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Politisches Lied
Ein politisches Lied ist ein Gesangsstück mit einer gesellschaftlich-politischen Tendenz oder Botschaft. Es kann Menschen durch Zuhören und Mitsingen …
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Begriff und Wirkung
Ein politisches Lied ist ein Gesangsstück mit einer gesellschaftlich-politischen Tendenz oder Botschaft. Es kann durch Zuhören und Mitsingen Zusammengehörigkeit vermitteln und als Identifikationsfaktor wirken. Zugleich kann es zur Reflexion und Veränderung gesellschaftlicher Zustände anregen. Seine Wirkung ist jedoch nicht grundsätzlich positiv: Politische Lieder können auch Vorurteile verstärken, Gewalt verherrlichen, zur Gewaltanwendung aufrufen oder zu Rassenhass anstacheln.
Im politischen Kampf und in sozialen Bewegungen begleiten solche Lieder Menschen bei ihrem Versuch, sich gegen Unterdrückung zu wehren oder eine Gesellschaftsveränderung herbeizuführen. Häufig werden bereits bekannte, eingängige Melodien mit neuen Texten versehen. Die Urheber sind nicht immer bekannt. Unter starker Repression werden Aussagen oft metaphorisch und mehrdeutig formuliert.
Formen und Funktionen
Beim politischen Lied lassen sich mehrere, oft miteinander verbundene Formen unterscheiden:
- Kampf- und Freiheitslieder, national oder sozial geprägt, sollen Siegeszuversicht und ein Wir-Gefühl vermitteln.
- Hymnen sind häufig religiös geprägt und können eine politische Gemeinschaft ausdrücken.
- Trauergesänge erinnern an die eigenen „Märtyrer“.
- Protestlieder wenden sich mehr oder weniger offen gegen Missstände.
Mehrere Funktionen können in einem Lied zusammenkommen: Die Klage über Opfer kann beispielsweise in einen Ruf nach Rache übergehen. Politische Lieder entstanden unter anderem als nationale Kampf- und Befreiungslieder im Kampf gegen Napoleon und im deutschen Einigungsprozess. Weitere Beispiele sind irische Lieder zu den Aufständen von 1919 und zum „Easter Rising“ von 1916, etwa The Foggy Dew, sowie die katalanisch-nationale Liedbewegung gegen die Franco-Diktatur, zum Beispiel L’Estaca von Lluís Llach.
Zum politischen Lied gehören außerdem Wahlkampfschlager, die besonders in den USA verbreitet sind, Marschier- und Kampflieder der politischen Rechten und Linken der deutschen Zwischenkriegszeit sowie Propagandalieder von Diktaturen. Stalin, Freund, Genosse wird als Beispiel für musikalischen Personenkult genannt. Besonders Kampflieder werten den Gegner nicht selten massiv ab und mobilisieren Hassgefühle.
Beispiele politischer Lieder
Die Vielfalt zeigt sich an den behandelten Gruppen und historischen Zusammenhängen. Bauernlieder sind etwa das um 1525 im Bauernkrieg entstandene Lied vom hellen Bauernhaufen und Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, eine romantisch historisierende Imitation der bündischen Jugendbewegung; der Text ist angeblich von 1885, die Melodie vermutlich von Fritz Sotke. Nationalistische Lieder sind Des Deutschen Vaterland, Die Wacht am Rhein und Das Deutschlandlied.
Zu den Arbeiterliedern gehören Die Internationale, die soziale Missstände beklagt und zu Widerstand und Solidarität aufruft, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, das 1863 im Auftrag von Lasalle entstandene Arbeiterbundeslied mit dem Vers „Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!“, Die Arbeiter von Wien und das Trauerlied Unsterbliche Opfer.
Antimilitaristische Lieder beziehungsweise Antikriegslieder sind unter anderem O, König von Preußen, dessen Entstehungsjahr unbekannt ist und auf etwa 1750, um 1800 oder 1815 geschätzt wird, Universal Soldier von Buffy Sainte-Marie aus dem Jahr 1964, Le déserteur (Monsieur le Président) von Boris Vian aus dem Jahr 1954, das 1955 in Frankreich verboten wurde, Soldat, Soldat, in grauer Norm von Wolf Biermann aus dem Jahr 1968, I Don’t Believe in If Anymore von Roger Whittaker aus dem Jahr 1970 und No Man’s Land von Eric Bogle aus dem Jahr 1976. Deutsche Fassungen sind unter anderem Der ewige Soldat, Es ist an der Zeit sowie Fassungen von Le déserteur durch Gerd Semmer, Leo Kowald und Wolf Biermann. Für Führer, Volk und Vaterland stammt von Dominik Plangger und Claudia Fenzl aus dem Jahr 2024 und erschien auf dem Album Limes.
Revolutionslieder sind Trotz alledem zur Revolution von 1848, Cancion del Poder Popular aus dem Jahr 1970 und Grândola, Vila Morena von José Afonso. Mit dem Abspielen von Grândola, Vila Morena im katholischen Rádio Renascença wurde am 25. April 1974 die Nelkenrevolution in Portugal ausgelöst.
Widerstand, Protest und politische Bewegungen
Widerstandslieder umfassen Die Gedanken sind frei als frühe Einforderung eines fundamentalen Menschenrechts, Die Moorsoldaten aus dem Konzentrationslager Börgermoor, A las barricadas aus dem Spanischen Bürgerkrieg, das italienische Partisanenlied Bella Ciao, El pueblo unido aus Chile, Ermutigung von Wolf Biermann aus der DDR und Ein befreiendes Lied aus dem Jahr 1992 mit einem Text von Diethard Zils und Musik von Ludger Stühlmeyer. Spottlieder sind La Caramagnole, das 1792 den Sieg der Französischen Revolution feiert, und Wem ham se de Krone jeklaut, das den erzwungenen Rücktritt Kaiser Wilhelms II. am 9. November 1918 besingt. Zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung gehören We Shall Overcome und We Shall Not Be Moved.
Nach 1968 entstanden im Umfeld der Neuen Linken unter anderem das Kürbiskern Songbuch, herausgegeben von Manfred Vosz und 1968 im Damnitz Verlag, München, veröffentlicht, sowie proletarische Balladen wie viele Stücke der Proletenpassion der österreichischen Band Schmetterlinge. Der Protestsong kritisiert gesellschaftliche Zustände, eröffnet neue gesellschaftliche Utopien oder macht kollektiv empfundene Zustände subkulturell sichtbar; als Beispiel wird Pete Seeger genannt. Die Hippiemusik kann dagegen als programmatische Absage an Politik verstanden werden, etwa San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair). Punkmusik formuliert meist politischen Widerstand und greift auch musikalisch die als Herrschaft verstandenen Regeln des Musikmachens, etwa Akkorde und Melodien, an.
Anti-AKW-Lieder, die etwa bei Ostermärschen gesungen wurden, sind Geh mit uns, Strontium 90, Unser Marsch ist eine gute Sache, das Wendlandlied, Wehrt euch, leistet Widerstand als Kanon unbekannter Verfasser nach Hejo, spann den Wagen an, sowie das Lied vom Lebensvogel (Gorlebenlied) von Walter Mossmann. Feministische Lieder sind Unter dem Pflaster liegt der Strand von Schneewittchen, Break the Chain der Bewegung One Billion Rising mit Text und Musik von Tena Clark sowie Musik von Tena Clark und Tim Heintz, Frauen gemeinsam sind stark (in der Werbung Puppen …) der deutschen Frauenbewegung um 1975 und Frauen kommen langsam, aber gewaltig von Ina Deter.
Zitat und sprachliche Einordnung
Goethe lässt in Faust I, Szene in Auerbachs Keller, einen Zecher sagen: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied!“ Gemeint ist die Reaktion auf den Versuch, ein Spottlied über das sich auflösende Heilige Römische Reich zu singen: „… das liebe heil’ge Röm’sche Reich, wie hält’s nur noch zusammen?“
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben griff diese Formulierung 1842 in einem Gedicht auf, das mit den Zeilen „Ein politisch Lied, ein garstig Lied“ beginnt.