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Ressourcenfluch
Der Begriff Ressourcenfluch (englisch: resource curse) oder Ressourcenfalle bezeichnet die negativen Folgen, die der Reichtum an natürlichen Ressourcen für …
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Grundidee des Ressourcenfluchs
Der Ressourcenfluch, auch Ressourcenfalle (englisch: resource curse), bezeichnet mögliche negative Folgen eines großen Reichtums an natürlichen Ressourcen für ein Land und seine Bevölkerung. Gemeint ist besonders das scheinbare Paradoxon, dass Länder mit umfangreichen Exporten mineralischer und fossiler Rohstoffe häufig ein geringeres Wirtschaftswachstum haben als rohstoffarme Länder.
Lange galt insbesondere Erdöl als sicherer Weg zu Entwicklung und Wohlstand. Seit den 1980er Jahren setzte sich jedoch die Auffassung durch, dass Rohstoffreichtum ein „Fluch“ sein könne: Kaum einem Drittweltland gelang es, darauf eine verarbeitende Exportindustrie aufzubauen; teilweise ging sogar die Landwirtschaft trotz wachsender Öl- und Mineralienexporte zurück. Richard Auty prägte den Begriff 1993. Nach dieser Sicht hängt der Fluch auch mit dem Fehlverhalten von Marktteilnehmern zusammen. Politische Instabilität, Korruption und bewaffnete Konflikte können die Wirtschaft zusätzlich auf lokale Rohstoffe verengen. Dies wird als Fortsetzung kolonialen Extraktivismus durch post-kolonialen Neo-Extraktivismus bezeichnet.
Wirtschaftliche Abhängigkeit und Schulden
Die „Holländische Krankheit“ ist ein wirtschaftliches Phänomen: Einnahmen aus Rohstoffexporten erhöhen den realen Wechselkurs der Landeswährung. Dadurch werden andere Ausfuhren, vor allem Produkte des verarbeitenden Gewerbes, auf dem Weltmarkt teurer und weniger konkurrenzfähig. Im Extremfall kann Deindustrialisierung folgen. Die Abhängigkeit vom Rohstoffexport nimmt dann in einem Teufelskreis zu.
Zugleich wird die Wirtschaft besonders empfindlich gegenüber Rohstoffpreisschwankungen. Die Produktivität wächst im Rohstoffexport meist langsamer als in der Verarbeitung. Als Beispiel wird Aserbaidschan genannt: Die stark von Ölexporten abhängige Wirtschaft differenzierte sich kaum, weil der Manat völlig überbewertet war. Brechen Rohstofferlöse ein, kann die Währung stark abgewertet werden, wie 2015 in Kasachstan.
Steigt der reale Wechselkurs durch Kapitalzufluss oder die Holländische Krankheit, werden Kreditzinsen günstiger. Regierungen können deshalb trotz hoher Rohstoffeinnahmen Schulden anhäufen, weil sie künftig noch höhere Einnahmen erwarten, etwa durch größere Ölförderquoten. Fallen Ölpreis und realer Wechselkurs, reichen die Einnahmen möglicherweise nicht mehr zur Bedienung der nun relativ teuren Schulden. Dies kann auch Rohstoffunternehmen treffen, die ihre Förderung mit Anleihen finanziert haben, etwa Petrobras in Brasilien. Die US-Fracking-Industrie erhöhte ihre Förderung ebenfalls mit Schuldverschreibungen in Milliardenhöhe; nach den Ölpreisfällen 2015 und noch deutlicher 2020 wurde Fracking-Öl unrentabel und die Anleihen wegen des Ausfallrisikos zu Schrottpapieren.
Staatsfonds sollen Rohstoffeinnahmen langfristig im Ausland anlegen und sie weniger wechselkursanfällig machen. Der Alaska Permanent Fund wurde 1976 durch Volksentscheid eingeführt; auch die Abu Dhabi Investment Authority wurde 1976 gegründet. Der Statens pensjonsfond Norwegens ist der weltgrößte Fonds dieser Art, obwohl Norwegen nur Platz 13 der Erdölförderländer einnimmt.
Macht, Ungleichheit und Konflikte
Rohstoffreichtum kann autoritäre oder korrupte Herrschaft begünstigen. Der rohstoffreiche Sektor zieht häufig große Konzerne an, von denen Regierungen Bestechungsgelder erhalten können. Außerdem können Machthaber Einnahmen aus dem Rohstoffexport zum Erhalt ihrer Macht einsetzen. Genannt werden unter anderem Russland, Aserbaidschan, Saudi-Arabien, Tschad, Gabun, Äquatorialguinea, Nigeria und Myanmar/Burma; auch Demokratien wie Brasilien können betroffen sein. Wegen der zeitweise hohen Gewinne aus begrenzten Ressourcen wird wirtschaftliche Vielfalt oft vernachlässigt.
Kommen Rohstoffausbeutung und -export nur einer kleinen Elite zugute, steigt der allgemeine Wohlstand weniger. In rohstoffreichen Entwicklungsländern ist die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß. Venezuela zeigt nach Michael Penfold, dass Öleinnahmen politische Entwicklungen nicht allein erklären: Der Übergang von Militärregierung zu stabiler Demokratie in den 1950er Jahren und späteres politisches Chaos bis zum autoritären Regimewechsel hingen wesentlich auch vom politischen Handeln ab.
Rohstoffreiche Entwicklungsländer sind häufig politisch instabil oder von bewaffneten Konflikten betroffen. In Sierra Leone und Liberia ging es in Bürgerkriegen um Diamantenfelder, in Liberia auch um Edelhölzer. Weitere Beispiele sind die Irakkriege von 1980, 1990 und 2003, der Bürgerkrieg in Angola, den UNITA-Rebellen mit Diamanten finanzierten, sowie der Kongokrieg um Erdöl, Diamanten, Gold, Kobalt, Kassiterit und Coltan. In Nord- und Süd-Kiwu führen Milizen den Konflikt weiter. Nach dem Krieg wurden Minengesellschaften unter intransparenten Bedingungen zu niedrigen Preisen an westliche und chinesische Investoren verkauft. Bis zu 2 Millionen Menschen arbeiten daneben in illegalen Minen; jede zweite nicht genehmigte Mine wird von einer Miliz kontrolliert. Rohstoffeinnahmen, etwa aus Blutdiamanten und Konfliktrohstoffen, dienen zudem der Waffenfinanzierung. Auch bei Konflikten im Süd- und Ostsudan spielt die Verteilung von Exportgewinnen neben religiösen und ethnischen Spannungen eine wichtige Rolle.
Bildung, Umwelt und Armut
Ein möglicher Effekt ist die Vernachlässigung von Bildung und Gesundheit. Länder, die auf Rohstoffexporte setzen, könnten Ausbildung weniger fördern, weil sie kurzfristig keinen Bedarf erkennen. Rohstoffarme Volkswirtschaften wie die „Tigerstaaten“ investierten dagegen stark in Bildung, was zu ihrem Erfolg beitrug. Diese Erklärung ist umstritten: Andere Forschende betonen, dass natürliche Ressourcen leicht zu besteuernde Renditen liefern und somit ebenso höhere Bildungsausgaben ermöglichen könnten.
Rohstoffförderung verursacht in jedem Fall ein gewisses Maß an Umweltzerstörung. Wie schwer sie ausfällt, hängt unter anderem vom Umweltbewusstsein, Vorschriften und deren Durchsetzung ab. Betroffen sind Menschen und ihre Lebensgrundlagen, Tiere, Pflanzen und Landschaften. Besonders gravierend sind Folgen dort, wo Bevölkerungsteile gegenüber Regierung und Wirtschaft wenig Durchsetzungskraft haben oder unterdrückt werden und wo Korruption stark ist.
Mögliche Schäden reichen von vergifteten Flüssen und Trinkwasser über verseuchte Ackerböden und Luftbelastung bis zu Entwaldung, Erosion sowie der Störung oder Umformung empfindlicher Ökosysteme. Beispiele sind die Erdölverseuchung im nigerianischen Nigerdelta und die Zerstörung von Regenwald sowie Lebensgrundlagen indigener Völker im Amazonasbecken, besonders in Ecuador. Goldminen wie Yanacocha in Peru und Ahafo in Ghana machen oft die Zwangsumsiedlung Tausender Menschen nötig. Ohne angemessene Entschädigung für Land vergrößert sich ihre Armut. Seit etwa 2015 steht auch Lithiumgewinnung wegen großer Umweltschäden, entwicklungshemmender extraktiver Wirtschaftsmodelle und Verteilungskonflikten in der Kritik, etwa 2019 in Bolivien und Chile.
Forschung, Gegenbeispiele und Deutungen
Arbeiten von Jeffrey Sachs und Andrew Warner zeigen einen Zusammenhang zwischen Rohstoffreichtum und geringem Wirtschaftswachstum. Bei den OPEC-Ländern sank das Bruttonationaleinkommen pro Kopf von 1965 bis 1998 durchschnittlich um 1,3 %, während es in den übrigen Entwicklungsländern pro Kopf durchschnittlich um 2,2 % wuchs. Laut einer Studie von Oxfam liegt der Lebensstandard in rohstoffreichen Ländern, gemessen am Index der menschlichen Entwicklung, unter dem Wert, den ihr statistisches Pro-Kopf-Einkommen erwarten ließe.
Die Entwicklung rohstoffreicher Länder ist jedoch sehr unterschiedlich. In Ghana wurde 2008 Öl entdeckt und seit 2010 gefördert. Nach Beginn der Ölverkäufe brach die Haushaltsdisziplin zusammen. Nach dem Ölpreisfall 2014 reichten die breit gestreuten und nicht investierten Erlöse nur noch aus, um ein Viertel der Zinsen der Staatsverschuldung zu zahlen. Norwegen gilt dagegen als Gegenbeispiel: Eine stabile konstitutionelle Monarchie mit parlamentarischem Regierungssystem, sehr geringer Korruption, leistungsfähiger Verwaltung und einem staatlichen Fonds verwaltet den Ölreichtum für das Gemeinwohl. Das Land blieb trotz Ölreichtums von Bürgerkrieg und kriegerischen Konflikten mit Nachbarn verschont. Malaysia entwickelte sich ebenfalls vergleichsweise stabil; mögliche Gründe sind die Nichtbefolgung wirtschaftsliberaler IWF-Vorschläge, umfangreiche Bildungsinvestitionen und wirksame Minderheitenförderung.
Eine 2007 in Stanford veröffentlichte Studie fand für langfristige Entwicklungen unter anderem in Mexiko, Ecuador, Venezuela und Norwegen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Ressourcenreichtum und Demokratiedefiziten. Ihre Autoren bewerteten gegenteilige Forschungsergebnisse daher als fragil. Als Alternativerklärung wird die Ursache-Wirkungs-Richtung umgekehrt: Korruption, Konflikte und Bürgerkriege könnten die lokale Wirtschaft erst auf Abbau und Export seltener Ressourcen reduzieren, deren Erträge kleinen Eliten zufließen. Dass viele Industrieländer trotz Ressourcenreichtums wirtschaftlich erfolgreich sind, spricht gegen eine automatische Wirkung des Ressourcenfluchs. Der Rohstoff- und besonders Ölpreisverfall seit 2014 förderte allerdings ebenfalls keine weitere Demokratisierung der Schwellenländer, wie Venezuela verdeutlicht.