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Rübezahl
Rübezahl (früher auch: Rübenzahl, tschechisch Krakonoš, polnisch Liczyrzepa) ist der Berggeist (Schrat) des Riesengebirges. Um ihn ranken sich zahlreiche …
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Wesen und Sagengestalt
Rübezahl ist der Berggeist, auch Schrat genannt, des Riesengebirges. Um ihn ranken sich zahlreiche Sagen und Märchen. Er gilt als launischer Riese und als Wetterherr des Gebirges. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er als zentrale Sagengestalt des Riesengebirges die regionale Volksüberlieferung sowie später Literatur, Kunst, Musik und Tourismus prägte.
Rübezahl wird als besonders widersprüchlicher Charakter beschrieben: Er kann gerecht und hilfsbereit, aber ebenso arglistig, stolz, eitel und launenhaft sein. Gegen gute Menschen ist er meist freundlich. Er lehrt sie Heilmittel und beschenkt insbesondere Arme. Wer ihn verspottet, muss dagegen mit schwerer Rache rechnen, etwa mit Unwettern.
Der Berggeist kann seine Gestalt verändern. Häufig erscheint er als Mönch in einer aschgrauen Kutte, außerdem als Bergmann, Junker, Handwerker oder als Tier. Mitunter nimmt er auch die Gestalt eines Baumstumpfs, Steins oder einer Wolke an. Als Wetterherr sendet er unerwartet Blitz und Donner, Nebel, Regen oder Schnee, obwohl zuvor noch Sonnenschein herrschte. Wanderer kann er in die Irre führen.
Der Sage nach besitzt Rübezahl einen Garten mit Wunderkräutern, den er gegen Eindringlinge verteidigt. Unscheinbare Geschenke wie Äpfel oder Laub kann er in Gold verwandeln. Umgekehrt kann von ihm bezahltes Geld zu einer wertlosen Währung werden. Die Geschichten spielen im Riesengebirge und in seiner unmittelbaren Umgebung; als Handlungsorte werden unter anderem Giersdorf, Hirschberg im Riesengebirge, Landeshut, Lomnitz, Marschendorf und Schmiedeberg im Riesengebirge genannt.
Name und richtige Anrede
Die Herkunft des Namens Rübezahl ist nicht geklärt. Martin Helwig schrieb 1561 auf seiner Landkarte „Rübenczal“. Johannes Praetorius verwendete 1662 unter anderem die Formen „Rübezal“, „Ribezal“ und „Riebenzahl“.
Eine bekannte, aber legendäre Erklärung gab Johann Karl August Musäus 1783 in der Geschichte Wie Rübezahl zu seinem Namen kam: Rübezahl entführt die Königstochter Emma in sein unterirdisches Reich. Mit Zauberrüben versucht er, ihre Sehnsucht nach der Heimat zu lindern. Er lässt sie frei, wenn sie die Zahl der Rüben auf einem Feld nennen darf, zählt jedoch selbst und erhält beim zweiten Zählen ein anderes Ergebnis. Während er noch rechnet, flieht Emma auf einer in ein Pferd verwandelten Rübe zu ihrem Prinzen Ratibor und verspottet den Geist mit dem Namen „Rübezahl“. Deshalb wird er zornig, wenn man ihn so nennt.
Eine weitere Erklärung verbindet den Eigennamen Riebe mit dem mittelhochdeutschen Wort zagel für „Schwanz“. Dies könnte auf die Darstellung als geschwänzter Dämon hinweisen. Im Tschechischen heißt Rübezahl Krakonoš, im Polnischen ist seit 1898 die wörtliche Übersetzung Liczyrzepa belegt. Daneben werden im Polnischen Duch Gór („Berggeist“) und Rzepiór verwendet.
„Rübezahl“ ist ein Spottname. Im Riesengebirge soll seine Erwähnung den Zorn des Berggeistes hervorrufen. Als korrekte Anrede gilt „Herr der Berge“, respektvoll auch „Herr Johannes“. Nach Rübezahl benannte Orte und Naturformen sind unter anderem „Rübezahls Gärtchen“ und die „Rübezahlkanzel“ über den Schneegruben.
Älteste Zeugnisse
Die ältesten Zeugnisse stammen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, dürften aber auf mindestens 100 Jahre ältere Volksvorstellungen zurückgehen. Ursprünglich war Rübezahl wahrscheinlich eine lokale Sagengestalt. Ein möglicher Ursprung als Bergwerksgeist wird durch einen Bericht von 1553 gestützt: Der Edelsteinsucher Wale warnte in einem Itinerar vor Bergwerksgeistern und besonders vor Riebenzahl. Möglicherweise brachten Bergleute aus dem Harz die Sage im 15. Jahrhundert nach Schlesien; außerdem könnten ab 1530 aus Schwaz in Tirol gerufene Bergarbeiter zu ihrer Ausformung beigetragen haben.
Franz Köckritz erwähnte um 1555 in seiner lateinischen Versdichtung Sabothus, sive Silesia das Berggespenst Rupicina. Die erste Abbildung stammt von 1561. Auf Martin Helwigs erster Landkarte Schlesiens erscheint Rübezahl, dort Rubenczal genannt, als geschwänzter Dämon zwischen Bergen und Dörfern.
Christoph Irenäus veröffentlichte 1566 eine Teufelserzählung, in der Rübezahl in einem Mönchsgewand in Warmbrunn auftaucht, Wanderer auf falsche Wege führt und sie anschließend verspottet. Diese Geschichte wurde weiterverbreitet und gelangte unter anderem in das Promptuarium Exemplorum von Andreas Hondorff. Simon Hüttels Chronik von Trautenau berichtet für 1576, Rübezahl habe eine Überschwemmung verursacht.
Um 1600 behauptete Pastor Rausch, den Berggeist beobachtet zu haben, wie er in einer Kutsche durch Schmiedeberg fuhr. Caspar Schwenckfeldt beschrieb ihn 1607 als Besitzer von Bergschätzen, der nur auf Spott mit Zorn und Unwettern reagiere und in menschlicher wie tierischer Gestalt erscheinen könne. Im frühen 17. Jahrhundert sind weitere Namen und Herkunftserklärungen belegt, darunter Ronsefall und Rubezagel. Teilweise wurde Rübezahl als verwandelter Wiedergänger eines Franzosen oder als Einwanderer aus dem Harz erklärt.
Frühe Sammlungen und Bearbeitungen
Johannes Praetorius sammelte und veröffentlichte die Rübezahl-Sagen erstmals umfassend. Seine Daemonologia Rubinzalii Silesii erschien in drei Bänden von 1662 bis 1665; 1672 folgte Satyrus Etymologicus. Oder der Reformirende und Informirende Rüben-Zahl. Insgesamt verzeichnete Praetorius 241 Geschichten. Ein umfassenderes Werk zu diesem Thema ist bis heute nicht erschienen.
Praetorius nutzte gedruckte Bücher sowie mündliche und schriftliche Berichte von Bewohnern des Riesengebirges und von Reisenden. Auch Heilpflanzenhändler, sogenannte Wurzelmänner, lieferten Informationen. Sie betrachteten Rübezahl als Schutzpatron und behaupteten, er verleihe ihren Pflanzen besondere Heilkraft. Praetorius gestand jedoch auch eigene Erfindungen ein. Er übernahm Motive aus Volksbüchern über Faust und Till Eulenspiegel sowie aus Vorstellungen vom Teufel und der Wilden Jagd. Seine Geschichten sind oft derb und entsprechen dem populären Erzählstil der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.
Überregional besonders bekannt wurde Rübezahl durch Musäus’ fünf längere Legenden in den Volksmärchen der Deutschen von 1783. Musäus stellte den als „Herr der Gnomen“ bezeichneten Berggeist weniger dämonisch und grobianisch dar als Praetorius. In einer Geschichte glaubt eine Gräfin, die Anhängerin Voltaires ist, nicht an Gespenster. Auf der Reise nach Karlsbad wird sie von einem als Rübezahl verkleideten Räuber überfallen und vom wirklichen Berggeist gerettet.
Im 19. Jahrhundert wurde Rübezahl zu einer Identifikationsfigur der Schlesier. Oskar Ludwig Bernhard Wolff bearbeitete den Stoff 1847 für bürgerliche Volksschichten; 1853 veröffentlichte Franz Hoffmann Rübezahl und andere deutsche Sagen. Danach erschienen zahlreiche Fassungen für Kinder und Jugendliche sowie Ausgaben für den Heimatkundeunterricht. Josef Štefan Kubín gab 1922–26 drei Bände tschechischer Belege heraus. Auch dramatische Bearbeitungen entstanden, etwa Marie Tauberts Rübezahl. Märchenspiel in zwei Aufzügen von 1919. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Rübezahl vor allem als Sagenstoff für Kinder und Jugendliche populär.
Kunst, Musik und Film
Rübezahl wurde in vielen Künsten aufgegriffen. Wolfgang Menzel schrieb 1829 das Drama Rübezahl. Das Ölbild Rübezahl von Moritz von Schwind aus der Zeit um 1845 beeinflusste die Vorstellungen von seinem Aussehen besonders nachhaltig. Weitere romantische Darstellungen schufen Ludwig Richter und Peter Carl Geissler.
In der Musik verarbeitete Joseph Schuster 1789 in der Oper Rübenzahl oder Die wahre Liebe eine Geschichte von Musäus. Carl Maria von Weber begann 1804/05 eine Oper Rübezahl, die Fragment blieb; Friedrich von Flotows gleichnamige Oper wurde 1853 uraufgeführt. Louis Spohrs Oper Der Berggeist von 1825 griff den Stoff ebenfalls auf. Das Riesengebirgslied von Othmar Fiebiger und Vinzenz Hampel entstand 1914/15 und wurde zu einer volkstümlichen Regionalhymne. Spätere musikalische Beispiele sind das Lied Rübezahl der Popgruppe Dschinghis Khan von 1982 sowie mehrere Veröffentlichungen von Joachim Witt: das Album Rübezahl von 2018, Rübezahls Rückkehr von 2020 und Rübezahls Reise von 2022.
Zu den Verfilmungen gehören Rübezahls Hochzeit von 1916 unter der Regie von Paul Wegener, Rübezahl – Herr der Berge von 1957 unter der Regie von Erich Kobler und der tschechoslowakische Film Rübezahl und die Skiläufer von 1981. Zwischen 1975 und 1982 entstanden 13 Animationskurzfilme der DEFA und von Krátký Film Prag. Weitere Märchenfilme sind Rübezahls Schatz von 2017 aus der ZDF-Reihe Märchenperlen und Krakonos Geheimnis von 2022–2023 aus Tschechien, der Slowakei und Deutschland.
Museen und heutige Verwendung
Ein Rübezahl-Museum wurde im Mai 2005 in Görlitz eröffnet. Nach dem Tod seiner Gründerin Ingrid Vettin-Zahn (1938–2006) wurde es knapp ein Jahr später wieder geschlossen. Der Geschichtsverein Kreis Löwenberg (Schlesien) e. V. übernahm die Exponate 2021 und ließ sie nach Schlesien bringen, um sie dort als Dauerleihgabe ausstellen zu lassen.
Ausstellungen über den Berggeist befinden sich im Museum „Carl-und-Gerhart-Hauptmann-Haus“ in Szklarska Poręba und im Museum Karkonoskie Tajemnice in Karpacz. Auch das Riesengebirgsmuseum in Marktoberdorf, das einzige Museum dieser Art in Deutschland, widmet Rübezahl einen Teil seiner Ausstellung. Im Stadtpark Marktoberdorf steht außerdem ein Rübezahlbrunnen mit einer etwa 2,50 m großen Bronzestatue, deren Blick zum Riesengebirge gerichtet ist.
Nach 1945 wurde Rübezahl auch in Polen neu benannt und verwendet. Józef Sykulski führte den Namen Liczyrzepa als direkte Übersetzung von „Rübezahl“ ein. Sprachwissenschaftler kritisierten diese Übersetzung später. In den Folgejahren trugen Herbergen, ein Lotteriespiel, ein Fruchtwein und ein Skilift den Namen Liczyrzepa. Im Dorf Sosnówka gibt es die einzige polnische „ul. Liczyrzepy“. Heute nutzen polnischer und tschechischer Tourismus Rübezahl als Werbeträger für das Riesengebirge.