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Poetry-Slam
Die Zuhörer küren anschließend den Sieger. Die Darbietung wird häufig durch performative Elemente und die bewusste Selbstinszenierung der Vortragenden ergänzt.
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Grundidee und Ablauf
Ein Poetry-Slam ist ein literarischer Wettbewerb, bei dem Vortragende selbstverfasste Texte innerhalb einer festgelegten Zeit vor Publikum präsentieren. Danach kürt das Publikum oder eine Jury aus dem Publikum den Sieger. Die Texte werden oft nicht nur vorgelesen, sondern mit Stimme, Gestik, Mimik, Rhythmus und bewusster Selbstinszenierung als Performance gestaltet. Der Begriff wird englisch ausgesprochen und sinngemäß mit „Dichterschlacht“ oder „Dichterwettstreit“ übersetzt. Die Veranstaltungsform entstand 1986 in Chicago und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Die deutschsprachige Szene gilt als eine der größten der Welt; 2016 wurden die deutschsprachigen Poetry-Slams in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.
Wichtig ist der Unterschied zwischen Veranstaltung und Text: „Poetry-Slam“ bezeichnet das literarische Veranstaltungsformat. „Slam“ wird heute meist als Kurzform dafür verwendet. „Slam-Poetry“ meint dagegen eine live vorgetragene Literaturform, die sich im Umfeld der Slam-Bühnen entwickelt hat. In der Szene wird betont, dass ein einzelner Beitrag ein Text oder Slam-Text ist, nicht „ein Slam“.
Regeln, Wettbewerb und Bewertung
Poetry-Slams unterscheiden sich von einem Offenen Mikro, einer Offenen Bühne oder einer traditionellen Lesung durch den Wettbewerb zwischen den Teilnehmenden. Dieser Wettbewerb soll das Publikum zum genauen Zuhören und Mitfiebern anregen, den Vortragenden Rückmeldung geben und zur Arbeit an Text und Performance motivieren. Marc Kelly Smith beschrieb Poetry Slam als „competitive art of performance poetry“, also als wettbewerbsorientierte Kunst der Bühnendichtung.
Die wichtigsten Regeln gehen auf Marc Kelly Smith zurück: Die Texte müssen selbstgeschrieben sein, Requisiten, Kostüme und Musikinstrumente sind nicht erlaubt, und bei Überschreitung des Zeitlimits werden Punkte abgezogen. Alle literarischen Formen und Genres sind möglich, etwa Lyrik, Kurzprosa, Rap oder Comedy. In Deutschland beträgt das Zeitlimit meist fünf bis sechs Minuten; bei deutlicher Überschreitung kann das Mikrofon entzogen werden.
Für die Teilnahme gibt es häufig eine Offene Liste, in die sich Interessierte vor der Veranstaltung eintragen oder beim Veranstalter anmelden. Die Reihenfolge wird ausgelost. Beim Challenging System werden einige Vortragende eingeladen, sogenannte Featured Poets, während andere Plätze über die Offene Liste vergeben werden. Ein Featured Poet kann auch außer Konkurrenz auftreten. Ein kurzer Auftritt vor dem Wettbewerb zur „Kalibrierung“ der Jury wird Opferlamm oder sacrifice genannt.
Bewertet wird entweder direkt durch das Publikum oder durch eine Jury aus dem Publikum. In den USA vergibt meist eine fünfköpfige Jury Noten von 1 bis 10; die höchste und niedrigste Wertung werden oft gestrichen, um parteiische Urteile abzuschwächen. Bewertet werden Inhalt und Vortrag. Im deutschsprachigen Raum sind sowohl Juryabstimmungen mit Streichwertung als auch Publikumsabstimmungen üblich. Bei Publikumsabstimmungen entscheiden etwa Applaus, Stimmzettel oder andere kreative Verfahren. Geldpreise sind im deutschsprachigen Raum selten; meist gibt es symbolische Sachpreise wie CDs, Bücher, T-Shirts oder Alkohol. Ein Sieg kann außerdem zur Teilnahme an überregionalen Slams oder Landesmeisterschaften qualifizieren.
Beteiligte und Bühnenform
Die Auftretenden werden Poetry-Slammer, Slam-Poeten, Bühnendichter oder Bühnenpoeten genannt. Veranstalter regelmäßig stattfindender Slams heißen Slam Master. Sie moderieren, vernetzen die Szene, suchen Talente, beraten und organisieren oft auch größere Wettbewerbe. Viele sind selbst als Bühnendichter oder Schriftsteller aktiv. Neben Einzelauftritten gibt es Slam-Teams, die Texte gemeinsam und oft in einstudierter Choreographie vortragen.
Eine zentrale Besonderheit ist der Performance-Charakter. Slam-Poeten können schreien, flüstern, keuchen, mit Körperbewegungen arbeiten oder schauspielerische Elemente einsetzen. Viele Texte sind speziell für den Bühnenvortrag geschrieben und wirken gedruckt nur teilweise. Deshalb wurden Anthologien mit Slam-Texten häufig durch CDs oder DVDs ergänzt.
Ebenso wichtig ist die Interaktion zwischen Publikum, Vortragenden und Moderation. Das Publikum entscheidet nicht nur über die Wertung, sondern kann durch Reaktionen Teil des Geschehens werden. In den frühen Chicagoer Slams wurden Zuschauer ermuntert, Missfallen etwa durch Fingerschnipsen oder Trampeln zu zeigen. Auch Zwischenrufe und improvisierte Reaktionen auf Kommentare aus dem Zuschauerraum gehören zum Umfeld des Formats, sind im deutschsprachigen Raum aber weniger ausgeprägt.
Literarische Einordnung und Kritik
Poetry-Slams sind nicht an einen einheitlichen Stil gebunden. Es gibt keine festen inhaltlichen oder formalen Vorgaben außer den Veranstaltungsregeln. Auf Slam-Bühnen erscheinen klassische und moderne Lyrik, Lautpoesie, Kabarett, Comedy, Rap, Kurzgeschichten und Storytelling. Slam-Poetry bezeichnet eine besonders rhythmische, publikumsbezogene und performative Form der Lyrik, ist aber nur eine mögliche Textgattung innerhalb des offenen Formats.
In der Literaturwissenschaft wird Poetry-Slam häufig als Event beschrieben. Stephan Porombka bezeichnete Slam als „Literatur-Event par excellence“, weil er Literatur, Wettbewerb, Gemeinschaftserlebnis und Publikumsbeteiligung verbindet. Das Format wurde auch als hybrides Event verstanden, das Elemente der Dichterlesung und des sportlichen Wettstreits neu kombiniert.
Kritik richtet sich vor allem gegen Oberflächlichkeit, Kommerzialisierung und starke Orientierung am Unterhaltungspublikum. Boris Preckwitz kritisierte, dass fünfminütige Auftritte schnell verständliche, massentaugliche Texte begünstigten und literarische oder gesellschaftskritische Qualität verdrängen könnten. Auch wurde Poetry-Slam teils als zu stark an medialen Konsumgewohnheiten orientiertes Spektakel beschrieben. Zugleich wird im Artikel deutlich, dass Slam gerade durch Offenheit, Publikumsnähe und verschiedene soziale Gruppen geprägt ist.
Entwicklung und Meisterschaften
Als Erfinder des Poetry-Slams gilt Marc Kelly Smith aus Chicago. Er empfand traditionelle Lesungen mit Tisch und Wasserglas als überholt und entwickelte den Slam als Teil einer wöchentlichen Literaturshow mit Offenem Mikro und eingeladenen Gästen. Der erste Poetry-Slam fand am Sonntag, dem 20. Juli 1986, im The Green Mill statt. Von Chicago verbreitete sich das Format in Nordamerika: 1989 gab es den ersten Poetry-Slam in New York, 1990 fand in San Francisco der erste National Poetry Slam der USA statt, und 1992 liefen erste Poetry Clips im US-Fernsehen.
Im deutschsprachigen Raum gab es vor den regelmäßigen Slams ähnliche Formate, etwa ab 1986 in Frankfurt am Main „Jeder darf mal“ und 1993 in Köln „Dichter in den Ring“. 1994 etablierte Wolf Hogekamp in Berlin in der Bar Ex’n’Pop das Format unter der Bezeichnung Poetry Slam. Ab 1996 fanden in München, Frankfurt am Main und Düsseldorf, ab 1997 in Hamburg regelmäßig Slams statt. 1997 wurde in Berlin erstmals eine gesamtdeutsche Poetry-Slam-Meisterschaft ausgetragen. Seit 2000 sind Österreich und die Schweiz beteiligt, seit 2009 Liechtenstein und seit 2014 Luxemburg. Die Veranstaltung hieß zeitweise German International Poetry Slam und später Deutschsprachige Poetry-Slam-Meisterschaften.
Bei den deutschsprachigen Meisterschaften gibt es im Unterschied zu den USA zwei Disziplinen: Einzelwettbewerb und Gruppenwettbewerb für Teams aus zwei bis sieben Dichtern. Außerdem wurden U20-Wettbewerbe für unter 20-Jährige integriert. 2008 und 2009 erreichten die National Slams nach Veranstalterangaben fast 10.000 Zuschauer, 2011 fast 15.000. Im deutschsprachigen Raum fanden 2017 mehr als 300 regelmäßige Poetry-Slams statt, teils mit bis zu rund Tausend Zuschauern pro Veranstaltung.
Varianten, Medien und Bildung
Neben dem Grundformat entstanden zahlreiche Varianten. Beim Dead-or-Alive-Slam treten Schauspieler mit Texten „toter“ Dichter wie Brecht, Schiller oder Hölderlin gegen Autoren der Slamszene an. Ein Deaf Slam findet in Gebärdensprache statt. Beim Box-Slam werden Poetry-Slam-Auftritte mit professionellen Boxkämpfen kombiniert. Bei Jazz-Slams improvisiert eine Band zu den Texten. Anti-Slams kehren das Prinzip um, sodass der schlechteste Beitrag gewinnt. 2012 veranstaltete Michl Jakob in Nürnberg den längsten Poetry-Slam der Welt mit 25 Stunden; vom 10. bis 11. Dezember 2016 erhöhte Lukas Wagner den Rekord auf 28 Stunden und 48 Minuten.
Vom Slam-Prinzip wurden weitere Formate abgeleitet, etwa Shortfilm-, Video- oder Cine-Slams, Singer-Songwriter- oder Song-Slams, Philosophy-Slams, Science-Slams, Book-Slams, Diary-Slams und Comedy-Slams. Verwandte Formate sind Open Mic, Erzählcafés, Lesebühnen, Live.Poetry, Freestyle-Battles, Powerpoint-Karaoke und Theatersport. Beim Poetic-Recording fassen Slam-Poeten am Ende von Tagungen oder Kongressen Eindrücke und Inhalte spontan in live vorgetragener Lyrik zusammen.
Poetry-Slam erschien auch in Rundfunk, Fernsehen, Video und Film. In den USA lief von 2002 bis 2007 „Russell Simmons Presents Def Poetry“. In Deutschland produzierte das WDR Fernsehen von 2007 bis 2009 den „WDR Poetry Slam“. Poetry-Clips verbinden Gedichte mit Videoästhetik; Bob Holman produzierte bereits zwischen 1987 und 1993 „Poetry Spots“. Im Spielfilm ist besonders Saul Williams mit dem Film „Slam“ von 1998 verbunden. Dokumentarfilme wie „SlamNation“ von 1996 und „Dichter und Kämpfer“ von 2012 begleiteten Slam-Akteure.
Für Schule und Unterricht ist Poetry-Slam besonders über U20-Slams wichtig. Petra Anders erforschte Poetry Slam als lebendige Form der Literaturvermittlung und bereitete ihn didaktisch auf. In vielen deutschen Städten gibt es Workshops, Fortbildungen und Poetry-Slams für unter 20-Jährige. Bas Böttcher entwickelte mit wortsport.org eine Online-Plattform mit digitalen Werkzeugen und Hörbeispielen zur Ideenfindung und Textproduktion.