waren speziell ausgebildete leichte Infanteristen und Schützen. Die Briten waren an ihnen interessiert, weil sie einen Gegenpart zu den amerikanischen Riflemen, also geübten Schützen mit Büchsen, brauchten. Da Großbritannien für ausgebildete Jäger mehr zahlte, wurden hessische Jägerkompanien teilweise mit regulären Soldaten aufgefüllt, die nicht denselben hohen Stand bei Ausrüstung und Ausbildung hatten.
Trotzdem begründeten die wenigen „echten“ hessischen Jäger einen besonderen Ruf. 33 hessische Jäger, von den Amerikanern „Greencoats“ oder Grünröcke genannt, behaupteten sich unter Hauptmann Johann von Ewald bei einem Rückzugsgefecht am Pass bei Portsmouth gegen eine 800 Mann starke Übermacht unter Marquis de La Fayette. Als ein Bajonettangriff der Amerikaner im Feuer der verschanzten hessischen Jäger steckenblieb, wurden amerikanische Riflemen angefordert. Der Artikel beschreibt dies als eines der ersten bekannten Scharfschützengefechte. Die hessischen Jäger behielten wegen ihrer besseren Disziplin die Oberhand.
Auch am 22./23. Dezember 1777 konnte Johann von Ewald mit seinen Jägern am Mount Holly, 100 km südöstlich von Burlington, eine deutlich stärkere amerikanische Einheit in die Flucht schlagen. Amerikanische Berichte lobten die Treffsicherheit der hessischen Jäger. Umgekehrt äußerten sich hessische Offiziere respektvoll über die amerikanischen Riflemen und beschrieben sie als sehr gute Schützen, die Bäume erklommen, auf dem Bauch krochen, präzise schossen und schnell wieder verschwanden.
Zum guten Ruf der hessischen Jäger trugen neben ihrer Ausbildung auch Disziplin und Verhalten gegenüber der Zivilbevölkerung bei. Am 16. September 1776 befreiten sie in der Schlacht von Harlem Heights die Scottish Highlanders aus einer gefährlichen Lage und schützten anschließend Einwohner von Manhattanville vor britischen Plünderern, obwohl sie mit den Briten verbündet waren. Johann von Ewald wurde nach dem Krieg von den amerikanischen Generälen Henry Knox und Alexander McDougall nach Fort West Point eingeladen, um Kampferfahrungen auszutauschen. Eine Einladung von Knox, in Amerika zu bleiben und dafür eine größere Landzuweisung zu erhalten, lehnte Ewald höflich ab.