Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Die Moldau
Bedřich Smetana nahm in Anspruch, „der Schöpfer des tschechischen Stils im dramatischen und sinfonischen Bereich der Musik“ zu sein. Seine Landsleute …
Inhalt5 Abschnitte
Werk, Bedeutung und historischer Zusammenhang
Die Moldau, tschechisch Vltava, T 111, JB 1:112/2, ist die zweite von sechs sinfonischen Dichtungen in Bedřich Smetanas Zyklus Mein Vaterland (Má vlast). Eine sinfonische Dichtung ist ein Orchesterwerk, das ein außermusikalisches Programm musikalisch darstellt. Smetanas Komposition zeichnet den Lauf der Moldau von ihren Quellen bis zur Elbe nach. Sie entstand 1874, als der Komponist bereits vollständig ertaubt war, dauert etwa zwölf Minuten und wurde am 4. April 1875 im Prager Sophiensaal unter Adolf Čech uraufgeführt.
Das Werk steht im Zusammenhang mit der tschechischen Nationalen Wiedergeburt des 19. Jahrhunderts. Damals wurden Volkslieder, Volkstänze, Landschaften, Mythen und historische Orte zu wichtigen Symbolen nationaler Identität. Die Moldau verkörperte sowohl die böhmische Landschaft als auch die Kontinuität der tschechischen Geschichte. Smetana verband daher Naturdarstellung mit nationaler Symbolik. Die Komposition wurde zu seinem international bekanntesten Werk und zu einer Ikone der tschechischen Musik; in Tschechien besitzt sie nahezu den Rang einer Ersatz-Nationalhymne.
Má vlast entstand zwischen 1874 und 1879, dauert insgesamt etwa 75 Minuten und wurde am 5. November 1882 vollständig in Prag uraufgeführt. Die sechs eigenständigen Teile behandeln Mythen, Landschaft und Geschichte: Vyšehrad, Vltava, Šárka, Aus Böhmens Hain und Flur, Tábor und Blaník. Die vollständige Aufführung eröffnet traditionell am 12. Mai, Smetanas Todestag, nach der tschechischen Nationalhymne Kde domov můj das Festival Prager Frühling.
Programm und Gesamtform
Die Moldau ist als freies Rondo gestaltet: Das wiederkehrende Moldau-Thema stellt den Grundcharakter des Flusses dar, während kontrastierende Episoden die Landschaften und Ereignisse an seinem Lauf schildern. Das Thema erklingt vollständig dreimal, zunächst in e-Moll in den Takten 40–80, dann in den Takten 239–271 und schließlich in E-Dur in den Takten 333–359. Dazwischen stehen Waldjagd, Bauernhochzeit, nächtlicher Nymphenreigen und Stromschnellen. Eine Coda, also ein ausgedehnter Schlussteil, zitiert das Thema aus Vyšehrad.
Die Form lässt sich zugleich als erweiterte dreiteilige Liedform verstehen: Auf die Einleitung mit den Quellen folgen als erster Teil Hauptthema und Waldjagd, als Mittelteil Bauernhochzeit und Nymphenreigen sowie als dritter Teil Reprise und Stromschnellen. Der breite Strom und die Coda schließen das Werk ab.
Die eigentliche poetische Grundidee ist weniger eine geografisch genaue Reise als das „Fließen“ selbst. Kleine musikalische Wellenmotive veranschaulichen Plätschern, Strömen und Wogen. Sie erscheinen in fast allen Abschnitten in wechselnder Gestalt und verbinden die kontrastreichen Szenen. Smetanas eigene Inhaltsangabe beschreibt zwei Quellen, ihre Vereinigung, Wälder und Fluren, fröhliche Feste, den Nymphenreigen im Mondschein, Burgen und Ruinen, die St. Johann-Stromschnellen, den Weg nach Prag und zum Vyšehrad sowie das Verschwinden des Flusses in der Elbe.
Quellen, Jagd, Hochzeit und Nacht
Das Werk beginnt im wiegenden 6/8-Takt in e-Moll. Sechzehntelbewegungen schildern die beiden Quellen der Moldau. Die erste Quelle wird durch zwei abwechselnde Flöten, die zweite ab Takt 16 durch dunkler klingende Klarinetten dargestellt. Harfenflageoletts und gezupfte Violinen begleiten das Rieseln. Die Bewegungen werden allmählich von tieferen Streichern übernommen, bevor in Takt 40 das Hauptthema einsetzt.
Die Waldjagd beginnt unvermittelt in Takt 80. Hörner und Trompeten spielen schmetternde Jagdsignale; Blechbläser, Pauken und das gesamte Orchester erzeugen einen starken Gegensatz zum sanften Flussthema. Punktierte Rhythmen, marcato und staccato sowie Forte prägen den Abschnitt. Anschließend beruhigt sich die Musik und geht in die Bauernhochzeit über.
Die Bauernhochzeit steht im 2/4-Takt und in G-Dur. Eine volkstümliche böhmische Polka mit regelmäßigen Viertaktgruppen stellt Tanz und Lebensfreude dar. Nach der Vorstellung des Polka-Themas bricht in Takt 138 das volle Orchester mit Wechseln zwischen Triangel und Pauken ein. Danach wird die Musik immer leiser: Der Fluss scheint an der Feier vorbeizuziehen, bis deren Klänge in der Entfernung verschwinden.
In der Mitte des Werks folgt das Nocturne, also Nachtstück, „Mondschein – Nymphenreigen“ in As-Dur und im 4/4-Takt. Gedämpfte Streicher tragen eine langsame, mit dolcissimo bezeichnete Melodie. Flöten und Klarinetten erzeugen ein leises nächtliches Plätschern, begleitet von Harfenarpeggien und Hörnern. Unterschiedliche Unterteilungen des Taktes – Sechzehntel gegen Triolen – lassen die Begleitung verschwimmen. Später treten altertümlich wirkende Fanfaren von Hörnern, Posaunen, Tuba und Trompeten hinzu und bereiten die Rückkehr des Moldau-Themas vor.
Moldau-Thema und dramatischer Verlauf
Das berühmte Moldau-Thema setzt nach einer viertaktigen Einleitung in Takt 40 ein. Seine sanfte, etwas wehmütige Melodie steigt innerhalb der e-Moll-Tonleiter stufenweise auf und ab und bildet dadurch die Wellenbewegung des Flusses ab. Sie liegt zunächst in den ersten Violinen und der ersten Oboe; ab Takt 56 kommen die Flöten hinzu. Wellenartige Figuren der Streicher begleiten sie. Smetana kennzeichnet diese Musik unter anderem mit dolce („sanft“ oder „lieblich“), lusingando („schmeichelnd“ beziehungsweise „gleitend“) und sempre ondeggiante („immer wogend“).
Das vollständige Thema umfasst ursprünglich 66 Takte und beruht auf den Teilen A A / B A' B A'. Der Mittelteil verändert und erweitert das Grundthema; die variierte Wiederkehr A' beginnt überraschend in E-Dur und führt über G-Dur und C-Dur nach e-Moll zurück. Bei der Reprise in den Takten 239–271 entfallen beide Wiederholungen, sodass nur 33 Takte in der Form A B A' bleiben.
Die Melodie ähnelt mehreren bekannten Liedern, darunter La Mantovana, das schwedische Ack Värmeland, du sköna, die israelische Nationalhymne Hatik'vah und, in Dur, Alle meine Entchen. Smetana wollte jedoch nach eigener Aussage kein bestimmtes Lied übernehmen, sondern wählte einen alten, in verschiedenen europäischen Musikkulturen verbreiteten melodischen Typ, weil ihn „alle Völker“ besäßen und verstünden.
Nach der Reprise folgen die 62 Takte der St. Johann-Stromschnellen, der dramatische Höhepunkt. Chromatische und dissonante Akkorde, wirbelnde Streicher, schrille Holzbläser und bedrohliche Fanfaren schildern das gefährliche Wasser. Fragmente des Moldau-Themas bleiben in tiefen Instrumenten verborgen. In Takt 323 erreicht das volle Orchester mit fff die lauteste Stelle des Werks. Nach einem plötzlichen pianissimo setzt der Fluss seinen Weg nach Prag in strahlendem E-Dur fort. Die historischen Stromschnellen lagen etwa 20 Kilometer südlich von Prag; sie verschwanden später im Stausee Štěchovice.
Breiter Strom, Schluss, Entstehung und Besetzung
In den Takten 333–359 erscheint das Moldau-Thema ein letztes Mal als „breiter Strom“. Es steht nun in E-Dur, ist auf 27 Takte verkürzt und wird im gesteigerten Tempo Più moto gespielt. Die kräftigere Harmonisierung und ein wachsendes Crescendo führen zu heroischen Trompetenfanfaren. Danach zitiert Smetana in den Takten 359–374 das Thema aus Vyšehrad, der Prager Burg über der Moldau. Dieses feierliche Zitat bildet den ideellen Höhepunkt und verbindet Die Moldau mit dem ersten Teil des Zyklus. Anschließend entfernt sich der Fluss musikalisch in immer leiseren Wellen bis zu einer Generalpause; zwei überraschend laute Orchesterakkorde setzen den endgültigen Schlusspunkt.
Als Anregungen dienten Smetana persönliche Naturerlebnisse. Am 28. August 1867 besuchte er den Zusammenfluss von Křemelná und Vydra, 1868 und 1872 eine Moldauquelle bei Kvilda und am 14. August 1870 die St. Johann-Stromschnellen. Skizzen belegen, dass er das Werk vorbereitete. Die Partitur selbst entstand sehr schnell zwischen dem 19. November und dem 8. Dezember 1874. Nach erfolglosen Verlagsverhandlungen veröffentlichte František Augustin Urbánek 1879–1880 zunächst eine Bearbeitung für Klavier zu vier Händen; ab 1880 folgten Partitur und Stimmen.
Smetana gab keine ausführliche verbindliche Deutung vor. Er hielt den Titel für eine ausreichende Orientierung und überließ Weiteres der Fantasie der Hörenden. In der Partitur benannte er jedoch die entscheidenden Szenen und lieferte damit die wichtigsten Hinweise zum Programm.
Das Orchester besteht aus Piccolo, je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten und Fagotten, vier Hörnern, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba, Pauken, Triangel, Großer Trommel, Becken, Harfe und Streichern. Die wechselnden Instrumentalfarben ermöglichen die anschauliche Darstellung der Quellen, der Jagd, des Tanzes, der Nacht, der Stromschnellen und des breiten Flusses.