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Ende der Geschichte
Der Begriff Ende der Geschichte (englisch End of History) wurde vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama durch einen im Sommer 1989 veröffentlichten …
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Kernaussage und theoretische Grundlagen
Der Begriff „Ende der Geschichte“ wurde durch Francis Fukuyamas Artikel in der Zeitschrift The National Interest im Sommer 1989 und durch sein Buch The End of History and the Last Man (1992) bekannt. Fukuyama greift dabei unter anderem Gedanken von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Thomas Hobbes und John Locke auf; besonders wichtig ist auch Alexandre Kojèves Hegel-Deutung.
Fukuyamas zentrale These lautet, dass sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten die Grundsätze des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und weltweit durchsetzen würden. „Ende der Geschichte“ bedeutet dabei nicht, dass keine großen Ereignisse mehr geschehen. Gemeint ist vielmehr, dass kein weiterer Fortschritt bei den grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Prinzipien und Institutionen mehr nötig wäre, weil die großen Fragen endgültig geklärt seien.
Demokratie erscheint Fukuyama als überlegen, weil sie das menschliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung besser befriedige als andere Systeme. Der Kampf um Anerkennung gilt als eine wichtige Triebkraft der Geschichte. Zusammen mit dem Kampf gegen die Natur führt er nach Fukuyama über wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritt schließlich zu Kapitalismus und Demokratie. Das liberaldemokratische Modell hat jedoch weiterhin Mängel, insbesondere soziale Ungleichheit. Fukuyama sagt deshalb keinen schnellen und weltweiten Sieg der Demokratie voraus.
Das Ende der Geschichte bestünde letztlich in der Integration und Assimilation nichtwestlicher Kulturen in die westliche Kultur, wobei diese ihre bisherigen Grundsätze zugunsten von Freiheit und Menschenrechten aufgeben würden. Fukuyama räumte später ein, dass beispielsweise in islamischen Ländern wie Saudi-Arabien eine andere Entwicklung herrsche. 2008 bezeichnete er den radikalen Islamismus als den einzigen wirklichen Konkurrenten der Demokratie in der Welt der Ideen und den Iran als einen der gefährlichsten Nationalstaaten.
Universalgeschichte, Modernisierung und das Erfolgsmodell Demokratie
Im Buch stellt Fukuyama die liberale Demokratie als dasjenige Staats- und Wirtschaftssystem dar, das sich gegen alle anderen tatsächlich verwirklichten Modelle durchgesetzt habe. Mängel seien vor allem Probleme der Umsetzung, nicht des Prinzips selbst. Seine Vorstellung einer Universalgeschichte beginnt mit den großen Religionen, erhält durch die fortschreitenden und aufeinander aufbauenden Entdeckungen der Naturgesetze eine weltliche Grundlage und wird bei Hegel philosophisch ausgearbeitet.
In Teil I wendet sich Fukuyama gegen den Pessimismus des 20. Jahrhunderts, der aus den Verheerungen totalitärer Systeme entstand. Autoritäre Herrschaften seien trotz ihrer scheinbaren Stärke langfristig instabil, weil ihnen eine ausreichende Legitimation fehle. Das zeige sich besonders bei der Nachfolge. Auch Terrorherrschaft lasse sich nicht dauerhaft aufrechterhalten, und das Wohlstandsniveau autoritärer Staaten bleibe häufig hinter den Erwartungen zurück. Zwischen 1975 und 1990 erodierten deshalb diktatorische Strukturen im Ostblock, in Lateinamerika und in Südeuropa.
Fukuyamas Definition der liberalen Demokratie lautet, dass „das Volk das Recht hat, in regelmäßig stattfindenden geheimen, allgemeinen und gleichen Wahlen in einem Mehrparteiensystem seine Regierung zu wählen“. Hinzu komme das „Recht auf freie wirtschaftliche Betätigung und wirtschaftlichen Verkehr auf der Grundlage von Privateigentum und Märkten“. Dieses Modell sei am Ende des 20. Jahrhunderts das erfolgreichste Ordnungsmodell.
Teil II erklärt die Entwicklung mit der kumulativen Naturwissenschaft. Wissenschaftliche Entdeckungen schreiten fort und sind für militärische Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung wesentlich. Das menschliche Machtbegehren richtet Naturkenntnisse auf Schutz vor Naturbedrohungen, auf Vorteile im Krieg und im wirtschaftlichen Wettbewerb sowie auf angenehmen Konsum. Paradoxerweise fördert auch der Konflikt zwischen Menschen die Vereinheitlichung: Beim Wettrüsten gleichen sich die konkurrierenden Seiten technisch an.
Diese Entwicklung führt nach Fukuyama zu einer zwangsläufigen Rationalisierung, also zu Industrialisierung, Urbanisierung, Bildung, Arbeitsteilung sowie hierarchischen und bürokratischen Strukturen. Traditionelle Ordnungen werden dadurch aufgelöst. Ausgenommen bleiben Staaten, die außenwirtschaftlich und technologisch nicht konkurrieren oder sich Technik durch Rohstoffreichtum kaufen können, etwa islamische Ölstaaten. Der Kapitalismus gilt als stärkste Produktivkraft, weil er am meisten militärische Sicherheit und wirtschaftlichen Aufstieg hervorbringe und dadurch andere Modelle verdränge. Auch zurückliegende Länder würden früher oder später erfasst; als Beispiele nennt Fukuyama Japan und Südkorea nach dem Zweiten Weltkrieg.
Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg geht tendenziell Demokratisierung einher, weil moderne Wirtschaft ausgebildete Kräfte benötigt, die politische Teilhabe verlangen. Demokratie ist jedoch schwieriger, wenn große wirtschaftliche oder ethnische Unterschiede bestehen. Diktaturen können unter solchen Bedingungen zunächst leichter starke Ungleichheiten verändern, beispielsweise durch Enteignungen. Fukuyama deutet solche Schwierigkeiten als vorübergehende „Kinderkrankheiten“, erkennt aber auch irrationale und zeitweise fortbestehende Anachronismen im Fortschrittsprozess an.
Anerkennung und kulturelle Voraussetzungen
In Teil III betont Fukuyama, dass Menschen nicht nur Wohlstand, sondern auch Freiheit und Anerkennung wollen. Nach Hegel besitzt der Mensch im Unterschied zum Tier grundsätzlich ein Selbstwertgefühl und braucht die Bestätigung durch andere. Daraus entstehen Herr-Knecht-Verhältnisse und der „Kampf ums Anerkanntsein“. Hobbes und Locke vertreten dagegen die Auffassung, der menschliche Stolz müsse möglichst stark gebändigt werden. In Fukuyamas Darstellung wird dieses Bedürfnis in Gewaltenteilung, „checks and balances“, Demokratie und die ausgleichende Funktion des Kapitalismus überführt. Nietzsche kritisierte diese Entwicklung als „Sklavenmoral“ und als Verlust wertvoller menschlicher Potenz. Fukuyama bewegt sich zwischen diesen gegensätzlichen Sichtweisen, hält den Wunsch nach Anerkennung aber für einen stärkeren Antrieb der Demokratisierung als den bloßen kapitalistischen Aufstieg.
Teil IV beschreibt kulturelle Bedingungen, die Demokratisierung oder Kapitalismus begünstigen. Für die Demokratie nennt Fukuyama unter anderem:
- ein homogenes Volk,
- das Christentum, besonders den Protestantismus, während andere Religionen, vor allem der Islam, eher antidemokratisch wirkten,
- geringe wirtschaftliche Ungleichheit,
- eine bereits bestehende föderale Struktur, etwa Fürstentümer statt eines zentralistischen Staates,
- ein irrationales Moment libidinöser Energie für die demokratische Sache,
- starke Persönlichkeiten sowie ein angemessenes Maß an Traditionskontinuität.
Für den Kapitalismus seien außerdem ein quasireligiöses Pflichtgefühl, wie es etwa Protestantismus oder Shintoismus vermitteln, und eine Kultur der Loyalität und des Gruppendenkens wichtig. Als Gegenbeispiel nennt Fukuyama den Hinduismus, der alles Streben untersage.
Gleichzeitig beobachtet Fukuyama eine Zunahme nationaler, religiöser und ethnischer Separatismen. Nationalismus entsteht zunächst aus Industrialisierung und Demokratisierung: Bildung und das Ende autokratischer Herrschaft lassen natürliche Sprachgrenzen zu Staatsgrenzen werden. Später stabilisiert Nationalismus die durch den Kapitalismus entstandene Vereinzelung, indem er Identität und Stärke stiftet. Fukuyama erwartet dennoch, dass Nationalismus und Religion an Bedeutung verlieren. Auch mehr Freizeit und Selbstverwirklichung könnten gegen die kapitalistische Ordnung wirken; diese Tendenzen würden seiner Ansicht nach jedoch zunächst durch wiederkehrende Unsicherheiten des Kapitalismus zurückgedrängt.
Da kulturelle Prägungen für Demokratisierung und Kapitalisierung entscheidend seien, werde die nähere Zukunft vom „Kampf der Kulturen“ geprägt. Migration von armen in reiche Länder trägt nach Fukuyama letztlich zur Expansion der westlichen Welt bei.
Der letzte Mensch und der mögliche Endzustand
Fukuyama beschreibt den Weg zum Ende der Geschichte als lang und beschwerlich und untersucht anschließend mögliche Probleme des Endzustands. Dafür verwendet er Nietzsches Begriff des „Letzten Menschen“. Die Spannung zwischen Freiheit und Gleichheit bleibt ungelöst; die Demokratie könne diese beiden Werte jedoch am besten miteinander ausbalancieren. Offen bleibt auch, wie stark sich die Menschheit von anderen Lebewesen abgrenzt und ob Tiere künftig Rechte erhalten.
Eine weitere Frage betrifft Ehrgeiz und das Streben nach Spitzenleistungen. In einer Welt allgemeiner Toleranz und Relativität könnte die Motivation zu außergewöhnlichen Leistungen verschwinden und ein banales, nur auf Selbsterhaltung gerichtetes Mittelmaß entstehen. Kojève befürwortete diese Entwicklung, Nietzsche verurteilte sie.
Nach Fukuyama würden Menschen ihre weiterhin vorhandenen aggressiven Energien möglicherweise nicht in schöpferischer Arbeit, sondern im leeren Formalismus des Sports in seinen verschiedenen Formen ausleben. Es bestünde sogar die Gefahr, aus Langeweile wieder zum Krieg zurückzukehren. Der Erste Weltkrieg sollte dabei als abschreckendes Beispiel dienen.
Zentrale Einwände gegen Fukuyama
Kritiker bezweifeln, dass die liberale Demokratie ein stabiler Endzustand sein kann. Sie verweisen auf innere Widersprüche der Demokratie und auf das Leid, das der Kapitalismus hervorbringt. Der Kapitalismus erobere nicht schrittweise alle Länder, sondern erzeuge weltweite Ungleichheit sowie Gewinner und Verlierer. Nach der Dependenztheorie habe die westliche Welt zudem kein ausreichendes Interesse an der Demokratisierung rohstoffreicher Länder der Dritten Welt. Manche Länder seien wirtschaftlich oder kulturell so ungleich und abgehängt, dass sie kaum Aufstiegschancen hätten oder einen solchen Aufstieg nicht wollten. Eine weltweite „Unsichtbare Hand“ gebe es nicht. Jacques Derrida setzte sich in Spectres de Marx ausführlich mit Fukuyamas Buch auseinander. Fukuyama hielt allerdings auch 25 Jahre später daran fest, dass sich bislang keine bessere Staats- und Wirtschaftsform als die liberale Demokratie durchgesetzt habe. Kritiker würden dabei teilweise übersehen, dass sein Buch auch dekadenzkritische, gesellschaftskritische und trostlose Einschätzungen enthält.
Samuel P. Huntington stellte Fukuyamas Modell den „Kampf der Kulturen“ entgegen. Traditionale tribale Kulturen und religiöse Fundamentalismen seien widerstandsfähiger als von Fukuyama angenommen. An die Stelle eines vorübergehenden Kampfes der Ideologien trete der ältere Konflikt zwischen Zivilisationen, der sich etwa in asymmetrischen Auseinandersetzungen und Terrorismus äußere. Fukuyama räumte später selbst ein, dass besonders der radikale Islamismus einen stärkeren Widerpart zur westlichen Welt darstelle.
Derrida warf Fukuyama vor, den Kapitalismus bewusst zu einer quasireligiösen Heilslehre christlicher Prägung zu verklären. Außerdem setze die These eine zwangsläufige Entwicklung der Geschichte voraus. Denker im Geist Karl Poppers lehnen diese Vorstellung ab, weil sie dem Menschen die Freiheit zusprechen, Geschichte selbst zu gestalten. Wenn zukünftige Entwicklungen grundsätzlich nicht vorhersehbar seien, sei auch die Ausrufung eines „Endes der Geschichte“ verfehlt.
Robert Kagan argumentierte 2008 in The Return of History and the End of Dreams, autoritäre Staaten wie Russland und China stellten weiterhin die größte Herausforderung für den weltweiten Liberalismus dar. Der Erfolg von Liberalismus und Demokratie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei nicht zwingend historisch gewesen, sondern beruhe vor allem auf der führenden Rolle und militärischen Macht der USA. Eine weniger dominante Rolle Amerikas könne deshalb mehr Diktaturen und autoritäre Staaten begünstigen. Fukuyama räumte 2016 ein, dass insbesondere China mit seiner Modernisierung ohne Demokratie eine Herausforderung für seine These darstellt. Kagan widerspricht außerdem der Annahme, die menschliche Natur führe zwangsläufig zu gleichen Rechten für alle: Menschen könnten Anerkennung und Rechte für sich und die eigene ethnische Gruppe verlangen, ohne sie anderen Gruppen zuzugestehen.
Weitere Einwände betreffen Fukuyamas Vorstellung eines Abschlusses der technologischen Entwicklung in Our Posthuman Future. Ein Ende der Natur- und Geisteswissenschaften und der technologischen Erfindungen sei gegenwärtig weder absehbar noch strukturell beschreibbar. Auch Fragen der Erkenntnistheorie und der Dynamik von Liebesbeziehungen blieben ungelöst. Zudem sei die liberale Demokratie ein fragiles, hochartifizielles Gebilde: Jede neue Generation müsse die Regeln von Demokratie und Marktwirtschaft erneut lernen, wodurch Errungenschaften immer wieder verloren gehen könnten.
Fukuyama betonte 2016 selbst, dass die moderne liberale Demokratie zwar wirtschaftlichen Erfolg und Sicherheit biete, aber nur unzureichend Stolz, Gemeinschaft und Identität stifte. Religionen und Ethnien könnten diese Bedürfnisse stärker befriedigen. 2019 erklärte der republikanische US-Senator Ben Sasse, geopolitische Machtverschiebungen hätten das Ende der Geschichte bereits beendet. Im Zusammenhang mit der verschärften sozialen Ungleichheit während der COVID-19-Pandemie und mit der Klimakrise plädierten Intellektuelle schließlich dafür, sich vom Narrativ des Endes der Geschichte abzuwenden und neue Utopien zu entwickeln.