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Religiöse Feste der Jesiden
Zu den wichtigsten jesidischen Feiertagen gehören Neujahr, das Versammlungsfest und das Ezid-Fest. Viele der jesidischen Feiertage haben einen Bezug zu Melek …
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Grundprinzip und Einteilung
Religiöse Feste der Jesiden sind periodische, also alljährlich wiederkehrende religiöse Feiern. Sie gliedern sich in feste Feiertage und bewegliche Feiertage. Feste Feiertage richten sich nach einem bestimmten Tag des julianischen Solarkalenders oder nach einer bestimmten Jahreszeit. Bewegliche Feiertage orientieren sich am islamischen Lunarkalender und an islamischen Festtagen. Zu den wichtigsten Festen gehören das Neujahrsfest, das Versammlungsfest und das Ezid-Fest. Viele Feiern beziehen sich auf Melek Taus, den bedeutendsten Engel des Jesidentums, und/oder auf Scheich ʿAdī, den Hauptheiligen der Jesiden. Ein weiterer wichtiger Ort der religiösen Feste ist Lalisch im Nordirak.
Feste im Solarkalender und Jahreskreislauf
Das jesidische Neujahrsfest heißt auch Çarşema Sor (Roter Mittwoch) oder Çarşema Serê Nîsanê (Erster Mittwoch im April). Es wird stets am ersten Mittwoch im April nach julianischem Kalender gefeiert, also Mitte April nach gregorianischem Kalender. Nach dem Glauben der Jesiden sandte Gott an diesem Tag Melek Taus auf die Erde, um sie bewohnbar zu machen. Melek Taus brach das Eis, das die ursprünglich als eiförmiger Stein geschaffene Erde bedeckte, und schmückte sie mit Blumen und Pflanzen. Deshalb werden Häuser, Heiligtümer und Eier mit Blumen und Pflanzen geschmückt. Kinder erhalten gefärbte Eier; zu den Spielen gehört das Aneinanderschlagen zweier Eier. Bänder in Rot, Gelb, Weiß und Grün werden als Armband oder Zopfbinde getragen.
Am Vortag werden Tiere geschlachtet und besondere Speisen zubereitet, die ein Pîr segnet. Frauen besuchen am Festtag die Gräber und legen Nahrungsmittel dort ab; Qewals begleiten sie mit Musik. Landwirte essen auf ihren Feldern das besondere Brot Sawuk und hartgekochte Eier. Brotkrumen und Eierschalen werden auf der Erde verteilt und symbolisieren die Fruchtbarkeit des Landes. In Lalisch entzünden Geistliche Öllampen, rezitieren Litaneien und führen Prozessionen durch. Am Festtag wird ein Banner von Melek Taus in heiliges Wasser aus der Quelle Zemzem getaucht und anschließend gehisst. Pilger verneigen sich davor, legen Gelübde ab und küssen die Hände der Geistlichen. Dieses Neujahrsfest ist vom Frühlingsfest Nouruz zu unterscheiden, das am 21. beziehungsweise 22. März gefeiert wird und ebenfalls von einigen Jesiden begangen wird.
Ein Tawāf ist ein jährlich an einem festgelegten Tag gefeiertes Fest zu Ehren eines lokalen Heiligen oder Heiligtums. Solche Heiligtümer können Gräber, Höhlen, große Bäume oder andere natürliche Gegenstände sein. Tawāfs finden im Irak vor allem im heiligen Monat April, in Syrien überwiegend von April bis Juni statt. Sie verbinden ausgelassene Stimmung, Tanz und gemeinsame Mahlzeiten und sind durch die Anreise von Jesiden aus benachbarten Dörfern und Regionen wichtige gesellschaftliche Ereignisse.
Die „Vierzig Tage im Sommer“ (Čella-yē hāvīnān) sind eine vierzigtägige Fastenzeit, die am 10. Juni nach julianischem Kalender, also am 23. Juni nach gregorianischem Kalender, beginnt. Würdenträger fasten zunächst drei Tage in Lalisch und setzen das Fasten anschließend zu Hause fort. Vor dem Ende kehren sie mit einigen Laien nach Lalisch zurück. Dort werden ein Bulle zu Ehren von Scheich Schams geopfert, Taufen durchgeführt, der heilige Tanz Sama aufgeführt und die Mahlzeit Simat aus Fleisch und Getreide verteilt. Nach einigen Quellen heißt dieses Ende auch Scheich-ʿAdī-Fest. Für Laien ist das Sommerfasten nicht verpflichtend und wird nur von wenigen eingehalten. Daneben gibt es die „Vierzig Tage im Winter“ (Chile Zivistane). Beide Fastenzeiten werden traditionell auf Scheich ʿAdī zurückgeführt.
Das Versammlungsfest als Höhepunkt
Das Versammlungsfest, arabisch ʿĪd al-Ǧamāʿīya und kurdisch Cejna Cemaʿîye, wird auch Scheich-ʿAdī-Fest genannt. Es ist der Höhepunkt und das wichtigste Fest des jesidischen Jahreskreislaufs. Es findet vom 23. bis 30. September nach julianischem Kalender statt, also vom 6. bis 13. Oktober nach gregorianischem Kalender, in Lalisch. Nach Möglichkeit sollen alle Jesiden teilnehmen und nach Lalisch pilgern. Nach der Tradition versammeln sich gleichzeitig die sieben Mysterien, um über das Geschick der Welt im kommenden Jahr zu entscheiden. Das Fest stellt diese himmlische Versammlung auf der Erde dar.
Zu Beginn überschreiten die Pilger die Silat-Brücke (Pira Silat), die den heiligen vom profanen Bereich trennt. Sie ziehen die Schuhe aus, waschen dreimal ihre Hände im Wasser unter der Brücke und überschreiten sie dreimal mit Fackeln. Dabei sprechen sie: „Die Silat-Brücke, auf der einen Seite ist die Hölle, auf der anderen das Paradies.“ Anschließend ziehen sie singend zum Grab Scheich ʿAdīs. Dort laufen sie dreimal im Vorhof im Kreis und küssen das Eingangsportal. Geistliche führen in den Galerien Tänze auf. Qewals begleiten sie mit Tamburinen und Flöten und singen heilige Qewls. Das Ritual heißt Semāʿ, also Zeremonie des Zuhörens. Scheichs tragen Weiß, Feqirs Braun mit schwarzem Turban und Qewals Schwarz und Weiß. An jedem Abend wird eine solche, meist mehrere Stunden dauernde Zeremonie von einer anderen geistlichen Familie durchgeführt. Ihre siebenfache Form wird auf den göttlichen Befehl zurückgeführt, Adam siebenmal zu umkreisen, damit er beseelt werde.
Jeden Morgen wird das heilige Mahl Simat aus gekochtem Fleisch und Weizen an Pilger verteilt. Am sechsten Tag gibt es stattdessen Simat Çil Mêran, das Mahl der vierzig Heiligen, das nur aus Fleisch besteht. Nach jesidischem Glauben soll bereits ein kleines Stück ein Jahr lang Gesundheit und Schutz vor Bösem geben. Am vierten Tag werden bei Parî Suwar Kirin farbige Stoffe aus dem Grabheiligtum Scheich ʿAdīs abgenommen, an der weißen Quelle Kanîya Sipî im Wasser getauft und nach Gebeten zurückgebracht.
Der Höhepunkt ist am fünften Tag das Bullenopfer Qebaġ. Mitglieder der Stämme Mamusi, Qaidi und Tirk laufen vom Berg Arafat nach Lalisch und feuern Gewehrsalven ab. Der Baba Scheich führt den Bullen zur Schlachtung. Mitglieder der Stämme Mamusi und Qaidi versuchen in einer theaterähnlichen Darstellung, ihn zu stehlen, werden aber von Pilgern vertrieben. Der Bulle wird dem Mīr übergeben. Dazu werden der Tanz Govenda Heft Rêz und Musik der Qewals aufgeführt; das Fleisch wird später als Simat verteilt.
Am sechsten und siebten Tag erinnert die Zeremonie Berê Shibakê an den Todestag Scheich ʿAdīs. Eine netzartige Bahre, takht genannt, wird vom Stamm der Bargayî aus Beḥzanê nach Lalisch gebracht, mit Prozessionen zum Heiligtum geführt und am siebten Tag an der Quelle Kanîya Kêlokê mit Wasser benetzt. Am letzten Tag finden drei Semayen und weitere Prozessionen statt. Die weltweite Teilnahme stärkt die Zusammengehörigkeit der Gemeinschaft und die Beziehung zwischen Priestern und Laien, den Muriden. Zugleich gibt es Marktstände und einen Jahrmarkt.
Weitere feste Feiertage
Ṭawûs geran bedeutet wörtlich „den Pfau herumführen“. Melek Taus wird meist als Pfau dargestellt. Besondere Bronzestatuen, die ihn verkörpern, heißen ṭawûsên beziehungsweise sencaqên. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es sieben Exemplare, ursprünglich je eines für sieben jesidische Siedlungsgebiete. Heute existieren vermutlich noch vier sencaqên; sie stehen unter der Obhut des Mīrs. Nach den Feierlichkeiten am Ende der „Vierzig Tage im Sommer“ werden sie Qewals übergeben. Diese waschen sie am Heiligtum Scheich ʿAdīs mit Wasser aus Zemzem und reiben sie mit Olivenöl ein. Danach bringen sie die Statuen im Sommer und Herbst in die Gemeinden der jeweiligen Gebiete. Regelmäßig geschieht dies heute wegen politischer Grenzen nur noch im Sheikhan- und Sindschar-Gebiet, mit Ṭawûsê Êzîdî und Ṭawûsê Şingarê. Die Qewals unterrichten dabei über Melek Taus, Scheich ʿAdī und die Vorfahren, beraten die Menschen, helfen bei Konflikten und sammeln Spenden für den Mīr.
Das Scheich-Schems-Fest beginnt an einem Dienstag zwischen dem 14. und 20. November nach julianischem Kalender, also zwischen dem 27. November und 3. Dezember nach gregorianischem Kalender. Nach drei Fastentagen zu Ehren Scheich Schems wird am Freitag das Fasten gebrochen. In der folgenden Woche wiederholen sich Fastentage und Fastenbrechen zu Ehren der Vorfahren (Khodan). Die dritte Fastenzeit ist Ezid, also Gott, gewidmet, und für alle Jesiden verpflichtend. Das anschließende Ezid-Fest wird mit Gesang und Tanz gefeiert; häufig werden muslimische und christliche Nachbarn eingeladen.
Belendan oder Bêlinde ist ein Winterfeiertag zu Ehren der Toten. Es wird Sawuk gebacken, ein besonderes Brot mit einer Rosine oder Dattel. Wer diese isst, soll Glück erhalten. Gräber werden besucht und mit Nahrungsmitteln bedacht; Brot wird auch an Bedürftige und Nachbarn verteilt.
Batizmi wird nur von Çelka-Jesiden aus Tur Abdin gefeiert, insbesondere von den Stämmen Kelikan, Shemikan, Dasikan und Bajolan. Das Fest ehrt den Heiligen Pir Ali, auch Piyali genannt, der der Tradition zufolge vor Scheich ʿAdī lebte und als Prediger und Wundertäter bekannt war. Das Datum liegt je nach Dorf zwischen Ende Dezember und Anfang Januar; die Feier dauert immer eine Woche. Sie beginnt mit dem Reinigen des Hauses und dem Waschen der Kleidung. Danach wird der Toten gedacht, teilweise wird gefastet, und am Mittwoch wird ein Opfertier geschlachtet. Sieben Teile, Herheft perchen Piyali, werden zu Ehren Pir Alis zubereitet. Von Donnerstag bis Freitagmorgen wird bei Shevronik getanzt, musiziert, gespielt und es werden Gebete und Qewls vorgetragen. Besondere Speisen sind Sewik und Mehira Rahb. Außerdem werden sieben Kerzen, sieben Handvoll Rosinen und Brote mit den sieben Fleischstücken vor dem Sitz Pir Alis aufgestellt.
Das Chidr-Ilyās- oder Chidir-Nebi-Fest findet am ersten Donnerstag im Februar nach julianischem Kalender statt, also am ersten Donnerstag nach dem 14. Februar nach gregorianischem Kalender. Chidr-Ilyās entspricht dem christlichen Elias und dem islamischen al-Chidr. Er gilt als Schutzpatron der Kranken, Reisenden und Armen sowie als Heiliger des Lebens und Wassers, der Gesundheit und Genesung. Manche Jesiden fasten vorher drei Tage und bereiten unter anderem Pekhun, große Kugeln aus Mehl und dickflüssigem Traubenzucker, zu. Nach anderen Angaben wird das Fest erst am folgenden Tag gefeiert und heißt Chidir Nebi („Chidr, der Prophet“); dieser gilt dann als Schutzpatron der Liebe. Meist erscheint al-Chidr als Doppelheiliger Chidr-Ilyās.
Bewegliche Feiertage nach dem Lunarkalender
Neben den festen Feiertagen gibt es drei bewegliche jesidische Feste. Sie richten sich nach dem islamischen Lunarkalender und bilden Entsprechungen zu islamischen Feiertagen.
Das Ramadan-Fest ist ein Gegenstück zum islamischen Fest des Fastenbrechens, wird aber zwei Tage früher gefeiert. Nach jesidischer Tradition kehrte Scheich Kal Schamsan, ein Anhänger Scheich ʿAdīs, nach zweijähriger Gefangenschaft zwei Tage vor dem Ende der Fastenzeit nach Lalisch zurück. Aus Freude darüber ordnete Scheich ʿAdī sofort ein Fest an. In der Forschung ist umstritten, auf welchen Scheich ʿAdī sich diese Erzählung bezieht: Kreyenbroek nennt Scheich ʿAdī ibn Musāfir, während Açıkyıldız Scheich ʿAdī II meint.
Das ʿArafāt-Fest findet am 9. Dhū l-Hiddscha statt, während der islamischen Pilgerfahrt Haddsch. Jesidische Würdenträger versammeln sich zuvor in Lalisch und steigen an diesem Tag auf den Berg ʿArafāt im Lalischtal. Bei Sonnenuntergang laufen sie zum Heiligtum Scheich ʿAdīs, waschen Hände und Gesicht mit Wasser aus Zemzem, besuchen weitere heilige Stätten und singen Qewls. Ein Tier wird geschlachtet und ein Gericht aus Fleisch und geschrotetem Getreide zubereitet. Kreyenbroek und Rashow deuten die Parallelen zum islamischen Brauch möglicherweise so, dass die frühe jesidische Gemeinschaft Lalisch als wesensmäßig gleich mit den heiligen Orten um Mekka betrachtete.
Zum Taj Hilla, das am 10. Dhū l-Hiddscha, dem Tag des muslimischen Opferfestes, bei Jesiden in Kurdistan nahe muslimischer Gemeinden begangen wird, gehören sieben Stücke dunkelbraunen Wollstoffs. Sie heißen ebenfalls Taj Hilla und gelten als heilig. Der Legende zufolge fertigte Abraham das erste Taj Hilla aus dem Haar des Widders, der an Ismaels Stelle geopfert wurde. Die sieben Teile sind eine Krone, ein kleiner Hut, ein Hüftband, ein Haarband, ein Mantel, eine kleine Tasche und ein Gürtel. Ausgewählte Familien bewahren sie in besonderen Behältnissen auf. Am Feiertag werden die Stoffe in den Häusern der Hüter auf einem altarähnlichen Podium präsentiert und geweiht. Besucher berühren und küssen sie; anschließend werden ein Tier geschlachtet, gemeinsam gegessen sowie Gebete und Qewls rezitiert.
Sheva Berat wird am 15. Schaʿbān gefeiert. Einige Forscher sehen darin ein Gegenstück zu Laylat al-Qadr; Kreyenbroek ordnet es jedoch der islamischen Nacht der Vergebung, Lailat al-Barā'a, zu. In Lalisch versammeln sich religiöse und weltliche Würdenträger am Heiligtum Scheich ʿAdīs. Besonders wichtig ist das Fest für die Ādanīs, die Nachkommen Scheich ʿAdīs. Sie vollziehen traditionell eine Form des islamischen Gebets Salāt. Schamsānīs, Nachfahren von Ēzdīna Mīr, unterbrechen dies, indem sie die Gebetsmatten verstecken. Heute geschieht dies eher spielerisch; laut Kreyenbroek verweist die Tradition jedoch auf frühere Spannungen über die Zulässigkeit dieses Ritus.