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Rassenkampf
Der Sozialdarwinismus gilt seit den 1920er Jahren als überholt, beeinflusste aber bis dahin die sozialpolitischen Diskussionen in erheblichem Maße, indem er …
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Grundidee des Begriffs
Der Begriff „Rassenkampf“ wurde in der darwinistischen Soziologie des 19. Jahrhunderts verwendet, besonders ausführlich bei Ludwig Gumplowicz. Er sollte Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen in der Geschichte als soziale Prozesse erklären. Dabei wurden Vorstellungen aus Darwins Entwicklungslehre auf menschliche Gesellschaften übertragen.
Der Sozialdarwinismus gilt seit den 1920er Jahren als überholt. Bis dahin beeinflusste er sozialpolitische Debatten stark, weil er Rassismus und Kolonialismus scheinbar wissenschaftlich legitimieren sollte. Außerdem diente er als ideologische Grundlage der Eugenik, also von Lehren und Maßnahmen, die die angebliche „Erbgesundheit“ einer Bevölkerung steuern wollten.
Die sozialdarwinistische Rassenkampf-Ideologie kann als reaktionäres bürgerliches Gegenkonzept zur sozialistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts verstanden werden. Der Artikel beschreibt sie im Sinn eines „Extremismus der Mitte“: Sie stellte sich gegen sozialistische Ideen wie den Klassenkampf, übernahm aber selbst eine radikale Deutung gesellschaftlicher Konflikte.
Vor Gumplowicz
Schon vor Gumplowicz benutzte Moses Hess den Begriff. Hess war Mentor und Mitautor von Karl Marx bei der Rheinischen Zeitung und bei Die deutsche Ideologie. In seinem Werk Rom und Jerusalem von 1862 sprach er von der Notwendigkeit eines „letzten Racenkampfes“.
Nach Hess bewegte sich die Geschichte in Rassen- und Klassenkämpfen. Er sah den „Rassenkampf“ als das „Ursprüngliche“, während der Klassenkampf für ihn nur das Sekundäre war. Die letzte „herrschende Rasse“ sei nach seiner Darstellung die „germanische“ gewesen. Im französischen Volk sei es durch die Französische Revolution zu einer „Versöhnung des Racenantagonismus“ gekommen, weil es „die letzte herrschende Race in ihrem Chef enthauptet hat“. Damit sei im französischen Volk die „Rassenherrschaft“ beendet worden.
Hess meinte als Deutscher im Exil, bei den Deutschen müsse ein letzter „Racenkampf“ offenbar erst noch ausgefochten werden, bevor ihnen „die sociale, die humane Bildung“ ebenso selbstverständlich geworden sei. Außerdem nahm Hess eine ursprüngliche „jüdische Race“ an, deren „Typus“ über Jahrhunderte gleich geblieben sei.
Gumplowicz’ soziologische Lehre
Ludwig Gumplowicz gilt als einer der Väter der europäischen Soziologie. Nach seiner Lehre sollte die Soziologie Darwins allgemeine Entwicklungsgesetze auf den Menschen und sein soziales Handeln anwenden. Er definierte Soziologie als „Lehre von den sozialen Gruppen, ihrem gegenseitigen Verhalten und ihren dadurch bedingten Schicksalen“.
Der einzelne Mensch war für Gumplowicz ein „soziales Atom“: ein passives Mitglied einer Gruppe und ein Produkt seiner Umwelt. Die Gruppe war für ihn das zentrale soziale Element, das Menschen verbindet. Soziale Erscheinungen verstand er als „Verhältnisse, die durch das Zusammenwirken von Menschengruppen und Gemeinschaften zustande kommen“. Innerhalb von Gruppen gelten bestimmte Regeln.
Die „soziale Tätigkeit“ einer Gruppe bestehe nach Gumplowicz in ihrer Selbsterhaltung, in der Mehrung ihrer Macht sowie in der Begründung und Stärkung ihrer Herrschaft oder zumindest ihrer sozialen Stellung in Staat und Gesellschaft. Anders als Karl Marx’ historischer Materialismus ging Gumplowicz nicht von einer stetigen historischen Weiterentwicklung aus. Für ihn war der einzige konstante Faktor der Geschichte der „Rassenkampf“.
Sein „soziales Naturgesetz“ lautete: „[…] jedes mächtigere ethnische oder soziale Element strebt danach, das in seinem Machtbereich befindliche oder dahin gelangende schwächere Element seinen Zwecken dienstbar zu machen“. Damit betrachtete Gumplowicz Kampf und Krieg, Unterjochung und Ausbeutung als dauerhafte Motive sozialer Bewegung. Im Unterschied zum Marxismus hielt er diese Konflikte nicht für grundsätzlich überwindbar.
Antisemitische Deutungen
Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verband Eugen Dühring den Begriff mit antisemitischen Vorstellungen. Er behauptete, die „Aussaat von Classenhaß“ durch einen jüdischen Sozialismus habe zu allgemeiner Hetze und Rassenhass geführt. Ein kommender „Rassenkampf“ sei für ihn eine „Vergeltung der Erregung von Classenhaß“ und werde den sozialen Frieden wiederherstellen, indem er die angeblichen Haupturheber der Klassenkämpfe ausschalte. Als Gegenmodell verkündete Dühring einen arischen Sozialismus.
Friedrich Engels kritisierte Dührings Theorien in Anti-Dühring. Dühring beeinflusste später Antisemiten wie Theodor Fritsch, Houston Stewart Chamberlain und Georg von Schönerer.
Houston Stewart Chamberlain, Schwiegersohn Richard Wagners und Bekannter Hitlers, verschob den Begriff „Rasse“ stark von der Soziologie in die Biologie. Sein Werk Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts von 1899 erschien mehrfach und lieferte den „historischen Unterbau“ der Rassenkampf-Ideologie. Bei ihm wurde Weltgeschichte als darwinistischer „Rassenkampf“ um Lebensraum gedeutet. Die „arischen“ Völker stellte er als kulturaufbauend dar, zugleich aber als durch „Blutvermischung“ bedroht. Als rassische Gegner beschrieb er „Rassenjuden“ beziehungsweise „Semiten“ als Kulturzerstörer.
Nationalsozialistische Ideologie
Auf solchen Vorstellungen baute Alfred Rosenberg 1920 den offiziellen Kommentar zum Parteiprogramm der NSDAP auf: Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Das Programm der Bewegung. Die Nationalsozialisten lehnten Standesdenken und Klassenkampf ab. Nach Ernst Piper wollten sie nationale und soziale Strömungen wieder zusammenführen.
Rosenbergs NS-Ideologie lehnte den Marxismus ab. Sie warf ihm vor, einerseits die Gleichheit der Völker zu betonen, andererseits aber Klassenkampf innerhalb des eigenen Volkes zu fordern. Außerdem behauptete sie, Marxisten würden nur vorgeben, den Kapitalismus zu bekämpfen, seien aber tatsächlich mit Finanziers von Banken und Börsen verbunden. Piper nennt dies „ein ganz zentrales Ideologem nationalsozialistischer Welterklärung“.
Nach dieser Ideologie fielen die scheinbaren Gegensätze Sozialismus und Kapitalismus zusammen, weil ihre Führung angeblich „in der Hand der Vertreter ein und desselben Volkes […]: in der Hand der Juden“ liege. Diese würden einen „Macht- und Kulturkampf an alle Völker Europas“ führen und dadurch einen „Rassenkampf“ herausfordern. Nach Piper verstanden sich die Nationalsozialisten deshalb nicht als Rechtsextremisten, sondern als Partei der Mitte, die eine angebliche Einseitigkeit von Sozialismus und Nationalismus überwinden wolle.
In Mein Kampf propagierte Adolf Hitler den Slogan „Rassenkampf statt Klassenkampf“. Die offene Rassenkampf-Ideologie endete mit dem Holocaust und der Niederlage der NS-Diktatur im Zweiten Weltkrieg.