Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996/Pro und Kontra
Dieser Artikel resümiert Argumente, die in der öffentlichen Debatte Pro und Kontra die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 angeführt wurden.
Inhalt6 Abschnitte
Ziele und Grundkonflikte
Die Rechtschreibreform von 1996 sollte das Schreiben und Schreibenlernen erleichtern, Ausnahmen verringern und Regeln besser handhabbar machen. Zu den zentralen Neuerungen gehörten die Stärkung des Stammprinzips, die neue ss-ß-Regel, die Beibehaltung dreier gleicher Konsonanten in Zusammensetzungen, neue Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung, mehr Großschreibungen sowie die Trennung nach Sprechsilben. Ob die Reform das Lernen tatsächlich erleichtert, ist umstritten. Kritiker gewichten die Lesbarkeit stärker und sehen in den mehrfachen Änderungen nach 1996 eine zusätzliche Quelle der Unsicherheit. Einige 1996 eingeführte Regeln wurden 2006 durch den Rat für deutsche Rechtschreibung revidiert.
Ein weiteres Ziel war, die amtliche Rechtschreibung aus der maßgeblichen Zuständigkeit des privaten Dudenverlags in staatliche Verantwortung zu überführen. Karl Blüml, damals Vorsitzender der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, erklärte 1998, dies und die Erleichterung des Schreiberwerbs seien die eigentlichen Ziele gewesen.
Die Grundsatzdebatte betrifft auch Präskription und Deskription. Präskription schreibt Formen verbindlich vor; Deskription beschreibt den tatsächlichen Schreibgebrauch, den Usus. Gegner lehnen willkürlich erscheinende Eingriffe in die natürliche Sprachentwicklung ab. Befürworter entgegnen, jede Rechtschreibung sei für den Einzelnen zunächst eine Vorschrift und werde besonders belastend, wenn sie kompliziert und ausnahmereich sei. Empirisch ausgerichtete Kritiker fordern, die Mehrheitsschreibung solle die Regeln bestimmen. Sie unterscheiden sich damit von traditionalistischen Reformgegnern, weil sie auch überlieferte Regeln ablehnen, wenn diese dem tatsächlichen Gebrauch widersprechen.
Am Zustandekommen wurde kritisiert, die Fachkommission sei ungeeignet zusammengesetzt gewesen, einzelne Mitglieder hätten wirtschaftliche Interessen gehabt und die Politik habe übereilt gehandelt. Außerdem wurde mangelnde demokratische Legitimation beanstandet. Befürworter verweisen darauf, dass auch die Rechtschreibung von 1901 per Erlass eingeführt worden war; Kritiker halten dagegen, das heutige Demokratieverständnis sei ein anderes.
Grundprinzipien und Schreibvarianten
Ein wichtiger Richtungsstreit betrifft etymologische und phonetisch beziehungsweise nach Wortfamilien ableitbare Schreibungen. Etymologie bezeichnet die tatsächliche Wortherkunft. Die Reform folgte nicht durchgehend diesem Prinzip, sondern stärkte teilweise eine vom heutigen Sprachgefühl bestimmte Zuordnung zu Wortfamilien. Beispiele sind Stängel mit Bezug zu Stange, schnäuzen mit Bezug zu Schnauze und Quäntchen wegen der verbreiteten Verbindung mit Quantum, obwohl es von der alten Maßeinheit Quent stammt. Weitere Beispiele sind einbläuen, belämmert und Tollpatsch. Gegner kritisieren, dass historisch richtige Schreibungen dadurch teilweise als falsch galten. Befürworter halten die historische Herkunft für das Schreibenlernen weniger wichtig als eine verständliche Ableitung im heutigen Sprachgebrauch.
Die Reform ließ außerdem zahlreiche alternative Schreibweisen ausdrücklich zu, besonders bei Fremdwörtern, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Bindestrichen, Zeichensetzung und Worttrennung. Durch spätere Revisionen nahm ihre Zahl weiter zu. Kritiker sehen darin einen Verlust an Einheitlichkeit und einen höheren Aufwand für Wörterbücher, Recherche, Lehrkräfte und Lernende. Befürworter betrachten Varianten als Möglichkeit, dass sich im Gebrauch die zweckmäßigere Form durchsetzt. Theodor Ickler wies zudem darauf hin, dass bereits die frühere Rechtschreibung mehr Spielräume bot, als vielen bewusst war.
Wortlisten sind nicht vollständig und müssen zusammen mit den Regeln gelesen werden. So stand zunächst nur Sciencefiction im Duden, obwohl auch Science-Fiction regelgerecht war; später wurde Science-Fiction zur Hauptvariante. Ähnlich bestimmen die Kommaregeln teilweise nur, wo ein Komma stehen muss oder nicht stehen muss. Zusätzliche Kommas zur Verdeutlichung der Satzstruktur können daher zulässig sein.
Laute, Buchstaben und Wortstämme
Die sichtbarste Änderung ist die heysesche ss-ß-Schreibung: Nach kurzem Vokal steht ss, nach langem Vokal oder Diphthong ß. Deshalb entsprechen essen und isst dem Muster treffen und trifft; Masse hat einen kurzen, Maß einen langen Vokal. Das Stammprinzip bleibt bestehen, etwa die Last, aber ihr lasst von lassen. Ausnahmen wie Verständnis und Bus bestehen fort. Die Regel wird im Unterricht besonders konsequent angewandt und macht die Aussprache häufig unmittelbar erkennbar.
Kritiker sehen dennoch neue Fehlerquellen wie Verständniss und verweisen darauf, dass Lernende am Wortende zwischen s, ss und ß unterscheiden müssen. Die Unterscheidung kurzer und langer Vokale kann je nach Dialekt, Soziolekt oder persönlicher Aussprache schwierig sein. Probleme wie das gegenüber dass und ist gegenüber isst bleiben bestehen. Auch Wortfugen können schwerer erkennbar sein: Messergebnis lässt zunächst Messer-gebnis vermuten, Missstand enthält drei s. Befürworter halten den Kontext für ausreichend und verweisen darauf, dass auch andere Konsonanten Wortfugen nicht zuverlässig markieren. Zur Verdeutlichung ist ein Bindestrich möglich, etwa Mess-Ergebnis. Aussprachevarianten führen zu zugelassenen Formen wie Geschoss und süddeutsch beziehungsweise österreichisch Geschoß.
Bei drei gleichen Konsonanten wurden früher vor einem Vokal meist nur zwei geschrieben: Schiffahrt und Sauerstoffabrik. Vor einem weiteren Konsonanten sowie bei der Trennung blieben schon damals alle drei erhalten, etwa Sauerstoffflasche und Sauerstoff-fabrik. Heute werden die Bestandteile vollständig bewahrt: Schifffahrt und Sauerstofffabrik. Kritiker beanstanden die Häufung, während Bindestriche schwierige Verbindungen lesbarer machen können.
Der Wechsel von e zu ä soll das Stammprinzip stärken, etwa Stängel zu Stange. Die Umsetzung ist jedoch nicht lückenlos: aufwändig steht neben Aufwand, während ersetzen, ersetzbar und Ersatz verschieden bleiben. Gegner bemängeln den Verlust von Unterscheidungen wie greulich im Sinn von grausam und gräulich zu grau; Befürworter halten solche Fälle für selten.
Bei Fremdwörtern sind eingedeutschte Varianten wie -grafie statt -graphie möglich. Befürworter sehen darin eine Fortsetzung älterer Anpassungen wie Plüsch, Büro und Schock. Gegner kritisieren Mischformen wie Orthografie sowie einen größeren Abstand zur Herkunftssprache. Unsicherheit kann auch durch Formen wie Flopp zu floppen oder Desktopp zu desktoppen entstehen.
Großschreibung und Wortverbindungen
Die Reform erweiterte die Großschreibung, etwa mit Bezug auf, im Nachhinein, heute Abend und alles Weitere. Gegner halten einige Formen grammatisch oder semantisch für problematisch. Bei heute Abend sehen sie Abend als Zeitadverb, verkürzt aus heute abends; Befürworter verstehen die Verbindung als Kurzform von heute am Abend. Die Großschreibung kann allerdings auch verdeutlichen: heute Morgen bezeichnet den Morgen des betreffenden Tages, morgen den folgenden Tag.
Besonders umstritten waren Leid tun, leidtun und leid tun, weil unterschiedliche Schreibungen Bedeutungen wie Leid zufügen und Mitleid empfinden anzeigen können. Die zunächst verlangte Form Es tut mir Leid gilt seit 2006 wieder als falsch. Auch bei Recht haben, Not sein, im Allgemeinen, beim Alten oder fürs Erste bezweifeln Gegner, dass die großgeschriebenen Wörter echte Substantive sind. Das Grundproblem besteht darin, dass wörtlicher, übertragener und idiomatischer Gebrauch nicht immer eindeutig voneinander abzugrenzen sind.
Die Getrennt- und Zusammenschreibung beruhte vor der Reform weitgehend auf Wörterbucheinträgen. Als Tendenz galt: wörtliche Bedeutung getrennt, übertragene oder lexikalisierte Bedeutung zusammen, beispielsweise stehen bleiben gegenüber stehenbleiben. Diese Praxis enthielt jedoch viele Einzelentscheidungen und Unregelmäßigkeiten, etwa sitzen bleiben beziehungsweise sitzenbleiben, aber stets liegenbleiben und stets baden gehen.
Die erste Reformfassung verlangte bei vielen Verbindungen die Getrenntschreibung und beseitigte damit schriftliche Bedeutungsunterschiede: sitzen bleiben konnte sowohl nicht aufstehen als auch nicht versetzt werden bedeuten; Vergleichbares galt für schwer beschädigt und weiter entwickeln. Nach der Revision sind sitzenbleiben, schwerbeschädigt und weiterentwickeln wieder als Varianten zugelassen. Befürworter meinen, die Bedeutung ergebe sich aus dem Kontext. Kritiker betonen, dass Schrift ein eigenes System sei und Unterschiede sichtbar machen könne, die beim Sprechen nur durch Betonung entstehen. So unterscheiden sich schlecht geMACHT und SCHLECHTgemacht. Der Rat für deutsche Rechtschreibung überarbeitete diese Regeln 2006 wesentlich und bezog dabei auch die Akzentführung ein. Wörterbücher wie Duden und Wahrig deuteten die amtliche Regelung dennoch teilweise unterschiedlich.
Bindestrich, Komma und Worttrennung
Bindestriche können lange Zusammensetzungen in Sinneinheiten gliedern und dadurch das Lesen erleichtern. Das ist angesichts immer komplexerer zusammengesetzter Wörter nützlich. Auch vor der Reform waren sie zur Vermeidung von Missverständnissen möglich, etwa Druck-Erzeugnis gegenüber Drucker-Zeugnis. Neu darf Kaffeeersatz neben Kaffee-Ersatz stehen. Gegner bemängeln, dass die Wortgrenze bei drei Vokalen weniger sichtbar ist; Befürworter sehen lediglich eine zusätzliche Wahlmöglichkeit. Falsche Getrenntschreibungen wie Tomaten Suppe statt Tomatensuppe oder Tomaten-Suppe werden eher mit länger wirkender Anglisierung als unmittelbar mit den Reformregeln erklärt.
Die gelockerte Kommasetzung sollte das Schreiben vereinfachen, kann aber nach Ansicht der Gegner das Erfassen der Satzstruktur erschweren. Ohne Komma entstehen Mehrdeutigkeiten, etwa bei Der Lehrer empfahl dem Schüler nicht zu widersprechen oder Komm wir essen Opa. In solchen Fällen empfiehlt auch die Dudenredaktion ein Komma. Nicht jedes Komma vor und oder oder zwischen Hauptsätzen ist optional: Endet der erste Teil mit einem Nebensatz oder einem anderen kommabegrenzten Einschub, bleibt das abschließende Komma notwendig. 2006 wurden bei erweiterten Infinitiven viele Kommas wieder vorgeschrieben, die von 1996 bis 2006 entfallen durften. Dadurch können Texte aus diesem Zeitraum nach heutigen Regeln formale Fehler enthalten.
Bei der Worttrennung entfiel das Verbot, st zu trennen: Ins-tanz, Ins-truktion und Des-tillation sind möglich; die Trennung nach Wortbestandteilen wie In-stanz bleibt erlaubt. Wortfugen müssen jedoch beachtet werden: Mauer-stein ist richtig, Mauers-tein falsch. Bei ck wurde die frühere Ersetzung durch k-k abgeschafft: Statt Hak-ke gilt Ha-cke, entsprechend Sa-che. Kritiker sehen darin eine Ausnahme unter den Doppelkonsonanten und befürchten eine irreführende offene Silbe; Befürworter verweisen darauf, dass auch der Vokal in Sa-che kurz gesprochen wird.
Zusätzlich sind Trennungen nach Sprechsilben möglich, etwa Helikop-ter neben Heliko-pter, Chi-rurg neben Chir-urg sowie he-raus neben Her-aus. Die 1996 zeitweise angewandte mechanische Trennung vor dem letzten Konsonanten wurde 2006 revidiert. Sinnentstellende Formen wie Wal-duhu, Wunsc-herfüllung oder wünsc-hen sind nicht zulässig. Ebenfalls 2006 wurde die Möglichkeit zurückgenommen, einzelne Buchstaben wie in ü-ber abzutrennen.
Folgen, Bewertung und Schreibpraxis
Die Reformdebatte betrifft nicht nur Regeln, sondern auch Lesbarkeit, Bedeutung und kulturelle Kontinuität. Kritiker meinen, neue Schreibweisen könnten Sätze syntaktisch oder semantisch mehrdeutig machen; beim Vorlesen müsse der Leser zuerst die Bedeutung erschließen und dann passend betonen. Wolf Schneider fasste dies mit dem Satz zusammen: „Einer muss sich plagen, der Schreiber oder der Leser.“ Außerdem könne eine Reform ältere Bücher sprachlich weiter von jüngeren Generationen entfernen. Modernisierte Ausgaben können jedoch selbst Bedeutungsnuancen verändern, etwa bei gräulich und greulich. Befürworter verweisen darauf, dass Klassiker bereits nach den Regeln von 1902 stark angepasst wurden, etwa thun zu tun und seyn zu sein, ohne dadurch entstellt zu werden.
Auch die gewohnte Gestalt von Wörtern spielt eine Rolle. Reiner Kunze bezeichnete die Verbindung von Schriftbild, Klang und Assoziationen als „Aura“ eines Wortes und sah Veränderungen als Eingriff in die persönliche Sprachbiografie. Dagegen wird eingewandt, dass solche Assoziationen individuell und nicht immer positiv sind. Ästhetische Einwände richteten sich besonders gegen ss statt ß, Dreifachkonsonanten, f statt ph und ä statt e. Ähnliche Einwände hatte es schon 1901 gegen den Wegfall von h in Athem, Heimath und thöricht gegeben.
Für Deutschlernende im Ausland konnten Kosten für neue Lehrmittel und zahlreiche Kann-Regeln den Lernaufwand erhöhen. Zugleich erleichtert die neue ss-ß-Regel die Erkennung der Vokallänge. Das Interesse an Deutsch als Fremdsprache litt nach Darstellung des Artikels nachweislich nicht; im europäischen Ausland gab es bei der Einführung kaum Probleme.
Kritiker sehen außerdem einen Verlust schreib- und leseökonomischer Formen wie Schiffahrt, Bettuch und ß als kompakte ss-Ligatur. Befürworter halten die vollständig erkennbare Wortbildung und die Kennzeichnung der Aussprache für vorteilhaft. Insgesamt wurden Verbesserungen und Verschlechterungen der Lesbarkeit in Kauf genommen; ihre Bewertung hängt teilweise von Gewöhnung und Kontext ab.
In der tatsächlichen Schreibpraxis scheint sich ein Kompromiss herausgebildet zu haben: ss und ß werden meist nach der heyseschen Regel verwendet, Worttrennung sowie Getrennt- und Zusammenschreibung folgen grundsätzlich den gültigen Regeln, häufig jedoch in einer weiterhin erlaubten traditionellen Variante.