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Schreibtisch des Ruhrgebiets
Der Schreibtisch des Ruhrgebiets ist eine umgangssprachliche, früher häufiger verwendete Metapher für die Stadt Düsseldorf als Verbands- und Verwaltungssitz …
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Begriff und heutige Bedeutung
„Schreibtisch des Ruhrgebiets“ ist eine umgangssprachliche, früher häufiger verwendete Bezeichnung für Düsseldorf. Gemeint war ursprünglich die Rolle der Stadt als Sitz von Verbänden und Verwaltungszentralen der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets. Dazu gehörten insbesondere die Zentralen großer Montankonzerne wie Mannesmann, Thyssen und Krupp sowie der Stahlwerksverband, in dem sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Unternehmen zusammenschlossen. Düsseldorf galt außerdem als „Wiege des modernen industriellen Verbandswesens“ in Deutschland.
Heute beschreibt die Metapher meist die allgemeine zentrale Bedeutung Düsseldorfs für die Region an Rhein und Ruhr. Mit der Tertiärisierung, also dem Bedeutungsgewinn des Dienstleistungssektors, erweiterte sich die Verwaltung internationaler Industriekonzerne um zahlreiche unternehmensnahe Dienstleistungen. Hinzu kommen Düsseldorfs Aufgaben als Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens, die sich räumlich im Regierungsviertel zeigen.
Durch Postfordismus, Globalisierung und Metropolisierung entstanden in Düsseldorf weitere wirtschaftliche Netzwerke und Unternehmenscluster. Dadurch verfügt die Stadt über eine hohe Kontroll- und Steuerungskapazität innerhalb der Metropolregion Rhein-Ruhr. In diesem polyzentrischen Ballungsraum mit mehreren bedeutenden Städten nimmt Düsseldorf funktional eine Vorrangstellung ein. Das Globalization and World Cities Research Network führt Düsseldorf seit den 1990er Jahren als Global City, also als international bedeutenden und stark vernetzten Wirtschaftsstandort.
Aufstieg zum Verwaltungs- und Verbandszentrum
Im frühen 19. Jahrhundert ließen sich in Düsseldorf zahlreiche Unternehmer nieder, besonders aus dem Bergischen Land und der Eifel. Ihre Eisen- und Metallbetriebe profitierten von der Lage am Rhein, vom grenzüberschreitenden Handel und von der Industrialisierung des rheinisch-westfälischen Raums. Dampfschifffahrt, der Deutsche Zollverein und die Mannheimer Akte, die die Rheinschifffahrt liberalisierte, verbesserten die wirtschaftlichen Bedingungen.
Auch politische und kulturelle Funktionen stärkten den Standort. Düsseldorf war früher Residenz- und Hauptstadtstadt gewesen und wurde 1816 Sitz der königlich-preußischen Bezirksregierung. Ab 1826 tagte dort der Provinziallandtag der Rheinprovinz, wodurch die Stadt zum politischen Zentrum der reichsten Provinz Preußens wurde. Die 1819 neugegründete Kunstakademie Düsseldorf, die Maler der Düsseldorfer Schule sowie eine ausgeprägte Gastronomie und Hotellerie boten einen geeigneten Rahmen für Geschäftstreffen, Tagungen und Messen.
Am 10. März 1852 erhielt die Belgisch-Rheinische Gesellschaft der Kohlenbergwerke an der Ruhr ihre Konzession. Sie war die erste Aktiengesellschaft, die Betriebe an der Ruhr von Düsseldorf aus verwaltete. Ebenfalls 1852 festigte die Provinzial-Gewerbe-Ausstellung für Rheinland und Westphalen Düsseldorfs Stellung als wichtiger Messestandort. Auf solchen Ausstellungen wurden Waren und Informationen ausgetauscht, Kontakte geknüpft und wirtschaftliche Interessen repräsentiert. Die Lage am Rhein und an einem bedeutenden Eisenbahnknoten unterstützte diese Entwicklung. Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein großer Hafen, im 20. Jahrhundert kam ein Flughafen hinzu.
Besonders wichtig war die Ansiedlung von Wirtschaftsverbänden. Im Mai 1852 tagte in Düsseldorf der Zollvereinsländische Eisenhütten- und Bergwerksverein, die erste schutzzollorientierte Organisation der deutschen Schwerindustrie. Seit 1861 waren dort der 1856 gegründete Verein Deutscher Ingenieure und der 1860 gegründete Verein Deutscher Eisenhüttenleute vertreten. Es folgten unter anderem der 1871 von William Thomas Mulvany angestoßene Langnam-Verein und 1874 die Nordwestliche Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, aus der 1946 die Wirtschaftsvereinigung Stahl hervorging. Weitere Verbände vertraten Maschinenfabriken, Eisengießereien, Stahlformgießereien, Edelstahlwerke sowie Hersteller von Nieten, Dampfkesseln und Apparaten.
1897 nahm das Rheinisch-Westfälische Roheisensyndikat seine Arbeit in Düsseldorf auf. Ein Syndikat war ein Kartell, bei dem der Verkauf der beteiligten Unternehmen zentral organisiert wurde. Ab 1904 bündelte der Stahlwerksverband die meisten Stahlproduzenten des Ruhrgebiets und bald auch ganz Deutschlands. Seit 1908 erfolgte sein gemeinsamer Verkauf im Stahlhof. Vor dem Ersten Weltkrieg waren etwa 80 Prozent der deutschen Stahlfertigerzeugnisse über diesen Verband organisiert. Ein für 1913 geplanter, 500 Meter hoher „Rheinturm“ sollte die Leistungsfähigkeit des Stahlwerksverbands zeigen und den Eiffelturm um 200 Meter überragen, wurde aber nicht verwirklicht.
Stadtentwicklung, Finanzplatz und Industrie bis 1945
Zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg wuchs Düsseldorf durch Bevölkerungszunahme, technische Neuerungen, geringe Energie- und Transportkosten sowie günstige Steuersätze stark. Eine vorausschauende Stadtplanung lenkte dieses Wachstum. Der US-amerikanische Publizist Frederic C. Howe bezeichnete Düsseldorf 1910 als „City of Tomorrow“. Oberbürgermeister Wilhelm Marx förderte das kulturelle Leben, die Luftfahrt, den Industrie-Club Düsseldorf und den Bau des Stahlhofs.
Öffentliche Hand und privates Kapital bauten die Stadt repräsentativ aus. Dazu gehörten der Hafen in der Lausward von 1886 bis 1896, die Oberkasseler Brücke mit der K-Bahn von 1896 bis 1898, die Rheinufervorschiebung und die erste Rheinuferpromenade von 1899 bis 1902. Ab 1899 entstand auf einem ehemaligen Kasernengelände ein Büro-, Geschäfts- und Bankenviertel an Königsallee, Breite Straße und Kasernenstraße. Die internationale Industrie- und Gewerbeausstellung Düsseldorf und der Kunstpalast folgten 1902. Weitere bedeutende Verwaltungsbauten waren die Königlich Preußische Regierung von 1907 bis 1911, das Oberlandesgericht von 1910 und die Zentralverwaltung des Provinzialverbandes der Rheinprovinz von 1910 bis 1911. Auf der Städte-Ausstellung Düsseldorf 1912 bezeichneten Planer die Stadt als „Mittelpunkt des rheinisch-westfälischen Industrie-Gebiets“.
Neben Konzernzentralen und Verbänden ließen sich Banken und Versicherungen nieder. Die 1875 gegründete Börse Düsseldorf entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelsplatz für Wertpapiere. Ihre staatliche Anerkennung im Jahr 1884 ging wesentlich auf Christian Gottfried Trinkaus zurück. 1935 vereinigte sie sich mit den Börsen von Essen und Köln zur „Rheinisch-Westfälischen Börse“, die für das westdeutsche Wirtschaftsleben eine herausragende Rolle spielte.
In den 1920er Jahren kamen weitere Industriekonzerne hinzu, darunter 1921 Phoenix-Rheinrohr und ab 1926 die Vereinigten Stahlwerke. Während des Nationalsozialismus blieb Düsseldorf die wichtigste Verkaufs- und Organisationsdrehscheibe der kartellierten deutschen Stahlindustrie. Die 1942 eingerichtete Reichsvereinigung Eisen, ein staatlicher Lenkungsverband der NS-Wirtschaft, unterhielt dort ihre größte Außenstelle.
Entwicklung nach 1945
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches behielt Düsseldorf aufgrund verbliebener und neu geschaffener Einrichtungen eine wichtige Funktion für die Wirtschaft des Ruhrgebiets und des Rheinlands. Die neu gebildete Provinz Nordrhein und zentrale Dienststellen der britischen Besatzungszone erhielten dort ihren Sitz. Von 1949 bis 1952 überwachte die Internationale Ruhrbehörde von Düsseldorf aus den deutschen Montansektor, also vor allem Kohle- und Stahlindustrie, der für den Wiederaufbau Europas von großer Bedeutung war.
Ob Düsseldorfs Funktion als „Schreibtisch des Ruhrgebiets“ die Wahl der Stadt zur Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens im Jahr 1946 beeinflusste, ist in der historischen Forschung umstritten. Unbestritten ist dagegen, dass der gute Ruf des Wirtschaftsstandorts seit den frühen 1950er Jahren japanische Unternehmen anzog. Die erste Niederlassung war die der Firma Mitsubishi. Es entstanden eine japanische Infrastruktur und ein „Kristallisationskern für japanische Investitionen in Europa“.
Seit 1952 verstand sich Düsseldorf als Mittelpunkt der „Stadtlandschaft Rhein-Ruhr“. Auch in den späteren Konzepten der Metropolregion Rhein-Ruhr, die aus Wirtschaftsgeographie und Raumordnung stammt, und der Metropolregion Rheinland, die der Wirtschaftsförderung und dem Regionalmarketing dient, liegt Düsseldorf zentral. Innerhalb dieser Räume verfügt die Landeshauptstadt über die höchste Zentralität.
Kulturelle Deutung der Metapher
Die Bezeichnung wird heute nicht ausschließlich für Düsseldorf verwendet. Auch andere Städte mit zentralen Funktionen für das Ruhrgebiet, beispielsweise Essen, werden gelegentlich als „Schreibtisch des Ruhrgebiets“ bezeichnet.
Der Kartelltheoretiker Holm Arno Leonhardt betonte 2013, dass damit mehr als die Ansammlung von Verwaltungsstellen gemeint sei. In den Zentralen der Stahl- und Kohlensyndikate in Düsseldorf und Essen seien im 19. und frühen 20. Jahrhundert wichtige Entscheidungen für die regionale Wirtschaft getroffen worden. Diese hätten über Jahrzehnte zum Aufbau einer ungewöhnlich dichten und planvoll entwickelten Infrastruktur beigetragen. Leonhardt schlug deshalb vor, die „regionalwirtschaftliche Organisationskunst“ der Syndikate als immaterielles Kulturgut zu verstehen und unter den Schutz des UNESCO-Welterbes zu stellen. Düsseldorf und Essen könnten dafür als Erinnerungsorte dienen.
Mitunter enthält die Metapher auch einen Gegensatz zwischen der als „sauber“ wahrgenommenen Verwaltungsarbeit in Düsseldorf und der „dreckigen“ industriellen Produktion im Ruhrgebiet. Herbert Grönemeyer spielte in seinem Lied „Bochum“ mit der Frage „Wer wohnt schon in Düsseldorf?“ auf diese Abgrenzung an.