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Raumsoziologie
Die Raumsoziologie ist ein Teilgebiet der Soziologie, das sich mit der Raumbezogenheit der Gesellschaft beschäftigt. Das Entstehen von Räumen durch soziales …
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Grundidee und Entwicklung
Die Raumsoziologie ist ein Teilgebiet der Soziologie. Sie untersucht, wie Gesellschaft und Raum miteinander verbunden sind. Dabei fragt sie einerseits, wie Räume durch soziales Handeln entstehen. Andererseits analysiert sie, wie menschliches Handeln von räumlichen Strukturen abhängt.
Lange spielte Raum in der soziologischen Theorie nur eine untergeordnete Rolle. Erst in den 1990er-Jahren setzte sich stärker die Einsicht durch, dass bestimmte gesellschaftliche Veränderungen ohne Aufmerksamkeit für räumliche Aspekte nicht ausreichend erklärt werden können. Dieser Perspektivwechsel wird als „topologische Wende“ bezeichnet. Mit dem Raumbegriff geraten Organisationsformen des Nebeneinanders in den Blick: Unterschiede zwischen Orten, ihre gegenseitige Beeinflussung und räumliche Verhältnisse vom Alltag bis zu nationalstaatlichen oder globalen Zusammenhängen.
Wichtige theoretische Impulse kamen aus der französisch- und englischsprachigen Soziologie, Philosophie und Humangeographie. Genannt werden Michel Foucaults Aufsatz über „Andere Räume“ von 1967, in dem er das „Zeitalter des Raumes“ ausruft, sowie Henri Lefebvres Schrift „La production de l’espace“ von 1974. Lefebvres Arbeit wurde zur Grundlage marxistischer Raumtheorien, die unter anderem von David Harvey, Manuel Castells und Edward Soja weiterentwickelt wurden. Daneben stehen handlungstheoretische Ansätze, die betonen, dass Räume durch körperliches Platzieren und Wahrnehmen subjektiv hergestellt werden, auch wenn diese Prozesse durch Gewohnheiten vorgeprägt sind. Ein Beispiel ist Martina Löws Raumtheorie von 2001. In jüngerer Zeit erhielten außerdem postkoloniale Ansätze stärkere Aufmerksamkeit, etwa bei Doreen Massey und Helmuth Berking.
Zwei klassische Raumkonzepte
In der Raumsoziologie wird häufig zwischen absolutistischen und relativistischen Raumkonzepten unterschieden. Diese Unterscheidung knüpft an ältere Debatten aus Philosophie und Physik an.
Absolutistische Raumkonzepte verstehen Raum als neutrales Gefäß oder Territorium. Solche Modelle heißen auch Container- oder Behälterraumkonzepte. Raum kann in dieser Vorstellung leer sein und auch dann weiter existieren, wenn sich nichts in ihm befindet. Er kann außerdem mit Menschen, Dingen, Sphären oder Eigenschaften gefüllt werden, ohne sich dadurch selbst zu verändern. Entscheidend ist: Raum und Materie werden unabhängig voneinander gedacht. In der Soziologie bedeutet das, dass Raum unabhängig vom Handeln existiert. Handlungen finden dann in oder auf einem unbewegten Hintergrundraum statt.
Relativistische Raumkonzepte setzen dagegen bei den Beziehungen zwischen Körpern an. Raum wird nicht als festes Gefäß verstanden, sondern als Ergebnis der Anordnung bewegter Körper. Soziologisch heißt das: Raum wird prozessual im Handeln hergestellt. Der Beziehungs- und Handlungsaspekt steht im Mittelpunkt. Allerdings können solche Modelle die strukturierende Wirkung bestehender räumlicher Ordnungen vernachlässigen, also die Tatsache, dass vorhandene Räume Handeln auch prägen und begrenzen.
Dualität von Raum nach Martina Löw
Martina Löw entwickelte ein relationales Raummodell, um die Trennung zwischen absolutistischen und relativistischen Positionen zu überwinden. „Relational“ bedeutet hier, dass Raum aus Beziehungen und Anordnungen entsteht, aber zugleich als gesellschaftliche Struktur wirksam wird.
Im Mittelpunkt stehen die „(An)Ordnungen“ von Lebewesen und sozialen Gütern. Die Schreibweise verbindet zwei Bedeutungen: „Ordnung“ meint die Strukturdimension, also dass Räume geordnet sind. „Anordnung“ meint die Handlungsdimension, also dass Räume Ergebnis eines Prozesses des Anordnens sind. Löw knüpft damit an Anthony Giddens’ Theorie der Strukturierung von 1988 an und erweitert dessen Konzept der „Dualität von Struktur“ zu einer „Dualität von Raum“.
Der Grundgedanke lautet: Menschen handeln als soziale Akteure und stellen dabei Räume her. Zugleich hängt ihr Handeln von ökonomischen, rechtlichen, sozialen, kulturellen und räumlichen Strukturen ab. Räume sind also Ergebnisse von Handlungen, strukturieren aber gleichzeitig weitere Handlungen. Sie können Handlungen begrenzen oder ermöglichen.
Für die Entstehung von Raum unterscheidet Löw zwei analytische Prozesse. „Spacing“ bezeichnet das Platzieren oder Platziertsein von sozialen Gütern und Menschen an Orten. Eine räumliche Ordnung wird aber erst dann als Raum wirksam, wenn Menschen ihre Elemente aktiv miteinander verknüpfen. Diese Verknüpfung geschieht durch Wahrnehmung, Vorstellung oder Erinnerung. Löw nennt das „Syntheseleistung“. Das Konzept wurde empirisch unter anderem in Studien von Lars Meier zu deutschen Finanzmanagern in London und Singapur, von Cedric Janowicz zur Nahrungsversorgung in Accra und von Silke Steets zu den Leipziger creative industries erprobt.
Marxistische Perspektiven
Ein zentraler Impulsgeber marxistischer Raumtheorie ist Henri Lefebvre. Er entwickelte seine Überlegungen anhand des fordistisch-kapitalistischen Raums der Moderne. Unter Fordismus wird hier eine moderne kapitalistische Produktions- und Gesellschaftsform verstanden, die im Artikel als Ausgangspunkt von Lefebvres Analyse genannt wird.
Lefebvre versteht die gesellschaftliche Produktion von Raum als dialektisches Zusammenwirken dreier Faktoren. Erstens entsteht Raum durch die „räumliche Praxis“, also dadurch, wie Raum im Alltag reproduziert wird. Zweitens entsteht Raum durch die „Repräsentation des Raums“, also dadurch, wie Raum kognitiv entwickelt wird. Drittens entstehen Räume durch die „Räume der Repräsentation“. Damit meint Lefebvre komplexe Symbolisierungen und Imaginationsräume.
Für die 1970er Jahre diagnostiziert Lefebvre als Ergebnis dieser Raumproduktion einen von Entfremdung geprägten Raum der nichtreflexiven Alltäglichkeit. Dieser Raum werde durch mathematisch-abstrakte Raumkonzepte dominiert und in der räumlichen Praxis reproduziert. Eine mögliche Flucht aus dieser entfremdeten Räumlichkeit sieht Lefebvre in den Räumen der Repräsentation, also in Vorstellungen von nicht-entfremdeten, mythischen, vormodernen oder künstlerischen Raumvisionen.
David Harvey entwickelte die marxistische Raumtheorie weiter. Er interessierte sich besonders für die Folgen des Übergangs vom Fordismus zur „flexiblen Akkumulation“ für das Erleben von Raum und Zeit. In seiner Arbeit von 1989 beschreibt er, wie ökonomische und technologische Neuerungen die Starrheit des fordistischen Systems aufbrechen und die Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals erhöhen. Dadurch komme es zu einer Beschleunigung ökonomischer Kreisläufe. Harvey nennt das Ergebnis „time-space compression“: Auf der Zeitebene gehe der Sinn für Langfristigkeit, Zukunft und Kontinuität verloren; auf der Raumebene werde das Verhältnis von Nähe und Ferne immer schwerer bestimmbar.
Postkoloniale Kritik
Postkolonial inspirierte Raumtheorien richten den Blick auf die Heterogenität von Räumen. Sie betonen also, dass Räume verschieden sind und nicht einfach nach einem einheitlichen Entwicklungsmodell verstanden werden können.
Doreen Massey kritisiert am Beispiel eines Landes in Afrika die Rede vom „Entwicklungsland“. Diese Ausdrucksweise deutet räumliche Unterschiede als zeitliche Differenz: Ein afrikanisches Land erscheint dann nicht als anders, sondern bloß als frühere Version eines Landes der „entwickelten“ Welt. Massey bezeichnet diese Denkweise als „Eurozentrismus“, weil Europa oder die entwickelte Welt zum Maßstab gemacht wird.
Helmuth Berking greift diese Kritik auf und wendet sich gegen Theorien, die durch Globalisierung eine zunehmende Homogenisierung der Welt erwarten. Er nennt diese Sicht „Globozentrismus“. Dem stellt er die Bedeutung von Differenz und lokalen Wissensbeständen entgegen. Lokale Kontexte wirken ihm zufolge wie Rahmen oder Filter: Durch sie werden globale Prozesse, Bilder und Symbole erst angeeignet und erhalten Bedeutung. Als Beispiele nennt der Artikel, dass die Filmfigur Conan der Barbar in rechtsradikalen Kreisen der Bundesrepublik eine andere Bedeutung habe als in schwarzen Ghettos der Chicagoer Southside, und dass McDonald’s in Moskau etwas anderes bedeute als in Paris.