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Dekadenzdichtung
Dekadenzdichtung (französisch décadence „Verfall“) ist die vage und umstrittene Bezeichnung für eine Vielzahl an literarischen Strömungen und Einzelwerken …
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Begriff und Grundzüge
Dekadenzdichtung ist eine vage und umstrittene Bezeichnung für verschiedene literarische Strömungen und Einzelwerke um die Jahrhundertwende 1900. Ihre wichtigste Gemeinsamkeit ist die entschiedene Ablehnung des Naturalismus. Sie richtet sich damit gegen eine möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung der gesellschaftlichen und materiellen Welt.
Kennzeichnend ist eine subjektivistisch-ästhetizistische Kunst- und Weltanschauung: Die persönliche Wahrnehmung und die Schönheit oder künstliche Gestaltung eines Werks stehen im Mittelpunkt. Daraus entsteht eine bewusst anti-bürgerliche, anti-moralische, anti-realistische und anti-vitale Haltung. Diese wurde als Überfeinerung und als Zeichen eines kulturellen Verfalls verstanden.
Der französische Dichter Paul Verlaine führte die Bezeichnung „Décadence“ ein. Während die französische Literaturszene die besondere Empfindsamkeit für das Sublime, Rauschhafte, Stimmungsvolle und Morbide zeitweise feierte, deutete Friedrich Nietzsche die moderne „Nervenkunst“ in „Der Fall Wagner“ (1888) negativ als Erschöpfung und Auflösung. Oswald Spengler setzte dieses alarmistische Geschichtsbild in „Der Untergang des Abendlandes“ (1918) fort.
Abgrenzung und Vertreter
Dekadenzdichtung lässt sich nur schwer von benachbarten Strömungen abgrenzen. Ihre Übergänge zum Symbolismus, etwa bei Arthur Rimbaud und Paul Verlaine, und zum Impressionismus, etwa bei Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke, sind fließend. Deshalb werden ihr sehr unterschiedliche Autoren aus zahlreichen europäischen Ländern zugerechnet.
Zu den häufig genannten Vertretern gehören Anton Tschechow, Gabriele d’Annunzio, Maurice Maeterlinck, Jens Peter Jacobsen, Oscar Wilde, Peter Altenberg sowie Thomas und Heinrich Mann. In Frankreich werden unter anderem Jules Laforgue, Tristan Corbière, Lautréamont, Marcel Schwob, Rachilde, Edouard Dujardin, Joris-Karl Huysmans und Maurice Barrès eingeordnet. Diese breite Zuordnung verdeutlicht, dass es sich nicht um eine klar abgegrenzte literarische Schule handelt.
Typische Figuren und Motive
Jost Hermand beschreibt mehrere typische Figuren. Im Zentrum steht häufig ein unglücklicher Künstler, der sich selbst beobachtet und wegen seiner künstlerischen Schwäche oder seiner Unfähigkeit, Werke zu vollenden, an Depressionen leidet. Anders als der Bohemien, der sich als Teil einer antibürgerlichen Opposition versteht, sieht sich der Dekadente als normverletzender und grenzüberschreitender Einzelgänger.
Weitere Figuren sind der leidende Ästhet, für den Leiden zugleich Genuss bedeutet, der sterbende junge Mann, der sein ungelebtes Leben beklagt, und der schwärmerische Nachtwandler, der seinen frühen Tod vorausahnt. Hinzu kommen der frühreife oder dauerhaft kränkliche Bürgersohn, der für Leben und Geschäft zu schwach erscheint, wie Hanno Buddenbrook bei Thomas Mann, sowie der in Agonie befindliche Adel, der untätig dahinlebt, sich aber gefährlichen Leidenschaften hingibt. Weibliche Figurentypen sind die kindliche „Demivierge“, die verführerisch-gefährliche „Femme fatale“ wie Salome und die empfindsame, zerbrechliche „Femme fragile“ wie Mélisande bei Maurice Maeterlinck und Claude Debussy.
Wiederkehrende Motive sind das Unerreichbare, Rinnende und Vorübergleitende sowie das bloße Gefühl, noch am Leben zu sein. Karl Lamprecht bezeichnet die „Reizbarkeit“ als Merkmal der Dekadenz; dieses teilt sie mit dem Impressionismus. Eine zentrale thematische Spannung besteht zwischen Lebenslust und Lebensüberdruss.
Erzählweise und Sprache
Dekadenzdichtung zerstört häufig traditionelle Erzählstrukturen. An die Stelle einer klaren, zusammenhängenden Handlung tritt eine bewusst künstlich geschaffene Gesamtheit. Handlung und Figuren werden verrätselt; Motive wiederholen sich, Texte verweisen auf sich selbst, und einzelne, oft optische Details erhalten besonderes Gewicht.
Auch die herkömmliche Sprache wird zunehmend infrage gestellt. Statt eindeutiger sprachlicher Erklärungen gewinnen Körperausdruck und Sinneseindrücke an Bedeutung. Diese Gestaltung entspricht der starken Empfindsamkeit der Figuren und der Konzentration auf Stimmungen, Wahrnehmungen und künstlich verfeinerte Einzelheiten.
Wandel der Motive
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändert sich die melancholische Grundstimmung der Dekadenzdichtung. Sie wird zur Endzeitstimmung und schlägt in Angst oder „Weltangst“, etwa bei Rilke, sowie in Grauen, etwa bei Trakl, um.
Im 21. Jahrhundert erscheinen einige Motive erneut. Moderne Dekadenzliteratur stellt Zerfall häufig als Folge digitaler Überreizung, moralischer Resignation und der Ohnmacht des Individuums angesichts globaler Krisen dar. Dabei nimmt sie oft dystopische Formen an, beispielsweise als Climate Fiction.
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