Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Röhrenglocken
Röhrenglocken sind aus Metall (Bronze, Stahl oder Messing) bestehende Röhren, die als Musik- oder Signalinstrumente eingesetzt werden.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Einordnung
Röhrenglocken sind Metallröhren aus Bronze, Stahl oder Messing, die durch Anschlagen zum Klingen gebracht werden. Sie dienen als Musik- oder Signalinstrumente. In der Instrumentenkunde heißen sie auch Aufschlagröhren, Röhrengeläute oder Schlagröhrenspiele und gehören zu den Aufschlagidiophonen: Das sind Instrumente, deren Körper selbst klingt, wenn er angeschlagen wird.
Von eigentlichen Glocken unterscheiden sich Röhrenglocken durch ihre Röhrenform statt einer Gefäßform und durch eine andere Akustik. In Orchestern werden sie besonders eingesetzt, um den Klang von Kirchenglocken anzudeuten oder zu ersetzen.
Entwicklung
Das Grundprinzip, Röhren durch Anschlagen zum Klingen zu bringen, ist in Ost- und Südostasien seit frühen Zeiten bekannt, etwa bei Bambusröhren. Ebenfalls aus dieser Region stammen angeschlagene, senkrecht aufgehängte Klangstäbe aus Bronze, zum Beispiel beim chinesischen fangxiang, deren Ursprung in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends liegt. Eine verwandte Entwicklung führte zu Metallophonen aus waagrecht aufgereihten Platten.
Die ersten metallenen Röhrenglocken wurden zwischen 1860 und 1870 in Paris verwendet. Der Engländer John Harrington erhielt ein Patent für Röhrenglocken aus Bronze. Arthur Sullivan war vielleicht der erste Komponist, der 1886 in The Golden Legend gezielt Röhrenglocken des Herstellers John Hampton im Orchester einsetzte.
Als Orchesterinstrument entstanden Röhrenglocken aus dem Wunsch, Glocken in der Musik, besonders im Musiktheater, verfügbar zu machen. In großen Theatern wie dem Moskauer Bolschoi-Theater, der Opéra Garnier in Paris und der Semperoper in Dresden waren dafür teils echte Kirchenglockensätze fest installiert. 1890 führte die Opéra Garnier ein Instrument mit Klaviatur ein. Im selben Jahr wurde dort ein Codophone mit 15 über eine Klaviatur bedienten Röhrenglocken eingesetzt; dieser Typ setzte sich jedoch nicht durch. Auch ein 1908 von Gustave Lyon in Paris konstruiertes Röhrenglockenspiel mit Klaviatur blieb ohne dauerhaften Erfolg.
Aufbau und Klang
Der Klang einer Röhre wird wesentlich durch die Schwingungen der eingeschlossenen Luft beeinflusst. Neben Röhrenlänge und Durchmesser spielt die Wandstärke eine Rolle: Je dünner die Wandstärke, desto höher der Ton.
Bei Orchesterinstrumenten hängen die einzelnen Röhren auf einem Ständer. Die chromatische Folge, also die Halbtonfolge, ist ähnlich wie bei einer Klaviertastatur angeordnet. Ein üblicher Ständer umfasst meist 1 1⁄2 bis 2 Oktaven; es gibt auch Sets mit drei Oktaven.
Die Länge der Röhren hängt von der Tonhöhe ab. Sie reicht etwa von 74 cm bei g’’ als kürzester Röhre bis 155 cm bei c’ als längster Röhre. Die Röhren bestehen meist aus verchromtem Messing oder Stahl. Ihr Durchmesser liegt in der Regel bei 3 bis 7 cm, die Wanddicke bei wenigen Millimetern, ungefähr 2 mm. Ein Pedal betätigt einen Dämpfer, mit dem der Nachklang verkürzt werden kann.
Notation und Spieltechnik
Röhrenglocken werden in Partituren in der Regel klingend im Violinschlüssel notiert. „Klingend“ bedeutet, dass die notierte Tonhöhe der tatsächlich erklingenden Tonhöhe entspricht. Bei älteren Stimmen im Bassschlüssel ist unklar, ob sie transponierend gemeint sind, also ob die notierten Töne anders klingen sollten als sie geschrieben sind.
Im Orchester spielt ein Perkussionist die Röhrenglocken. Bei großen Instrumenten steht der Spieler auf einem Podest. Zum Anschlagen wird ein spezieller Hammer verwendet, meist aus Hartplastik oder besonders festem Gummi, vereinzelt auch mit Lederbezug. Angeschlagen wird der obere Rand der Röhre; dieser ist mit Metall verstärkt.
Verwendung in der Musik
Röhrenglocken werden häufig als Ersatz für echte Kirchenglocken verwendet, weil diese schwer zu beschaffen und sehr sperrig sind. Für die Imitation von Kirchenglocken eignen sich laut Artikel Plattenglocken noch besser.
Kirchenglocken kommen zum Beispiel bei Giuseppe Verdi in Der Troubadour (1853) und Ein Maskenball (1859) sowie in Giacomo Puccinis Tosca vor. In Nikolai Rimski-Korsakows Bearbeitung von Modest Mussorgskis Eine Nacht auf dem kahlen Berge beendet eine Glocke den Hexensabbat. In Die Fledermaus von Johann Strauss (Sohn) kündigen sechs Glockenschläge das Morgengrauen an. Hector Berlioz schreibt im letzten Satz der Symphonie fantastique zwei Kirchenglocken vor.
Für Richard Wagners Parsifal entwickelte Steingraeber 1881 ein Saiteninstrument mit glockenhafter Klangwirkung, das Gralsglockenklavier. Es hatte einen Resonanzkasten und Klaviersaiten mit Metallhülsen; der Spieler schlug die Saiten mit den Fäusten über breite Tasten an. Heute werden dafür meist Platten- oder Röhrenglocken verwendet.
Werke, in denen Röhrenglocken hervorgehoben vorkommen, sind These Things Shall Be von John Ireland (1937), Benjamin Brittens Kammeroper The Turn of the Screw (1954), Olivier Messiaens Turangalîla-Sinfonie (1948) und Chronochromie (1960) sowie Pierre Boulez’ Pli selon pli (1962). Der britische Musiker Mike Oldfield benannte sein Debütalbum Tubular Bells (1973) nach dem Instrument; die Röhrenglocken erklingen im Finale des ersten Teils. Auch spätere Alben und Neuauflagen tragen Tubular Bells im Namen. Genesis setzten Röhrenglocken ebenfalls vereinzelt ein, etwa in Supper’s Ready.
Weitere Formen
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Röhrenglocken, ähnlich wie Stabgeläute, besonders in England in kleineren Kirchen als Ersatz für Kirchenglocken verwendet. Davon zu unterscheiden sind Röhrenglocken als Effektzug in Kinoorgeln und modernen Kirchenorgeln.
Kleinere, im Kreis angeordnete Röhrenglocken bilden ein Windspiel. Auch manche Türklingeln und Standuhren nutzen angeschlagene Metallröhren. Ein Tubaphon besteht aus Röhrenglocken, die wie die Stäbe eines Metallophons liegend auf einem Rahmen angeordnet sind.