Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Population Ecology-Ansatz

Der Population Ecology-Ansatz ist ein Begriff aus der Organisationssoziologie. Er ähnelt der synthetischen Evolutionstheorie der Biologie, die ursprünglich …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und zentrale Annahmen
  2. 2. Variation, Selektion und Bewahrung
  3. 3. Überleben junger, kleiner und geprägter Unternehmen
  4. 4. Umwelt, Dichte und organisatorischer Wandel
  5. 5. Stärken und Grenzen des Ansatzes

Grundidee und zentrale Annahmen

Der Population Ecology-Ansatz ist eine organisationssoziologische Theorie, die evolutionäre Überlegungen auf Unternehmen und andere Organisationen überträgt. Ähnlich wie in der synthetischen Evolutionstheorie erhöhen Populationen ihre Überlebenschancen, wenn sie an eine dynamische Umwelt angepasst sind; schlechter angepasste Systeme haben geringere Überlebenschancen. Der Ansatz erklärt damit nicht vor allem, wie einzelne Unternehmen ihre Umwelt aktiv gestalten, sondern wie sich Gruppen ähnlicher Organisationen im Zeitverlauf verändern.

Hannan und Freeman gehen davon aus, dass Organisationen sich nur in geringem Maß zielgerichtet an Umweltveränderungen anpassen können. Gründe sind unterschiedliche Interessengruppen mit unterschiedlichen Zielen, unvollkommene Informationen über Zweck-Mittel-Beziehungen und organisationale Trägheit. Im Mittelpunkt steht diese Trägheit: Sie entsteht durch interne Hindernisse wie fehlendes Know-how für Investitionen oder Widerstand gegen Restrukturierung sowie externe Hindernisse wie Markteintritts- und Marktaustrittsbarrieren und Kosten der Know-how-Beschaffung.

Organisationen mit gemeinsamer Grundstruktur, gemeinsamem Bauplan oder Basismuster werden als Population zusammengefasst. Deren Entwicklung wird über Variation, Selektion und Erhaltung analysiert.

Variation, Selektion und Bewahrung

Variation entsteht bei Hannan und Freeman vor allem durch Neugründungen. Gründer orientieren sich häufig an erfolgreichen bestehenden Organisationen, übernehmen Bewährtes und ergänzen neue Strukturen.

Selektion bedeutet im Ansatz das Aussterben schlecht angepasster oder nutzloser Systeme und das Überleben erfolgreicher Systeme. Die Umwelt setzt dabei die Grenzen: Organisationen müssen beispielsweise auf Konjunkturschwankungen, Wirtschaftskrisen, technologische Erneuerungen und unvorhersehbare Ereignisse reagieren.

Erfolgreiche Organisationen werden institutionalisiert, also gesellschaftlich übernommen und gefestigt. Bürokratische Routinen entstehen und können leicht weitergegeben werden. Aldrich und McKelvey fassen Variation anders: Sie betrachten organisationseigene Kompetenzen beziehungsweise organisationales Wissen, „Comps“, etwa Patente, Verfahrensvorschriften oder Arbeitstechniken. Dieses Wissen wird durch zwischenmenschliche Interaktionen wie Berater, Seminare, neue Beschäftigte oder Industriespionage übernommen. Wissen, das Erfolg verspricht oder nachweist, verbreitet sich schneller; auch Vorbilder, Vorträge, Seminare und die Abwerbung fähiger Mitarbeiter tragen dazu bei. Erhalten werden Comps ebenfalls durch Institutionalisierung und bürokratische Routinen.

Überleben junger, kleiner und geprägter Unternehmen

Empirische Arbeiten untersuchen vor allem das Scheitern, die Gründung und den Wandel von Organisationen. Die Liability of Newness bezeichnet die Tendenz junger Unternehmen, häufiger aus einem Markt auszuscheiden als alte. Junge Organisationen und ihre Führungskräfte müssen ihre gesellschaftliche Rolle erst lernen, Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und Kapitalgebern neu aufbauen und haben dadurch Wettbewerbsnachteile. Hannan/Freeman (1984) betonen Zuverlässigkeit (reliability) und Rechenschaftsfähigkeit (accountability) als Voraussetzungen hoher Überlebenswahrscheinlichkeit.

Die Befunde sind jedoch nicht einheitlich: Brüderl/Schüssler (1990) fanden, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit zunächst sinkt und mit zunehmendem Alter kontinuierlich steigt; dies nennen sie liability of adolescence. Banaszak-Holl (1991) fand einen positiven, nicht signifikanten Alterseffekt auf die Insolvenzwahrscheinlichkeit sowie einen signifikant positiven Effekt auf die Fusionswahrscheinlichkeit. Carroll (1987) bezeichnete ein Muster steigender Mortalitätsrate als liability of aging.

Die Liability of Smallness besagt, dass kleinere Unternehmen bei gleichem Alter (ceteris paribus) geringere Überlebenschancen haben als größere. Als Gründe werden Kapitalmarktrestriktionen, Kosten­nachteile etwa in Produktion oder Forschung und Nachteile beim Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte genannt. Ambutgey/Dancin/Kelly (1994) fanden steigende Mortalitätsraten mit zunehmender Größe, die bei großen Unternehmen wieder monoton sinken; dies heißt liability of the middle.

Die Theory of Founding Conditions betont, dass Unternehmen bei ihrer Gründung strukturierende, für das Überleben wichtige Merkmale erwerben und sie über den Lebenszyklus nahezu unverändert beibehalten. Positiv von der Umwelt selektierte Merkmale verbreiten sich innerhalb der Population, unterlegene Unternehmen verschwinden langfristig. Dazu gehören intern etwa Kapitalhöhe, Kapitalstruktur, Vorgängerunternehmen und Technologie; extern wirken beispielsweise Marktkonzentration und politisches Klima.

Umwelt, Dichte und organisatorischer Wandel

Die Fitness Set Theory von Hannan/Freeman (1989) untersucht generalisierte und spezialisierte Organisationsformen in dynamischen Nischen. Sie formuliert die Hypothese, dass spezialisierte Formen in „fine grined“ dynamischen Umwelten mit hoher Änderungsfrequenz höhere Überlebenswahrscheinlichkeit besitzen als generalisierte Formen.

Die Density Dependencies Theory erklärt die Branchenentwicklung durch Legitimation und Wettbewerb. Wächst die Zahl der Unternehmen einer Population, nimmt ihre soziale Akzeptanz zu; dies heißt cognitive legitimation und erhöht zunächst die Gründungswahrscheinlichkeit. Gleichzeitig steigt aber die Wettbewerbsintensität und verringert ceteris paribus weitere Gründungen. Die Zahl etablierter Unternehmen zu einem Zeitpunkt ist die Populationsdichte. Bei wachsender Dichte steigt zunächst die Überlebenswahrscheinlichkeit etablierter Unternehmen durch Legitimation. Oberhalb eines kritischen Werts sinken jedoch sowohl Gründungs- als auch Überlebenswahrscheinlichkeit durch Wettbewerb.

Beim organisationalen Wandel werden „core features“ und „peripheral features“ unterschieden. Technologie und Marketing-Strategie sind core features: Veränderungen sind dort vergleichsweise selten und senken die Überlebenschancen. Andere Merkmale gelten als peripheral features; Veränderungen kommen häufiger vor und können den Unternehmenserfolg positiv beeinflussen.

Stärken und Grenzen des Ansatzes

Positiv ist, dass der Ansatz evolutionäre Aspekte von Veränderungsprozessen und nicht planbare Effekte erfasst. Als Makro-Theorie untersucht er ganze Populationen statt nur einzelner Organisationen und bezieht gesamtwirtschaftliche Verhaltensweisen von Sektoren ein.

Kritisch wird gesehen, dass Neugründungen nicht die einzige Quelle von Variation sind und Aussterben als einziger Selektionsmechanismus nicht ausreicht. Auch die Evolutionsmechanismen selbst können sich verändern; insbesondere ist die Fähigkeit zur zielgerichteten Variation besser geworden. Schwierig ist zudem zu bestimmen, wann eine Organisation stirbt und welche Organisation bei einer Fusion stirbt. Schließlich lassen sich Organisationspopulationen nicht eindeutig voneinander abgrenzen; über ihre Definition besteht noch kein Konsens.

Weiterlesen

Synthetische Evolutionstheorie Die Synthetische Evolutionstheorie erklärt den Artenwandel, einschließlich der Bauplan-Transformationen (Makroevolution), seit ca. 1950. Biologie Auf dem Gebiet der Pharmazie werden Medikamente, wie beispielsweise Insulin oder zahlreiche Antibiotika, aus genetisch veränderten Mikroorganismen statt aus … Charles Darwin Charles Robert Darwin [tʃɑrlz 'dɑː.wɪn] (* 12. Februar 1809 in Shrewsbury; † 19. April 1882 in Down House/Grafschaft Kent) war ein britischer Naturforscher. Population (Biologie) Als Population wird in den Biowissenschaften die Gesamtheit aller Individuen, in der Regel derselben Art, bezeichnet, die in einem bestimmten Verbreitungsgebiet … Selektion (Evolution) Die Bezeichnung natürliche Selektion wurde von Charles Darwin geprägt. Die Selektion mittels Selektionsdruck ist ein Aspekt von Darwins Evolutionstheorie und … Organisation Organisation ist ein – je nach Fachgebiet – mit verschiedenen Begriffsinhalten versehener unspezifischer Allgemeinbegriff, der institutionell, funktional, … Evolutionstheorie Charles Darwin und Alfred Russel Wallace entwickelten unabhängig voneinander Ideen zur Evolution, die auf Variation und natürlicher Selektion beruhten. Konjunktur Unter dem Begriff Konjunktur versteht man die gesamtwirtschaftliche Lage, besonders in Hinsicht auf deren aktuellen positiven oder negativen Trend, … Wirtschaftskrise Historische Beispiele · Deutsche Geldkrise / Schinderlingkrise · Sächsische Geldkrise · Tulpenmanie · Englische Geldkrise · Weitere Krisen des 18. Jahrhunderts. Unternehmensberater Unternehmensberater bieten anderen Organisationen (z. B. Unternehmen, Verwaltungen, Vereinen, Kirchen) eine Beratung als Dienstleistung an. Wirtschaftsspionage Wirtschaftsspionage ist die Sammlung und Auswertung von Informationen (Aufklärung) mit offenen und nachrichtendienstlichen Mitteln über Wirtschaftsunternehmen Kunde Ein solches Geschäft ist beispielsweise ein Kaufvertrag, Miete oder Leasing, eine Dienstleistung oder ein Werkvertrag. Meist zahlt der Kunde dafür Geld, seine …