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Die Gedanken sind frei
Die Gedanken sind frei ist ein deutsches Volkslied über die Gedankenfreiheit. Während der ursprüngliche Text wohl vor 1800 entstanden ist, gehen heutige …
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Kern und Aussage
„Die Gedanken sind frei“ ist ein deutsches Volkslied über Gedankenfreiheit. Sein zentraler Gedanke lautet: Gedanken können weder erraten, verboten noch durch Gefängnis oder Gewalt gefangen werden. Der ursprüngliche Text entstand wahrscheinlich vor 1800; die heute verbreiteten Fassungen gehen auf die 1842 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben geschaffene Version zurück.
Das Lied wurde besonders in Situationen politischer Unterdrückung als Ausdruck von Freiheit und Unabhängigkeit verstanden. Die Aussage verbindet persönliche Freiheit – etwa Wünsche, Liebe und das Lachen im Herzen – mit der Überzeugung, dass selbst äußere Einschränkungen die Gedanken nicht beherrschen können.
Entstehung und Überlieferung
Die Entstehung wird kurz vor 1800 vermutet. Ludwig Erk nannte Liedflugschriften als Quellen und datierte sie ohne genauere Angaben auf etwa 1780 bis 1800. Die Melodie entstand zwischen 1810 und 1820; das Lied wurde damals in Bern in der Sammlung „Lieder der Brienzer Mädchen“ gedruckt. 1842 erschien es in „Schlesische Volkslieder“ von Hoffmann von Fallersleben und Ernst Heinrich Leopold Richter. Die dortige letzte Version stammt von Hoffmann von Fallersleben.
Das Grundmotiv ist älter: Freidank schrieb 1229 in „Bescheidenheit“, dass man Frauen und Männer fangen könne, Gedanken aber nicht. Auch Walther von der Vogelweide formulierte: „joch sint iedoch gedanke frî“ („Sind doch Gedanken frei“). Das ursprünglich vierstrophige Lied erhielt später eine zusätzliche Strophe.
Text und Fassungen
Die heute verbreitete Fassung hat fünf Strophen. Der wiederkehrende Refrain endet jeweils mit „es bleibet dabei: die Gedanken sind frei“. Die erste Strophe vergleicht Gedanken mit „nächtliche[n] Schatten“: Kein Mensch könne sie wissen und kein Jäger sie erschießen. Weitere Strophen behandeln heimliche Wünsche, Liebe zu Wein und einem Mädchen, Gefangenschaft sowie den Entschluss, Sorgen und „Grillen“ – bedrückenden Gedanken oder Sorgen – nicht mehr nachzugeben.
Eine Fassung um 1800 umfasst sechs Strophen und beginnt mit „Beleget den Fuß / Mit Banden und mit Ketten“. Sie betont besonders, dass die Sinne trotz Fesseln „durchdringen“ und dass auch ein Kerker die Gedanken nicht verschließen kann. Die Fassung von 1856/1865 enthält ebenfalls fünf Strophen, ordnet sie aber anders an; sie verwendet teils ältere Schreibweisen wie „errathen“, „wißen“ und „thut“.
Literarische und musikalische Bearbeitung
In den dritten Teil der 1806/08 von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegebenen Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ wurde das Lied als „Lied des Verfolgten im Turm“ aufgenommen. Diese Fassung gestaltet es als Zwiegespräch: Auf jede der vier Strophen eines Gefangenen folgt eine Strophe eines Mädchens in einem anderen Strophenschema. Die Gefangenenstrophen stammen aus „Beleget den Fuß mit Banden“ aus dem Druck „Sieben sehr schöne neue Lieder“ um 1800; die Mädchenstrophen aus einer Flugschrift, die Arnim vermutlich aus der Schweiz mitbrachte.
Gustav Mahler nutzte diese Fassung als Grundlage für seine 1898 entstandene völlige Neuvertonung in seiner Sammlung von Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“. Die heute verbreitete Textversion wurde außerdem in das „Allgemeine Deutsche Kommersbuch“ aufgenommen.
Die Melodie der „Schlesischen Volkslieder“ von 1842 steht in C-Dur, im 3/4-Takt und beginnt mit einem Auftakt. Die Notenvorlage nennt ein Tempo von 132 Viertelnoten pro Minute.
Politische Bedeutung und heutige Nutzung
Das Lied wurde wiederholt bei politischer Unterdrückung oder Gefährdung der Freiheit gesungen. Anfang August 1942 wurde Robert Scholl, der Vater Sophie Scholls, wegen hitlerkritischer Äußerungen inhaftiert; Sophie Scholl spielte ihm abends an der Gefängnismauer die Melodie auf der Blockflöte vor. Am 9. September 1948, während der Berlin-Blockade, sang die Menge nach Ernst Reuters Rede vor der Ruine des Reichstagsgebäudes spontan unter anderem „Die Gedanken sind frei“; Reuter hatte vor über 300.000 Berlinern an „die Völker der Welt“ appelliert.
1989 spielten Mitglieder der Dresdner Staatskapelle das Lied während der friedlichen Revolution in der DDR auf dem Theaterplatz in Dresden, wo tausende Demonstranten mitsangen. In der DDR wurde es auch in Liederbüchern gedruckt, gesungen und neu getextet. 2013 strich der Leiter des Dresdner Kreuzchors das „Freiheitslied“ aus dem Programm einer China-Reise, um diese nicht zu gefährden.
Das Lied erscheint zudem in Übersetzungen, Aufnahmen, Filmen, Werbung und bei Demonstrationen. Pete Seeger nahm 1966 eine englische Version „Thoughts Are Free“ auf. Bei Protesten gegen die Urheberrechtsreform der Europäischen Union wurde es im März 2019 gesungen; seit 2020 wurde es häufig bei Demonstrationen gegen Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie verwendet. Am 19. März 2022 sangen Pizzera & Jaus beim Ukraine-Benefizkonzert „We Stand with Ukraine“ im Wiener Ernst-Happel-Stadion nach der ersten Originalstrophe eine neu gedichtete zweite Strophe. Auch rechtsextreme Rechtsrock-Bands veröffentlichten Lieder dieses Namens; seit Juni 2025 verwendet der rechtspopulistische Nachrichtensender Nius eine angedeutete Melodie im Abspann seiner morgendlichen Sendung.