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Sexuelle Aufklärung
Mädchen und Jungen erleben viele Veränderungen ihres Körpers in der Pubertät, Mädchen die erste Menstruation. ... Biologie-Unterrichts. Geschichtliche …
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Begriff und Ziel
Sexuelle Aufklärung oder Sexualaufklärung bezeichnet die Weitergabe von Informationen über Sexualität an Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Sie soll zu einer für den jeweiligen Zeitpunkt als hinreichend empfundenen Sicht auf die menschliche Sexualität führen. Wenn sie aktiv und zielgerichtet erfolgt, verfolgt sie meist das Ziel, Menschen zu einer Form des Umgangs mit dem angeborenen Sexualtrieb zu befähigen, die im jeweiligen Kulturkreis und nach der vorherrschenden Sexualmoral als richtig gilt.
In Deutschland besteht das Ziel nach dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) darin, „Menschen in allen Lebensphasen zu einem selbstbestimmten, verantwortungsvollen und gesundheitsbewussten Umgang mit Sexualität zu befähigen“. Sexualaufklärung soll damit Wissen vermitteln und Orientierung geben, ohne auf eine einzelne Lebensphase beschränkt zu sein.
Zentrale Inhalte und schulische Umsetzung
Sexualaufklärung umfasst im Wesentlichen mehrere miteinander verbundene Themen:
- den menschlichen Körper, seine Funktionen und die Anatomie von Mann und Frau sowie körperliche Veränderungen während des Wachstums und der Pubertät;
- Erotik, Liebesleben und Sexualität;
- Zeugung, Schwangerschaft, Schwangerschaftsverhütung, Geburt, Stillen, Ehe, Elternschaft, Kinder und Familienplanung;
- Körperhygiene, insbesondere Sexualhygiene und Intimpflege;
- den Schutz vor der Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten, besonders HIV/AIDS;
- Sexualität als kulturelles Verhalten, gesellschaftliche Normen und Abweichungen von diesen Normen.
Jugendliche benötigen Raum für ihre sexuelle Entwicklung. In der Pubertät lösen sie sich zunehmend vom Elternhaus und suchen eine eigene Frauen- oder Männerrolle. Dabei können Konflikte über sexuelle Freiheiten und akzeptierte Entwicklungen entstehen. Jugendliche machen neue, teilweise verunsichernde Erfahrungen: sexuelle Erregung, Ängste, Wünsche und Sehnsüchte, erste Verliebtheit, vorsichtige Annäherungen, Zärtlichkeiten und erste sexuelle Berührungen.
Mädchen und Jungen erleben körperliche Veränderungen; bei Mädchen gehört dazu die erste Menstruation. Typisch sind außerdem Schwärmereien für mögliche Partner oder Partnerinnen, die Entdeckung der Lust am eigenen Körper, sexuelle Fantasien und Masturbation. Während der Pubertät können Gefühle zwischen Euphorie und Depression wechseln. Eine nicht altersgemäße oder fehlende Aufklärung kann diese Erfahrungen zu einer großen Verunsicherung machen. Die körperliche Anziehung zum eigenen Geschlecht, die manche Jugendliche erleben, bedeutet dabei nicht automatisch, dass sie homosexuell sind.
In Grundschulen findet Sexualaufklärung in der Regel im Sachkundeunterricht statt, in höheren Schulen meist im Biologieunterricht.
Geschichtliche Entwicklung
Sexuelle Aufklärung gab es bereits vor dem 20. Jahrhundert. Noch in den 1950er Jahren war Sexualität jedoch ein öffentliches Tabuthema. Schulbuchabbildungen stellten den Menschen häufig als geschlechtslos dar. Weibliche Sexualität wurde unmittelbar mit Ehe, Schwangerschaft und Mutterschaft verbunden. Frauen, die außerhalb einer Ehe schwanger wurden, waren gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt.
In den 1960er und 1970er Jahren entstand unter anderem durch die Antibabypille eine Gegenbewegung, die als „Sexwelle“ bezeichnet wurde. Die Studentenbewegung propagierte die freie Liebe mit dem Motto „Make love not war!“. Die sozialdemokratische Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel brachte den ersten Sexualkunde-Atlas heraus, befürwortete öffentlich die Einnahme der Antibabypille und war am ersten Aufklärungsfilm Helga von 1967 beteiligt.
Es folgten Aufklärungsfilme, das „Lexikon der Erotik“ der Zeitschrift Jasmin und die Filmreihe Schulmädchen-Report. Nach und nach wurde Sexualkunde auch als Fach an Schulen der Bundesrepublik eingeführt. In der Jugendzeitschrift Bravo beantwortete die Redaktion Dr. Sommer von 1969 bis 1984 Fragen von Schülerinnen und Schülern zur Sexualität. In der DDR erschienen ebenfalls zahlreiche Aufklärungsbücher. Der „Sexkoffer“ wurde ab 1980 an Schulen in Österreich verwendet.
Situation heute und Kontroverse um das Aufklärungsalter
Heute ist sexuelle Aufklärung kaum noch ein Tabuthema. Der Aufklärungsunterricht im Rahmen der Menschenkunde gilt als sozialpädagogisch verpflichtender und wesentlicher Bestandteil des Biologieunterrichts. In der Praxis stehen häufig Risiken im Vordergrund, darunter ungewollte Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten und sexuelle Übergriffe.
Trotz einer Aufklärung, die an die kognitiven und emotionalen Bedürfnisse junger Menschen angepasst ist, kommt es weiterhin zu ungewollten Schwangerschaften. Bei sehr jungen Frauen kann dies zu Mutterschaft Minderjähriger oder zu Schwangerschaftsabbrüchen führen.
Seit 2014 wird in Deutschland öffentlich darüber diskutiert, in welchem Alter Kinder und Jugendliche über welche Einzelheiten und Sexualpraktiken aufgeklärt werden sollen. Kritiker halten bestimmte Inhalte für zu früh vermittelt. Die Sexualaufklärung im Vorschul- und Grundschulalter wird von Gegnern mithilfe des politischen Kampfbegriffs „Frühsexualisierung“ kritisiert oder diffamiert.
Soziale Bewegungen aus dem rechten, konservativen und rechtspopulistischen politischen Spektrum verwenden den Begriff als Protest gegen eine Flexibilisierung und Liberalisierung der zweigeteilten, heteronormativen Geschlechtsrollen. Diese Rollen werden von ihnen als Grundlage der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, einschließlich Ehe und bürgerlicher Familie, betrachtet. Veränderungen daran erscheinen ihnen als Gefahr für den privaten Nahbereich und für die Gesellschaft insgesamt. Die Kontroverse betrifft damit nicht nur einzelne Unterrichtsinhalte, sondern auch unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechtsrollen, Familie und gesellschaftlicher Ordnung.