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Politische Differenz
Mit dem Begriff der politischen Differenz führt die Politische Theorie die Unterscheidung zwischen der Politik und dem Politischen ein. Die Politik umfasst …
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Grundunterscheidung und Bedeutung
Die politische Differenz bezeichnet in der Politischen Theorie die Unterscheidung zwischen „der Politik“ und „dem Politischen“. „Die Politik“ meint einen engen Politikbegriff und beschreibt Politik als soziales Funktionssystem, etwa Staat, Regierung und Parteien. Dabei geht es vor allem darum, wie Politik organisiert wird und wie sich diese Organisation rechtfertigen lässt.
„Das Politische“ steht dagegen für einen weiten Politikbegriff. Er fragt nach dem Wesen des Politischen und nach der politischen Dimension des Sozialen. Die Unterscheidung soll den Begriff des Politischen schärfen und sichtbar machen, dass politische Fragen nicht nur innerhalb staatlicher oder institutioneller Politik entstehen können, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Entstehung und theoretische Ausgangspunkte
Der Begriff des Politischen leitet sich ursprünglich vom griechischen Begriff Polis ab. Bei Platon und Aristoteles bezeichnete er das politische Gemeinwesen. Politisches Handeln bezog sich auf die Polis als konkreten Raum des Politischen; eine begriffliche Unterscheidung zwischen Politik und Politischem war damals noch nicht angelegt.
Erst Ende des 20. Jahrhunderts wurde die politische Differenz in der politischen Theorie und Philosophie eingeführt und anschließend immer wieder neu aufgegriffen. Besonders ausführlich wurde die Unterscheidung zwischen dem Politischen („le politique“) und der Politik („la politique“) in Frankreich behandelt, unter anderem in Arbeiten von Paul Ricœur, Jean-Luc Nancy, Philippe Lacoue-Labarthe, Claude Lefort, Alain Badiou und Jacques Rancière.
Im deutschsprachigen Raum unterschied Carl Schmitt erstmals zwischen Politik und Politischem. Für Schmitt bildet das Politische keinen eigenen Bereich oder eine eigene Sphäre. Es zeigt sich vielmehr überall dort, wo eine Freund-Feind-Konstellation entsteht. Dadurch kann sich das Politische in andere gesellschaftliche Bereiche einschreiben und diese politisieren. Der Philosoph Ernst Vollrath schrieb die Erfindung der politischen Differenz außerdem Hannah Arendt zu.
Assoziatives Verständnis des Politischen
Oliver Marchart unterscheidet bei der Auseinandersetzung mit dem Politischen zwei Traditionslinien: eine assoziative und eine dissoziative. Die assoziative Linie wird vor allem mit Hannah Arendt verbunden. Nach Marchart muss das Politische zunächst aus dem allgemeinen Konzept der Politik herausgefiltert werden. Dafür ist ein reiner Begriff des Politischen nötig, den Hannah Arendt prägte.
Dieser reine Begriff betont die Autonomie des Politischen. Das Politische soll nicht bestimmten sozialen Formen von Rationalität untergeordnet werden, beispielsweise bürokratischen oder ökonomischen Rationalitäten. Ziel ist es, den eigenständigen und authentischen Charakter des Politischen gegenüber anderen Bereichen des Sozialen herauszuarbeiten.
Bei Arendt liegt dieser authentische Charakter in kommunikativen Momenten des „acting in concert“ beziehungsweise „acting together“. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Handeln verschiedener Menschen im öffentlichen Raum. Ernst Vollrath arbeitete dieses Verständnis im deutschsprachigen Raum als besondere Form der Anwendung der Urteilskraft aus; Hans Buchheim begründete es axiomatisch-systematisch ontologisch.
Im englischsprachigen Raum greift beispielsweise Sheldon Wolin diese Vorstellung auf. Für ihn kann eine freie, aus unterschiedlichen Gruppen bestehende Gesellschaft durch öffentliche Beratungen zeitweise Gemeinschaftlichkeit erfahren. Dabei wird kollektive Macht eingesetzt, um das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft zu fördern oder zu schützen.
Dissoziatives Verständnis und Ausblick
Die dissoziative Traditionslinie bezieht sich auf Carl Schmitt und betont den Antagonismus, also den grundlegenden Gegensatz und Konflikt im Politischen. Chantal Mouffe entwickelt Schmitts Begriff des Antagonismus zum Begriff des Agonismus weiter. Bei Schmitt beschreibt der Antagonismus eine Freund-Feind-Unterscheidung. Mouffe ersetzt diese Beziehung durch das Prinzip der Gegnerschaft: Politische Gegner erkennen die Legitimität ihrer Opponenten an und gehören derselben politischen Gemeinschaft an.
Der Agonismus zeigt sich besonders im Kampf unvereinbarer hegemonialer Projekte. Hegemonie bezeichnet dabei die Vorherrschaft eines Projekts bei der Gestaltung gesellschaftlicher Ordnung. Ziel ist nicht, wie bei Carl Schmitt, die Vernichtung der Gegenspieler, sondern die Durchsetzung der eigenen politischen Projekte.
Für Mouffe ist deshalb entscheidend, den hegemonialen Charakter gesellschaftlicher Ordnung anzuerkennen. Die Projekte verschiedener Parteien sind als hegemoniale Projekte zu verstehen. Gesellschaftliche Ordnung ist demnach nicht ewig und unveränderlich, sondern gilt jeweils nur für einen gewissen Zeitraum, bis sich andere Projekte durchsetzen und sie verändern.
In der Politikwissenschaft hat sich vor allem ein empirisch-analytischer Zugang durchgesetzt, der sich auf den Begriff der Politik konzentriert. Die Beschäftigung mit der politischen Differenz und dem Politischen stellt dagegen einen ausschließlich theoretisch-philosophischen Zugang dar. Sie löst die politische Differenz aus der empirischen Wissenschaft heraus und macht sie zum Gegenstand einer politischen Theorie, die ausdrücklich einen philosophischen Beobachtungsstandpunkt einnimmt.