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Sexueller Fetischismus
Sexueller Fetischismus ist die übersteigerte Zuneigung zu einzelnen Körperteilen, Körpereigenheiten, Kleidungsstücken, Utensilien, Materialien oder …
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Begriff und Bedeutung
Sexueller Fetischismus bezeichnet eine übersteigerte Zuneigung zu einzelnen Körperteilen, Körpereigenheiten, Kleidungsstücken, Utensilien, Materialien oder Situationen. Ein Fetisch ist dabei ein Gegenstand oder Merkmal, das sexuelle Erregung und Befriedigung auslöst. Für einzelne Menschen kann ein Objekt sehr erotisch bedeutsam sein, obwohl es für die Mehrheit als unerotisch oder belanglos gilt.
Die Einordnung ist umstritten: Fetischismus kann eine gleichberechtigte sexuelle Präferenz sein, aber unter bestimmten Bedingungen auch als Paraphilie gelten. Eine Paraphilie ist eine sexuelle Vorliebe, die medizinisch erst dann als Störung eingeordnet wird, wenn sie Leidensdruck oder deutliche Beeinträchtigungen verursacht. Ralf Binswanger ordnete sexuellen Fetischismus 2017 grundsätzlich der „erwachsenen Sexualorganisation“ zu und lehnte eine Pathologisierung ab. Andere Fachleute sehen Behandlungsbedarf, wenn der Fetisch die partnerschaftliche Sexualität vollständig ersetzt, Befriedigung ohne ihn kaum oder gar nicht möglich ist und Betroffene darunter leiden.
Ein Fetisch kann die Erregung verstärken, ohne für einen Orgasmus notwendig zu sein. Ist ein Orgasmus ohne Fetisch nicht erreichbar, wird in manchen sexualwissenschaftlichen Betrachtungen von komplettem Fetischismus gesprochen; dient der Fetisch nur der Erregung, aber nicht zwingend der Befriedigung, heißt dies partieller Fetischismus. Diese Unterscheidung beruht auf Intensität und Notwendigkeit, nicht allein auf der Art des Objekts.
Medizinische Definition und Diagnose
Nach ICD-10-GM F65.0 ist Fetischismus der „Gebrauch toter Objekte als Stimuli für die sexuelle Erregung und Befriedigung“. Gemeint sind unbelebte Gegenstände, etwa Kleidungsstücke, Schuhwerk oder Gegenstände aus Gummi, Plastik oder Leder. Die ICD-10-Klassifikation führt F65 als „Störungen der Sexualpräferenz“, F65.0 als Fetischismus und F65.1 als fetischistischen Transvestitismus. Bei F65.6 können mehrere abnorme sexuelle Präferenzen bestehen, ohne dass eine im Vordergrund steht; als häufigste Kombination nennt der Artikel Fetischismus, Transvestitismus und Sadomasochismus.
Für eine Diagnose nach ICD-10-GM F65.0 müssen zunächst die übergeordneten Kriterien der Kategorie F65 erfüllt sein. Über mindestens sechs Monate müssen ungewöhnliche sexuell erregende Fantasien, dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen auftreten. Zudem müssen sie in verschiedenen Funktionsbereichen Leiden und Beeinträchtigungen bei Betroffenen oder ihren Objekten verursachen. Wenn eine andere Person geschädigt, verletzt oder misshandelt wird, reicht dies bereits für die Diagnosestellung aus.
Das DSM-IV verwendet mit 302.81 eine weitere Definition: Es umfasst sowohl unbelebte Objekte als auch die erotische Fixierung auf Körperteile. Im ICD-10-GM gehören Körperteile dagegen nicht zu F65.0, auch nicht Körperteile eines Partners; sie können jedoch anderen Paraphilien zugeordnet werden. Unterschiede zwischen ICD und DSM können statistische und beschreibende Vergleiche zwischen Ländern erschweren. Vorlieben wie blonde Haare werden von den medizinisch-psychologischen Definitionen nicht erfasst.
Die ICD-Regelung wird kritisiert, weil sie stigmatisierend wirken könne; Aktivisten und Organisationen fordern teils Änderungen oder die Streichung von F65-Kriterien. Befürworter betonen, dass eine abgrenzbare Diagnose Behandlung und gegebenenfalls Kostenübernahme ermöglichen kann. Das im ICD-10 verlangte hierarchische Vorgehen steht laut Artikel nur in Textausgaben, nicht in üblichen Diagnoseschlüssel-Listen; dies könne Fehldiagnosen begünstigen.
Fetischobjekte und typische Ausprägungen
Grundsätzlich kann fast jeder Gegenstand zum Fetisch werden. Ausgenommen sind Objekte, die von vornherein als Sexspielzeug für den Sexualakt bestimmt sind, etwa Dildos oder Vibratoren. Die Abgrenzung kann schwierig sein: Reizwäsche hat bereits eine erotische Komponente. Eine getragene Unterhose des Partners, deren Geruch bei der Masturbation erregt, ist wegen ihres Bezugs zur Person nicht zwangsläufig ein Fetischobjekt; ungetragene oder selbst getragene Wäschestücke können es dagegen sein.
Fetische lassen sich danach unterscheiden, ob vor allem ihre Form oder ihr Material anziehend wirkt. Mehrfach-Fetische sind nicht ungewöhnlich. Ein Objekt wirkt oft nur dann erotisierend, wenn es eine bestimmte äußere Erscheinung oder ein bestimmtes Material besitzt, etwa weiße Tennissocken oder graue Kniestrümpfe. Manche Menschen benötigen mehrere Sinne, andere reagieren schon auf den Anblick. Fetische können außerdem an bestimmte Szenarien gekoppelt sein. Im Verlauf der Zeit können sie verändert werden oder weitere Fetische hinzukommen.
Häufig genannte Fetische betreffen Kleidung und Accessoires: Schuhe, Strümpfe, Strumpfhosen, Unterwäsche, Schürzen, Uniformen, Regenbekleidung, Brillen und Piercings. Entscheidend können ein bestimmtes Modell, ein einzelnes Exemplar, das Getragensein oder ein Vorbesitzer sein. Weitere genannte Objekte sind Militärorden, Gipsverbände, Prothesen, Rollstühle, Zigaretten und Tabakspfeifen. Beim Materialfetischismus kann der Gegenstand austauschbar sein, solange das Material gleich bleibt. Als typische Materialien nennt der Artikel Leder, Pelze, Wolle, Mohair, Seide, Nylon, Satin, Lycra, PVC-beschichtete Stoffe („Lack“), Latex und Gummi.
Nach DSM-IV können auch Füße, Beine, Haare, Pobacken, Busen, Achselhöhlen oder Ohren Fetische sein; die entsprechenden Praktiken heißen Body worship. Partialismus meint die Fokussierung auf einen Körperteil. Morphophilie bezeichnet die Erregung durch einen besonders ausgeprägten Körperteil, Amelotatismus die durch einen fehlenden Körperteil. Diese Begriffe sind von partiellem Fetischismus zu unterscheiden. Beim fetischistischen Transvestitismus löst das Tragen von Kleidung eines anderen Geschlechts Erregung aus; er ist im ICD-10-GM als F65.1 eigenständig erfasst.
Entstehung und Erklärungsansätze
Ursachen und Entstehungsmechanismen sind ungeklärt. Fetischistische Vorlieben scheinen teils früh zu entstehen. Diskutiert werden Konditionierung, Prägung bei frühen sexuellen Erfahrungen, Liebesentzug, zu frühe Entwöhnung sowie Fetischismus als Begleiterscheinung einer komplexeren psychischen Störung. Eine Vererbung gilt als unwahrscheinlich; vererbte Merkmale könnten aber beeinflussen, wie wahrscheinlich fetischistische Neigungen entstehen. Keine Theorie ist vollständig anerkannt. Viele Ansätze beruhen auf unbelegten oder empirisch nicht überprüfbaren Annahmen; wissenschaftliche Forschung und Versuche, diese Theorien nachzuweisen, finden laut Artikel kaum statt.
Binet erklärte Fetischismus 1887 durch Assoziation: Ein Objekt werde durch gleichzeitiges Auftreten mit sexuellen Reizen dauerhaft damit verbunden. Der behavioristische Ansatz beschreibt dies genauer als klassische Konditionierung. Als Beispiel nennt der Artikel das gleichzeitige Auftreten eines sexuellen Reizes und eines späteren Fetischobjekts beim Masturbieren. Kritisiert wird, dass dann sehr viel mehr Menschen und sehr viel mehr Fetische zu erwarten wären. Eine Studie von 2004 konditionierte Japanwachteln auf die Kopulation mit einer unbelebten Frottee-Puppe; das Verhalten blieb durch Wiederholung erhalten. Die Forscher hielten das Modell für möglicherweise mit menschlichem Fetischismus vergleichbar.
Die Superstimulus-Theorie nimmt eine Generalisierung an: Ein gewöhnliches Merkmal sexueller Attraktivität könne auf ähnliche Reize übertragen werden. Als Beispiel wird glänzende, glatte Haut genannt, deren Reizwirkung sich auf glänzenden, glatten Kunststoff übertragen könne. Die Preparedness-Theorie nach Martin Seligman verweist auf biologische und evolutionäre Bereitschaften für bestimmte Reaktionen, erklärt aber etwa die Entstehung eines Brillenfetischs nicht. Vilaynur S. Ramachandran wies 1998 darauf hin, dass die Hirnrindenbereiche für Fußwahrnehmung und sexuelle Stimulation nebeneinanderliegen; dies deutete er als möglichen Erklärungsansatz für die Verbreitung des Fußfetischismus. Offen bleibt dabei, weshalb die Lust vor allem durch Füße anderer entsteht.
Psychoanalytische Ansätze deuten den Fetisch als realen Gegenstand, dessen sexuelle Bedeutung aus unbewussten Fantasien der kindlichen Erlebniswelt stamme. Freud verband ihn mit Kastrationsangst. Winnicotts Übergangsobjekt, etwa eine Schmusedecke, vermittelt einem Kleinkind Sicherheit und weist nach dieser Darstellung ähnliche Funktionen wie ein Fetisch auf, ist aber kein Fetisch. Stoller ordnete Fetischismus in seiner Theorie schweren Perversionen zu und betonte Feindseligkeit, Rache, Triumph und ein entpersonalisiertes Objekt.
Verbreitung, Szene und Sprachgebrauch
Über die Verbreitung von Fetischismus gibt es praktisch keine gesicherten Erkenntnisse. Es ist weder bekannt, welcher Bevölkerungsanteil fetischistische Neigungen hat, noch aus welchen Gruppen sich Fetischisten zusammensetzen. Zahlen sind schwer zu ermitteln, weil sich leichtere Ausprägungen in partnerschaftliche Sexualität integrieren lassen, Fetischisten selten therapeutische Hilfe suchen und Menschen sexuelle Kontakte unterschiedlich bewerten. Bestätigte Diagnosen zeigen, dass Fetischismus bei Männern und Frauen sowie bei homosexuellen Fetischisten beider Geschlechter vorkommt. Indizien wie Geschlechterverteilungen in Chatrooms und Krankenhausaufenthalte nach fetischismusbedingten Unfällen deuten auf ein häufigeres Auftreten bei Männern hin.
Umgangssprachlich wird „Fetischismus“ oft weiter und meist abwertend gebraucht als in Medizin und Wissenschaft. Schon Vorlieben ohne Leidensdruck können so bezeichnet werden, auch wenn sie Teil einer normalen, nicht beeinträchtigenden Sexualität sind. Der Ausdruck wird häufig mit „Perversion“ oder allgemein mit Paraphilie verbunden, obwohl diese Begriffe nicht deckungsgleich sind.
Fetischbezüge sind in Mode, im Alltag, bei Rollenspielen, Fetisch-Partys und öffentlichen Aktionen wie dem Christopher Street Day sichtbar. Im Internet können Foren, Communitys und Subkulturen Unterstützung und Gleichgesinnte vermitteln; auch Übergänge zur BDSM-Szene, Homosexualität, erotischem Sadomasochismus und fetischistischem Transvestitismus werden genannt. In solchen Zusammenhängen wird Fetischismus zunehmend als legitime sexuelle Spielart verstanden, die nicht automatisch geheilt oder behandelt werden müsse. Die Angaben des Artikels zu Subkultur und Modetrend sind ausdrücklich als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.
Behandlungsmöglichkeiten
Ein einheitliches Behandlungskonzept gibt es nicht. Behandelt wird nur bei entsprechendem Leidensdruck, Beeinträchtigungen oder anderen diagnostischen Voraussetzungen. Mögliche Verfahren sind insbesondere Psychoanalyse und kognitive Verhaltenstherapie. Behandlungen dauern häufig länger und beziehen auch Partnerschaftsprobleme oder soziale Integrationsstörungen ein, wenn diese durch das fetischistische Verhalten ausgelöst oder begünstigt werden. Nach dem Artikel sollte Therapie idealerweise freiwillig erfolgen; bei gerichtlicher Anordnung sei ein Erfolg gegen den Willen des Patienten kaum abzusehen.
In der Verhaltenstherapie kann aversive Konditionierung eingesetzt werden: Der Fetisch wird mit einem unangenehmen Reiz verbunden, damit er künftig vermieden wird. Bei verdeckter Sensibilisierung folgen auf Szenen fetischistischen Inhalts unangenehme Szenen; bei assistierter verdeckter Sensibilisierung setzt ein Assistent einen unangenehmen Geruch als Reiz ein. Beim Gedankenstopp wird ein fetischistischer Gedankengang unerwartet durch „Stopp!“ unterbrochen; nach Wiederholung soll die Person dies selbst anwenden, um unerwünschte Fantasien früh zu unterbrechen.
Medikamente können andere Behandlungsformen unterstützen, verändern den Fetischismus selbst aber nicht direkt. Bei der sogenannten „chemischen Kastration“ senken bei Männern meist Antiandrogene bestimmte Sexualhormone. Dadurch werden Sexualtrieb sowie sexuelle Fantasien und Betätigungen seltener; Nebenwirkungen sind möglich. Eine Fallstudie aus dem Jahr 2006 berichtete, dass Topiramat, eigentlich ein Mittel gegen Epilepsie, bei einem Fußfetischisten nach erfolgloser Psychotherapie angeblich Symptome ohne Nebenwirkungen verringerte.