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Realzins
Der Realzins (seltener Güterzins) ist in der Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft als Zinssatz eine reale Größe, welche die Inflation oder Deflation …
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Bedeutung und Grundidee
Der Realzins (seltener Güterzins) ist ein Zinssatz, der berücksichtigt, wie Inflation oder Deflation die Kaufkraft verändern. Er zeigt deshalb, wie stark sich der Wert eines Vermögens oder einer Schuld real verändert. Sein Gegenstück ist der Nominalzins: Dieser wird in Geld angegeben, etwa als Anleihezins, Habenzins bei Bankguthaben oder Kreditzins, berücksichtigt aber die Preisentwicklung nicht.
Reale Größen beziehen sich auf Mengen von Gütern und Dienstleistungen, nominale Größen auf Mengen multipliziert mit ihren Preisen und werden in Geldeinheiten ausgedrückt. Der Realzins ist ein um die Preisbereinigung p korrigierter Nominalzins i_n; vereinfacht gilt i_r = i_n ± p. Zur Ermittlung des Nominalzinses wird bei Inflation die Preisbereinigung zum Realzins hinzugerechnet, bei Deflation abgezogen. Für Gläubiger dient diese Preisbereinigung dem Vermögenserhalt.
Reale und nominale Größen
Die Unterscheidung zwischen nominal und real kommt auf mehreren Märkten vor:
- Auf dem Arbeitsmarkt stehen Nominaleinkommen und Nominallohn dem Realeinkommen und Reallohn gegenüber.
- Auf Geld-, Kapital- und Kreditmarkt steht der Nominalzins, etwa Geldmarkt-, Kapitalmarkt- oder Kreditzins, dem Realzins gegenüber.
- Auf dem Devisenmarkt unterscheiden sich nominaler und realer Wechselkurs.
- Bei Geldmarkt und Kapitalmarkt entspricht der Nominalrendite die Realrendite.
Arbeitnehmer oder Gewerkschaften können den Reallohn nicht selbst bestimmen, weil die Ursachen von Preisniveauänderungen auf dem Gütermarkt außerhalb ihres Einflusses liegen. Veränderungen der Geldmenge beeinflussen nominale, nicht aber reale Größen. Diese Irrelevanz der Geldmenge für reale Größen heißt Neutralität des Geldes.
Berechnung und zeitliche Sicht
Meist wird der Realzins als Nominalzins abzüglich Inflationsrate verstanden. Dabei ist oft der erwartete oder ex ante Realzins gemeint. Gelegentlich wird er als ex-post-Größe mit der vergangenen Inflationsrate berechnet. Wirtschaftliche Entscheidungen hängen vom erwarteten Realzins ab, die Entwicklung eines Vermögens vom tatsächlichen Realzins.
Mit r für Realzins, i für Nominalzins und π für Inflationsrate gilt für die Aufzinsung: (1+i) = (1+r)(1+π). Daraus folgt die exakte Beziehung r = (i-π)/(1+π) beziehungsweise i = r+π+rπ. Bei kleinen Werten wird der Term rπ als von zweiter Ordnung oft vernachlässigt; dann lautet die Näherung r ≈ i-π.
Für Angaben in Prozent ergibt sich für einen betrachteten Zeitraum: r = ((1+i/100)/(1+π/100)-1)·100. Bei i = π beträgt der Realzins 0 %. Bei i > π ist er positiv: Der Vermögensgegenstand gewinnt trotz Inflation real an Wert. Bei i < π steigt der Wert zwar nominell, real sinkt er jedoch. Bei stabilen Preisen, also einer Inflation von null, sind Nominalzins und Realzins gleich. Übersteigt die Inflationsrate den Nominalzins, ist der Realzins negativ; der Gläubiger eines Geldkredits verliert dann Kapital.
Rolle in Wirtschaft und Politik
Der Fisher-Effekt besagt unter den Annahmen vollkommener Voraussicht, eines vollkommenen Marktes, vollkommener Markttransparenz und fehlender Transaktionskosten, dass der Nominalzins i proportional mit der Inflationsrate π steigt. Da diese Voraussetzungen in der Praxis nicht vollständig vorliegen, ist keine vollständige Proportionalität zu erwarten. Ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Änderungen von Inflationsrate und Nominalzins lässt sich jedoch nachweisen. Mit steigender Inflationsrate steigt die Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere. Diese bezeichnet die durchschnittliche Rendite aller im Umlauf befindlichen festverzinslichen Wertpapiere bester Bonität und wird oft als Maß für den Nominalzins verwendet.
In der Außenwirtschaft beschreibt der Realzins den Preisverzicht zwischen heutigem und künftigem Konsum. Nimmt ein Land Kredit auf, kann es zunächst mehr konsumieren, als es produziert. Bei der Rückzahlung kann es weniger konsumieren, als es produziert, weil ein Teil der Produktion zur Tilgung verwendet wird. Zukünftiger Konsum ist um den Realzins r teurer als gegenwärtiger Konsum. Seine Höhe wird durch relatives Weltangebot und relative Weltnachfrage nach zukünftigem Konsum bestimmt.
Auch für die Geldpolitik ist der Realzins wichtig. Die Europäische Zentralbank ist im Euroraum für Geldpolitik zuständig; ihr oberstes Ziel ist Preisstabilität und damit der Erhalt der Kaufkraft des Euro. Preisstabilität ist durch einen „Anstieg des HVPI von unter 2 %“ definiert. Ist die Geldmenge im Verhältnis zum Güterangebot zu hoch, steigen Preisniveau und Inflation. Mit restriktiver Geldpolitik kann die EZB die Geldmenge verringern. Weil die Inflationsrate träge reagiert, lässt sich dadurch der kurzfristige Realzins zeitlich versetzt beeinflussen. Finanzpolitik eignet sich besser zur Beeinflussung langfristiger Realzinsen, da sie Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt direkt beeinflusst.
Folgen für Anlagen und Investitionen
Für Kapital- oder Kreditangebot ist der Realzins entscheidend. Zentralbanken beeinflussen über den Leitzins vor allem den Nominalzins; Investitionsausgaben und damit die Güternachfrage werden dagegen vom Realzins beeinflusst. Nach der Fisher-Gleichung kann bei relativ geringer Inflation angenähert werden: i_n ≈ i_r + π_t+1^e.
Wer bei Inflation nur Nominalwerte beachtet, unterliegt einer Geldillusion. Richtet sich die Betrachtung speziell nach dem Nominalzins, spricht man von Zinsillusion: Der Zinsertrag wird verzerrt wahrgenommen, weil Inflation nicht einbezogen wird. Laut Artikel haben festverzinsliche Anlagen in keinem längeren Zeitraum eine positive Rendite beziehungsweise einen positiven Realzins. In der Volkswirtschaftslehre spielt der Nominalzins in der LM-Funktion, der Realzins in der IS-Funktion eine Rolle. Ist i_r < i_n, hemmt der Realzins Investitionen; gilt i_r > i_n, fördert er sie.
Beispiel und Abgrenzung
Bei einem Nominalzins von 6 % und einer Inflationsrate von 2 % lautet die Rechnung: r = ((1+6/100)/(1+2/100)-1)·100 = 3,92157. Dem Kreditgeber bleiben damit real 3,92 % Zinsen.
Die allgemeine Inflationsrate beruht auf der Preisentwicklung vieler Produkte. Für einzelne Personen oder Unternehmen kann die reale Wertentwicklung deshalb anders ausfallen: Sind die Preise der persönlich gewünschten Güter und Dienstleistungen weniger stark gestiegen als die allgemeine Inflationsrate, erhöht sich der persönliche Realwert stärker; bei stärker steigenden Preisen gilt das Gegenteil. Ein Haushaltsbuch oder die Beobachtung gewünschter Produkte kann helfen, eine individuelle Inflationsrate zu ermitteln. Dabei ist zu beachten, dass sich zugleich die Produktqualität verändern kann.
Vom Realzins sind Rendite und Effektivzins bei Anleihen und Krediten abzugrenzen. Diese Kennzahlen berücksichtigen keine Inflation oder Deflation. Bei Anleihen sind insbesondere Emissionskurs oder Kassakurs am Kauftag und die Fälligkeit wichtig; bei Krediten Finanzierungskosten, Disagio und Kreditlaufzeit.