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Schilfmeer
Das Schilfmeer (hebräisch יַם־סוּף yam-sūf; altägyptisch pa-tjufi) ist im Buch Exodus der Ort der durch JHWH veranlassten göttlichen Errettung des Volkes …
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Bedeutung und Quellenlage
Das Schilfmeer (hebräisch יַם־סוּף yam-sūf; altägyptisch pa-tjufi, „Meer der Pflanzen“ beziehungsweise „des Papyrusdickichts“) ist im Buch Exodus der Ort, an dem JHWH das Volk Israel während des Auszugs aus Ägypten vor dem Heer des Pharaos rettet. Die Erzählung ist deshalb ein zentraler Bericht über die göttliche Errettung Israels.
Die historisch-kritische Forschung untersucht, aus welchen älteren Texten der heutige Bibeltext zusammengesetzt wurde. Sie unterscheidet mindestens drei miteinander verwobene Quellen: vorpriesterliche Überlieferungen, die Priesterschrift und eine poetische Quelle. Der Artikel beschreibt die poetische Quelle nicht näher. Die beiden ausführlich behandelten Fassungen unterscheiden sich vor allem darin, wann und wie das Meer geteilt wird und welche Rolle Mose dabei spielt.
Vorpriesterliche Erzählung
Die ältesten vorpriesterlichen Überlieferungen entstanden wahrscheinlich einige Jahrhunderte vor der Priesterschrift. Genaue Ortsangaben fehlen. Nach der beschriebenen Route zogen die Israeliten von Piramesse nach Sukkot und weiter nach Etam am Rand der Wüste. Etam spiegelt einen altägyptischen Ortsnamen wider und lag höchstens eine Tagesreise vom Wadi Tumilat entfernt. Der weitere Weg führte wahrscheinlich südlich von Tjeku und anschließend nach Osten in die Region des Timsahsees.
JHWH zieht in einer Wolkensäule vor den Israeliten her und zeigt ihnen den Weg. Nachdem der ägyptische König von ihrer Flucht erfährt, verfolgt er sie mit Wagen und Kriegsvolk. Die Israeliten fürchten sich, doch Mose fordert sie auf, standzuhalten und auf die Rettung durch JHWH zu vertrauen: JHWH werde für sie kämpfen.
In dieser Fassung handelt JHWH selbst als „Retter Israels“, während Mose passiv bleibt und das Wirken JHWHs lediglich erklärt. Ein starker Ostwind ist das Werkzeug JHWHs: Er treibt das Meer die ganze Nacht zurück und trocknet es aus. Während der Morgenwache bringt JHWH das Lager der Ägypter in Verwirrung und hemmt die Räder ihrer Wagen. Die Ägypter erkennen, dass JHWH für Israel kämpft, und versuchen zu fliehen. Gegen Morgen kehrt das Wasser zurück; die fliehenden Ägypter laufen ihm entgegen und werden ins Meer getrieben. Israel sieht darin JHWHs mächtiges Handeln, fürchtet ihn und vertraut ihm sowie Mose.
Priesterschriftliche Erzählung
Die Priesterschrift entstand im 6. Jahrhundert v. Chr. während des babylonischen Exils. In ihr ist nicht der Ostwind, sondern Mose das Werkzeug JHWHs. JHWH demonstriert durch das Meerwunder seine Macht. Der priesterliche Redaktor, also der Bearbeiter dieser Fassung, knüpft dabei an das Motiv der Zehn Plagen an, die Mose ebenfalls als Werkzeug JHWHs auslöst.
JHWH befiehlt Mose, die Israeliten umkehren und bei Pi-Hahirot zwischen Migdol und dem Meer lagern zu lassen. Als der Pharao näher kommt, schreien sie zu JHWH. Mose soll ihnen den Weiterzug befehlen und seine Hand über das Meer ausstrecken. Daraufhin teilt sich das Wasser. Die Israeliten gehen auf trockenem Grund mitten durch das Meer; rechts und links steht das Wasser wie eine Mauer. Das ägyptische Heer folgt ihnen. Als Mose seine Hand erneut über das Meer ausstreckt, kehrt das Wasser zurück und bedeckt die Wagen und Männer des Pharaos, sodass keiner von ihnen übrigbleibt.
Anders als in den vorpriesterlichen Quellen geschieht das Wunder hier am Tag. Deshalb ist nur in der Priesterschrift und ihren späteren Nachträgen von einem vorausgehenden Nachtlager die Rede. Die Angaben dieser Fassung lassen den Sirbonischen See als Schauplatz wahrscheinlich erscheinen.
Mögliche Lage
Das Schilfmeer lässt sich nicht genau lokalisieren. In der historischen und theologischen Forschung werden häufig die Bitterseen bevorzugt. Für die vorpriesterliche Überlieferung gilt das Seengebiet um Tjeku beziehungsweise das Wadi Tumilat als wahrscheinlicher Schauplatz der Meerwundererzählung; auch die Region des Timsahsees kommt aufgrund der Auszugsroute infrage.
Für die Priesterschrift wird allgemein das Gebiet des Sirbonischen Sees angenommen. Dort lag auf einer Nehrung die Erhebung Kasion, die im 13. Jahrhundert v. Chr. Baal-Zefon geweiht wurde. Baal-Zefon entwickelte sich später besonders in Pelusium und Daphnae zu einer bedeutenden Gottheit des östlichen Nildeltas. Ob zur Abfassungszeit der Priesterschrift auf der Nehrung bereits ein Heiligtum bestand, bleibt jedoch unklar: Entsprechende Bodenfunde und Ruinen fehlen, weshalb zumindest für Kasion sowohl ein Heiligtum als auch eine Stadt angezweifelt werden. Auch die genaue Lage von Pa-Hahirot ist unbekannt; möglicherweise befand es sich in der Nähe von Pelusium.
In hellenistischer Zeit wurde das Schilfmeer weiter südlich verortet. Griechisch-römische Übersetzer setzten es wegen der damaligen politischen Geografie mit dem Roten Meer gleich. Nach dieser Vorstellung verlief die Route von Heliopolis ostwärts durch das Wadi Tumilat in Richtung Tjeku und dann südlich der Bitterseen bis zum Ende des Golfs von Sues. Diese Gleichsetzung mit dem Roten Meer ging auch in das Neue Testament ein. Insgesamt reichen die vorgeschlagenen Orte damit vom Mittelmeer bis zum Roten Meer; eine eindeutige Festlegung ist nicht möglich.