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Plattformkapitalismus

Der Plattformkapitalismus bezeichnet eine neue Wirtschaftsordnung, in der Plattformen als Mittelsmänner („Intermediäre“) Angebot und Nachfrage am Markt …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Begriff und Abgrenzung
  3. 3. Marktmacht der Plattformen
  4. 4. Künstliche Intelligenz und Planung
  5. 5. Regulierung und Arbeitsrecht

Grundidee und Bedeutung

Plattformkapitalismus, auch Plattformökonomie genannt, ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff für einen neuen Typus des Kapitalismus. In ihm sind Plattform-Unternehmen, oft als Big Tech bezeichnet, dominante Wirtschaftsakteure. Beispiele im Artikel sind Google, Facebook, Amazon, Uber und Airbnb. Für große westliche Tech-Konzerne wird das Akronym GAFA oder GAFAM verwendet: Google, Apple, Facebook, Amazon und gegebenenfalls Microsoft. Für die drei dominierenden chinesischen Plattformen steht BAT: Baidu, Alibaba und Tencent.

Plattformen wirken als Mittelsmänner, also als Intermediäre: Sie bringen Angebot und Nachfrage auf Märkten zusammen. Dabei kontrollieren sie den Zugang zu Gütern und die Abläufe des jeweiligen Geschäftsmodells. Die erste theoretische Beschreibung des Plattformkapitalismus legte Nick Srnicek 2016 mit Platform Capitalism vor. Der Begriff ist wichtig, weil er beschreibt, wie digitale Plattformen nicht nur einzelne Dienstleistungen anbieten, sondern Märkte strukturieren, Daten auswerten, Verhalten vorhersagbar machen und dadurch wirtschaftliche Macht aufbauen.

Begriff und Abgrenzung

Die Begriffe Digitaler Kapitalismus und Digitale Ökonomie werden oft ähnlich verwendet wie Plattformkapitalismus oder Plattformökonomie. Sie betonen aber stärker digitale Güter und digitale Transaktionsformen, zum Beispiel Kryptowährungen oder Versteigerungen. Plattformökonomie meint dagegen nicht nur digitale Güter: Auch materielle Güter oder nicht-digitale Dienstleistungen können über Plattformen gehandelt werden.

Nicht-digitale Plattformen gab es schon vor dem Internet, etwa Warenbörsen, Auktionshäuser oder öffentliche Ausschreibungen. Ihre Reichweite war jedoch durch die damaligen Kommunikationsmedien begrenzt. Erst das Internet machte es möglich, tendenziell globale Märkte auch für sehr spezielle Güter zu organisieren.

Offen bleibt laut Artikel, ob auch eine nicht-kapitalistische Plattformökonomie vorstellbar ist. In diesem Fall wären Digitaler Kapitalismus und Digitale Ökonomie keine einfachen Synonyme.

Sascha Lobo machte den Begriff Plattformkapitalismus im deutschsprachigen Raum 2014 bekannter. Nach seiner Beschreibung streben Plattformen nach Macht, um durch Marktbeherrschung Branchenstandards zu setzen und zu kontrollieren sowie jede wirtschaftliche Transaktion als Auktion zu inszenieren, auch die Kosten für Arbeit. Shoshana Zuboff zufolge ist das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer auf Plattformen und in sozialen Netzwerken ein wichtiger Rohstoff für deren Geschäftsmodell: Die Plattformen kontrollieren Verhalten nicht direkt, sondern berechnen Wahrscheinlichkeiten und machen Verhalten dadurch vorhersagbar. Harald Welzer verwies 2015 auf negative Folgen, weil Plattformkapitalismus soziale Intelligenz und eingeübte soziale Praktiken monetarisiere, aber selbst kaum Arbeitsplätze schaffe.

Marktmacht der Plattformen

Philipp Staab beschreibt Plattformen als neue Konzentration ökonomischer Macht und als entscheidende Herrschaftsstrukturen. Anders als das verbreitete Eigenbild vom Garagentüftler nahelegt, sei ihr Aufstieg eng mit staatlicher Politik gegen bestehende Informations- und Kommunikationsmonopole verbunden, zum Beispiel mit der Zerschlagung von AT&T, sowie nach Paul Windolf mit den Finanzquellen des Finanzmarkt-Kapitalismus.

Nach Staab verändert Plattformkapitalismus den Neoliberalismus grundlegend. Für den Neoliberalismus ist der freie, neutrale Markt zentral. Plattformen sind dagegen proprietäre Märkte: Sie besitzen und kontrollieren den Markt selbst. Aus diesem Besitz beziehen sie Renten. Ihr Ziel sei die Kapitalisierung eigentlich unknapper Güter; sie wirkten als Instrumente zur künstlichen Verknappung solcher Güter.

In einer ersten Phase bilden Plattformen lokale Monopole oder erreichen sehr starke Marktpositionen. In einer zweiten Phase sichern und schließen sie ihre soziotechnischen Ökosysteme ab. Dafür nutzen sie nach Ulrich Dolata „Lock-in Strategien“: Die Notwendigkeit zum Wechsel wird verringert, während die Kosten eines Wechsels erhöht werden. Cloud Computing, Künstliche Intelligenz und eigene Bezahlsysteme binden Nutzerinnen und Nutzer zusätzlich. Um unabhängiger von Netzbetreibern zu werden, kaufen Plattformunternehmen Glasfaserkabel und Unterseekabel.

Da Plattformen zunehmend auch miteinander konkurrieren, kann von einer oligopolistischen Marktstruktur gesprochen werden. Das bedeutet: Wenige große Anbieter beherrschen große Teile des Marktes. Staab sieht den Staat als großen Verlierer des digitalen Kapitalismus. Den Einwand, es handele sich um „kreative Monopole“, die durch disruptive Technologien jederzeit verdrängt werden könnten, weist er zurück, weil die Lock-in-Kosten hoch seien und große Plattformen mit ihrer finanziellen Macht auch auf die Start-up-Welt einwirkten.

Künstliche Intelligenz und Planung

Henry Kissinger, Eric Schmidt und Daniel P. Huttenlocher beschreiben in The Age of AI and our Human Future von 2021 KI-gestützte Netzwerk-Plattformen als Akteure mit gewaltigem Einfluss. Ihre Nutzerbasen übertreffen oft die Bevölkerung vieler Staaten oder sogar Kontinente. Dadurch wirken sie auf Alltag, politischen Diskurs, Konsum, Wirtschaftsorganisation und Regierungsmaßnahmen.

Besonders wichtig ist dabei Künstliche Intelligenz. Laut Artikel weiß niemand genau, warum KI eine bestimmte Nachricht, ein Produkt oder eine Route vorschlägt. Trotzdem haben solche Empfehlungen große soziale, ökonomische, politische und geopolitische Folgen. Nutzerinnen und Nutzer vertrauen Plattformen Informationen an, die sie einem Freund oder einer Regierung nur zögerlich geben würden. Plattformen können dadurch Regeln, Parameter und Grenzen setzen; ihre Community-Standards können so einflussreich werden wie nationale Gesetze. In Krisen können Plattformen sogar zu Waffen werden, wenn ein Dienst eingestellt wird. Deshalb fordert der Artikel neue Formen der Verständigung und Regeln zwischen Regionen, Regierungen und Plattformbetreibern.

Der Soziologe Vili Lehdonvirta sieht außerdem die Gefahr, dass Plattformen die freie Marktwirtschaft in Richtung einer Planwirtschaft nach sowjetischem Muster verändern. Nach Friedrich Hayeks einflussreichem Artikel von 1945 steuert in einer freien Marktwirtschaft die Nachfrage freier Individuen über den Preismechanismus die Ökonomie. Eine zentrale Autorität könne nie genug Daten besitzen und richtig auswerten, um die Wirtschaft effizient zu lenken. Lehdonvirta argumentiert, dass heutige Plattformen durch maschinelle Algorithmen, Incentives und Nudges freie Entscheidungen zunehmend beeinflussen. Eine entscheidende Frage sei daher nicht nur, ob zentrale Planung technisch möglich ist, sondern wer sie kontrolliert und in wessen Interesse sie geschieht. Ähnliche Überlegungen werden Leigh Phillipps und Michal Rozworski sowie Tino Daum und Sabine Nuss zugeschrieben.

Regulierung und Arbeitsrecht

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen betont, dass soziale Netzwerke reguliert werden müssen. Er spricht von einem „Plattform-Rat“, der nötig sei, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Ein wichtiges Regulierungsinstrument ist der Digital Services Act der Europäischen Union, deutsch: Gesetz über digitale Dienste, GdD. Er wird seit 2022 für sehr große Plattformen und Suchmaschinen und allgemein seit 2024 in der EU angewandt. Ziel ist ein sichererer digitaler Raum, in dem die Grundrechte aller Nutzerinnen und Nutzer digitaler Dienste im EU-Binnenmarkt geschützt sind. Das Gesetz regelt Haftung und Sicherheit im Netz. Plattformen sollen illegale Inhalte entfernen und das Risiko verringern, dass illegale Inhalte überhaupt auf die Plattformen gelangen. Kritiker befürchten dadurch eine Einschränkung der Informationsfreiheit.

Auch das Arbeitsrecht ist betroffen. Gerichte in verschiedenen Staaten, darunter das Bundesarbeitsgericht im Jahr 2021, haben Personen, die über Plattformen Aufträge beziehen, als Arbeitnehmer eingestuft. Damit gelten sie nicht automatisch als Selbstständige, wie Plattformbetreiber es oft darstellen. Auf nationaler Ebene gibt es einzelne Bestrebungen, die Plattformökonomie arbeitsrechtlich zu regulieren. Am 12. Juni 2026 verabschiedete die 114. Tagung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ein „Übereinkommen über menschenwürdige Arbeit in der Plattformökonomie“.

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