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Urbanistik

Die Urbanistik oder Stadtforschung ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich der Erforschung und Beschreibung von Städten unter sozialen, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee der Urbanistik
  2. 2. Zentrale Fragestellungen
  3. 3. Urbanismus als Konzept
  4. 4. Entwicklung des Begriffs
  5. 5. Postmoderne Stadtforschung
  6. 6. Studium und wichtige Werke

Grundidee der Urbanistik

Urbanistik, auch Stadtforschung genannt, ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Sie untersucht und beschreibt Städte unter sozialen, geographischen, historischen, ökologischen und städtebaulichen Gesichtspunkten. Dazu kommen politische, wirtschaftliche und kulturelle Strukturen. Interdisziplinär bedeutet: Die Urbanistik verbindet mehrere Wissenschaftsbereiche, nämlich Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften.

Wichtig ist Urbanistik, weil Städte zentrale Lebensräume moderner Gesellschaften sind. Sie sind Orte hoher Bevölkerungsdichte, besonderer Landnutzung und intensiver sozialer Beziehungen. Urbanistik fragt daher nicht nur, wie Städte gebaut sind, sondern auch, wie Menschen dort leben, arbeiten, sich organisieren und wie Städte in größere wirtschaftliche, kulturelle und politische Zusammenhänge eingebunden sind.

Zentrale Fragestellungen

Die Urbanistik geht von der heuristischen Annahme aus, dass urbane Lebensformen von bäuerlichen oder ländlichen Lebensformen unterschieden werden können. Heuristisch bedeutet hier: Diese Annahme dient als Ausgangspunkt für Forschung. Untersucht werden Orte mit höchster Bevölkerungsdichte, urbaner Landnutzung und urbaner Vergesellschaftung. Vergesellschaftung meint die Art, wie Menschen in einer Gesellschaft miteinander verbunden sind.

Durch die zunehmende Verstädterung der Weltbevölkerung im globalen Maßstab gewinnen urbanistische Fragen an Bedeutung. Gleichzeitig gibt es in Industrienationen auch Desurbanisierung, also Entwicklungen, bei denen städtische Räume an Bevölkerung oder Bedeutung verlieren können. Im deutschen Sprachraum meint Urbanistik meist vor allem theoretische Stadtforschung. Begriffe wie englisch „urbanization“, französisch „urbanisme“ oder spanisch „urbanismo“ haben dagegen oft auch eine praktische Bedeutung und können Städtebau und Stadtplanung einschließen.

Typische Fragen betreffen die räumliche und soziale Organisation innerhalb von Städten. Außerdem untersucht die Urbanistik, welche Rolle Städte als Fix- oder Knotenpunkte in globalisierten Informations- und Kapitalflüssen spielen. Beteiligte Fachrichtungen sind unter anderem Architektur, kulturwissenschaftliche Stadtforschung, Städtebau und Stadtbaugeschichte, Stadtethnologie, Stadtgeographie, Stadtgeschichte, Stadtplanung und Stadtentwicklung, Stadtsoziologie sowie Stadtökologie.

Urbanismus als Konzept

Der Begriff Urbanismus bündelt verschiedene, sehr unterschiedliche Konzepte der Urbanistik. Gemeinsam ist ihnen, dass sie versuchen, das Phänomen „Stadt“ als Ganzes zu verstehen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Gebäude, Straßen oder Bevölkerungsgruppen, sondern um die Stadt als umfassenden sozialen, räumlichen und kulturellen Zusammenhang.

Urbanismus wird im Artikel doppelt verstanden. Einerseits ist er sozialwissenschaftlich-deskriptiv: Er beschreibt, wie Städte funktionieren und wie städtisches Leben organisiert ist. Andererseits ist er ästhetisch-normativ: Er enthält Vorstellungen davon, wie Städte gestaltet werden sollten. Architekturtheoretische Programme wie der „new urbanism“ verwenden den Begriff, um stadtplanerische Forderungen zusammenzufassen.

Entwicklung des Begriffs

Die Begriffsgeschichte beginnt mit „Urbanitas“ in der antiken Rhetorik. Damit war zunächst eine stilistische Qualität gemeint: ein scharfsinniger, eleganter und witziger Ausdruck, der das Raffinement der griechisch-römischen Stadtkultur widerspiegelte. In der Aufklärung, besonders bei den Autoren der Enzyklopädie, bezeichnete „urbanité“ noch dieses alte Stilideal, wurde aber bereits mit „Höflichkeit in der Sprache, im Geist und den Sitten“ verbunden. Immanuel Kant lobte an den bildenden Künsten, dass sie die „Urbanität der bildenden Erkenntniskräfte“ fördern und dadurch zu einer Veredelung der Lebensformen beitragen.

Später bezeichnete „Urbanität“ ein ästhetisches Ideal sozialen Lebens. Mit der Bevölkerungsexplosion in den Städten seit der industriellen Revolution wurde dieser Aspekt besonders wichtig. Der Ausdruck Urbanismus geht letztlich auf Ildefonso Cerdá zurück, besonders auf seine „Teoría general de Urbanización“ von 1867. Cerdá suchte nach einer Planungsform für europäische Städte, die weder auf unpraktikabel gewordene Architekturtheorien des Barock noch auf schachbrettförmig geplante koloniale Siedlungen in Nordamerika zurückgriff.

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff zwischen Disziplinen aufgeteilt. In der Soziologie spielte er besonders in der „Chicagoer Schule“ eine Rolle und bezeichnete dort einen Modus der Vergesellschaftung in der modernen Metropole, der zu höherer Sittlichkeit und Moral führen sollte. In der Architektur wirkten vor allem die programmatischen Schriften Le Corbusiers.

Postmoderne Stadtforschung

In der postmodernen Stadtforschung wird die Stadt nicht mehr nur als geordnetes Zentrum moderner Gesellschaft betrachtet. Jean-Francois Lyotard sah das Leben in der Stadt als spezifische Lebensform als gescheitertes Projekt der Moderne. Postmodernes Denken sei nur noch in den Randzonen der Städte möglich, weil die urbanistische Utopie, eine Kultur für das Volk zu erzeugen, gescheitert sei. Städte erscheinen bei ihm als touristische Museen einer bereits überholten Lebensform.

Roland Barthes verglich in „L'empire des signes“ von 1970 Tokio mit westlichen Städten. Er stellte der dezentralen Struktur Tokios die klassisch zentralistische Ordnung europäischer Städte gegenüber. Diese Ordnung deutete er als Ausdruck eines westlichen Denkmusters, nämlich der Dialektik von Zentrum und Peripherie.

Für Edward Soja und andere Vertreter der „Los Angeles School of Urbanism“ wurde Los Angeles zum wichtigen Beispiel postmoderner Stadtentwicklung. Der städtische Raum werde durch Entwicklungen wie Post-Suburbanisierung neu strukturiert und polarisiert. Post-Suburbanisierung meint eine Veränderung von Vorstadt- und Stadtstrukturen, bei der traditionelle Zentren an Eindeutigkeit verlieren. Michael Dear und Steven Flusty verglichen die scheinbar zufällige, keiner inneren Logik folgende städtische Landnutzung 1998 mit dem Glücksspiel Keno, bei dem die Belegung einzelner Rasterkacheln durch Überlegungen außerhalb des Spielfeldes bestimmt wird. Damit sollte gezeigt werden, dass Stadtforschung ihren Gegenstand, ihre Methoden und ihr Vokabular kulturwissenschaftlich und ökologisch erweitern müsse.

Ash Amin und Stephen Graham würdigten 1997 in „The Ordinary City“, dass postmodernistische Stadtforschung der Stadtlandschaft wieder eine zentrale Position in der sozialwissenschaftlichen Forschung gegeben habe. Zugleich warnten sie davor, sich nur auf wenige scheinbar besonders wichtige Global Cities zu konzentrieren. Jennifer Robinson führte diese Perspektive 2006 postkolonialistisch weiter und forderte, alle Städte gleichermaßen als „gewöhnlich“ zu betrachten, also auch Städte des Globalen Südens nicht zu ignorieren oder nur als Risikogebiete einzubeziehen.

Studium und wichtige Werke

Urbanistik kann an mehreren Hochschulen studiert oder als Schwerpunkt gewählt werden. An der Bauhaus-Universität Weimar gibt es Bachelor- und Masterangebote; seit 1999 wird dort der interdisziplinäre und internationale Master Europäische Urbanistik angeboten. An der Technischen Universität München besteht seit 2011 der Masterstudiengang „Urbanistik – Landschaft und Stadt“ für Architekten, Landschaftsarchitekten und Raumplaner. An der TU Darmstadt gibt es im Master-Studiengang Geschichte den Schwerpunkt „Technik – Umwelt – Stadt“; dort bestand bis 2013 außerdem ein LOEWE-Forschungsschwerpunkt zur „Eigenlogik der Städte“. Weitere Angebote nennt der Artikel unter anderem an der AdbK Nürnberg, der Technischen Universität Berlin, der Universität für angewandte Kunst Wien und der Universität Duisburg-Essen.

Zu wichtigen Werken der Urbanistik gehören unter anderem Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903, Robert E. Parks „The City: Suggestions for the Study of Human Nature in the Urban Environment“ von 1915, Louis Wirths „Urbanism as a Way of Life“ von 1938, Kevin Lynchs „Das Bild der Stadt“ von 1960, Jane Jacobs’ „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ von 1963, Henri Lefebvres „Das Recht auf Stadt“ von 1968, David Harveys „Social Justice and the City“ von 1973, Manuel Castells’ „The Informational City“ von 1989, Martina Löws „Raumsoziologie“ von 2001 und Jan Gehls „Städte für Menschen“ von 2015. Diese Werke zeigen, dass Urbanistik viele Perspektiven umfasst: soziale Theorie, Stadtgeschichte, Planung, öffentliche Räume, Gentrifizierung, Globalisierung und ökologische Fragen.

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