Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Raum (Geschichtswissenschaft)

Raum (Geschichtswissenschaft). Begriff in der Geschichtswissenschaft für durch Gedanken entstandene Orte, in dem gesellschaftliche Interaktionen stattfinden.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Raum als Gegenstand der Geschichtswissenschaft
  2. 2. Geopolitik und topologische Wende
  3. 3. Entwicklung des Raumverständnisses
  4. 4. Raum und Militärgeschichte

Raum als Gegenstand der Geschichtswissenschaft

In der Geschichtswissenschaft meint Raum nicht nur sichtbare, architektonische Orte wie Haus oder Zimmer. Er umfasst auch nicht unmittelbar sichtbare Räume, die durch gesellschaftliche Beziehungen entstehen. Karl Schlögel fasste dies 2003 mit dem Satz zusammen: „Die Geschichte spielt nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum.“ Geschichte von Menschen, Kulturen und Nationen findet demnach immer in bestimmten räumlichen Zusammenhängen statt.

Die Raumtheorie unterscheidet drei wichtige Raumbegriffe:

  • Sozialer oder gelebter Raum: Er entsteht, wenn Menschen zusammenleben oder Gruppen bilden. In Ur- und Frühgeschichte markierten Naturgegebenheiten wie Gewässer, Wälder und Höhenzüge häufig Grenzen sozialer Gruppen. Später spielten daneben symbolische Identifikationspunkte und Merkzeichen, etwa Sprache und Religion, eine Rolle.
  • Physisch-geografischer oder wahrgenommener Raum: Gemeint sind die Naturgegebenheiten menschlicher Geschichte. Dieser Raum wird als „Behältnis“ verstanden, etwa als Haus, Platz oder Schlachtfeld.
  • Mentaler oder konzipierter Raum: Er entsteht durch Gedanken, Bilder, Vorstellungen und Zuschreibungen. Diese machen erfahrbare Räume deutbar und bringen zugleich Vorstellungen von Räumen hervor.

Geopolitik und topologische Wende

Geopolitik bezieht sich auf räumliche und politische Gegebenheiten. Sie erklärt politische Strukturen und Prozesse, besonders im internationalen Zusammenhang, mithilfe räumlicher Bedingungen. Sie wird als kulturelle Operation beschrieben: Im Vordergrund steht nicht mehr ein Stoffwechselprozess zwischen Natur und Gesellschaft oder bloß der Kampf um Ressourcen, sondern imperiale und globale Projekte zur Machtausbreitung einer bestimmten Gruppe. Als Beispiel nennt der Text den Ausdruck „Platz an der Sonne“, den Bernhard von Bülow (1849–1929), Staatssekretär des Auswärtigen Amtes des Deutschen Kaiserreiches, im Zusammenhang mit Kolonialpolitik verwendete.

Der Spatial turn, auch topologische Wende, bezeichnet das verstärkte Interesse an Raum in Kultur- und Sozialwissenschaften. Seit den 1980er Jahren wird er als ein von Michel Foucault diskutierter Umbruch verstanden, der Raum als kulturelle Größe betrachtet. Räume werden dabei als historische Ereignisse untersucht; wichtig sind auch ihre Wahrnehmung in Karten, Modellen und Kultur. Der Blick reicht vom Interieur bis zur Landschaft sowie vom gelebten bis zum abgebildeten Raum. Der Spatial turn untersucht Raum als kulturellen oder historischen Code in einem hermeneutischen und semiotischen Feld, also im Zusammenhang von Deutung und Zeichen.

Der Begriff ist in der Wissenschaft umstritten. Das Wort turn soll zwar einen Paradigmenwechsel ausdrücken und Raum ins Zentrum der Forschung stellen. Der Spatial turn gilt aber nicht unbedingt als Beginn aller „Wenden“, sondern zunächst als explanativer Verständigungsbegriff in Kontroversen postmarxistischer Theoretiker. Eine selbstständige Anthologie zu diesem Terminus war laut Text bislang nicht erschienen. In der Geschichtswissenschaft kann Spatial turn zugleich die Raumtheorie bezeichnen.

Entwicklung des Raumverständnisses

Lange stand Raum in der deutschen Geschichtswissenschaft eher im Hintergrund. Der Begriff war mit Geopolitik, Imperialismus und Nationalismus verbunden und damit mit der belastenden Vergangenheit Deutschlands. In den letzten zwanzig Jahren gewann Raum durch den Spatial turn der Kultur- und Sozialwissenschaften wieder an Bedeutung.

Auf dem 45. Deutschen Historikertag 2004 zum Thema „Kommunikation und Raum“ wurde der Raumbegriff aufgegriffen und unter Historikern relativ positiv aufgenommen. Es entstand eine neue Publikationswelle. Im Mittelpunkt stehen die Historizität und Relativität von Räumen: Räume sind also geschichtlich entstanden und nicht unveränderlich. Untersucht werden insbesondere soziale, physisch-geografische und mentale Räume.

Das Ziel besteht darin, ein ausschließlich physikalisches Verständnis von Raum zurückzuweisen. Raum soll als Ergebnis sozialer Beziehungen verstanden werden, das aus Interessen und Handlungen einzelner Menschen und Gruppen hervorgeht. Es genügt daher nicht, Raum nur zu einem einzelnen Untersuchungsgegenstand zu machen. Bereits zu Beginn einer Untersuchung müssen die räumlichen Aspekte des beschriebenen Gegenstands berücksichtigt werden; erst dann wird die topologische Wende als Paradigmenwechsel sichtbar.

Auch Zeit wird nicht mehr nur als lineare Abfolge betrachtet. Nach dem im Text angeführten Historiker Reinhart Koselleck verändert sich die Wahrnehmung von Zeit im Lauf der Geschichte; innerhalb einer Epoche können verschiedene Zeitvorstellungen gleichzeitig bestehen. Nicht sichtbare Räume gab es demnach immer, doch das Bewusstsein für sie und damit das Raumverständnis haben sich geschichtlich verändert.

Raum und Militärgeschichte

Obwohl das Interesse an Raum wuchs, erschienen vergleichsweise wenige raumtheoretische Studien zur deutschen Militärgeschichte. Bernhard R. Kroener, Christoph Nübel und Peter Lieb beschäftigten sich unter anderem mit Raum und Militärgeschichte. Der Ansatz ist wichtig, weil sich militärische Verhältnisse an der Front mithilfe des sozialen, physisch-geografischen und mentalen Raums anders analysieren lassen.

Militär muss die Sicherheit eines Landes gewährleisten und sich deshalb an unterschiedliche geografische Bedingungen anpassen. Gebirge galten zunächst als schwierige Räume und eher als Transitgebiete. Neue technische Errungenschaften machten weitere Gelände militärisch nutzbar. Straßen, Wege und Tunnel veränderten den physisch-geografischen Raum durch Menschenhand. Zugleich prägte der Raum das Militär, weil es seine Strategie an geografische Bedingungen anpassen musste. Dabei gewannen Kräfte, Zeit, Raum und Informationen an Bedeutung.

Raum ist im Militärischen mehr als bloß Gelände: Auch räumliche Ordnung und Informationsraum sind wichtig. Nübel nennt die Begriffe Schlachtfeld und Kriegstheater als Beispiele für den Zusammenhang von Krieg und Raum. Die Umwelt bestimmte die Lebensbedingungen von Soldaten stark. Ohne übliche Infrastruktur schliefen sie in Zelten oder hielten sich in Schützengräben auf und waren Jahreszeiten, Regen, Schnee sowie extremen Temperaturen ausgesetzt.

Das Gelände beeinflusste Kampfstrategien. Auf offenen Feldern war das Kämpfen einfacher, übersichtlicher und körperlich weniger anstrengend als in einer unübersichtlichen Gebirgsregion. Zugleich formten ständige Gefahr und die Anpassung an Lebensbedingungen Wahrnehmungs- und Handlungsweisen der Soldaten und damit mentale Räume. „Landschaften“ meint hier nicht nur militärisches Gelände, sondern geschichtliche Räume, die auf Wahrnehmung, Erinnerung und Erfahrung beruhen. Sie prägten den sozialen und mentalen Raum der Soldaten.

Im Ersten Weltkrieg nutzten viele Zeitgenossen räumliche Methoden, um Vorgänge besser zu verstehen und Auswirkungen festzuhalten. Vorstellungen von Kriegsschauplatz, Landschaft, Gelände und einheimischer Bevölkerung wurden bei Angehörigen der Soldaten durch Quellen und Erzählungen beeinflusst. Auch Feindbilder entstanden unter anderem aus der Wahrnehmung eines unerbittlichen Klimas und einer unerbittlichen Landschaft und konnten das Gemeinschaftsgefühl stärken. Raumtheorie eröffnet damit zusätzliche Möglichkeiten, militärgeschichtliche Ereignisse zu analysieren.

Weiterlesen

Geschichtswissenschaft Die Geschichtswissenschaft ist die methodisch gesicherte Erforschung und Rekonstruktion von Aspekten der Menschheitsgeschichte oder Geschichte auf der Basis … Karl Schlögel Karl Schlögel (* 7. März 1948 in Hawangen bei Memmingen) ist ein deutscher Osteuropa-Historiker und Publizist. Er war Hochschullehrer in Konstanz und … Geopolitik Geopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet. Deutsches Kaiserreich Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt … Deutsche Kolonien Bereits auf der Kongokonferenz 1884/85 in Berlin wurden Regelungen für den Handel im Kongobecken, die Schifffahrt auf Kongo und Niger sowie für künftige … Spatial turn Als Spatial turn (von lat. spatium ‚Raum', engl. turn ‚Wende'), auch topologische Wende, seltener raumkritische Wende, wird seit Ende der 1980er-Jahre ein … Sozialwissenschaften Die Sozialwissenschaften (auch Gesellschaftswissenschaften) untersuchen Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen. Michel Foucault Michel Foucault [miˈʃɛl fuˈko] (* 15. Oktober 1926 in Poitiers als Paul-Michel Foucault; † 25. Juni 1984 in Paris) war ein französischer Philosoph. Imperialismus Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen. Im … Nationalismus Nationalismus ist eine Denkhaltung oder eine politische Bewegung, die eine Identifizierung und Solidarisierung aller Mitglieder einer Nation anstrebt und … Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Friedrich Ratzel Er gilt gemeinhin als Begründer der Anthropogeographie, des Diffusionismus und der Politischen Geographie sowie auch als einflussreicher Wegbereiter der …